{"id":951,"date":"2003-12-14T00:01:23","date_gmt":"2003-12-13T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=951"},"modified":"2023-01-16T13:34:34","modified_gmt":"2023-01-16T12:34:34","slug":"fick-dich-ins-knie-melancholie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/14\/fick-dich-ins-knie-melancholie\/","title":{"rendered":"Fick dich ins Knie, Melancholie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Abend mit Gisbert zu Knyphausen und Band<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man geht hin mit den schlimmsten Bef\u00fcrchtungen und sie werden noch \u00fcbertroffen. Man erwartet eigentlich zu viel und wird doch nicht entt\u00e4uscht. Im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kalter Abend in Hamburg Ende Januar. Man hatte sich schon gefreut, noch einmal davongekommen zu sein, aber dann war er doch pl\u00f6tzlich da, der Wintereinbruch. Man hastet in den ausverkauften Club, wei\u00df ist der Atem vor dem Gesicht, trostlos leer die sonnt\u00e4gliche Stadt. Die passende Stimmung f\u00fcr ein Konzert des wohl gr\u00f6\u00dften und doch unpr\u00e4tenti\u00f6sesten Melancholikers im deutschen Sprachraum. Ein blonder Anfangdrei\u00dfiger, der Lieder singt \u00fcber gescheiterte Beziehungen oder solche, die es noch werden, dar\u00fcber, wie kompliziert das alles so sein kann und der damit einer ganzen z\u00f6gernden und hadernden Generation, die sich in Liebschaften verliert, nach Sicherheit sehnt und doch nie binden m\u00f6chte, die alles immer irgendwie schwierig findet, weil sie es sich schwer macht, aus dem Herzen spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gisbert, wie den Freiherrn seine Fans liebevoll nennen, ist ein zur\u00fcckhaltender junger Mann mit Gitarre und einer noch zur\u00fcckhaltenderen Band. Nach ein paar Liedern der wirklich guten Vorgruppe (daantje &amp; the golden handwerk), stilistisch artverwandt, kommt er auf die B\u00fchne, wuschelt sich immer mal wieder verlegen durch die Haare, verliert nicht viele Worte, wanzt sich nicht ans Publikum ran, wendet sich ernsthaft seiner Gitarre und der Musik zu. Und man merkt: In der Einfachheit liegt die Sch\u00f6nheit. Es braucht nicht mehr als einen Menschen, eine Gitarre, eine Stimme und ein paar ehrliche Worte. Und genau die sind Gisberts St\u00e4rke: Seine Texte zeugen von einer solchen Offenheit und Unmittelbarkeit, dass sie sofort ans Herz und an die Nieren gehen. Selten hat man jemanden gesehen, der jedes Wort, jede Zeile, jeden Akkord so aufrichtig meint und ernst nimmt. Ernst, aber beileibe nicht humor- oder ironiefrei. Pathos ist erlaubt, auf Klischees steht er sogar nach eigener Textaussage, der Freiherr, zumindest wei\u00df er mit ihnen zu flirten. Zielsicher und schlafwandlerisch umschifft er jede Seichtigkeit und Untiefe, f\u00fcrchtet sich auch nicht, die gro\u00dfe Geste lakonisch neben das kleine Detail zu stellen und bleibt bei all dem, klug, hintergr\u00fcndig und doch nicht verkopft, fern von jeder neudeutschen Betroffenheitspopsehnsuchtsdudelei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies vorgetragen mit einer Stimme, dr\u00e4ngend und eigen, doch klar und sch\u00f6n und einsam, oft durch den Raum hallend wie durch eine Kathedrale, sodass einem beim Zuh\u00f6ren manchmal der Atem wegbleibt. Ein Lob an dieser Stelle nicht nur f\u00fcr das gro\u00dfartige Live-K\u00f6nnen der Band, sondern auch f\u00fcr die sehr gute Soundtechnik. Um nichts fallen die Liveversionen der bekannten und geliebten Lieder gegen\u00fcber den perfekt eingespielten Albumperlen ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man wusste, worauf man sich einl\u00e4sst. Als empfindsame Seele hatte man sich mehrfach Gedanken gemacht, ob man das denn unbeschadet \u00fcberstehen w\u00fcrde, so einen ganzen Abend mit Gisbert. Wenn er einen schon auf Platte oder in YouTube-Videos zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt, wenn die Lieder so sch\u00f6n sind, dass sie schmerzen und eigentlich nicht so oft geh\u00f6rt werden d\u00fcrfen, weil sie allzu nahe gehen (das Damien-Rice-Ph\u00e4nomen), ist es dann nicht fahrl\u00e4ssig, das arme Herz solcherma\u00dfen den Angriffen der Melancholie auszuliefern? Man bef\u00fcrchtete das Schlimmste. Und es wurde best\u00e4tigt. Tr\u00e4nen str\u00f6mten, Kehlen schn\u00fcrten sich zu, Knie wurden weich und all das, was sonst noch so zur Pathologie der Betroffenheit dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und doch: Man verzweifelt nicht. Mit Gisbert umarmt man die Melancholie, l\u00e4sst sich tief hineinfallen und wei\u00df trotzdem jederzeit, dass es irgendwie schon werden wird. Auch er sch\u00fcttelt sich am Ende und schickt sie zum Teufel. Nicht nur Vers\u00f6hnlichkeit bleibt, sondern auch gute Laune: Gisbert kann n\u00e4mlich witzig und er kann auch rocken. Vor allem die Vorpremiere eines neuen St\u00fccks, das bald auf einer gemeinsam mit Nils Koppruch aufgenommenen CD erscheinen wird, hat es dem Publikum angetan. Man rieb sich die Augen und w\u00e4hnte f\u00fcr einen Moment ein paar deutsche Strokes vor sich zu haben. Weiter so und der Freiherr macht auch Kettcar und Olli Schulz ihre Fans endg\u00fcltig abspenstig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende entl\u00e4sst dich der nette Mensch mit der Gitarre, der leicht scheue Junge mit Wuschelhaaren, schiefem Grinsen und gebeugtem R\u00fccken, in die kalte Nacht Hamburgs. Und es ist eigentlich alles gar nicht so schlimm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Albers-e1520544429419.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-47075\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Albers-e1520544429419.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"299\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die\u00a0bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421 \u2013 Bestellungen \u00fcber: edition-das-labor@web.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Abend mit Gisbert zu Knyphausen und Band Man geht hin mit den schlimmsten Bef\u00fcrchtungen und sie werden noch \u00fcbertroffen. Man erwartet eigentlich zu viel und wird doch nicht entt\u00e4uscht. Im Gegenteil. Ein kalter Abend in Hamburg Ende Januar. 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