{"id":94563,"date":"1995-07-20T00:01:08","date_gmt":"1995-07-19T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94563"},"modified":"2025-12-03T04:39:27","modified_gmt":"2025-12-03T03:39:27","slug":"eine-wahlverwandtschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/07\/20\/eine-wahlverwandtschaft\/","title":{"rendered":"Eine Wahlverwandtschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nichts ist wertvoller als Vertreter dieser seltenen Gattung, in denen man die Repra\u0308sentanten eines zuku\u0308nftigen Zeitalters sehen darf.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">(aus: Paul Vale\u0301ry u\u0308ber Rilke, Paris 1927)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kontakt zwischen den beiden ging zuna\u0308chst von Rilke als hervorragendem Kenner der franzo\u0308sischen Sprache, Literatur und Kunst aus. Rilke u\u0308bertrug ab 1921 eine Reihe von Vale\u0301rys Schriften ins Deutsche. Vale\u0301ry, der selbst des Deutschen nicht ma\u0308chtig war, fand den Zugang zu Rilke u\u0308ber ihm nahestehende Freunde &#8211; wie den Schriftsteller Andre\u0301 Gide und die Dichterin Cathe\u0301rine Pozzi &#8211; vor allem aber u\u0308ber die perso\u0308nliche Begegnungen mit Rilke und dessen Gedichte in franzo\u0308sischer Sprache. So kam es zu dieser nicht nur fu\u0308r das deutsch- franzo\u0308sische, sondern auch fu\u0308r das europa\u0308ische Kulturleben bis heute an- und aufregende Beziehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dies stille Dach, auf dem sich Tauben finden, <\/em><em><br \/>\nscheint Grab und Pinie schwingend zu verbinden.<br \/>\nGerechter Mittag \u00fcberflammt es nun.<br \/>\nDas Meer, das Meer, ein immer neues Schenken!<br \/>\nO, die Belohnung, nach dem langen Denken<br \/>\nein langes Hinschaun auf der G\u00f6tter Ruhn!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist der Beginn eines der ber\u00fchmtesten Gedichte von Paul Val\u00e9ry, \u00fcbersetzt von Rainer Maria Rilke, und hier ist alles enthalten, was diesen repr\u00e4sentativen Schriftsteller ausmacht: die Verbindung von Gef\u00fchl und Verstand, von Traum und Wissenschaft. Darum hat dieser Dichter zeit seines Lebens gerungen, aber es geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen Geheimnissen seines 74-j\u00e4hrigen Lebens, dass er nur in zwei kurzen Phasen \u00fcberhaupt Gedichte geschrieben hat: einmal als knapp Zwanzigj\u00e4hriger, das andere Mal w\u00e4hrend und nach dem Ersten Weltkrieg, in einem rauschhaften Schub nach einer fast zwanzigj\u00e4hrigen Pause. Geheimnisse gibt es viele im Leben von Paul Val\u00e9ry \u2013 es sind vor allem innere Geheimnisse, denen man kaum auf die Spur kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Val\u00e9ry war auf der Suche nach dem reinen Geist. Zu Lebzeiten galt er als gr\u00f6\u00dfter franz\u00f6sischer Lyriker seiner Zeit. Durch seine \u201ekristalline Dichtung\u201c suchte er einen von Gef\u00fchlen ungest\u00f6rten \u201ereinen Geist\u201c. Sein eigentliches Hauptwerk sind aber die postum ver\u00f6ffentlichten Cahiers. Fast t\u00e4glich und \u00fcber ein halbes Jahrhundert lang begann er jeden Morgen damit, dass er sich in seine <em>Denkhefte<\/em> Notizen, Beobachtungen und Einf\u00e4lle notierte. Sie sind ein einzigartiges Denklaboratorium des modernen Menschen und nicht nur ein Paradebeispiel lebensphilosophischer Selbsttherapie, sondern eine Antwort auf die gro\u00dfe Frage: \u00bbWas kann ein Mensch?\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichte von Paul Val\u00e9ry, \u00fcbertragen durch Rainer Maria Rilke. Weimar: Cranach Presse f\u00fcr Leipzig: Insel-Verlag, 1925.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-94716 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg\" alt=\"\" width=\"175\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-175x300.jpg 175w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover-160x274.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/07\/Vale\u0301ry_Cover.jpg 279w\" sizes=\"auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192\u00a0 Lyrik lotet das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen aus. Dies versucht auch ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/01\/ein-leben-ohne-poesie-waere-moeglich-jedoch-sinnlos\/\">Essay<\/a> zum Beginn des Lyrikjahres 2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts ist wertvoller als Vertreter dieser seltenen Gattung, in denen man die Repra\u0308sentanten eines zuku\u0308nftigen Zeitalters sehen darf. 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