{"id":93987,"date":"2001-12-14T00:01:30","date_gmt":"2001-12-13T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93987"},"modified":"2021-10-29T15:13:03","modified_gmt":"2021-10-29T13:13:03","slug":"wegen-betriebsstoerung-geschlossen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/14\/wegen-betriebsstoerung-geschlossen\/","title":{"rendered":"Wegen Betriebsst\u00f6rung geschlossen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Woge von Menschenleibern f\u00fchlte sich Giancarlo geborgen. Jacqueline griff nach seiner Hand. Das Atmen fiel ihm schwer, trotz der Hitze hatte er am ganzen K\u00f6rper eine G\u00e4nsehaut. Im Nacken hatte es zu kribbeln begonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh Gott\u2026\u00ab, stammelte er, \u00bbdenke ich das alles wirklich\u2026 oder denkt es mich?\u00ab Es war, als h\u00e4tte jemand einen Motor gestartet, die logische Seite des Gehirns mit der Bemerkung &#8222;Wegen Betriebsst\u00f6rung geschlossen&#8220; ausgeschaltet. Seine Visionen schoben sich unausweichlich auf die Gleise, \u00e4hnlich G\u00fcterz\u00fcgen im Wanner Westhafen. Frachtverkehr: \u201eSie ist mir unheimlich. Aber sie geh\u00f6rt mir. Ganz. Und wieder f\u00e4llt eine Made aus ihrem Mund. Sie \u00f6ffnet die Tasche. Die Made schreit. Sie f\u00e4llt in die Tasche, wo der Wurm mit den roten Augen und einem weit ge\u00f6ffneten Maul sie empf\u00e4ngt.\u201c Er legte den Arm um ihre H\u00fcfte und streifte beil\u00e4ufig ihren verl\u00e4ngerten R\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline lie\u00df es geschehen. Registrierte irritiert, dass es ihr nicht unangenehm war. Das war eine N\u00e4he, die sie nicht gewohnt war, eine Sanftheit, die ihr den Atem raubte. \u201eKann ich mich ihm so hingeben, wie es alle tun?\u201c Ein kurzes Fr\u00f6steln \u00fcberlief ihren R\u00fccken, verwandelte sich in ein ungewohntes Gef\u00fchl der Erregung, fast schon ein fernes Gef\u00fchl von Verliebtheit. Sie schlenderten Arm in Arm Richtung Kanal. Die meisten Menschen torkelten zur Schleuse. Alle wollten sich auf Crange das Feuerwerk ansehen, sich anschlie\u00dfend bei Steinmeister die Kante geben und im Querschlag abst\u00fcrzen. Sie blieben stehen. Sahen zum Himmel auf, der von Scheinwerfern abgetastet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fand nicht den Mut, das Naheliegende zu tun: Sie in den Arm zu nehmen, die Haare aus dem Gesicht zu streichen, sie zu k\u00fcssen. Giancarlo suchte den Refrain seines Unterbewusstseins. Stolperte zappelig neben ihr zur Schleuse, ohne an irgend etwas anderes zu denken, als an ihren vom Schwei\u00df eingeseiften K\u00f6rper\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirmes neigte sich ihrem Ende entgegen. Die Menschen hatten Angst vor der Stille, vor dem Dornr\u00f6schenschlaf, der folgen w\u00fcrde. Der Intermission, der Zeit vor der n\u00e4chsten Kirmes. Diese Nacht deckte die Wahrheiten zu, die man nur bei Tageslicht erkennen konnte. In diesem rasenden Taumel blieb Giancarlo nichts anderes \u00fcbrig, als sich kopf\u00fcber in den Jungbrunnen Verderben zu st\u00fcrzen. So wie Stille falsche Annahmen in unbekannte Bahnen lenken kann, so kann es auch \u00fcberm\u00e4\u00dfiger L\u00e4rm. Er blickte sich gehetzt um. Rollte mit den Augen. Schloss die Lider, um die Bilder seiner Einbildung wegzuknipsen. Seine inneren Stimmen verklangen langsam. Seltsam entfernte Stimmen vom Planetoiden Ganymed. F\u00fcr einen Augenblick versp\u00fcrte er noch den Hauch dieser Furcht, doch dann gab es kein Halten mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLass es uns\u2026\u00ab, fl\u00fcsterte er. Jacqueline beobachtete ihn. Wusste, er w\u00fcrde ihr Spiel mitspielen. Nach ihren Regeln. \u00bbLass uns etwas tun, von dem wir selbst \u00fcberrascht sind\u00ab, schlug er keuchend vor. Verriet sich zwischen den Atemz\u00fcgen. Sie genoss die Lust an der kalkulierten Grausamkeit. Hatte h\u00f6llischen Spa\u00df an der Mischung aus Neugier, Geilheit und Todesangst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebling\u2026\u00ab, hauchte Jacqueline in sein Ohr. Strich mit der Hand \u00fcber seinen Nacken. W\u00fchlte mit den Fingern in seinem Haar. G\u00fcterz\u00fcge in seinem Sch\u00e4del stie\u00dfen sich von der Rampe ab: \u201eDer Wurm ist gewachsen. Er verschlingt die Made mit einem Biss. Gl\u00e4nzt silbrig in dem schummerigen Licht der Budengasse. Will aus der Tasche heraus. Sie h\u00e4lt ihn immer \u00f6fter in der Hand. Seine roten Augen leuchten mich giftig an.\u201c Sie saugte mit ihren Lippen seine Unterlippe an. Strich mit der Zunge \u00fcber die Z\u00e4hne. \u00d6ffnete sie mit forderndem Druck, fand seine Zunge. Der Kuss war ein St\u00fcck Apfelkuchen, welches sie begierig a\u00df und ihr Appetit auf mehr verursachte. Sie erschrak dar\u00fcber zutiefst. Verlor die Konzentration. Er k\u00e4mpfte mit ihrer Zunge, versuchte sie zu fangen, zog sie ein. Biss zu, schnell und hart in die Spitze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWerden wir uns wiedersehen?\u00ab, erkundigte er sich aus einem Reflex heraus. Jacqueline sah ihm tief in die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht auf deiner Beerdigung?\u00ab Ihre Stirn dr\u00fcckte sich gegen seine. Giancarlo zuckte zur\u00fcck, holte schnell aus, und seine Hand landete in ihrem Gesicht auf der linken Wange. Sie lachte wild auf und spuckte ihm ins Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWerd&#8216; mit dir gl\u00fccklich!\u00ab, riet sie ihm zum Abschied. T\u00e4nzelte erleichtert von dannen. Das Pochen an den Schl\u00e4fen hatte nachgelassen. Sie konnte wieder klar denken. Glasklar. Es war riskant. Um sie herum Hunderte von Menschen. Es hatte Thrill. Sch\u00e4rfte all ihre Sinne. Sie ging im Rhythmus der anderen, versuchte sich unsichtbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo folgte ihrer Spur. Forderte sie heraus, was sie geil machte. Darauf kam es ihr an. Auf gute Arbeit, auf Pr\u00e4zision. \u201eSeine Einsamkeit ist eine Herausforderung.\u201c Sie drehte sich kurz um, l\u00e4chelte ihn an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo legte behutsam eine Hand \u00fcber seine Augen. Wollte sie nicht schlie\u00dfen. Verlor den Blickkontakt zu ihr in der Menschenmenge. Atmete auf. Lehnte sich gegen den Pfeiler einer Losbude. St\u00fctzte sich ab. Nahm den Flachmann aus der Seitentasche, schl\u00fcrfte die gr\u00fcnen Tropfen. Und hatte immer noch nicht genug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In der Woge von Menschenleibern f\u00fchlte sich Giancarlo geborgen. Jacqueline griff nach seiner Hand. Das Atmen fiel ihm schwer, trotz der Hitze hatte er am ganzen K\u00f6rper eine G\u00e4nsehaut. 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