{"id":95185,"date":"2023-02-20T00:01:18","date_gmt":"2023-02-19T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=95185"},"modified":"2022-02-25T11:31:46","modified_gmt":"2022-02-25T10:31:46","slug":"von-handtellertierchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/20\/von-handtellertierchen\/","title":{"rendered":"Von Handtellertierchen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen sind unterwegs. Zwischen zahllosen Orten der Welt unterwegs. Mit gerichteten Blicken auf handtellergro\u00dfe Ger\u00e4te, wechselnd bebilderte und filmbewegte Fensterchen, die sie mit ihren verkr\u00fcmmten Daumen streicheln. Daumen, die einige Generationen sp\u00e4ter eine genetische Ver\u00e4nderung erfahren werden. Wo immer sie ankommen, nehmen sie \u2013 nicht selten in gieriger Pflicht\u00fcbung \u2013 genormte Nahrung zu sich, die es \u00fcberall auf der Welt zu kaufen gibt. Bezahlt \u00fcber kleine Hartplastkk\u00e4rtchen, die man in kleine Leseger\u00e4te steckt und wartet. Ging man Jahrhunderte lang stets davon aus, lesen k\u00f6nne nur ein Wesen mit lernbereitem Geist, so gilt das l\u00e4ngst nicht mehr \u2013 die unscheinbarsten grauen M\u00e4use unter den Ger\u00e4ten, unscheinbar klein und kompakte Monster der Speicherkunst sind in fast jedem Raum platziert, in dem das Tauschgesch\u00e4ft der Werte herrscht, Werte, die zum Greifen nah und zum Greifen fern auf dich warten. Gezwungen solidarisch wartet die dahinter platzierte Schlange mit dir, bis die Ger\u00e4tem\u00e4use\u00a0 mit deiner Passwortzahl gef\u00fcttert signalisieren, dass Du zu jenen geh\u00f6rst, die diese M\u00e4use f\u00fcttern d\u00fcrfen. Du bezahlst den Rest Deiner beschleunigten Lebenserfordernisse mit Daumenstreicheln \u00fcber viele solcher \u00a0Ger\u00e4te. So klein sind einige, ein kleines geometrisches und an den Ecken leicht abgerundetes elektronisches Tier, die Handfl\u00e4che bedeckend. Lebendig an ihm ist die durch Deine K\u00f6rpern\u00e4he verursachte W\u00e4rme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen sind mit Fingern in der unermesslichen Welt unterwegs. Finger die tippen und wischen. Worte und Zahlen werden getippt, Bilder und bild\u00e4hnliche Erscheinungen auf den kleinen Displays werden gewischt, vor- und zur\u00fcckgewischt.\u00a0 Diese Wischvorg\u00e4nge suchen die Erinnerung zu provozieren oder diese auszul\u00f6schen. Manchmal kommt auch der Zahlenzeigefinger zum Einsatz, so, wenn wir in die Form der zweidimensionalen Kommunikation wechseln m\u00f6chten, und wir auch die Stimme zum Einsatz bringen m\u00f6chten. Dann halten wir das Ger\u00e4t an ein Ohr und sprechen in den Raum hinein, die Worte und Sprach- und Hintergrundger\u00e4usche aufgesogen durch ein kleines Loch, so winzig, dass nicht einmal eine Wanze hineinkriechen kann. Das f\u00e4ngt Sprechen und Gegensprechen auf und schickt es in alle Winkel dieser Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Du Fensterchenbediener mit ihren Handtellertierchen unterwegs beobachtest, stellst Du Dir vor, die Welt sei voller Unsichtbarkeiten. Besonders, was jede Auspr\u00e4gung von Pers\u00f6nlichkeiten betrifft, &#8211; sind wir nicht durch bildhaft geschaffene Tatsachen l\u00e4ngst bedeutungslos geworden? \u00a0Denn das Gegen\u00fcber, das wir vor uns haben, verbirgt seinen antastbaren Pixelcode im \u00c4ther. Die Orte, zwischen denen sie, diese kleinen Ger\u00e4te mit den beweglich bebilderten Fensterchen mit gekr\u00fcmmtem Daumen gestreichelt unterwegs sind, an denen das Wesen Mensch h\u00e4ngt, irgendwie immer h\u00e4ngt und wirklich so h\u00e4ngt, dass es Greifbares aufgeben w\u00fcrde, auch Liebensw\u00fcrdiges, Tr\u00f6stliches, Vertrautes, bevor es darauf verzichten w\u00fcrde f\u00fcr nur wenige Stunden, diese Orte, an denen sich die an den Handtellertierchen h\u00e4ngenden Wesen aufhalten und zunehmend weniger bewegen als vielmehr bewegt werden, \u00e4hneln einander zunehmend in ihren architektonischen und mentalen Strukturen. Sie sind bescheunigte Orte geworden, unzuverl\u00e4ssig einst, nun gesicherte Promenaden, Portale, B\u00fchnen und\u00a0 Auffanglager f\u00fcr Signale jeder Coll\u00f6r. Bald wird man diese beliebigen Zielorte blind in aller Welt betreten k\u00f6nnen. Auch, ohne sich von der Stelle zu r\u00fchren. Die bevorzugten Orte mit denselben Namen kannst Du \u00fcberall in der Welt aufsuchen, und dort \u00fcberall wird man dieselben Produkte mit den ihnen verbundenen Gesichtern, Spr\u00fcchen und Bewegungen finden, deren Erscheinungsformen und vertrauten Benennungen in den kleinen Fensterchen per Bildwechsel, Textrhythmik und regulierbaren Stimmchen angek\u00fcndigt werden. Jeder wei\u00df \u00fcber jeden, wo er sich befindet, auch, wenn er ihn nicht kennt. Meistens sitzen sie <em>irgendwo, <\/em>diese Fensterchenger\u00e4te mit der lebendigen Auspr\u00e4gung einer Autonompers\u00f6nlichkeit daran. Dieses Irgendwo markiert das Unterwegsbleiben, selbst, wenn wir zu Hause sind. Der Kopf ist angef\u00fcllt mit Millionen von Stationen zwischen winzigen Strecken ohne wirkliches Vorw\u00e4rtskommen mit einem Ziel im Blick. Vor vergr\u00f6\u00dferten Versionen dieser kleinen Ger\u00e4te an ihren Arbeitspl\u00e4tzen tauschen sie weithin &#8211; diesmal gekonnt alle zehn \u00a0Finger die Tasten ber\u00fchrend, Nachrichten, Stimmen und Konterfeis, unterbrochen von grellen Bildern und Stimmen, die neue Produktfavoriten ihrer gegenw\u00e4rtigen und kommenden Vorlieben auf rasend pulsierenden Oberfl\u00e4chen ank\u00fcndigen. In ihren Autos arbeiten ohne Deinen Einfluss l\u00e4ngst diese Fensterchen, sie arbeiten zu Hause in ihren Kellern, auf den Dachb\u00f6den, in Schlaf- und Kinderzimmern, Ab- und Abstellorten, in den meisten Innenwelten ihrer Benutzer. In L\u00e4den, Fabriken, in \u00a0allen Arbeits- und B\u00fcrogeb\u00e4uden, Zoos, Praxen, Museen, auf den Stra\u00dfen, Bahnh\u00f6fen und Flugh\u00e4fen. Ja, neuerdings auch in Schulen, Kinderg\u00e4rten und Tr\u00e4umen, strahlen vergr\u00f6\u00dferte Versionen mit wechselnden Bildern und Stimmen nach berechneten Wiederkehrrhythmen auf uns herab. Hier muss niemand sie bedienen, denn das sind Ger\u00e4te, die den Menschen selbst unmerklich zu einsamen Dienern ihrer favorisierten gegenw\u00e4rtigen und k\u00fcnftigen Produkte machen, mit denselben Namen und Aufdrucken, Verpackungen und Ger\u00fcchen in aller Welt, an jeden verborgenen und doch erreichbaren Ort, immer an derselben Stelle in der gro\u00dfen Ordnung der Zugriffsfberechnungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit Menschen \u2013 auf diese l\u00e4ngst unverzichtbare, unumkehrbar banale, Lebenszeit fressende Weise &#8211; \u00fcberleben k\u00f6nnen &#8211; wo sie auch immer in den Gro\u00dfst\u00e4dten, auf den Stra\u00dfen, im Dickicht scheinfremder Ausgesetztheit, in den Expressz\u00fcgen und Airlines unterwegs sind, mit denselben Vorlieben, Geschm\u00e4ckern und Mundger\u00fcchen, K\u00f6rperausd\u00fcnstungen- und Bedeckungen, mit denselben Daumen- und Zeigefingerbewegungen, schwinden die W\u00e4lder und nat\u00fcrlichen Gew\u00e4sser mit ihren Ufern und einst unkontrollierten Bewachungen und Bewohnern, den S\u00e4uge- Wild- und Weichtieren, mit den Vogel- K\u00e4fer- und Insektenwelten unter dem Geprassel von Giftfont\u00e4nen und im Sturzgewitterl\u00e4rm der Kettens\u00e4gen und Bagger, verschwinden unter einer alles befriedenden Decke aus gepresstem Giftstaub und Asphalt, \u00fcber die ihre vereinsamten Besitzer, in motionale Ganzk\u00f6rpermasken gepresst, in ferngesteuerten Kabinen ihrer l\u00e4ngst kalkulierten Aufl\u00f6sung entgegenjagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97863\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg 299w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz-160x135.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus fern, fern gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: <span class=\"_247o\" spellcheck=\"false\" data-offset-key=\"5kmn0-1-0\">Jan Kuhlbrodt<\/span> mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Menschen sind unterwegs. Zwischen zahllosen Orten der Welt unterwegs. 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