{"id":94010,"date":"2001-12-25T00:01:49","date_gmt":"2001-12-24T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94010"},"modified":"2021-10-29T15:31:53","modified_gmt":"2021-10-29T13:31:53","slug":"leidenschaftliche-hingabe-als-akt-der-selbstvernichtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/25\/leidenschaftliche-hingabe-als-akt-der-selbstvernichtung\/","title":{"rendered":"Leidenschaftliche Hingabe als Akt der Selbstvernichtung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magische \u00d6ffnung des Blicks. Giancarlo sah den Weg zur Schleuse mit der Gleichm\u00fctigkeit eines Melancholikers hinauf, der die Ziellosigkeit zum Lebenssinn erkl\u00e4rt hat. Hielt ihm der schwarze Engel ein flammendes Schwert entgegen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwarze Witwe und der Falls\u00fcchtige, kommunizierend \u00fcber magische Kan\u00e4le am Schnittpunkt im Endlichen. Sie hatte das bestimmte Gef\u00fchl, er k\u00f6nne ihre Gedanken lesen, streifte alle Hemmungen ab, lebte ihre antizivilisatorische Wut, f\u00fchlte eine Sehnsucht nach Unbedingtheit und existenziellen Grenzerfahrungen. Sein halluzinatorischer Anfall stand dem Tod in mystischer Verbundenheit gegen\u00fcber. Das st\u00e4rkste F\u00fchlen des Lebens, das nicht mehr das Leben selber f\u00fchlt, sondern seinen Sinn, dem zusammenflie\u00dfen mit der h\u00f6chsten Synthese.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein\u2026\u201c, schoss es Giancarlo durch den Kopf, \u201e\u2026ist es irrwitzig, das Denken zu hinterdenken.\u201c Er trat einem Kind auf die F\u00fc\u00dfe. In den Augen sah er blankes Entsetzen. Er torkelte weiter. Versp\u00fcrte unb\u00e4ndige Angst. Sie machte ihn willenlos. G\u00fcterz\u00fcge in seinem Sch\u00e4del\u2026 abrupt setzte sich in seinem Sch\u00e4del die E\u2013Lok in Bewegung. In seiner Vorstellung \u00fcberrollten ihn die Waggons. Er versuchte, sie zu z\u00e4hlen, 10\u2026 9\u2026 8\u2026 Mit der Wucht eines Anfalls setzte sein Gehirn die sieben aus. Slight return; Peilung ewige Wiederkehr. Giancarlo fragte sich, ob sein Gehirn noch f\u00e4hig war, sich selbst zu erkennen, was in seinem Kopf geschah, wie Bewusstsein die Vorstellung seines Ich generierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNon sono mica scemo\u00ab, fluchte er vor sich hin. Drehte sich von Jacqueline weg, sie griff instinktiv nach seiner Hand, dr\u00fcckte sie sanft. Mit einem Mal bewegten sie sich so schnell, dass sie von den Umstehenden nicht mehr wahrgenommen wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDeine Augen blicken mich an. M\u00fcde, hundem\u00fcde von der Zeit. Du bist m\u00fcrbe. Es ist soweit. \u00dcber diese Grenze hinweg zwischen Angst und Lust. Sieh das Klappmesser. Es liegt auf meinem Handteller\u00ab, hauchte sie ein oszillierendes Psychogramm in das Ohr eines ausgebrannten und leer gearbeiteten Menschen, der v\u00f6llig verlernt hat wie man eigentlich lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sinnliche \u00dcberrumpelung. Sie setzte sich auf seinen Schoss. Rieb langsam ihren Po an seinem Pint. Machte ihn hemmungslos geil. Zippte den Verschluss seiner Hose. Hob ihr Kleid. Schob ihren Slip beiseite. Setzte sich. Senkte sich langsam auf und ab. Leidenschaftliche Hingabe als Akt der Selbstvernichtung. Ihm blieb der Atem stehen. Karpfengleich schnappte er nach Luft. Langsam schaukelten sie sich dem Siedepunkt entgegen. Kamen in stummer Zweisamkeit zum Styx. Jacqueline stiess zu, traf eine Herzkammer. Giancarlo schrie den letzten und verzweifelten Schrei eines Sterbenden. Sie sog ihn ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00fcstere Glut des Mordens. In Zeitlupe sah er das Messer in seinen Brustkorb eindringen. Synchron explodierte das Feuerwerk \u00fcber ihren K\u00f6pfen. B\u00f6llersch\u00fcsse, Laserstrahlen. Schlagartig wurde die Kirmes dunkel. Das Feuerwerk spiegelte sich im Kanal. Die Betreiber schalteten das Licht aus. Drehten die Musik leiser. Giancarlos Netzhaut verwandelte das Bild in ein Erregungsmuster. Sein visuelles Verarbeitungssystem nahm Gegenst\u00e4nde noch wahr\u2026 die Verbindung zu den Ged\u00e4chtnisinhalten war gest\u00f6rt. Sein Ende wurde zum Blick ins Leere seiner eigenen Seele. Eine Fledermaus flatterte davon. Au\u00dferirdische zogen ihre Umlaufbahnen mit sanften Fl\u00fcgelschl\u00e4gen \u00fcber seinem Kopf. Wei\u00dfe Sterne stoben auseinander. Farbiger Glitzerregen perlte konzentrisch aus den Wolken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Magische \u00d6ffnung des Blicks. Giancarlo sah den Weg zur Schleuse mit der Gleichm\u00fctigkeit eines Melancholikers hinauf, der die Ziellosigkeit zum Lebenssinn erkl\u00e4rt hat. Hielt ihm der schwarze Engel ein flammendes Schwert entgegen? 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