{"id":95595,"date":"2005-08-12T00:01:16","date_gmt":"2005-08-11T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=95595"},"modified":"2022-02-27T12:07:35","modified_gmt":"2022-02-27T11:07:35","slug":"poesieattacken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/08\/12\/poesieattacken\/","title":{"rendered":"Poesieattacken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Lesen Sie!<br \/>\nImmerzu nur lesen, das Verst\u00e4ndnis kommt von selbst.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Paul Celan<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder \u00fcberw\u00e4ltigen mich Poesieattacken. Ich bestelle wie besessen Lyrikb\u00fccher per E-Mail, ersteigere l\u00e4ngst vergriffene B\u00e4nde bei <em>ebay <\/em>und rase am n\u00e4chsten Tag ins Antiquariat bzw. zur Buchhandlung, um vermeintliche L\u00fccken zu schlie\u00dfen. \u201eLieber Poesie- als Panikattacken\u201c, meint meine Frau schulterzuckend \u2013 und rollt die Augen. \u201eAuf einer meiner ersten Expeditionen im Internet-Dschungel bin ich unversehens auf Sie gesto\u00dfen. Da ist er also versteckt, der Lyroholic aus Sistig!\u201c, schreibt die Pulheimer Poetin Christa Wi\u00dfkirchen mir \u2212 \u00f6ffentlich! \u2212 ins G\u00e4stebuch der Homepage. (Ja, lachen Sie ruhig, aber bitte nur ein bi\u00dfchen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weshalb schreibe ich das zu Beginn? Damit Sie keinen systematischen \u00dcberblick, sondern einen pers\u00f6nlichen und ganz und gar subjektiven Streifzug durch die Welt der Lyrik erwarten. [Einen solchen erhalten Sie \u2013 und zwar von den Anf\u00e4ngen bis in die Gegenwart \u2013 in einem vollkommen anders gearteten Buch \u00fcber Lyrik, das ein wesentlicher Bestandteil einer erkenntnisorientierten Auseinandersetzung mit deutschsprachiger Lyrik ist: Franz- Josef Holznagel, Hans-Georg Kemper, Hermann Korte, Matthias Meyer, Ralf Schnell und Bernhard Sorg vermitteln in ihrer <em>Geschichte der deutschen Lyrik<\/em> (760 Seiten, Hardcover, Leseb\u00e4ndchen; <em>Reclam<\/em>, Stuttgart 2004) die breitgef\u00e4cherte Poesie im deutschen Sprachraum von den Anf\u00e4ngen im Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.] Wenn eine Poesieattacke mich packt und sich ein neuer Gedichtb\u00fccherberg aufzut\u00fcrmen beginnt, bem\u00fche ich mich notgedrungen, aber von unstillbarem Lyrikhunger besessen, diesen lesend und schreibend abzutragen. Weder lechze ich nach tiefsch\u00fcrfenden Theorien, noch lauere ich auf einschl\u00e4gige Entwicklungen \u2013 ich lasse mich ganz einfach von jeder Art dionysischer Dichtung, leidenschaftlicher Lyrik, pointierter Poesie k\u00f6dern und stelle dabei gern das einzelne Gedicht, das einzelne Buch, den einzelnen Autor in den Mittelpunkt meines Interesses. <em>Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000<\/em> versteht sich als Nachfolger von <em>Ohne Punkt &amp; Komma. Lyrik in den 90er Jahren<\/em> (<em>Wolkenstein<\/em>, K\u00f6ln 1999). Auf den folgenden Seiten stelle ich, unmittelbar an dieses Buch anschlie\u00dfend, in erster Linie Autoren, B\u00fccher, Verlage und Zeitschriften vor, die seit 1999 in der deutschsprachigen Lyrikwelt (und dar\u00fcber hinaus) meine Aufmerksamkeit erregt haben. Dabei spielt weder der Jahrhunderttausendwechsel eine Rolle, noch, ob es sich um eine junge, \u201eaufstrebende\u201c Autorin handelt oder einen Schriftsteller, der zwar schon l\u00e4ngst tot, dessen Stimme aber weiterhin berauschend ist. Ob Erstauflage oder Neuauflage ist von viel weniger Interesse als Begeisterung und Wi\u00dfbegier. Gleiches gilt f\u00fcr Entstehungsort bzw. Nationalit\u00e4t der Autoren: Dichtung kennt keine Grenzen, und woher sie kommt, ist unerheblich, aber ankommen mu\u00df sie \u2212 und wie! Vermeintliche Schwerpunkte sind \u2212 von drei Ausnahmen abgesehen \u2212 in Wahrheit keine: Ob ich ein Buch \u201enur\u201c bibliographiere, mit einem Gedichtbeispiel vorstelle oder (ausf\u00fchrlich) kommentiere, das h\u00e4ngt zum einen vom jeweiligen Kapitel, nicht selten aber auch von den Begleiterscheinungen, Umst\u00e4nden und Zuf\u00e4llen im Zusammenhang mit dem gelesenen Buch ab. Am liebsten h\u00e4tte ich \u00fcber jeden Autor, jedes Buch, jedes Gedicht, jeden Verlag und jede Zeitschrift wenigstens zehn Zeilen verloren, um zu dokumentieren, da\u00df ich daran glaube, da\u00df jede Stimme, die sich auf wahrhaftige Art und Weise mit Poesie befa\u00dft, ihre Rolle spielt in einem Mikrokosmos, der mich Tag f\u00fcr Tag neu fasziniert:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Dichtung wird von allen gemacht!<\/em> (Lautr\u00e9amont)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie finden in diesem Buch \u2013 mit freundlicher Unterst\u00fctzung von Inhaltsverzeichnis und Register \u2013 ein aus unz\u00e4hligen Teilchen und Teilen zusammengesetztes Mosaik [Ein solches erwartet Sie \u2212 und zwar buchst\u00e4blich und farbenpr\u00e4chtig \u2212 in Herta M\u00fcllers Gedichtband <em>Die blassen Herren mit den Mokkatassen<\/em> (<em>Hanser<\/em>, M\u00fcnchen und Wien 2005): Gedichte Wort f\u00fcr Wort mit der Schere geschnitten. Herta M\u00fcllers Collagenpoesie ist wahrhaft einmalig, originell und sch\u00f6n, und die mehrdeutig angelegten Botschaften stimmen mich nachdenklich. <em>Die blassen Herren mit den Mokkatassen<\/em> ist ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Teilchen im deutschsprachigen Lyrikmosaik nach 2000, dessen surreales Gefunkel Herrn Schwitters beim Kaffeetrinken vielleicht vor Neid erblassen lassen w\u00fcrde.] von der Welt der Lyrik nach 2000, wie ich sie aus der Abgelegenheit eines an der Peripherie gelegenen mittelgebirgischen Dorfes sehe. [Raoul Schrotts poetische, poetologische und oft weit dar\u00fcber hinaus gehende Erkenntnisse, Kreationen und Visionen haben im Gegensatz dazu eine kosmopolitische Bandbreite von globalem Ausma\u00df. Ich lese die B\u00fccher dieses naturgem\u00e4\u00df kontrovers diskutierten Dichters mit gr\u00f6\u00dftem Interesse. Es ist gerade die total eigenwillige und hemmungslos selbstbewu\u00dfte Art und Weise, mit der Schrott mir in <em>Die Erfindung der Poesie<\/em> (<em>Eichborn<\/em>, Frankfurt am Main 1997) die Poesie entlegenster Orte und fernster Zeiten nahebringt, die ich neben seinen bildstarken Gedichten so sch\u00e4tze. In <em>Handbuch der Wolkenputzerei. Gesammelte Essays<\/em> (<em>Hanser<\/em>, M\u00fcnchen und Wien 2005) schreibt der hochgebildete Autor in bekannt anregender, pointierter Art \u00fcber alles, was im Zusammenhang steht mit seiner poetisch-polyglotten Existenz. Ich hebe \u2212\u00a0pars pro toto \u2212\u00a0den Essay \u00fcber Hans Carl Artmann \u201eDer K\u00f6nig ist tot! \u2212\u00a0Es lebe der K\u00f6nig!\u201c hervor. Dieser Text beispielsweise schlie\u00dft eine L\u00fccke, die <em>Aus dem Hinterland<\/em> hinterl\u00e4\u00dft. <em>Handbuch der Wolkenputzerei<\/em> ist das phantastische Buch eines irren Typs, der es liebt, Wirklichkeiten neu zu erfinden, der sich metaphorisch Masken aufsetzt und rasant die Rollen wechselt. Lesen!] Ich habe die seit 1999 verstreut erschienenen Artikel und Aufs\u00e4tze gesammelt und (zum Teil stark) \u00fcberarbeitet sowie aus aktuellen Anl\u00e4ssen hervorheben m\u00f6chte ich Thomas Klings Tod am 1. April 2005, Rolf Dieter Brinkmanns 30. Todestag am 23. April 2005 sowie Axel Kutschs 60. Geburtstag am 16. Mai 2005 \u2013 zahlreiche neue geschrieben und zu diesem Buch kombiniert, das ich am liebsten als eine Art textsortenignorierendes Langgedicht gelesen wissen m\u00f6chte \u2013 quer und kreuz oder sukzessive. Aber das ist ja nun allein Ihre Sache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><b>Aus dem Hinterland <\/b>von<b>\u00a0<\/b>Theo Breuer.\u00a0<i>Lyrik nach 2000.\u00a0<\/i>520 Seiten\u00a0Edition YE\u00a0\u2022\u00a0Sistig\/Eifel 2005<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-49881\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/HinterlandCover-e1549951288320.jpg\" alt=\"\" width=\"141\" height=\"206\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Einen Essay \u00fcber das Tun von Theo Breuer lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12773\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen Sie! Immerzu nur lesen, das Verst\u00e4ndnis kommt von selbst. Paul Celan Immer wieder \u00fcberw\u00e4ltigen mich Poesieattacken. 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