{"id":93979,"date":"2001-12-10T00:01:22","date_gmt":"2001-12-09T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93979"},"modified":"2021-10-29T15:07:35","modified_gmt":"2021-10-29T13:07:35","slug":"anbaggertypen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/10\/anbaggertypen\/","title":{"rendered":"Anbaggertypen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor dem Feuerwerk legte die Kirmes ihre Schminke ab. Die Fr\u00f6hlichkeit in den Bierg\u00e4rten wurde por\u00f6s und hohl. Anbaggertypen starteten voll durch, um eine Biernutte f\u00fcr diese Nacht mit nach Hause nehmen zu k\u00f6nnen. Der Zauber der alteingesessenen Kirmes \u00e4hnelte herk\u00f6mmlicher Gaukelei. Augenblicklich traten die wahren Gef\u00fchle unter dem schreiend kitschigen Mantel der Dekoration hervor. Das aknezerfressene Gesicht des Mondes schien zufrieden auf das endlose Treiben der Menschen in ihren Vergn\u00fcgungsparks herunter zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alten wollten die Vergangenheit absch\u00fctteln und die Jugend wollte Gegenwart. Shari und Ansgar mussten am Treibstoff der New Economy schn\u00fcffeln, damit die kleinen grauen Zellen auf Hochtouren laufen konnten. Ansgar holte den Rest Koks aus dem Erddepot und spendierte Shari eine Linie. Tilkowski war ihrer m\u00fcde geworden, hatte die Personalien festgehalten und sie rausgeschmissen. Viel war ihnen nicht nachzuweisen. Ansgar steuerte mit Shari zu einem Nachtessen an einen Stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn wir bis zum Feuerwerk durchhalten wollen, m\u00fcssen wir &#8217;ne Grundlage haben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMag&#8216; kein Pferdegulasch\u00ab, n\u00f6rgelte Shari. Sie war von der Vernehmung so runter, dass es ihr schwer fiel, wieder draufzukommen. Das Koks machte nicht hungrig, sondern geil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeb&#8216; dir mein Brot, kann&#8217;sse tunken!\u00ab Ansgar hielt ihr ein Sch\u00e4lchen hin. Als Anreiz hatte er ihr eine Pille draufgezaubert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch schei\u00df&#8216; auf das labbrige Brot.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWart&#8216; damit bis nach dem Essen. Leg &#8217;ne viertel E nach, dann sieht die Welt besser aus.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Welt sieht aus, wie sie ist und hier im Herzen von Nielsen zwo\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSag mal: Was laberst du da f\u00fcr einen Streifen ab?\u00ab, erregte sich Ansgar. Sie hatte die Pille nicht bemerkt. Oder einfach \u00fcbersehen. Absichtlich oder unabsichtlich, wer wusste das beim New Froilen Wonderbra noch genau. Er nahm sie vom Brot herunter, legte sie auf seine Zungenspitze und streckte sie ihr entgegen. Sie kam auf ihn zu, verschluckte das Extasy, zog die Zunge in ihren Rachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNie sollst du mich befragen\u2026\u00ab, hauchte sie. Sie pumpten sich auf mit Hoffnung. Er nickte, wandte sich wieder dem Essen zu. Shari streunte um den Pferdefleischstand wie eine Katze. Sie sagte etwas, was er nicht verstehen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHab&#8216; dich was gefragt!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHmmm\u2026\u00ab, versuchte sich Ansgar mit einem ver\u00e4chtlichen Knurren zu verst\u00e4ndigen. Er war so verflucht ernst, wie es nur zornige junge M\u00e4nner sein k\u00f6nnen, und kaute an seinem Pferdegulasch. \u00bb\u2026 bist du sicher, dass du mich meinst?\u00ab, erkundigte er sich nach dem Schlucken und dachte an ihre Worte \u00fcber Jacqueline: \u201eTurbo geil. Rattenscharf.\u201c Warf sich eine weitere Pille wie ein Hustenbonbon ein. Fand sich im selbstzerst\u00f6rerischen Protest gegen eine Gesellschaft, die noch erbarmungsloser war als die Natur. Ansgar r\u00fclpste, legte das Besteck beiseite und ratschte eine Dose Bier auf. Setzte an um die DOM mit der aufkeimenden Bitternis herunter zu sp\u00fclen. Er war m\u00f6rderisch eifers\u00fcchtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSag&#8216; deinen Satz!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansgar schluckte die Dose ex weg, wischte ein Rinnsal aus den Mundwinkeln. \u201eFreundlich ist die Nacht mit all ihren Gesichtern, mit all ihren Stimmen\u201c, schoss es ihm durch den Kopf. Was w\u00fcrde sie jetzt zu ihm sagen? Ihm fiel der Satz seines Freundes Ulrich ein: \u201eWenn du sie liebst, mit all dem Schmalz und den Sentimentalit\u00e4ten, dann k\u00f6nnen sie dich an den Eiern aufh\u00e4ngen.\u201c Er nahm sich vor, das mal ausprobieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGibt\u2018s auch was anderes zu picken?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansgar dr\u00fcckte die leere Dose zusammen. Zielte. Traf den M\u00fclleimer, in dem das Wei\u00dfblech ausschepperte. Er war wieder obenauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbCurrywurst\u2026 yeah\u2026 zum Nachtisch Currywurst vom Hotte\u2013M\u00e4xchen!\u00ab, antwortete Ansgar verdecktkomplexisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso: Curry, E &amp; J\u00e4germeister!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVoll die Dr\u00f6hnung!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansgar erschien die Szene als Fu\u00dfballspiel unter Flutlicht im Fernsehen auf Gro\u00dfleinwand. Man sah die Fans, fieberte f\u00fcr seine Mannschaft, doch man war von den emotionalen Wogen, die im Stadion die Zuschauer betrafen, ausgeschlossen. Er wollte mit ihr ins offene\u2026 In dieser Ecke war es f\u00fcr die sonstigen Ger\u00e4uschverh\u00e4ltnisse auf der Kirmes still. Totenstill.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kurz vor dem Feuerwerk legte die Kirmes ihre Schminke ab. Die Fr\u00f6hlichkeit in den Bierg\u00e4rten wurde por\u00f6s und hohl. Anbaggertypen starteten voll durch, um eine Biernutte f\u00fcr diese Nacht mit nach Hause nehmen zu k\u00f6nnen. 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