{"id":94725,"date":"2005-10-30T00:01:49","date_gmt":"2005-10-29T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94725"},"modified":"2021-11-07T07:08:51","modified_gmt":"2021-11-07T06:08:51","slug":"morgenroete-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/30\/morgenroete-2\/","title":{"rendered":"MORGENR\u00d6TE"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das m\u00fcrrische Verw\u00fcsten,<br \/>\ndas mir gedient als Schlaf,<br \/>\nzerstreut sich bei der fr\u00fchsten<br \/>\nR\u00f6te, die mich traf.<br \/>\nIn meine Seele dringe<br \/>\nich auf des Zutrauns Schwinge:<br \/>\nDas ist mein Fr\u00fchgebet!<br \/>\nDem Sande kaum entglitten,<br \/>\nin meines Verstandes Schritten<br \/>\nwie herrlich es sich geht.<\/p>\n<p>Gru\u00df, ihr, noch Schlafbereiten,<br \/>\nan eures L\u00e4chelns Paar,<br \/>\nvertraute \u00c4hnlichkeiten<br \/>\nunter der Worte Schar.<br \/>\nWenn erst die Bienen l\u00e4rmen,<br \/>\nso fang ich euch in Schw\u00e4rmen,<br \/>\nschon hat meine Vorsicht jetzt<br \/>\nauf die Sprosse der goldenen Leiter,<br \/>\ndie leise erzittert, heiter<br \/>\nden wei\u00dfen Fu\u00df gesetzt.<\/p>\n<p>Welches Fr\u00fchrot \u00fcber den R\u00fccken,<br \/>\ndie ein Fr\u00f6steln \u00fcberlief?<br \/>\nEin Strecken und ein B\u00fccken,<br \/>\nwo eben noch alles schlief:<br \/>\nDie g\u00e4hnt noch, die, ganz Flamme,<br \/>\nlangt nach dem Schildpattkamme<br \/>\nmit Fingern, die sie nicht lenkt,<br \/>\nnoch nah an des Traumes Wende,<br \/>\nkn\u00fcpft sie tr\u00e4ge sein Ende<br \/>\nan die Stimme, die vorbedenkt.<\/p>\n<p>Seid ihr das, ihr Halberwachten!<br \/>\nWas war diese Nacht euer Tun?<br \/>\nIdeen, die Leere verachten,<br \/>\nund stark sind, bei jedem zu ruhn?<br \/>\nStets brav ist, was wir taten,<br \/>\nunsterblich verweilend verraten<br \/>\nwir niemals dein Dach, und hier<br \/>\nwar keine von uns am Entrinnen,<br \/>\nwir sind die heimlichen Spinnen<br \/>\ninnen im Dunkel in dir!<\/p>\n<p>Und bist du nicht vor Gl\u00fcck<br \/>\ntrunken! von allen den Sonnen,<br \/>\ndie das Gewebe zur\u00fcck<br \/>\nwirft, das dein R\u00e4tsel umsponnen?<br \/>\nSieh zu, was wir leise dir schafften,<br \/>\nwie die einfachen F\u00e4den haften<br \/>\nan deines Abgrunds Rand,<br \/>\nund schon lie\u00df die Natur sich verleiten,<br \/>\nunser bebendes Vorbereiten<br \/>\nhat sie mit Netzen umspannt&#8230;<\/p>\n<p>Ihr geistig leichtes Gespinne,<br \/>\nich stie\u00df daran und durchdrangs<br \/>\nund suche im Wald meiner Sinne<br \/>\nden Ansatz meines Gesangs.<br \/>\nSein!.. .Weitestes aller Geh\u00f6re!<br \/>\nAls ob sich die Seele verl\u00f6re<br \/>\nund w\u00e4re nur Sehnsucht schon &#8230;<br \/>\nSie vernimmt ihr eigenes Beben,<br \/>\nund manchmal, scheint es, geben<br \/>\ndie Lippen denselben Ton.<\/p>\n<p>Spaliere meiner Spiele,<br \/>\nmein schattiges Weingewind!<br \/>\nDer Bilder sind so viele,<br \/>\nals Blicke in mir sind &#8230;<br \/>\nVon jedem Blatte schnellen<br \/>\nmir zugeneigte Quellen,<br \/>\nich trink ihr Ger\u00e4usch von fern &#8230;<br \/>\nWas ist mir nicht Mark und Mandel,<br \/>\nmich hei\u00dft jeder Kelch seinen Wandel<br \/>\nerwarten zum vollen Kern.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte nicht Dornen im Laube!<br \/>\nErwachen ist gut, selbst hart!<br \/>\nEs gibt bei so reinem Raube<br \/>\nkeine sichere Gegenwart:<br \/>\neine Welt an sich zu rei\u00dfen<br \/>\nkann nur so sich verwunden hei\u00dfen,<br \/>\nda\u00df, wer sie an sich ri\u00df,<br \/>\neine fruchtbare Wunde gew\u00e4nne,<br \/>\nwenn das eigene Blut nicht ranne,<br \/>\nnie war der Besitz gewi\u00df.<\/p>\n<p>Ich nahe dem unsichtbaren<br \/>\nWeiher, und drinnen schwimmt<br \/>\nmeine Hoffnung, getragen vom Klaren,<br \/>\ndas sie bei den Br\u00fcsten nimmt.<br \/>\nIhr Hals reicht in schwankende Zeiten<br \/>\nund l\u00e4\u00dft in der Flut jenes Gleiten,<br \/>\ndas ein herrlicher Hals schafft, entstehn &#8230;<br \/>\nSie f\u00fchlt unter ebener Gl\u00e4tte,<br \/>\nda\u00df die Tiefe kein Ende h\u00e4tte,<br \/>\nund schauert herauf von den Zeh\u2019n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte von Paul Val\u00e9ry, \u00fcbertragen durch Rainer Maria Rilke. Weimar: Cranach Presse f\u00fcr Leipzig: Insel-Verlag, 1925.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-94716 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg\" alt=\"\" width=\"175\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg 175w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-160x274.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover.jpg 279w\" sizes=\"auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>KUNO dokumentiert den Beginn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/07\/20\/eine-wahlverwandtschaft\/\">Wahlverwandtschaft<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das m\u00fcrrische Verw\u00fcsten, das mir gedient als Schlaf, zerstreut sich bei der fr\u00fchsten R\u00f6te, die mich traf. In meine Seele dringe ich auf des Zutrauns Schwinge: Das ist mein Fr\u00fchgebet! Dem Sande kaum entglitten, in meines Verstandes Schritten wie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/30\/morgenroete-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":236,"featured_media":94716,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1026],"class_list":["post-94725","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-paul-valery"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94725","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/236"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=94725"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94725\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=94725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=94725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=94725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}