{"id":93994,"date":"2001-12-16T00:01:56","date_gmt":"2001-12-15T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93994"},"modified":"2021-10-29T15:18:17","modified_gmt":"2021-10-29T13:18:17","slug":"amazone","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/16\/amazone\/","title":{"rendered":"Amazone"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war gefangen in den Geschichten aus der Geschichte. Bezaubert durch Ger\u00fcche und Ger\u00fcchte. Giancarlo f\u00fchlte sich f\u00fcr einem kurzen Moment auf einer Opernb\u00fchne, schnupperte das Parfum der Frauen\u2026 Blieb stehen, lie\u00df sich fallen. Schloss verwirrt die Augen, als sich \u00fcber das Bild, das er wirklich sah, ein anderes schob. Er dachte druckreif, sein Verstand fr\u00e4ste sich die Worte zurecht: \u201e\u2026ich stelle mir einen langen Weg vor, der sich einen Berg hinaufschl\u00e4ngelt und hoch oben auf dem ger\u00e4umigen Kogel ist eine Festung, ein Haus, ein Gem\u00e4uer unbestimmter Herkunft. Der Weg und die Burg ver\u00e4ndern sich st\u00e4ndig, augenblicklich verwandelt sich ihre Gestalt in das Alhambra, dann in ein Spielkasino, und darunter sitzen Menschen wie in einem Biergarten. In der Burg m\u00fcsste es Zimmer geben. Kammern von strahlender Sch\u00f6nheit und Buden, die Tr\u00fcmmerhaufen sind, M\u00fcllpl\u00e4tze, stinkend. Ich wandere durch alle R\u00e4umlichkeiten. Bewundere die sch\u00f6nen Kammern. Putze die Hucken, die schmutzig sind und vor Unrat stinken, ich w\u00fcrde aufr\u00e4umen. Und dir das Brautgemach bereiten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSoll ich jemanden rufen?\u00ab, sprach ihn die blonde Ansagerin besorgt an. Giancarlo f\u00fchlt den Schwindel, sich zu verlieren, die Entgrenzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht n\u00f6tig\u2026\u00ab, sch\u00fcttelte er heftig mit dem Kopf. Die bunten Farben drohten auf ihn einzustr\u00f6men. \u00bb\u2026muss sie nur wiederfinden!\u00ab, murmelte er, beinahe f\u00fcr sich selbst. Die Blondine versuchte ihn zu tr\u00f6sten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHat dich wohl schwer erwischt?!?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie ist wie alle anderen Weiber auch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie alle!?!\u00ab, erkundigte sie sich mit einem koketten Augenzwinkern. Dunkel setzen sich die E\u2013Loks in Bewegung. \u201e\u2026h\u00e4tte schon eher weggehen k\u00f6nnen. H\u00e4tte genau an dieser Stelle weggehen k\u00f6nnen. Hab&#8216; es nicht getan. Will noch das Feuerwerk\u2026\u201c Rasselnd brachte er die Z\u00fcge mit letzter Willenskraft zum Stehen. Sie l\u00e4chelte immer noch, als er sie ansah. Dann legte die Ansagerin der Losbude ihr Mikrofon aus der Hand. Die Vision verschwand so pl\u00f6tzlich, wie sie gekommen war. Er brauchte noch einem Schluck Absynth.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer hat noch nicht, wer will noch mal!?! Die gro\u00dfen Gewinne sind noch in der Lostrommel!! Sie brauchen nur abzur\u00e4umen!!!\u00ab, kreischte die Verk\u00e4uferin in das Mikrophon. Giancarlo versuchte stehen zu bleiben, doch ihre stummen Lippen riefen: Komm! Der Bannstrahl ihrer Augen lie\u00df ihn nicht mehr entkommen. \u201eDer Tag seines Todes in einem Jahr mit 13 Monden wird gefeiert von Frauen mit vertrockneten Br\u00fcsten. Sie laufen durch die Zimmer der Burg. \u00d6ffnen T\u00fcren. In Zimmer 26 liegt ein lebendiger Toter. Er hatte g\u00e4nzlich andere Augen erhalten: \u00e4lter und verzweifelter. Der Wiederg\u00e4nger wollte in einem bl\u00fchenden Garten sterben, seine Frau hatte ihn vor undenklichen Zeiten mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen an das nach Orchideen duftende Bett gefesselt. So tot m\u00f6chte ich ihn auch sehen.\u201c In seiner Erinnerung winkte ihm Jacqueline mit einer einladende Handbewegung zu. Er musste ihr folgen. Die Maden aus den Kleidern sch\u00fctteln, den Wurm aus scharfem Stahl abnehmen. Eine Amazone bleckt die Z\u00e4hne. Dazwischen das blinkende Messer. Er wischte das Bild mit einer Handbewegung von der Stirn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er war gefangen in den Geschichten aus der Geschichte. Bezaubert durch Ger\u00fcche und Ger\u00fcchte. Giancarlo f\u00fchlte sich f\u00fcr einem kurzen Moment auf einer Opernb\u00fchne, schnupperte das Parfum der Frauen\u2026 Blieb stehen, lie\u00df sich fallen. 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