{"id":93953,"date":"2001-12-02T00:01:21","date_gmt":"2001-12-01T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93953"},"modified":"2021-10-29T14:45:05","modified_gmt":"2021-10-29T12:45:05","slug":"ms-franziska","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/12\/02\/ms-franziska\/","title":{"rendered":"MS Franziska"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Virus oder ein Festplattenriss im Hirn? Im Sprinttempo lief Gedachtes in Giancarlos Kopf Amok: \u201eSie taxiert mich. Checkt mich ab. Zoll um Zoll. Sieht mich an. Ganz genau. Meine Augen. Nase. Mund. Brust. H\u00e4nde. Beine. Meine Schuhe. Muss mich zwingen, sie nicht anzustarren. Nur anzusehen. Kein Zweifel, sie ist der schwarze Engel. Wie sie mich ansieht: Taxiert. Musternd, absch\u00e4tzend, angriffslustig. Sie darf die Tasche nicht \u00f6ffnen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sp\u00fcrte den harten Kuss auf den Lippen, leckte sein Blut, w\u00e4hrend sie ihn anl\u00e4chelte. In einer Zeitung, deren Bl\u00e4tter im Wind wedelten, stand zu lesen: &#8222;Gro\u00dfer Andrang auf Schloss Str\u00fcnkede! \u00dcber 10.000 Besucher des Spiels um den Westfalen\u2013Pokal zwischen Westfalia Herne : DSC Wanne\u2013Eickel.&#8220; Nicht nur, weil der Pokal seine eigenen Gesetze hatte, es begann die Zeit, in der sich die Anh\u00e4nger vom Kommerzfu\u00dfball abwandten. Weg von \u00fcberzogenen Geh\u00e4ltern, Verschuldung und Personenkult. Fu\u00dfball modernster Pr\u00e4gung war eine Unterhaltungsshow, bei der der Bezug zur Wirklichkeit l\u00e4ngst verloren gegangen war. Die Ideale des Sports wurden, im wahrsten Sinne des Wortes, mit den F\u00fc\u00dfen getreten. Diese Anh\u00e4nger wandten sich dem einzig echten und wahren Fu\u00dfball zu. Sie brauchten keine Sterne mehr am Himmel, nur noch gelungene Z\u00fcge auf dem Platz, selbst wenn es sich lediglich um einen Aschenplatz handelte. Die Menschen im Ruhrpott waren aus einer \u00fcberhitzten Konjunktur ausgestiegen. Wichtig war hier nur noch: &#8222;Auf\u00b4m Platz.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOle, DSC, ole, ole!\u00ab, schwamm es auf einer Kakofonie aus Hupen, Fanfaren und dem gleichm\u00e4\u00dfigen Tuckern des Motorboots MS Franziska, das \u00fcber den Kanal schipperte und sich einen exklusiven Platz f\u00fcr das Feuerwerk sicherte. Kloakenschwoof f\u00fcr Beg\u00fcterte. Es begann zu nieseln. Ein kurzer Sommerschauer, bei dem der Himmel sich auswrang wie ein Waschlappen. Die Feuerwerker brachten ihr Material in Deckung. Am Ufer versanken die H\u00e4user und die Stra\u00dfen im schmutzigen Grau unter dem funzeligen Licht der Stra\u00dfenlaternen. Der Regen schlug gegen die Scheibe des Caf\u00e9s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOle, DSC, ole, ole!\u00ab, nahmen sie den Chorus auf. Zwar waren sie nur noch ein Stadtteil, doch das Derby gewannen sie gegen den Lokalrivalen immer. Auf der dunklen Stra\u00dfendecke glitzert in dunklen Pf\u00fctzen Motoren\u00f6l. Schlierige, schillernde, klebrige, Kreise. Giancarlo f\u00fchlte sich einsam. Sein Zustand kam ihm schlimmer vor als Heimweh, das schrecklichste Wort, das er in dieser Sprache gelernt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOle, DSC, ole, ole!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Party allerorten. Die MS Franziska trudelte, einer Rettungsinsel gleich, \u00fcber den Kanal. Er wusste, es w\u00fcrde ihn einige Anstrengung kosten, sie wieder vorbehaltlos anzusehen. Die Anspannung hatte Giancarlos ganzen K\u00f6rper erfasst und seine Muskeln erstarren lassen. \u201eVielleicht sollte ich besser gehen. Einfach aufstehen. Gr\u00fc\u00dfen und weggehen, so einfach k\u00f6nnte es eigentlich sein\u2026\u201c Seine Gedanken\u2013Ketten\u2013Reaktion hielt ihn auf dem Stuhl fest. \u201eMuss wieder n\u00fcchtern werden\u2026\u201c, dachte er verzweifelt, verzog das Gesicht, nachdem sie ihm ein weiteres Pinnchen hingestellt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbQuesta volta e proprio finita!\u00ab, fluchte er vor sich hin. \u201eHol sie doch der Teufel. Hol diese ganze Kirmes doch der Teufel.\u201c Giancarlo wachte aus dem verkl\u00e4rten Gestern in einem verkaterten Heute auf. Bot seine ganze Kraft auf, um aufzustehen. Er beugte sich \u00fcber den Tisch. Nahm Anlauf. Sah ihr ins Gesicht. Sie hatte sich verj\u00fcngt. Es war so gleichm\u00e4\u00dfig wie zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline nickte ihm zu. Giancarlo stellte fest, dass er sie ganz normal ansprechen konnte, ohne gleich in Panik auszubrechen. Er torkelte nicht. In seinem Kopf schien es wieder ganz normal zu ticken. Wahrscheinlich war es sein R\u00fcckenmark, uraltes Nervengebilde, \u00e4lter als das menschliche Gehirn, das die Angst abspeicherte: eine Furcht, die er so oft gar nicht wahrhaben wollte, die ihm den Trieb zum \u00dcberleben gab, wenn er auch noch so brutal von Schicksalsschl\u00e4gen gebeutelt wurde. Das laute Tschingderassa der Kirmesorgel br\u00fcllte dagegen an. Ansonsten gab es kaum nennenswerte Niederschl\u00e4ge. Die erhoffte Abk\u00fchlung war nicht eingetreten. Noch immer stand die dampfende Hitze in der Luft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Virus oder ein Festplattenriss im Hirn? Im Sprinttempo lief Gedachtes in Giancarlos Kopf Amok: \u201eSie taxiert mich. Checkt mich ab. Zoll um Zoll. Sieht mich an. Ganz genau. Meine Augen. Nase. Mund. Brust. H\u00e4nde. Beine. Meine Schuhe. 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