{"id":94747,"date":"1995-11-25T00:01:26","date_gmt":"1995-11-24T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94747"},"modified":"2021-11-07T08:12:51","modified_gmt":"2021-11-07T07:12:51","slug":"der-friedhof-am-meer-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/11\/25\/der-friedhof-am-meer-iii\/","title":{"rendered":"DER FRIEDHOF AM MEER &#8211; III"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie sind zergangen in des Nicht-Seins Dichte.<br \/>\nDie rote Erde trank das Andre, Lichte,<br \/>\ndas Leben wei\u00df, da\u00df es in Blumen soll!<br \/>\nWo sind die Worte, die den Toten fehlen,<br \/>\nwo ihre K\u00fcnste, die besondren Seelen?<br \/>\nDie Larve spinnt, wo einst die Tr\u00e4ne quoll.<\/p>\n<p>Der M\u00e4dchen Schrei und Kitzligsein der Glieder,<br \/>\ndie Augen, Z\u00e4hne, feuchte Augenlider,<br \/>\ndie s\u00fc\u00dfe Brust, die gl\u00fcht und sich erfrischt,<br \/>\ndas Blut, das gl\u00e4nzt in Lippen, die sich geben,<br \/>\nund Finger, die sich vor das Letzte heben, &#8211;<br \/>\nhinab mit allem und ins Spiel gemischt!<\/p>\n<p>Gro\u00dfartige Seele, hoffst du noch, dir f\u00fcge<br \/>\nsich eines, das nicht Farben dieser L\u00fcge<br \/>\nbes\u00e4\u00dfe, die hier Gold und Woge leihn?<br \/>\nWirst du noch singen, an die Luft verloren?<br \/>\nGeh, alles flieht! Mein Dasein ist voll Poren,<br \/>\nund auch die heilige Ungeduld geht ein!<\/p>\n<p>Schwarz-goldnes Zerrbild der Unsterblichkeiten,<br \/>\nmag uns die schn\u00f6de Tr\u00f6sterin bereiten<br \/>\nden Tod zum Mutterschoo\u00dfe unsres Sinns, &#8211;<br \/>\no sch\u00f6ne L\u00fcge, listig frommes Steigern!<br \/>\nWer kennt sie nicht und mu\u00df sie nicht verweigern,<br \/>\nden Sch\u00e4del und sein ewiges Gegrins?<\/p>\n<p>Die tiefen V\u00e4ter, K\u00f6pfe ohne G\u00e4ste,<br \/>\ndie das Gewicht von so viel Schaufeln pre\u00dfte,<br \/>\nnur wie auf Staub wirkt unser Schritt auf sie, &#8211;<br \/>\nder Wurm, dem keiner widerspricht, der Nager,<br \/>\nist nicht f\u00fcr euch und euer Grab und Lager,<br \/>\ner lebt vom Leben, er verl\u00e4\u00dft mich nie!<\/p>\n<p>Die Liebe zu mir selber &#8211; oder Hassen?<br \/>\nIhr Zahn greift tief und wei\u00df so nah zu fassen,<br \/>\nda\u00df ihm kein Name wirklich widerstrebt!<br \/>\nDiesem Gef\u00fchl -: es sieht, es will, es nimmt mich!<br \/>\nIhm schmeckt mein Fleisch, und selbst mein Bett bestimmt mich<br \/>\nlebendig ihm, das immer von mir lebt!<\/p>\n<p>Grausamer Zeno, Zeno, deine Worte!<br \/>\nOb mich am Ende jener Pfeil durchbohrte,<br \/>\nder schwirrt und fliegt und doch nicht fliegt zuletzt?<br \/>\nDer Ton gebiert -, der Pfeil will mich bestatten!<br \/>\nAch, Sonne, ach! Und da &#8230; Schildkr\u00f6tenschatten,<br \/>\nAchilleus, unbeweglich und gehetzt!<\/p>\n<p>Nein, nein!&#8230; Auf, auf! Ins gro\u00dfe Nacheinander!&#8230;<br \/>\nNicht denken, Leib, &#8211; ergib dich dem Gewander, &#8211;<br \/>\ntrink, meine Brust, den Wind, der aus sich dringt!<br \/>\nDas weht vom Meer, und in dem Wehn enthalten<br \/>\nist meine Seele &#8230; Salzige Gewalten!&#8230;<br \/>\nZur Welle hin, aus der man lebend springt!<\/p>\n<p>Ja, Meer! du gro\u00dfes, dein ist alles W\u00fcten,<br \/>\ndu Pantherfell, du Mantel, drin die Mythen<br \/>\nder Sonne flimmern, tausende vielleicht &#8211; ,<br \/>\nvon Bl\u00e4ue trunkne, unbeschr\u00e4nkte Schlange,<br \/>\ndie sucht, wie sie ihr eignes Glei\u00dfen fange<br \/>\nin einem Aufruhr, der der Ruhe gleicht.<\/p>\n<p>Der Wind erhebt sich! Leben: ich versuch es!<br \/>\nRiesige Luft im Bl\u00e4ttern meines Buches,<br \/>\nund Wasser, dort zu Staub zersplittert sichs!<br \/>\nIhr Seiten fliegt begl\u00e4nzt aus meinem Schoo\u00dfe,<br \/>\nund Woge, du! mit frohem Wellensto\u00dfe,<br \/>\ndas Dach unter dem Kl\u00fcverschwarm &#8211; , zerbrichs!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte von Paul Val\u00e9ry, \u00fcbertragen durch Rainer Maria Rilke. Weimar: Cranach Presse f\u00fcr Leipzig: Insel-Verlag, 1925.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-94716 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg\" alt=\"\" width=\"175\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg 175w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-160x274.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover.jpg 279w\" sizes=\"auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>KUNO dokumentiert den Beginn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/07\/20\/eine-wahlverwandtschaft\/\">Wahlverwandtschaft<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie sind zergangen in des Nicht-Seins Dichte. Die rote Erde trank das Andre, Lichte, das Leben wei\u00df, da\u00df es in Blumen soll! Wo sind die Worte, die den Toten fehlen, wo ihre K\u00fcnste, die besondren Seelen? Die Larve spinnt,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/11\/25\/der-friedhof-am-meer-iii\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":236,"featured_media":94716,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1026],"class_list":["post-94747","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-paul-valery"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/236"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=94747"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94747\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=94747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=94747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=94747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}