{"id":95994,"date":"2021-01-12T00:01:25","date_gmt":"2021-01-11T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=95994"},"modified":"2022-02-28T18:28:59","modified_gmt":"2022-02-28T17:28:59","slug":"geh-mal-arbeiten-arbeiten-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/12\/geh-mal-arbeiten-arbeiten-arbeiten\/","title":{"rendered":"Geh mal Arbeiten! Arbeiten Arbeiten"},"content":{"rendered":"<div id=\"content\">\n<article id=\"post-3477\" class=\"post-3477 post type-post status-publish format-standard hentry category-hadayatullah-huebsch\">\n<div class=\"post-entry\">\n<p style=\"text-align: justify;\">war ein Klassiker von Hadayatullah, bei dem wir gerne und ausgelassen mitgegr\u00f6lt haben wie euphorisierte Literatur-Hooligans. Er war schon so was wie der \u00dcbervater f\u00fcr uns. Ihm war keine Lesung zu weit, ihm war keine Anstrengung zu gross, er mischte in der Social Beat-Ursuppe mit wie ein junger Spund, besass auch einen gro\u00dfen Vorteil gegen\u00fcber uns: Er trank nicht und nahm auch keine Drogen. Er war immer einer der H\u00f6hepunkte unz\u00e4hliger Veranstaltungen, gewann 1995 mit einem siebenmin\u00fctigen Rap-Gedicht die zweite deutsche Literaturmeisterschaft durchgef\u00fchrt vom Krash-Verlag in K\u00f6ln \u2013 eine Zeitung titulierte ihn dabei als \u00abB\u00fchnenvulkan\u00bb. Und das war er tats\u00e4chlich. Als mich 1995 ein Betreiber einer Indie-Disco namens Planet aus Bochum ansprach, ob ich nicht Lust h\u00e4tte, einen Slam zu veranstalten, dachte ich nur, ach du Scheisse, wie soll ich das denn organisieren, ausgerechnet hier, wo das Interesse an Underground-Literatur gegen\u00fcber Metropolen wie Darmstadt, Braunschweig oder Hannover \u00e4usserst gering war. Der gute Mann hatte eine Show im legend\u00e4ren Nuyorican in NY gesehen und war von dem Format v\u00f6llig begeistert, nur wer sollte denn da lesen? Also \u00fcberlegte ich mir, Einzelshows zu veranstalten, um mich \u00fcberhaupt einmal an die Sache heranzutasten. Als erster fiel mir daf\u00fcr Hadayatullah ein, der B\u00fchnenvulkan eben, der auch bereitwillig antrat. Die Show als Fiasko zu bezeichnen, w\u00e4re \u00fcbertrieben, aber aufgrund von Organisationsm\u00e4ngeln \u2013 so waren bereits viele Leute abgezogen, weil sie fehlinformiert zu fr\u00fch aufgetaucht waren, Einlass war jedoch erst um 22 Uhr (sic!) \u2013 waren nur ein Handvoll Leute gekommen. Hadayatullah bemerkte deshalb s\u00fcffisant, dass ich ihn wohl extra in das Haifischbecken gest\u00fcrzt h\u00e4tte, statt selbst auf die B\u00fchne zu steigen, womit er nicht Unrecht hatte. Es wurde aber trotzdem ein netter Abend, nicht zuletzt, weil wir Wolfgang Welt kennen lernten, der unbedingt Hadayatullah treffen wollte.<br \/>\nAber noch mal an den Anfang der Geschichte. Das erste Mal, dass ich mit ihm in Kontakt kam, war durch seine Zeitschrift Holunderground. Damals konnte ich ihn nicht recht einordnen, kannte J\u00fcrgen Ploog, Daniel Dubbe, aber Anfang der 1990er er\u00f6ffneten sich viele neue Welten f\u00fcr mich. Die Ereignisse sollten sich schliesslich 1993 auf der Mainzer Minipressenmesse \u00fcberschlagen, und so trafen sich gut 20 \u00fcbermotivierte Literat*innen bei Olli Bopp auf der Terrasse, die in neue Dimensionen vorstossen wollten. Mittendrin Hadayatullah, f\u00fcr uns der Alterspr\u00e4sident, der uns mit Rat und Tat beiseite stand, hatte er doch wenige Jahren zuvor versucht, mit den 60\/90-Treffen den literarischen Untergrund neu zu beleben. Manchmal kann mensch das eben nicht steuern, und es muss erst eine bierselige Runde her, das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen. Wir waren jung und zu allen Schandtaten bereit, und H\u00fcbsch begeistert ob unseres Tatendrangs, was ihn wohl wieder zu neuen H\u00f6chstleistungen anspornte. Unbestritten war er eine zentrale Figur in der ersten H\u00e4lfte der 1990er mit der deutschen Literaturmeisterschaft als absolutem H\u00f6hepunkt eben, egal, was mensch von diesen Wettbewerben h\u00e4lt.<br \/>\nNach dem Abend im Planet sassen wir noch lange in unserem Wohnzimmer auf unserer legend\u00e4ren Couchgarnitur, auf der so viele Dichter ihren Rausch ausgen\u00fcchtert hatten; ein Designerst\u00fcck aus den 1970ern, das bei Freunden ungenutzt im Keller herumgestanden hatte. Ich hatte nat\u00fcrlich erh\u00f6hten Redebedarf, quetschte Hadayatullah regelrecht aus, aber wie es oft bei mir ist, hab ich leider v\u00f6llig vergessen, wor\u00fcber wir im Detail geredet haben. Auf jeden Fall meinte er gegen 4 Uhr, dass er langsam schlafen m\u00fcsse, l\u00e4chelte mich dabei wieder s\u00fcffisant an, meinte, er sei schliesslich nicht mehr der J\u00fcngste und br\u00e4uchte eine gewisse Regeneration. Ich mit meinen 25 Jahren hatte an so was wie Schlaf \u00fcberhaupt nicht gedacht und merkte pl\u00f6tzlich, auch ein B\u00fchnenvulkan wird mal m\u00fcde. In den Folgejahren ver\u00e4nderte sich der Social Beat rasend schnell, schliesslich \u00fcberholte ihn die Slam Poetry, womit ich mich zur\u00fcckzog. Andere wie Jan Off, Jaromir Konecny und eben H\u00fcbsch r\u00e4umten in den ersten Jahren dabei ab, Lesungen fanden aber immer weniger statt, und so traf ich ihn nur noch selten. Vor seinem Tod hatte ich ihn einige Jahre nicht mehr gesehen, aber jedes Mal, wenn ich an die Couch denke, muss ich auch ihn denken. Ich wollte sie schliesslich einem 70er-Jahre-Design Museum verkaufen, weil so viele Erinnerungen mit ihr verbunden waren, aber weil sie den Betreibern doch etwas zu verschlissen war, kam der Deal nicht zustande, und im str\u00f6menden Regen mussten wir sie an den Strassenrand stellen. Am Morgen war sie verschwunden. Vielleicht schl\u00e4ft ja irgendwo Hadayatullah auf ihr, nach einem anstrengenden Rap-Vortrag.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"content\">\n<article id=\"post-3477\" class=\"post-3477 post type-post status-publish format-standard hentry category-hadayatullah-huebsch\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/social-beat-umschlag--e1613669226188.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-76958 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/social-beat-umschlag--214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<\/article>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>war ein Klassiker von Hadayatullah, bei dem wir gerne und ausgelassen mitgegr\u00f6lt haben wie euphorisierte Literatur-Hooligans. Er war schon so was wie der \u00dcbervater f\u00fcr uns. Ihm war keine Lesung zu weit, ihm war keine Anstrengung zu gross, er mischte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/12\/geh-mal-arbeiten-arbeiten-arbeiten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":239,"featured_media":98312,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[249,2633],"class_list":["post-95994","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hadayatullah-hubsch","tag-roland-adelmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95994","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/239"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95994"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95994\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101299,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95994\/revisions\/101299"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98312"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95994"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95994"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95994"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}