{"id":94718,"date":"1995-10-30T00:01:37","date_gmt":"1995-10-29T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94718"},"modified":"2021-11-07T07:06:39","modified_gmt":"2021-11-07T06:06:39","slug":"an-die-platane","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/30\/an-die-platane\/","title":{"rendered":"AN DIE PLATANE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Werner Reinhart<\/i><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><i>dem gastlichsten Freunde<\/i><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><i>R.M.R.<\/i><\/span><\/p>\n<p>Geneigt, gro\u00dfe Platane, bietest du dich nackt,<br \/>\nwei\u00df, wie ein junger Skythe,<br \/>\ndoch deine Reinheit stockt, dein Fu\u00df ist fest gepackt<br \/>\nvom herrischen Gebiete.<\/p>\n<p>Klingender Schatten, drin des gleichen Himmels Blau<br \/>\nsich stillt, das dich erregte,<br \/>\ndie schwarze Mutter h\u00e4lt den reinen Fu\u00df genau,<br \/>\nauf den der Schlamm sich legte.<\/p>\n<p>Die Stirn, die wandern will, nimmt nie ein Wind dir mit;<br \/>\nder Erde sanfte T\u00fccke<br \/>\nl\u00e4\u00dft niemals zu, da\u00df \u00fcber einen Schritt<br \/>\ndein Schatten sich entz\u00fccke!<\/p>\n<p>Sie zieht nur, diese Stirn, indem sie steigt ins Licht,<br \/>\nwohin der Saft sich steigert;<br \/>\nso nimmst du, Reinheit, zu und brichst den Knoten nicht<br \/>\nder Bindung, die sich weigert!<\/p>\n<p>Sieh die Lebendigen rings, die so wie dich im Zaum<br \/>\nh\u00e4lt die erlauchte Schlange;<br \/>\nSteineiche, Pinie, Pappel und Ahornbaum,<br \/>\nsie z\u00e4hlen w\u00e4hrte lange,<\/p>\n<p>die, in der Toten Griff, mit auf gestr\u00e4hntem Fu\u00df<br \/>\nden tauben Staub umfassen<br \/>\nund f\u00fchlen, wie ein Bl\u00fchn, ein Samenflug im Flu\u00df<br \/>\nder Zeit sie leicht verlassen.<\/p>\n<p>Die Espe da, und dort vier Fraun im Buchenstamm,<br \/>\ndie man gut unterscheidet,<br \/>\nsie rudern aussichtslos wider den Himmelsdamm,<br \/>\nmit Rudern ganz umkleidet.<\/p>\n<p>So leben sie getrennt und weinen dumpf vereint<br \/>\nim gleichen Sich-nicht-kennen,<br \/>\nund wie umsonst der Silberglieder Spaltung scheint,<br \/>\nwo sie sich leise trennen.<\/p>\n<p>Steigt abends dann ihr Hauch zu Aphroditen hin<br \/>\naus ihrer Seele L\u00e4hmung,<br \/>\nso setzt sich, sehr erschreckt und still, die J\u00fcnglingin,<br \/>\nganz gl\u00fchend von Besch\u00e4mung.<\/p>\n<p>Ein Vorgef\u00fchl entsteht, das z\u00e4rtlich an ihr zehrt,<br \/>\nund macht sie fast zunichte,<br \/>\nwie wenn ein naher Leib sich zu der Zukunft kehrt<br \/>\nmit neuem Angesichte &#8230;<\/p>\n<p>Doch du mit Armen, rein und freier von dem Tier,<br \/>\ndie sich ins Gold erheben,<br \/>\nder du bei Tag das Bild der Tr\u00e4ume bist, die ihr<br \/>\nGeheimnis nachts dir geben,<\/p>\n<p>thronender \u00dcberflu\u00df von Bl\u00e4ttern, stolzer Streit,<br \/>\nwenn Nordwind dr\u00f6hnt, der scharfe,<br \/>\nund junger Winterhimmel hoch im Gold sein Leid<br \/>\nin der Platane Harfe<\/p>\n<p>wagt auszuschrein!&#8230; Du mu\u00dft, du Leib, der weich sich wehrt,<br \/>\ndich winden und entwinden,<br \/>\nund klagen ohne Bruch, da\u00df zu den Winden kehrt<br \/>\ndie Stimme, die sie finden!<\/p>\n<p>Schlag dich mit Gei\u00dfeln, bis die Marter hei\u00df dich brennt,<br \/>\ndie selbst dir angetane,<br \/>\nund wehr der Flamme, die sich nicht vom Spane trennt,<br \/>\ndie R\u00fcckkehr zu dem Spane!<\/p>\n<p>Damit die Hymne steigt zu k\u00fcnftiger V\u00f6gel Flug,<br \/>\nund in dem ganzen Stamme<br \/>\nReinheit der Seele zittre, weil er dies ertrug<br \/>\nund tr\u00e4umte, da\u00df er flamme.<\/p>\n<p>Dich hab ich auserw\u00e4hlt, Gestalt in einem Park,<br \/>\ntrunken von deinem Wogen,<br \/>\nweil dich der Himmel biegt, bis eine Sprache stark<br \/>\naus dir entspringt, o Bogen!<\/p>\n<p>O, da\u00df verliebt wie sonst die Dryas dich ber\u00fchrt,<br \/>\ndem Dichter nur gel\u00e4nge,<br \/>\nda\u00df er die Schenkelkraft, wie man ein Pferd versp\u00fcrt,<br \/>\nan deine Gl\u00e4tte dr\u00e4nge!<\/p>\n<p>Nein, sagt der Baum, sagt nein, im Glanz des Bl\u00e4tterschwalls<br \/>\nsein hohes Haupt bewegend,<br \/>\nmit dem der Sturm im All nicht anders umgeht als<br \/>\nmit jedem Gras der Gegend!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte von Paul Val\u00e9ry, \u00fcbertragen durch Rainer Maria Rilke. Weimar: Cranach Presse f\u00fcr Leipzig: Insel-Verlag, 1925.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-94716 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg\" alt=\"\" width=\"175\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg 175w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-160x274.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover.jpg 279w\" sizes=\"auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>KUNO dokumentiert den Beginn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/07\/20\/eine-wahlverwandtschaft\/\">Wahlverwandtschaft<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Reinhart dem gastlichsten Freunde R.M.R. 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