{"id":9592,"date":"2013-03-31T00:01:00","date_gmt":"2013-03-30T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9592"},"modified":"2023-05-15T06:21:56","modified_gmt":"2023-05-15T04:21:56","slug":"parcour-der-letzten-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/03\/31\/parcour-der-letzten-dinge\/","title":{"rendered":"Parcour der letzten Dinge"},"content":{"rendered":"<div>\n<div id=\"attachment_10569\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Hartge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-10569\" class=\"size-medium wp-image-10569\" title=\"Hartge\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Hartge-300x201.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Hartge-300x201.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Hartge.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10569\" class=\"wp-caption-text\">Portr\u00e4t Caroline Hartge von Michael Kellner<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie lange wollen wir noch leben, wie lange sind wir noch wach, wie k\u00f6nnte es anders sein, wie besser, wie wahr, wer hat dar\u00fcber nachgedacht, bis zuletzt, wo ist das Letzte, wer schleicht durchs Haus? Es ist dunkel, und ich denke an Andenken, ich schwenke von Furcht zu Tadel, ich senke, g\u00e4be es kein A in der Reihe der sich beugenden Verben, ich sinke, wie so manches in Caroline Hartges Gedichten: in den Schlaf, auf den Boden, auf den Grund der Tatsachen, in mich hinein, ich sinke, s<em>ingen wir<\/em>, ich sehne &#8230; ich sehe, dass diese Texte von der Sehnsucht handeln. Es ist eine Sehnsucht, die nicht gestillt werden kann, darf, muss. Wer die Sehnsucht hat, geht weiter. Und dass es weitergeht, ist vielleicht der Sinn. Wir wissen nichts. Wir tr\u00f6sten uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die Suche nach Trost geht es nicht nur in dem Gedicht <em>WO IST TROST in dieser welt<\/em>, sie klingt auch in vielen anderen an. Die Texte scheinen dabei gleichzeitig der Versuch einer Tr\u00f6stung zu sein, <em>das frische brot im k\u00fcchenschrank \/ und sp\u00e4ter im traum: deine augen \/ freundlich aufmerksam.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lose Wolken<\/em>, der Titel des Buches, korrespondiert mit dem Titel <em>loses gedicht (ohne kopf)<\/em>, das mir nicht aus dem Kopf geht und bei dem ich zun\u00e4chst an ein Gedicht ohne Titel mit wildem Flattersatz denke, kopflos niedergeschrieben, mit Herz und Verstand, schlie\u00dflich aber erkenne: ein Wutgedicht und gleichzeitig mehr, ein Gedicht auf der Schneide (zwischen Leben \/ Tod), ein Gedicht auf der Schneise, ein Gesicht-Gedicht, ohne Kopf sein Gesicht bewahren, ohne Zopf an den <em>Elfen<\/em> vorbei <em>die haben B\u00e4rte, die haben B\u00e4rte &#8230; <\/em>Ich bin begeistert, bin begeistert, werde recht haben, dass dieses Gedicht nicht nur seine Hinrichtung \u00fcberlebt (vermutlich ist ihm im Nachhinein der Titel weggenommen worden), sondern weiterlebt und -bebt in 50 oder 100 Jahren, <em>dass dies ger\u00e4usch. wenn der kopf in den korb f\u00e4llt \/ ins blutgetr\u00e4nkte Stroh <\/em>uns daran gemahnt, dass alles Halbe eben doch nicht ganz ist, sondern dass es darauf ankommt, wo die Trennlinie verl\u00e4uft. (Am Hals ist schlecht.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kennt jemand <em>Rottekuhlen<\/em> oder <em>G\u00f6pelwerk<\/em>? Das finde ich so bemerkenswert an Hartges Dichtung, die Bezeichnung \u203aWortschatz\u2039 wird greifbar, alte, ungel\u00e4ufige, regionale W\u00f6rter werden ausgegraben, zum Leuchten gebracht, es ist wahrhaftig ein \u203aSchatz\u2039, den wir mit der Sprache haben, um komplexe, heilige, verborgene, kaum zu fassende Dinge zu beschreiben. <em>ein abtun ein abstreifen der b\u00f6sen dinge \/ der rinde des rauhen basts ein liegenlassen \/ in den rottekuhlen &#8230;<\/em>, das Dichtwerk ist ein Uhrwerk ist ein Mauer- und Dauerwerk, kein Blendwerk, ein Wendwerk, ein Bergwerk; <em>das gedicht, das und dass nicht\/s wa(h)r<\/em> spricht von den Absonderungen des Lebens, vom Altern, vom Kranken, vom \u00dcberdruss, vom Sich-Ersch\u00f6pfen, aber auch vom Aussprechen, <em>meine sprache alles weg \/ weg die doppelst\u00e4mmigkeit der briefe wie besuche &#8230; weg das nicken \u00fcber den nachbarfirst \/ aus dem das kind gro\u00dfe tiere herauslas \/ weg die lohenden farben die wohlverpichte dichte \/ lecke gef\u00e4\u00dfe, grobes wollzeug meine sprache \/ ungesch\u00fctzt im wind. <\/em>Das Altern ist aber nicht nur Beklagen, an anderer Stelle geht es um den Wunsch, endlich und endg\u00fcltig innezuhalten, sich hinzulegen, zu sinken: auf die <em>gute erde<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was tue ich? Geht denn das? Lyrisch \u00fcber Lyrik schreiben? Es geht (nicht anders), muss so sein, darf\u2019s also noch etwas mehr sein? Wer mag das bestimmen wollen? Vielleicht jemand in den <em>Schl\u00f6ssern von gestern<\/em>? Soist ein Zyklus \u00fcberschrieben, in dem gepr\u00fcft wird, was eine Stadt ist, was von Dauer, wo die Briefe herkommen, was einen Ort zu einem Ort macht, zu einem Ort im Herzen und \/ oder zu einem Ort, von dem man fort muss, irgendwo <em>gangeln<\/em> Glocken, und ich halte diese Wortform schon f\u00fcr die Vergangenheit von <em>g\u00e4ngeln<\/em>, im Richard-Wagner-Web ist es ein Synonym f\u00fcr <em>schleichen<\/em>, <em>t\u00e4ppisch gehen<\/em>, doch auch das trauen wir Hartges Glocken zu, zumal sie ja bereits unter ihren R\u00f6cken Kinder eingesammelt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>DIE WIRKLICHEN ORTE sind alle \/ unwirtlich; zu selten \/ bricht das magische durch \/\/ kann nicht gegenw\u00e4rtig sein hier \/ bei der hinf\u00e4lligen hoffnung dem quergebrochenen Kreuz \/ den schmerzlichen gesichtern \/ meiner geschwister \/ die wolken lasten auf unseren schultern der himmel \/ unsichbar. kann nicht gegenw\u00e4rtig sein hier (&#8230;) <\/em>Ich denke beim Lesen dieser Gedichte an die neuartige, halsbrecherische, faszinierende Sportart Parcour, in der der Traceur eine Strecke auf den Stadtplan zeichnet, die er dann, mit nichts anderem als K\u00f6rperkraft und K\u00f6rperbeherrschung, gehend, kletternd, klimmend, springend \u00fcberwindet. Zwar behauptet die Dichterin <em>nicht hier<\/em> zu sein, aber man merkt, dass sie all das \u2013 real, nicht virtuell \u2013 gef\u00fchlt, ber\u00fchrt, durchschritten, abgewandert hat, in Echtzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lose-wolken-internet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-10716\" title=\"Lose wolken internet\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lose-wolken-internet-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lose-wolken-internet-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lose-wolken-internet-722x1024.jpg 722w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lose-wolken-internet.jpg 840w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a>Wer Wolkiges oder Leichtes erwartet hat in Caroline Hartges <em>Losen Wolken<\/em>, wird dies h\u00f6chstens in dem eigent\u00fcmlichen Sound vorfinden, der eing\u00e4ngig und fl\u00fcssig komponiert ist. Inhaltlich geht es allerdings um Steiniges, um Hindernisse: um die Grenzen von Leben und Sprache. Doch der Zaun, der auf dem Umschlag abgebildet ist, l\u00e4sst hoffen, ein St\u00fcck ist abgebrochen, er geht nicht ganz rum, da ist eine L\u00fccke, da sind Kreuze, das sind Kreuze, ein Kreuzgang? Ein Gel\u00e4nder, ein Halt? Ein Schutz, eine Begrenzung, eine Begegnung auch, ein Durchbruch, der auf eine helle Ebene f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>***<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lose Wolken,<\/strong> Gedichte von Caroline Hartge, Verlag Peter Engstler, Ostheim\/Rh\u00f6n 2012<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #888888;\">Die Redaktion dankt Julietta Fix f\u00fcr f\u00fcr die Cooperation!<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie lange wollen wir noch leben, wie lange sind wir noch wach, wie k\u00f6nnte es anders sein, wie besser, wie wahr, wer hat dar\u00fcber nachgedacht, bis zuletzt, wo ist das Letzte, wer schleicht durchs Haus? 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