{"id":95627,"date":"2008-12-05T00:01:44","date_gmt":"2008-12-04T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=95627"},"modified":"2021-11-30T06:27:35","modified_gmt":"2021-11-30T05:27:35","slug":"laudatio-fuer-holger-benkel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/12\/05\/laudatio-fuer-holger-benkel\/","title":{"rendered":"Laudatio f\u00fcr Holger Benkel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dichter Holger Benkel, der 1959 in Sch\u00f6nebeck an der Elbe geboren wurde, dort in der Lessingstra\u00dfe wohnt und ganz von seiner Arbeit als Schriftsteller und Lesender lebt, ist ein Gew\u00e4chs auf dem Seelenboden der Magdeburger B\u00f6rde. Das f\u00fchrt sogleich zur Dialektik eines Menschen zwischen extremer literarischer Fruchtbarkeit einerseits und Distanz zu den Dingen der Welt. Der B\u00f6rde-Mensch ist verschlossen und lebt gern zur\u00fcckgezogen, und doch lebt in ihm das Feuer der Worte \u2013 aber diese Kommunikation will eine strenge Form, sonst kann sie nicht leben. Er ist dem Vulkan vergleichbar, unter dem das Magma-Meer schwappt, aber nur virtuell ausbricht und nur so geboren wird: Als Wort. Aus der fruchtbaren Erde dieser nach heutigen Begriffen im Osten liegenden Landschaft wuchs ein vielgestaltiges Werk, das mit der Welt korrespondiert, wie sie ist, und zugleich ein intimes Zwiegespr\u00e4ch mit dem Totenreich und dem Transzendenten f\u00fchrt.<br \/>\nWas hei\u00dft das?<br \/>\nHolger Benkel lebt eigentlich gar nicht. Weder hier noch jetzt. Sie sehen ihn dort und glauben wie ich: Da ist er. Aber das ist eine T\u00e4uschung. Er ist n\u00e4mlich da, wo er eigentlich lebt, n\u00e4mlich bei den Toten. Wir m\u00fcssten also, wenn wir ihn wirklich erreichen wollen, zu ihm gehen, zu den Toten, wo das wirkliche Leben atmet.<br \/>\nDas geht nicht, denken Sie. Doch, es gibt einen Weg. Ich finde ihn in seinen Briefen, in denen er Tag f\u00fcr Tag lebt, da drunten in seinem Reich, wo auch die Gedanken zu Hause sind. Der irdischen Welt bedient er sich ja nur aus lauter Anh\u00e4nglichkeit an einen Lebensstatus, den er schon fr\u00fch \u00fcberwand, mit Ausnahme der Sprache, die er liebt wie kein zweites Wesen, und weil das Transzendente nun mal nicht existent sein kann ohne das Diesseits. Benkel kehrt Leben und Tod um, das Leben ist tot \u2013 erst im Tod kann ich leben. Karl Marx hat Hegel wieder auf die F\u00fc\u00dfe gestellt \u2013 Holger Benkel stellt Marx auf den Kopf, er verl\u00e4sst die unlebbare Basis und lebt im \u00dcberbau einer geistigen und seelischen Welt, die viel gemeinsam hat mit keltischen Vorstellungen. Ich wei\u00df bis heute nicht, ob die keltische Mythologie f\u00fcr ihn eine \u00e4sthetische Bilderwelt darstellt, die er als Instrument seiner Dichtung benutzt, oder einen religi\u00f6sen oder weltanschaulichen Glauben. Sein letzter Brief an mich ist keltisch datiert, wie alle seine Briefe seit \u00fcber zehn Jahren: 12. tag des efeumonats \u2013 auf der suche nach der anderswelt. Er f\u00e4llt konsequent aus der Zeit \u2013 wer so tot ist wie Holger Benkel im Nirgendwo, im Reich von Kein-Ort, der lebt w\u00f6rtlich in der Erl\u00f6sung von der irdischen Welt: In einer Utopie der Worte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lernte Holger Benkel vor ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn Jahren kennen, weil ich ihm Gedichte f\u00fcr eine von ihm und anderen j\u00fcngeren Schriftstellern in Magdeburg herausgegebene Literaturzeitschrift schickte. Diese Zeitschrift hie\u00df \u201ePh\u00f6nix\u201c \u2013 hier ber\u00fchrt sich die griechische Mythologie mit der keltischen und mit der Benkels: In der Auferstehung des Worts aus der Asche, aus dem Tod. 1993 war die DDR seit drei Jahren schon untergegangen, Holger Benkel hatte gerade noch sein Studium am renommierten Literaturinstitut in Leipzig beendet. In dieser Zeit war seine Skepsis gewachsen gegen\u00fcber dem Leben, der Politik und dem archetypischen Versagen der Menschen, wie es Christa Wolf in ihrer gro\u00dfartigen Erz\u00e4hlung \u201eKassandra\u201c resignativ und zugleich hoffnungsvoll klagend darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schrieb: \u201e&#8230;die herausgabe unserer bl\u00e4tter mit lyrik und grafik namens ph\u00f6nix haben wir inzwischen eingestellt. Einerseits fehlt uns schlicht das n\u00f6tige geld, und zum andern w\u00e4re solch ein projekt in anbetracht der misere, die sich hier ausbreitet, ohnehin eine anma\u00dfende und daher zynische attit\u00fcde. Und was, oder wem, nutzt denn letzten endes alles individuelle m\u00fchen, da die meisten leute nicht entfernt individualit\u00e4t und egoismus, subjektiv und protektionistisch, selbstanspruch und partikularambition, pers\u00f6nlich und privat unterscheiden k\u00f6nnen und best\u00e4ndig liberalistisch und liberal, perfekt und gerecht, effekt und essenz, markt und wert verwechseln? Und darum desto zweifelsfreier manipuliert, mithin zeitgeistm\u00e4\u00dfig vereinnahmt werden, je intensiver man sie animiert, also aktiv setzt. Und der kommerz vorzugsweise \u00e4sthetisch siegt, indem er mittels tausenderlei facetten im sch\u00f6nen schein und vom sch\u00f6nen zynismus leben l\u00e4sst, w\u00e4hrend authentische und substantielle kunst zunehmend strukturell entwertet wird. Und die machtzentren umso unumschr\u00e4nkter walten, je mehr rotation sie erzeugen. Wo jeder blo\u00df kalt kalkulierend seinen privatinteressen folgt, entstehen am ende neue totalit\u00e4re massen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich das las, dachte ich in meinen westlichen Kategorien, es stehe schlimm um ihn, hoffentlich tut er sich nichts an. Zwar erkannte ich die Hellsichtigkeit seiner kassandrischen Kritik, aber ich befand mich im Gegensatz zu ihm Anfang der 90er Jahre in einer sehr westlich optimistischen Phase meines Lebens und konnte seine Lebensphilosophie nicht verstehen. Sie erreichte mich nicht. Erst sp\u00e4ter begriff ich, dass er ja schon hin\u00fcbergewandert war zu den Toten, wo er wirklich leben kann. Von da an schrieben wir uns alle paar Wochen und ich fand immer besser zu ihm und seinem Werk. 1995 ver\u00f6ffentlichte er seinen Gedichtband \u201ekindheit und kadaver\u201c und den Prosaband \u201ereise im flug\u201c, Tr\u00e4ume und Ereignisse, beide im Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg. Sp\u00e4ter schrieb er Aphorismen: Gedanken, die um die Ecke biegen, inzwischen auch ein gigantisches Prosawerk, eine Art moderne Mythologie der Tiere (hier sind weit \u00fcber eintausend Seiten entstanden in einem Werk, vielleicht sogar ein opus magnum, das noch seine endg\u00fcltige Form sucht) \u2013 und immer wieder neue Gedichte, die permanent \u00fcberarbeitet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem hier finden wir ein Portal zu Holger Benkels Gedanken. Dort gibt es nicht mehr die Kompromisse, die der Lyriker in seinen weltlichen Briefen eingeht. Dort ist er ganz er selbst im vollendeten Wort eines Todes, der \u00fcber die Welt siegt: \u201evielleicht kann man zuletzt allein noch jenen worten vertrauen, die scheinbar keinen sinn ergeben. w\u00e4hrend der logik der geschichte die paradoxie der begriffe entspricht, werden wir erst in der absurdit\u00e4t der bilder einsichtig\u201c, sagt er in einem Gespr\u00e4ch mit dem Schriftsteller A. J. Weigoni, \u201e&#8230; was erweckt, das t\u00f6tet auch. wer den tod nicht will, darf sich nicht erwecken lassen. utopien sind ein ewiger kreuzzug&#8230; auf der reise zum ort ohne grund, hinter den wind oder unter die wellen m\u00fcssen wir uns sowieso von uns selbst ern\u00e4hren. und am ende wirkt jedes tiefere einf\u00fchlen kannibalisch. wiederum muss der k\u00fcnstler, um barrieren zu \u00fcbersteigen, die seine kreativit\u00e4t hemmen, immer erneut grenzg\u00e4ngerisch aus der kultur, die ihn umgibt, heraustreten, was mit der tatsache korrespondiert, dass das wahre selbst etwas ausserhalb des ich ist und nur substanz bilden kann, wessen seele wandert oder wer mehrere seelen hat. die v\u00f6llige einheit, im sinne der deckungsgleichheit, von kultur und kunst, ich und selbst, wissen und ahnen, aussenwelt und innenraum, w\u00e4re jedenfalls die komplette erstarrung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich interpretiere nun ein Gedicht Holger Benkels aus der Zeit der Jahrtausendwende:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hunde<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">f\u00fchrt der hund die toten \u00fcber die grenze<br \/>\nindem er sie fri\u00dft kann er sie begreifen<br \/>\nund besitzen glaubt der mensch in seinem geist<br \/>\nder andern kreatur steh ich auf der schwelle<br \/>\nim zwielicht der sinne leg ich mich nieder<br \/>\nzum liebesakt ins grab folgen mir w\u00f6lfe<br \/>\nverwandle ich mich in jedes tier begleit ich<br \/>\nmeine eigne beigabe zieh ich die seele<br \/>\naus dem fleisch w\u00e4chst mir das fell gl\u00e4nzend wei\u00df<br \/>\nlauf ich mir durch w\u00e4lder entgegen komm ich an<br \/>\nunter der erde fresse ich mich selbst wie hunde<br \/>\neinst als aas birgt mich der frauenleib<br \/>\nerst wenn mir goldne borsten wachsen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ganze ist ein Kreislauf, wie in den archaischen Religionen, die Holger Benkel hier wieder belebt &#8211; auch so ein Kreislauf, ein geistesgeschichtlicher. Der Totenhund erinnert sofort an Charon. Der hat sich im Hades bezahlen lassen und tut seine parallele Pflicht zu Sisyphos &#8211; hier aber frisst er die Menschen, um sie zu begreifen. Wenn dieser Hund Repr\u00e4sentant der zuletzt gestorbenen Menschen ist, dann bedeutet dieses Bild: Erst nach dem Leben verstehen wir das Leben, im Leben verstehen wir uns nicht.<br \/>\nAngesichts des elliptischen Charakters, der sich durch permanente Subjekt-Pr\u00e4dikat-Inversionen einstellt, kann gesagt werden, dass sich das Wenn-dann-Gef\u00fcge, das sich (mir) beim Lesen immer aufdr\u00e4ngt und einen gute Lese-Lenkung bewirkt, ganz einfach aufgehoben wird, wenn ich zu Beginn &#8211; oder sp\u00e4ter an entsprechender Stelle &#8211; ein \u201eEs\u201c erg\u00e4nze: es f\u00fchrt der hund \u2026 Die Inversionstechnik findet ihre Entsprechung in der Umkehrung der Seinsverh\u00e4ltnisse, wo Benkel der Sph\u00e4re des Todes das eigentliche Leben zuspricht &#8211; und umgekehrt. Das lyrische Ich wird hier grammatisch und semantisch versetzt und vermindert im Schatten der inversiven Semantik.<br \/>\nPr\u00e4gnant ist das Bild vom Zwielicht der Sinne. Das Bild enth\u00e4lt eine Zweik\u00f6rpertheorie, ich bin erinnert an das Licht als Welle und Korpuskel. Der eine Sinn ist der physische, der \u00e4u\u00dfere K\u00f6rper, der andere Sinn ist der zum f\u00fchlenden gewordene innere K\u00f6rper an der Schwelle zum inneren Leben. Aber das k\u00f6rperliche F\u00fchlen wird im Bild des Liebesaktes nicht aufgegeben, Sterben wird als erotischer Prozess verstanden, man kann vielleicht auch sagen: Alle Ver\u00e4nderung ist erotisch, wie alle Ber\u00fchrung von Fremdem erotisch stimuliert. Nicht eindeutig klar ist mir der Vers: \u201ezum liebesakt ins grab folgen mir w\u00f6lfe\u201c. Ich bin wegen der folgenden Verse versucht anzunehmen, dass die W\u00f6lfe die Ver\u00e4nderung der eigenen Natur beschreiben, sodass der Sterbende, den ich nun lieber als Werdenden verstehe, mit sich selbst schl\u00e4ft, er erotisiert sich mit seiner in ihm l\u00e4ngst schlummernden fremden Gestalt, er will sich schon in diesem Vers fressen, also lieben, besitzen, verstehen, er ist sich selbst der Totenhund als Wolf, er gef\u00e4hrdet sich im Tod zu neuem Leben, seine Flucht vor dem W\u00f6lfischen in ihm endet im Liebesakt, der sogar als erotischer Suizid erscheint &#8211; aber Suizid als Rettung ins eigentliche, nicht entfremdende oder entfremdete Leben. Nun wird auch klarer, dass der im Sterben ins Leben Auferstehende nicht nur die w\u00f6lfische Natur in sich zul\u00e4sst, sondern alle M\u00f6glichkeiten an sich werden l\u00e4sst (\u201everwandle ich mich in jedes tier\u201c), die er im bisherigen Leben nicht hatte.<br \/>\nNun folgen Verse der Selbstreflexion (\u201ebegleit ich meine eigne beigabe\u201c) und Autonomie solchen Sterbe-Werdens (\u201ezieh ich die seele aus dem fleisch\u201c). Die Trennung vom K\u00f6rper ist die Befreiung der Seele, die bisher offenbar wie ein verletzender Fremdk\u00f6rper im Fleisch steckte, da war der K\u00f6rper eine Wunde, jetzt kann er gesunden: Nun \u201ew\u00e4chst mir das fell gl\u00e4nzend wei\u00df\u201c. Die doppelte Entfremdung von K\u00f6rper und Seele ist aufgehoben, nun kann ich mir begegnen (\u201elauf ich mir durch w\u00e4lder entgegen\u201c) und mich verstehen und mich ganz besitzen: \u201eunter der erde fresse ich mich selbst\u201c. Es folgt der R\u00fcckbezug (\u201ewie hunde\u201c) zum Anfang des Gedichts und der Kreis wird endg\u00fcltig geschlossen: Der Gestorbene wird wiedergeboren (\u201eals aas birgt mich der frauenleib\u201c), wenn er durch alle Wandlungsprozesse zu seiner Vollendung (\u201egoldne borsten\u201c) gegangen ist.<br \/>\nIch verstehe hier den Hund als eine Einheit von (selbst-)liebender Treue und ins W\u00f6lfische gesteigerter (Selbst-)Zerfleischung. Der Plural im Titel will den mythischen Singular ins Allgemeine weiten, zum Wir. Das Gedicht ist ein Trost, wenn wirklich ganz gestorben werden soll, eine Utopie, wenn es im Leben gelten soll um anders zu leben: Aber dem Schwein werden goldene Borsten wohl nie wachsen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkels Lebens- und Todesauffassung wird in diesem und in fast allen anderen Gedichten deutlich: Dass wir nur im Tod leben k\u00f6nnen. Oder geht dieser Gedanke noch weiter: Es ist das Allerbeste, gar nicht zu leben? Oder: Gen\u00fcge ich als Idee? Ich teile nicht die Welt- und Lebensablehnung in dieser Sch\u00e4rfe, aber ich stehe dieser Kunst mit gro\u00dfer Achtung und Sympathie gegen\u00fcber. Wir sind gar nicht so weit auseinander: Auch in meinen Geschichten passiert nichts Gutes. \u00dcber das Gute w\u00fcrde ich ja auch gar nicht schreiben wollen. \u00dcber das Gute kann der K\u00fcnstler nur im Scheitern schreiben. Wir sind Schriftsteller, die der Realit\u00e4t nur mit der Fiktion beikommen. Was bleibt? Benkels Gedichte sch\u00e4rfen kassandrisch das Bewusstsein. Das ist die Voraussetzung f\u00fcr ein besseres Leben im Leben und f\u00fcr die \u00dcberwindung der Angst vor dem Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erz\u00e4hle Ihnen eine Anekdote, die ich Holger Benkel verdanke, um zu zeigen, wie sehr der Humor mit seinem Denken aus dem Schattenreich verb\u00fcndet ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahl der Waffen<br \/>\nDer Dichter Holger Benkel fragt sich immer wieder, warum er Gedichte schreibt, die wie Gedanken um die Ecke biegen, aber die Welt nicht \u00e4ndern. Und darauf kommt es an. Meine Worte, sagt er, treffen immer ins Ziel, aber sie sind ungef\u00e4hrlich. Vielleicht irritieren sie die, die schwach sind wie ich, aber sie \u00e4ndern nicht die Welt. Trotzdem erz\u00e4hlte er mir die folgende Geschichte, die sich in Wahrheit zugetragen hatte, zur Verteidigung der Dichter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einer der vielen \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcber Kunst und Wirklichkeit oder \u00fcber Macht und Ohnmacht der Dichtung habe sich der junge Enzensberger so heftig mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gestritten &#8211; der behauptete, Literatur \u00fcber vierhundert Seiten, oder unter einhundert, gehe am Leser vorbei, solche Literatur sei entweder nur Kunst, also autistische Stummheit, oder \u00fcberhaupt keine Kunst, im besten Fall gut gemeint, also nur halb gewollt &#8211; , dass der junge Enzensberger seine soeben erschienenen Gedichte in die Hand genommen, mit dem Buch auf den Kritiker gezeigt und ausgerufen habe: \u201eWenn das ein Revolver w\u00e4re, dann w\u00e4ren Sie l\u00e4ngst tot!\u201c<br \/>\nEr hatte einem Gott sein Buch wie eine Waffe entgegengehalten! Das war in der Zeit, als Gedichte scharf geschliffen waren zur Ermutigung der Schwachen gegen die Starken. Das war vor vielen Jahren. Ob der alte Enzensberger auch heute noch den Mut zum Kampf h\u00e4tte? Er hat nichts als seine fr\u00fchen Gedichte, verschossenes Pulver! Ach, die Dichter schie\u00dfen seit diesem sagenhaften Duell lieber auf sich, denn die denkbar sch\u00e4rfsten Kritiker sind sie selber. Vielleicht ist das konsequent. Rainald Goetz, der am weitesten ging, schnitt sich mit dem Rasiermesser das Selbstm\u00f6rderzeichen in die Stirn, um Kunst und Leben im Bild des Todes zu vereinen.<br \/>\nEs war aber nicht Enzensberger, der sein Buch zur Waffe machte, sagt Holger Benkel, sondern der junge Rolf Dieter Brinkmann. Das ist egal. Enzensberger ist der bekanntere Dichter. Ob das polemische Pathos seiner Gedichte genauer traf als die kleinen Minen Brinkmanns, ist eine andere Frage. Aber nicht egal ist der Fehler in der Erinnerung Marcel Reich-Ranickis, der sp\u00e4ter, Jahre nach Brinkmanns fr\u00fchem Tod, behauptete, er sei wirklich mit einem Revolver bedroht worden. Aber von wem?<br \/>\nEr hat zwar nicht behauptet, der Revolver sei damals abgefeuert worden. Aber wenn die Kugel ihn getroffen h\u00e4tte &#8211; w\u00e4re er dann tot? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich werde, je mehr ich erz\u00e4hle, immer unsicherer. Erz\u00e4hlte Holger Benkel wirklich die Geschichte, die ich erz\u00e4hle &#8211; oder fiel sie mir erst ein, als ich mir seine Erinnerung erz\u00e4hlen wollte? Egal. Erz\u00e4hlt denn nicht jede Erinnerung umso genauer ihre Wahrheit, je mehr sie irrt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Holger Benkel, Sie sagen: \u201eder moderne k\u00fcnstler muss nicht notwendig prophet sein. das w\u00e4re nur eine seiner m\u00f6glichkeiten. ich biete ja gerade die v\u00f6llige desillusionierung als ausgangspunkt der utopie an. auf die frage, welche aufgaben literatur haben k\u00f6nnte, sagte ich einmal, am besten sie h\u00e4tte welche und niemand w\u00fcrde es merken. &#8230; f\u00fcr mich er\u00f6ffnet kunst das nicht seiende und ist daher das vollkommen andere gegen\u00fcber der utilit\u00e4ren realit\u00e4t, antiwelt und alternative geschichte, und solcherart verwandt mit magie, mythen, mystik, alchemie, m\u00e4rchen, tr\u00e4umen, wahngebilden und einem postvitalen dasein.\u201c Ich stimme Ihnen zu. Denn die Dichter aller Zeiten bedienten sich oft der gleichen poetischen Technik zur Bewusstmachung der Leser: \u201eWerthers Leiden\u201c, \u201eDie Blechtrommel\u201c oder \u201eKassandra\u201c sind Erz\u00e4hlungen des Scheiterns nach dem Muster der negativen Utopie, um eine bessere neue Welt zu fordern. \u201egenau genommen\u201c, sagt Holger Benkel, \u201esind sogar, oder gerade, meine apokalyptischen gedanken bloss umgekehrte utopien. und ich bleibe dabei, gegenwelten formieren und die realit\u00e4t ver\u00e4ndern wollen, das geh\u00f6rt zusammen. der eigentliche fatalismus besteht darin, das vorhandene f\u00fcr unver\u00e4nderbar zu halten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, das ist ein \u00fcberzeugendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein besseres Leben. Es gewinnt umso mehr an Authentizit\u00e4t, als die Stimme dieser Ermutigung aus dem Munde eines Toten kommt, der sich auf der Suche nach der Anderswelt befindet. Tote l\u00fcgen nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16637\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Benkel13.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"133\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie \u2013 und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>mei\u00dfelbrut<\/strong>,\u00a0Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. Eine Rezension finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Quelle<\/span>: Laudatio f\u00fcr Holger Benkel, Forum-Literatur-Preistr\u00e4ger 2008. Gehalten gehalten von Ulrich Bergmann im Schloss Ludwigsburg, 5.12.2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Dichter Holger Benkel, der 1959 in Sch\u00f6nebeck an der Elbe geboren wurde, dort in der Lessingstra\u00dfe wohnt und ganz von seiner Arbeit als Schriftsteller und Lesender lebt, ist ein Gew\u00e4chs auf dem Seelenboden der Magdeburger B\u00f6rde. Das f\u00fchrt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/12\/05\/laudatio-fuer-holger-benkel\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":16637,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,866],"class_list":["post-95627","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95627"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95627\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}