{"id":94001,"date":"2001-12-19T00:01:12","date_gmt":"2001-12-18T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=94001"},"modified":"2021-10-29T15:23:45","modified_gmt":"2021-10-29T13:23:45","slug":"grausamkeit-ist-teil-der-menschlichen-natur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/19\/grausamkeit-ist-teil-der-menschlichen-natur\/","title":{"rendered":"Grausamkeit ist Teil der menschlichen Natur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie bewegte sich langsam, fast schwebend. War den Weg zur Schleuse hinaufgeschlendert, vorbei an den letzten Buden, dem Feuerwehrwagen. Vereinzelte Paare und Passanten schlurften gleichg\u00fcltig an ihr vor\u00fcber. Der Kanal lag glitzernd vor ihnen, erinnerte an fl\u00fcssiges Blei. Die Ger\u00e4usche der Kirmes brandeten von Ferne an ihre Ohrmuschel. Jacqueline verk\u00f6rperte den Horror einer unauff\u00e4lligen Pr\u00e4senz so eindringlich, dass dem jungen Greifer zuerst die Leerstelle aufgefallen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reflex auf Reflexion. Dirk Galonska hatte sie erkannt. Er feixte und sah seine Chance, Ludwig Bronischewski endlich den Rang abzulaufen. Sie war nichts f\u00fcr seinen Geschmack. Aus Angst, dass sie umkehren und in der Menge verschwinden k\u00f6nnte. Schloss er sich ihr an. Beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Versuchte, sich auf ihr Tempo einzustellen. Ihr Schatten zu werden. Bet\u00e4tigte das Sprechfunkger\u00e4t. Versuchte, das Knacken des Lautsprechers mit einer wegwischenden Handbewegung zum Verstummen zu bringen. Sein Chef meldete sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline nahm von dem Greifer kaum Notiz, das geh\u00f6rte zu ihrem Spiel. Erh\u00f6hte das Schritttempo, lie\u00df die Falle unvermutet zuschnappen. Stellte Galonska an einer unm\u00f6glich scheinenden Stelle. Schlug sich vom entgegenkommenden Hundehalter seitw\u00e4rts durch die B\u00fcsche und grinste, als der Bulle ihr schlicht folgte und sich kaum die M\u00fche gab, seine Beschattung zu tarnen. Verfolgt zu werden faszinierte sie. Gehetzt zu werden von jemandem, der eine Herausforderung darstellt, gejagt zu werden von einem Frischling, was f\u00fcr eine irrwitzige Kom\u00f6die, da es doch sonst umgekehrt war. Sie hielt sich f\u00fcr die Beste ihrer Zunft. Niemand durfte das bezweifeln. Die, die es nicht begriffen hatten, hatten bezahlt. \u201eOb Giancarlo mir auch folgt? Etwa noch ein flotter Dreier!?!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte schon zu viele Tote erlebt, um sich vor dem eigenen Tod zu f\u00fcrchten. Dieser Polyp glaubte an die Gerechtigkeit, vielleicht hatte er auch einen ausgepr\u00e4gten Teil in sich, der helfen wollte. Das konnte man gegen ihn einsetzen. Sie war fast aufgekratzt, f\u00fchlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Zwei Tanzschritte. Sie lie\u00df sich wie ein Messer zusammenklappen und stolperte theatralisch \u00fcber die Str\u00e4ucher. Wie erwartet st\u00fcrmte der Greifer auf sie zu. Sie hielt die Augen geschlossen, und leises St\u00f6hnen kam \u00fcber ihre Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHey, was ist los?\u00ab Galonska beugte sich \u00fcber sie, sch\u00fcttelte die Frau an den Schultern. Das Kleid war bis zum Schritt hochgerutscht und gab den Blick auf rote Spitzenunterw\u00e4sche frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerdammte Schei\u00dfe!\u00ab, grunzte er. Starrte in die M\u00fcndungslauf einer Waffe mit Schalld\u00e4mpfer, versuchte krampfhaft die Seriennummer zu erkennen, um sich vom Unausweichlichen abzulenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht gelernt, sich Damen gegen\u00fcber anst\u00e4ndig auszudr\u00fccken?\u00ab, erkundigte sich Jacqueline verachtend, wartete nicht auf Antwort. Dr\u00fcckte ab. Drehte sich flink zur Seite, damit er nicht \u00fcber ihr zusammensacken konnte. Lie\u00df den Sterbenden zur Seite rollen, nahm das Funkger\u00e4t, h\u00f6rte eine vertraute M\u00e4nnerstimme, wollte es in hohem Bogen von sich werfen\u2026 \u00dcberlegte es sich anders. Legte es beiseite. Sah dem Todgeweihten in die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Blick auf Schloss Crange hatte Jacqueline das Gef\u00fchl, er k\u00f6nne ihre Gedanken lesen. \u201eDu wirst von groben M\u00e4nnerh\u00e4nden in wei\u00dfes Leintuch gepackt. Traumlos schlafend in einem schweren Eichensarg liegen.\u201c Sie l\u00e4chelte ihn an und zwinkerte ihm geheimnisvoll zu. Schloss Crange war ein Ort mit realer Geschichte, mit Eleganz, Sch\u00f6nheit und Terror. Unz\u00e4hlige Menschen wurden dort hingerichtet, geschlachtet, verbrannt. Andersdenkende, Ketzer. Europa war eine brutale Welt. Aber aus dieser Qual, aus dieser Brutalit\u00e4t kommen Mozart oder Shakespeare. Grausamkeit ist Teil der menschlichen Natur. Sie ist nicht zu trennen von den gr\u00f6\u00dften Dingen, die wir als Menschen erreicht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbStirb endlich!\u00ab, fl\u00fcsterte sie ihm ins Ohr. Drapierte den Toten so in den B\u00fcschen, dass die Bl\u00e4tter des Rhodhodendron ihn vor den Blicken der anderen Kirmesbesucher sch\u00fctzten. Griff nach dem Sprechfunkger\u00e4t, stellte es aus, packte es in ihren Rucksack.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie bewegte sich langsam, fast schwebend. War den Weg zur Schleuse hinaufgeschlendert, vorbei an den letzten Buden, dem Feuerwehrwagen. Vereinzelte Paare und Passanten schlurften gleichg\u00fcltig an ihr vor\u00fcber. Der Kanal lag glitzernd vor ihnen, erinnerte an fl\u00fcssiges Blei. 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