{"id":94007,"date":"2001-12-22T00:01:35","date_gmt":"2001-12-21T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94007"},"modified":"2021-10-29T15:28:40","modified_gmt":"2021-10-29T13:28:40","slug":"magnetisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/22\/magnetisch\/","title":{"rendered":"Magnetisch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alleingelassen in der Zelle der Erinnerung. Mae sah auf, als sie Schritte auf dem Boden sp\u00fcrte. Vor ihr stand so pl\u00f6tzlich eine Frau mit langen schwarzen Haaren, dass sie unwillk\u00fcrlich an die Geistergeschichten denken musste, die man ihr als kleines M\u00e4dchen erz\u00e4hlt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier liegt mein toter Hund\u00ab, rutschte ihr heraus. Machte mit den H\u00e4nden eine abwehrende Bewegung. Sie wollte allein sein, sich selbst in einer Meditation ausl\u00f6schen, da der Tod kein Interesse an ihr hatte. Jacqueline wollte passieren, f\u00fchlte sich in Erinnerungspolaroids ertappt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch hab&#8216; daheim ein Kaninchen\u2026\u00ab, versuchte Jacqueline Verantwortung abzusch\u00fctteln, \u00bbes hat seidiges wei\u00dfes Fell!\u00ab Sie setzte sich neben Mae. Von weit her klangen die Ger\u00e4usche der Kirmes, fern, wie von einem anderen Planeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTiere k\u00f6nnen einem soviel geben!\u00ab Maes Haar schimmerte unter dem Vollmond. \u201eNachts lassen sich Geschichten besser erz\u00e4hlen\u2026\u201c, dachte Jacqueline, \u201elange Geschichten, kurze Geschichten. Also erz\u00e4hl&#8216;, alte Frau. Erz\u00e4hl&#8216; von deinem Hund!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr war das letzte Geschenk meines Mannes\u2026 dann habe ich unseren Hund erstochen aufgefunden!\u00ab Mae f\u00fchlte \u00fcber das Gras und meinte das Fell zu streicheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO, wirklich!\u00ab, prustete Jacqueline hinter vorgehaltener Hand. Maes K\u00f6rper sprach Einsamkeit und Verlust aus, eine \u00fcberw\u00e4ltigend erlebte Unfreiheit im Weiterleben. Sie lie\u00df ein bl\u00fctenreines Kichern h\u00f6ren, dr\u00fcckt eine Tr\u00e4ne ab, nicht aus Glyzerin, sondern aus reinstem Wasser. Mae sah Jacqueline erstaunt an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie haben wohl ein wenig zu tief ins Glas gesehen?\u00ab Mae wollte endlich allein sein. Sie hatte niemanden, brauchte niemanden mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube schon. Aber n\u00fcchtern ist das alles nicht mehr zu ertragen\u00ab, erwiderte die J\u00fcngere. \u201eDas Leben ist nicht eingeschn\u00fcrt in Gedankenmodelle, auch wenn wir es zu unserer vermeintlichen Sicherheit glauben wollen.\u201c, spukte es Jacqueline durch den Kopf. Sie wusste, dass es keinen Sinn machte, noch l\u00e4nger dar\u00fcber nachzudenken. Wann hatte man schon genug?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWollen Sie auch da sein, wo Ihr Hund ist?\u00ab In Jackies Stimme schwang ein schaudererregender Unterton mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie meinen Sie das?\u00ab Mae r\u00fcckte von Jacqueline weg, zog die Beine an, versuchte aufzustehen, jedoch waren ihre Beine eingeschlafen. Jackie r\u00fcckte n\u00e4her an sie heran, streichelte Mae \u00fcber den Oberarm, sah ihr in die Augen, griff ihr z\u00e4rtlich \u00fcber das silbrige Haar, wie sie es bei ihrer Gro\u00dfmutter getan hatte. Sie erinnerte sich an M\u00e4rchen, die man mit fl\u00fcsternder Stimme im Dunklen erz\u00e4hlt bekam. Memorierte die modrige W\u00e4rme im Bett ihrer Grossmutter, wenn sich Wichte unter&#8217;m Bett versammelten und sie mit einem Besen in ein Paralleluniversum vertrieben wurden. Als Kind tr\u00e4umte sie oft von glibbrigen Monstern, tollpatschigen Trollen, und vom Zahnersatz ihrer Grossmutter, der sie klappernd \u00fcber den kalten Flur verfolgte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00e4r&#8216; doch ganz einfach!\u00ab Sie zeigte mit dem Finger zum Himmel. Konnte in ihren Augen erst \u00dcberraschung, dann Angst und schlie\u00dflich Entsetzen entdecken. Sie griff nach ihren Schultern, k\u00fcsste Mae vertr\u00e4umt auf den Mund. Als sie wieder von ihr ablie\u00df, war der Ausdruck der Augen der alten Frau ein anderer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum zweiten Mal an diesem Tag fing sich Jacqueline eine Ohrfeige ein. Pegelte die Ersch\u00fctterung aus. Mae versuchte sich aufzurappeln. Strauchelte. \u201eHimmel, was bildet sich dieses Weibsbild ein.\u201c Sie wischte mit dem Handr\u00fccken \u00fcber ihre Lippen. Ihre H\u00e4nde zitterten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerschwinden Sie!\u00ab, forderte Mae. Jacqueline legte ihr w\u00f6lfisches Gebiss frei:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie wollen doch zu Ihrem Hund? Oder etwa nicht? Wie hiess der kleine K\u00f6ter?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maes H\u00e4nde tasteten langsam und sorgsam den Boden ab. \u201eLangsam, ganz langsam\u201c, dachte sie, \u201edamit diese Schlange nichts bemerkt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJosi!\u00ab Weiter \u00fcber den Boden tasten. Jacqueline rief den Namen in die Nacht. Mae fand einen Stock und zertr\u00fcmmerte ihn mit einem Schlag auf Jacquelines R\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJosiiiii!\u00ab Jacquelines Stimme brach ab und ging \u00fcber in ein wirres Lachen, als der n\u00e4chste \u00fcberaus kr\u00e4ftige Schlag sie traf und die h\u00e4mmernden Kopfschmerzen in Gang setzte. \u201eOh mein Gott\u201c, dachte Mae, es muss uns doch einer sehen. Als sie in Jacquelines Augen sah, wusste sie, dass sie niemand mehr zu sehen brauchte, es war gleichg\u00fcltig geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbG\u00fctiger Gott!\u00ab, murmelte Mae entsetzt. In Jacquelines Augen spiegelte sich das schreckstarre Entsetzen der alten Frau zwischen Gebrechlichkeit und Tod. Jacqueline z\u00fcckte das Stilett, lie\u00df es aufschnacken. Mit einem katzenhaften Sprung war sie bei der Alten. Bog ihr einen Arm auf den R\u00fccken, beugte sich vor und setzte die Klinge am Herzen an. Ein kurzer chirurgischer Schnitt. Jackie wurde der F\u00e4hrmann und t\u00e4towierte ihr einen Bypass in das Herz. Ihr Blut floss in den Herzbeutel und legte langsam den Herzschlag still. Nach au\u00dfen drang nur ein einziger Blutstropfen ins Batisthemd. Mae kippte r\u00f6chelnd nach vorn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMachs gut auf dem Hundefriedhof!\u00ab, fl\u00fcsterte Jackie, massierte die Schl\u00e4fen, um die Kopfschmerzen wegzukneten. Verstaute die Waffe in ihren Doc Martens. Reckte die Arme. Wollte sich in Richtung Schleuse davonmachen. Versuchte, auf die kohleschwarze Seite des Kanals zu entkommen. Kam nicht voran, von Weitem sah sie ihn. Er bewegte sich in qualvoller Bedachtsamkeit auf sie zu. Magnetisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Alleingelassen in der Zelle der Erinnerung. Mae sah auf, als sie Schritte auf dem Boden sp\u00fcrte. 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