{"id":95052,"date":"2021-11-16T00:01:27","date_gmt":"2021-11-15T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=95052"},"modified":"2022-02-28T12:03:30","modified_gmt":"2022-02-28T11:03:30","slug":"archivrecherchen-in-berlin-und-riga","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/16\/archivrecherchen-in-berlin-und-riga\/","title":{"rendered":"Archivrecherchen in Berlin und Riga"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich auf die Suche nach Quellen monstr\u00f6ser nationalsozialistischer Mordtaten w\u00e4hrend der Zweiten Weltkriegs in Osteuropa begibt, der wird bereits nach der Lekt\u00fcre des Vorwortes von Prof. Sabine Schleiermacher hellwach. \u201eVolksdeutsches\u201c Selbstverst\u00e4ndnis, das mit der ethnischen Neuordnung Osteuropas verbunden war, milit\u00e4rische Zweckforschung in Verbindung mit dem auf Rassismus basierenden NS-Gesundheitssystem und eine Person namens Bernsdorff, die in einem Institut in Riga in den sp\u00e4ten 1930er und w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs ihre epidemischen \u201eForschungen\u201c durchf\u00fchrte \u2013 solche Themenfelder riefen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem das Interesse von Medizinhistorikern hervor. Uta von Arnim, praktizierende \u00c4rztin f\u00fcr Allgemeinmedizin, w\u00e4hlt in ihrer minuti\u00f6s dokumentierten Geschichte \u00fcber die Karriere von Herbert Bernsdorff, einen vielschichtigen Forschungsansatz. In ihrer Vorbemerkung zu ihrer Publikation (S. 10) stellt sie fest: \u201eMein Gro\u00dfvater hat weder Tageb\u00fccher noch Briefe hinterlassen. Ich habe sein Bild und das seines Instituts daher aus Dokumenten, B\u00fcchern, Interviews zusammengesetzt.\u201c Aus diesem Grund arbeitet sie mit Erz\u00e4hlstimmen, die <em>kursiv<\/em> im Text gesetzt und deren Quellen in \u00fcber 520 (!) Fu\u00dfnoten festgehalten sind. Deshalb seien, so U.v.A., diese Fu\u00dfnoten integraler Bestandteil des Flie\u00dftextes. Dar\u00fcber hinaus stammten Details \u201eaus Interviews mit Familienmitgliedern\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie multiperspektivisch die Autorin die Darlegung der Fakten pr\u00e4sentiert, verdeutlicht ihr Beschreibungsansatz im Prolog. Die einleitenden Zeitschienen 1968 \u2013 1997 &#8211; 2020 umfassen die fotografierten Blicke aus der Perspektive der damals vierj\u00e4hrigen Uta bei ihrem Geburtstag mit dem <em>sch\u00f6nen Opa, <\/em>in der Person von Herbert Bernsdorff; der Leichenschmaus 1997 nach dem Tod von Edda Berndorff, der Ehefrau von Herbert, in einem nieders\u00e4chsischen Dorf, in dem die Familie nach ihrer Flucht aus Lettland nach 1946 untergekommen ist, und das Jahr 2020 mit dem Stichwort \u201aArchiv\u2018, in dem eine Forschergruppe unter der Anleitung der Autorin nach \u201eden Indizien nicht verj\u00e4hrter Verbrechen\u201c sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden drei Kapiteln widmen sich unter I) der Geschichte des Kleistenhofs in der N\u00e4he von Riga; II) der Forschung 1941-1944 und III) den Nachforschungen 1944 \u2013 2020. Das Kapitel I dokumentiert die berufliche Laufbahn von Herbert Bernsdorff. Sie umfasst Medizinstudium in Dorpat, Milit\u00e4rarzt im Ersten Weltkrieg, T\u00e4tigkeit als Arzt f\u00fcr Allgemeinmedizin in Riga, die \u00dcbernahme seiner ersten politischen F\u00fchrungsposition als Beauftragter des <em>Reichs\u00e4rztef\u00fchrer f\u00fcr die Alten, Kranken und Siechen<\/em> im September 1941, zu einem Zeitpunkt, als Hitler 60 000 Baltendeutsche zwecks Umsiedlung in das besetzte Polen, also ins \u201eReich\u201c, heimholen l\u00e4sst. Im Zuge dieser Umsiedlungsaktion lenkt Bernsdorff auch die Transporte der sog. Geisteskranken in die Vernichtungslager. Seine Hauptt\u00e4tigkeit besteht in der Koordinierung von Ma\u00dfnahmen, die seit 1941 u.a. in der Fleckfieberforschung vornehmlich zum Schutz der deutschen Bev\u00f6lkerung aufgenommen wurden. Sie wird, administriert von Herbert Bernsdorff im Kleistenhof angesiedelt, und umfasst die skrupellose Benutzung von j\u00fcdischen H\u00e4ftlingen aus dem Rigaer Ghetto als Versuchskarnickel f\u00fcr die Erforschung der \u00a0epidemischen Verbreitung des Fleckfiebers unter russischen Kriegsgefangenen und Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen. Parallel zu dieser Darstellung der reichsdeutschen \u201eForschungsarbeit\u201c bewertet die Autorin auch die lettische medizinische Forschung, die nach 1941 weitgehend unter der NS-Obhut ablief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zeichnet diese Forschungsarbeit dadurch aus, dass auch die m\u00fchsamen Archivarbeiten unter Angabe des Zeitraums \u201a2020\u2018 in den Blick genommen werden. Mit einer gewissen Einschr\u00e4nkung: Die st\u00e4ndigen Zeitspr\u00fcnge zwischen historischen Abl\u00e4ufen, minuti\u00f6sen Darlegungen der Impfstoff-Forschung, Berichten \u00fcber das Archivmaterial zur Beschlagnahmung j\u00fcdischen Eigentums durch die Nazis verwirren zuweilen! Erst die Einsichtnahme in die sorgf\u00e4ltigen Quellennachweise (S. 170-239) und die Verweise auf die Publikationen von zwei betroffenen j\u00fcdischen Zwangsarbeitern und Zeitzeugen (Percy Gurwitz, Semyon Peyros) verdeutlichen die tiefsch\u00fcrfende wissenschaftliche Dimension dieser Untersuchung. Eingeschlossen in diese Wertung ist auch das Kapitel \u201aNachforschungen\u2018. Es b\u00fcndelt die \u00a0Erinnerungen von Edda und Herbert Bernsdorffs Flucht aus dem Baltikum nach Niedersachsen, die verz\u00f6gerte Nachforschung zu den Verbrechen der Nazi-T\u00e4ter durch die bundesdeutschen Beh\u00f6rden und die Auflistung von monstr\u00f6sen nationalsozialistischen Mordtaten. Auch Bernsdorffs Name taucht in den Listen des N\u00fcrnberger \u00c4rzteprozesses im Jahre 1946 auf. Aber erst 1969 sollte gegen ihn ermittelt werden. Da war er schon nicht mehr am Leben! Und die forschende Autorin, die so unerm\u00fcdlich den Verbrechen auch ihrer nahen Verwandten nachgegangen ist? Sie kommt aus dem Archiv und registriert: \u201eIch ertrage die immer neuen Varianten der Grausamkeit nicht mehr!\u201c (S. 122)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese hoch zu lobende Dokumentation wird in die Aufdeckungsgeschichte der Nazi-Verbrechen in Lettland am Beispiel einer Familiengeschichte ebenso eingehen wie sie zu einer Aufkl\u00e4rung der Rolle der Baltendeutschen zwischen 1919 und 1944 beitragen wird. Sie liefert damit einen Beitrag zur Deutung der Banalit\u00e4t des B\u00f6sen in der nationalsozialistischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-95053\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Riga_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"266\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Riga_Cover.jpg 163w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Riga_Cover-160x261.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 163px) 100vw, 163px\" \/><strong>Das Institut in Riga<\/strong>. Die Geschichte eines NS-Arztes und seiner \u201eForschung\u201c. Eine Spurensuche von Uta von Arnim. Z\u00fcrich-M\u00fcnchen (Nagel &amp; Kimche ) 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer sich auf die Suche nach Quellen monstr\u00f6ser nationalsozialistischer Mordtaten w\u00e4hrend der Zweiten Weltkriegs in Osteuropa begibt, der wird bereits nach der Lekt\u00fcre des Vorwortes von Prof. Sabine Schleiermacher hellwach. \u201eVolksdeutsches\u201c Selbstverst\u00e4ndnis, das mit der ethnischen Neuordnung Osteuropas verbunden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/16\/archivrecherchen-in-berlin-und-riga\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1158],"class_list":["post-95052","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95052","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95052"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95052\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101189,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95052\/revisions\/101189"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95052"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95052"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95052"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}