{"id":95796,"date":"2023-12-20T00:01:53","date_gmt":"2023-12-19T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=95796"},"modified":"2022-02-26T14:06:21","modified_gmt":"2022-02-26T13:06:21","slug":"zischender-zustand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/20\/zischender-zustand\/","title":{"rendered":"Zischender Zustand"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>teil seiner ganzen<\/em><em>lebensarbeit ist ja wohl auch, durch \u00fcbersteigerte ordnung subversive unordnung und verwischung der grenzen zu schaffen<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Crauss<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du sp\u00fcrst es nicht, kannst die bis in Fingerbeere, Haarspitze, Pore emp\u00adfundene und am liebsten w<strong>ort<\/strong>lose \u203aBe\u00adgeisterung\u2039 f\u00fcr die dialo\u00adgisch polyphonen \u00bbsprachlichen Gebilde, die in sich stehen\u00ab, wie Gadamer es ins Wort fa\u00dft, nicht nach\u00ademp\u00adfinden? \u00bbHier spricht die Sprache\u00ab \u00b7 Roland Bar\u00adthes. Und Bensch blickt mich, ein wenig rat\u00adlos, an, Kraus mit k\u00fchlen Augen, in denen ich die \u00bbUnlesbarkeit dieser \/ Welt\u00ab (P.C.) zu erkennen ver\u00admeine. Bin ich also alleingelassen? Oh, nein. Ich lausche H\u00e9l\u00e8ne Gri\u00admaud, wie sie, zauberhaft luft\u00admalerisch, Mozarts Klavierkonzert Nr. 19 spielt, und die Augen gehen hin zu dem von Gedicht\u00adb\u00fcchern einge\u00adrahm\u00adten Trip\u00adtychon, das, rechts vom Schreibtisch, den Blick immer wieder, ma\u00adgisch, anzieht. \u203aVollen\u00addet\u2039 ist diese kleine \u00bbpetersburger h\u00e4ngun\u2019\u00ab (Thomas Kling), seit A. J. Weigoni (dem ich zudem Gri\u00admaud ver\u00addanke), mir den post\u00adkartenklei\u00adnen apfelsinengelbfarbenen <em>Akt<\/em> von Haimo Hieronymus schenkte, den ich, im Zusammenspiel mit R. A. Westphals grauem \u00bbSchama\u00adnen\u00ab, der, naturgem\u00e4\u00df, pfeiferau\u00adchend, trommelschlagend im Weltenbaum hockt, und Gunter Lo\u00adrenz tieftrau\u00adrigschwar\u00adzem \u00bbStein\u00adkreuz Schmer\u00adzensmann\u00ab unmittelbar als Drei\u00adklang erlebe, der mich seitdem, in hellbraunen Rahmen, rund um die Uhr begleitet. \u2013 \u2013 \u2013 \u00bbMach die Augen zu, h\u00f6r diese Stille\u00ab, sagt meine Begleiterin, als wir, an einem Tag im Februar, gegen 14 Uhr, aus dem Wald heraustreten, \u00bbich steh auf den Treppen des Windes\u00ab (Rolf Bossert), aber nein, aus\u00adnahms\u00ad<strong>weise<\/strong> ruht \u203adas himmlische Kind\u2039 einmal, und der Blick flie\u00dft \u00fcber viele Kilome\u00adter hin zum weiten Hori\u00adzont, hinweg \u00fcber die sanf\u00adten, weiterhin wei\u00dfen Weidenh\u00fcgel, \u00bbredefined by the snow and, at the same time, perfected, made abstract, like the world in a blueprint\u00ab (J.B.), wo kalthellgrellblauer Himmel und schneebedeckte Erde in meinen Augen zusammenfinden, \u00bba brilliant circle of light\u00ab (J.B.), <em>dasz ich blin\u00adzeln musz<\/em>, heute morgen schreibt Christel Fallen\u00adstein : \u00bbHier liegt auf allem auch schon eine dicke Schnee\u00adschicht \u2013 und die Schneeflocken rieseln und tanzen und wirbeln manchmal sogar auf\u00adw\u00e4rts \u2013 Wien hat viel Wind \u2013 sogar in diesem v\u00f6llig um\u00adbauten Innen\u00adhof, in dem mein einziger, nun fast wei\u00dfer Baum steht\u00ab, und ich schlie\u00dfe, augen\u00adblicklang, die Augen und h\u00f6re das Summen der Stille, f\u00fcr einen Moment zieht sich der Gedanke an <em>Reise durch die Nacht<\/em>, das ich am Morgen bestellt habe, zu\u00adr\u00fcck, wir stehen still; schon gehen wir wieder \u2013 \u00bbDreifach ist der Schritt der Zeit, \/ Z\u00f6gernd kommt die Zukunft hergezogen, \/ Pfeil\u00adschnell ist das Jetzt entflogen, \/ Ewig still steht die Vergangenheit\u00ab (Friedrich Schiller) \u2013, auf dem\u00adselben Weg, den wir gekommen sind, nach Hause, auf die gro\u00dfe Runde verzich\u00adten wir heute, zu sehr zieht es, was ist \u203aes\u2039 (ist es die Zukunft?), mich zur\u00fcck nach Hause, wo Burn\u00adsides \u203asinister\u2039 \u00bbGlister\u00ab, das ich seit dem Vor\u00adabend lese, mich ungeduldig erwartet, schweigend gehen wir ne\u00adben\u00adeinander, da f\u00e4llt mir Tonino Guerra vor die F\u00fc\u00dfe : \u00bbDiesen Winter sa\u00df ich stun\u00addenlang am Fenster und schaute zu, wie der Schnee f\u00e4llt\u00ab, und indem ich dem fortw\u00e4hrenden Knirschen der kleinen Schritte von Mrs C. und der gr\u00f6\u00dferen Schritte von mir lausche, denke ich zum erstenmal, <em>und h\u00e4tte ich dieses mein Schreiben nicht<\/em>, Wort f\u00fcr Wort im Rhythmus meiner Schritte vor mich hin\u00admurmelnd, den Ge\u00addanken (wie viele Gedanke denke ich dutzende, hunderte, tau\u00adsende Mal?) : Wir zerstampfen die \u203aGegenwart\u2039, lassen sie, Schritt f\u00fcr Schritt, als \u203aVergangenheit\u2039 hinter uns liegen, ren\u00adnen, blind\u00adlings, in die \u203aZukunft\u2039. Und frage mich hernach, mit Augustinus : \u00bbWas also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, wei\u00df ich\u2019s, will ich\u2019s aber einem Fra\u00adgenden erkl\u00e4ren, wei\u00df ich\u2019s nicht.\u00ab In Sophie Reyers Gedicht steht \u00bbdie ge\u00adzirpte zeit\u00ab, und im Garten fliegt, kein <em>Som\u00admerlaub<\/em> in Sicht, ein Spat\u00adzenschwarm, <em>mit<\/em><em>Schnee<\/em><em>in<\/em><em>den<\/em><em>Augen<\/em>, auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zischender Zustand <sup>.<\/sup> Mayr\u00f6cker Time <\/strong>von Theo Breuer. Reihe Lesezeichen Band 1 &#8211; POP VERLAG, 2017<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44855&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover.jpeg 529w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover-210x300.jpeg 210w\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"266\" \/><\/a>Friederike Mayr\u00f6ckers Texte radikalisieren die Frage nach der Autorschaft. Sie suchen nicht nach einer Personalisierung, sondern f\u00fchren eine Bewegung in den Text ein, die den Ursprung der Rede \u00a0unbehaftet l\u00e4\u00dft. Bei ihr wird das Konzept der Herrschaft \u00fcber einen Text zugunsten einer un\u00fcberschaubaren \u2013 nur zeitweiligen \u2013 Perspektivierung aufgel\u00f6st. Mayr\u00f6ckers &#8222;Liebesspiel mit der Sprache&#8220; kennt keine logischen Grenzen, es sucht und findet &#8222;das z\u00e4rtliche Durchwachsensein grenz\u00fcberschreitender Honigkeiten&#8220;. Da\u00df diese sprachlich avancierte Lyrik eine starke Wirkung auch auf die j\u00fcngeren Autorengenerationen aus\u00fcbt, ist nicht verwunderlich. In sprachreflexiven Gedichten \u00f6sterreichischer und auch deutscher Lyriker (wie beispielsweise Thomas Klings und Sophie Reyer) ist ihr Einflu\u00df sp\u00fcrbar. In Mayr\u00f6ckers Texten ist Autorschaft keine in der Verkleidung einer Erz\u00e4hlung mit Figuren und deren Entwicklung verborgene Frage, sondern artikuliert sich in der Frage nach Herkunft, Status und Professionalit\u00e4t des Schreibens. Diese Befragung m\u00f6glicher Autorschaft wird von Theo Breuer in seinem <em>Gebrauchslesebuch<\/em> als Hyperautorschaft gelesen. Dieser\u00a0<em>Zischende Zustand<\/em> ist eine spektakul\u00e4re, hyperaktive Hommage, die zu explodieren scheint vor Einf\u00e4llen, Einsprengseln und Meta-Reflexionen und es doch immer wieder schafft, Inseln zum Verharren in den sprudelnden Textflu\u00df einzubauen. So elegant und witzig kann eine schreibende Selbstvergewisserung sein, und ebenso geistreich und anregend ist dieses journalistische Produkt. Die beim ersten Band in der Reihe LESEZEICHEN versammelten Texte sind literarische Kleinode und damit das Beste des Genres; kaum einer Reflexion gereicht das hohe Tempo, das typisch f\u00fcr das Feuilleton ist, zum Nachteil. Niemand wird an diesen essayistisch-poetischen Reflexen einer Mayr\u00f6ckerrezeption (und immer wieder dar\u00fcber hinaus) vorbeikommen \u2013 au\u00dfer Stan Libuda.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Essay \u00fcber das Tun von Theo Breuer lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>teil seiner ganzenlebensarbeit ist ja wohl auch, durch \u00fcbersteigerte ordnung subversive unordnung und verwischung der grenzen zu schaffen Crauss Du sp\u00fcrst es nicht, kannst die bis in Fingerbeere, Haarspitze, Pore emp\u00adfundene und am liebsten wortlose \u203aBe\u00adgeisterung\u2039 f\u00fcr die dialo\u00adgisch polyphonen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/20\/zischender-zustand\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":97870,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[143,84],"class_list":["post-95796","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friederike-mayrocker","tag-theo-breuer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95796","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95796"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95796\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100852,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95796\/revisions\/100852"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97870"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}