{"id":93925,"date":"2001-11-24T00:01:33","date_gmt":"2001-11-23T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93925"},"modified":"2021-10-29T14:19:16","modified_gmt":"2021-10-29T12:19:16","slug":"armer-ritter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/24\/armer-ritter\/","title":{"rendered":"Armer Ritter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verschnaufpause. In Zeitlupe lie\u00dfen sich Giancarlo und Jacqueline auf die blauen Plastikst\u00fchle im Biergarten Zum armen Ritter niedersinken. Sie sah auf den Kanal. Das Wasser spiegelte die Lichter der Kirmes wieder. Verzerrt und doch zauberhaft. Er fragte sich, ob er sie sch\u00f6n trinken oder sich v\u00f6llig zul\u00f6ten sollte. F\u00fcrchtete sich vor ihrem Blick. Schloss die Lider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBin hungrig\u2026\u00ab, brachte sie heraus. In ihrem Sch\u00e4del h\u00e4mmerte es, der Magen rumorte. Sie st\u00fctzte ihren Kopf auf. Presste ihre Handballen an den Schopf. Massierte die Schl\u00e4fen. Konnte nurmehr halbwegs geradeaus denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo suchte nach einem Kellner. Fand die Bedienung nicht, sah Jacqueline an. Schreckte zur\u00fcck: \u201eEine Made f\u00e4llt ihr aus der Nase. Kann nicht sein\u2026.\u201c, versuchte einen Systemzustand zu definieren, der eine schl\u00fcssige Beschreibung f\u00fcr den kognitiven Inhalt seines Bewusstseins sein k\u00f6nnte. Ein oszillierendes Ensemble, das hochsynchron schwingen konnte, um sein Alphabet dieser dynamischen Zust\u00e4nde und ihrer \u00dcberg\u00e4nge zu entschl\u00fcsseln. Mit einem kurzen Stechen hinter der Stirn wurde ihm schwindelig. F\u00fcr einen Moment spielte er mit dem Gedanken, wegzugehen. Seine gute Erziehung spielte ihm einen Streich, er hatte Verantwortung \u00fcbernommen. Seine H\u00e4nde zitterten ein wenig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBin sehr hungrig!\u00ab, erbat Jacqueline mit leiser Stimme seine Hilfe. Sie f\u00fchlte sich ausgelutscht, leer, und hatte Appetit. Legte den Kopf leicht schr\u00e4g. Vielleicht waren andere Spielarten mit ihm m\u00f6glich. Ihr Interesse war geweckt. Sie fand ihn in seiner Unschuld verlockend und war bereit, sich seinem Charme anzuvertrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch hol&#8216; Ihnen das Hausgericht: Armer Ritter. Eier mit Brot und Speck, gleicht den Salzverlust aus\u00ab, schlug er vor. St\u00fctzte sich mit den Fingerspitzen vom Tisch ab, wartete auf eine Antwort und sah \u00fcber sie hinweg. Buchen und Eichen s\u00e4umten den Rand des Kanals, dr\u00e4ngten sich an der Grenze seines Blickfelds gegen den Himmel. Weiter rechts lag die Schleuse, die sich vor dem Himmel abzeichnete. Nachdem er vergeblich auf ihr Zustimmen gewartet hatte, sah er zu ihr hinab. Sie massierte ihre Schl\u00e4fen, er deutete die Kopfbewegung als Zustimmung und ging mit festem Schritt auf die Theke zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline atmete durch, versuchte, sich mit den kreisenden Bewegungen ihrer Fingerspitzen an der Stirn zu entspannen. Sie beruhigten die H\u00e4user auf Crange, mit den immer gleich bleibenden Fenstern. Den Wechsel der Jahreszeiten erkannte man hier daran, dass die Blumen in den Fenstern und in den Vorg\u00e4rten ausgetauscht wurden. Im Fr\u00fchjahr: Narzissen in Gelb, Tulpen in Orange. Im Sommer: Rosen und Margeriten, im Herbst: Astern und im Winter: Eisblumen und Heidekraut. \u201eWieso hat er mir so pr\u00fcfend, so nachdenklich ins Gesicht geschaut? Mir direkt in die Augen gesehen und gel\u00e4chel? Menschen reden, wenn sie Angst haben, oder sie denken sich tot.\u201c Sie nahm einen Schluck Wasser, lutschte den Eisw\u00fcrfel und lie\u00df ihn auf der Zunge schmelzen. Die seit Tagen h\u00e4mmernde Migr\u00e4ne pochte in ihrem Sch\u00e4del ein Schlagzeugsolo mit nicht nachlassender Heftigkeit. Sie durchsuchte ihre Tasche nach einer Pille. Fand eine angebrochene Packung. Nahm eine Tablette ein, sp\u00fclte mit Wasser nach. Hustete. Schnappte nach frischer Luft. Sah in den Taschenspiegel. Zog sich mit dem Lidschatten von Shiseido die Augendeckel nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEssen Sie, so lange es warm ist, es wird Ihnen gut tun!\u00ab, riet er ihr mitf\u00fchlend, als er ihr eine gro\u00dfe Portion des \u00fcberbackenen Brotes mit Spiegelei auf den Tisch stellte. Sie war ger\u00fchrt, f\u00fcrsorgliche M\u00e4nner passten \u00fcberhaupt nicht in ihr Raster. Vorsichtig f\u00fchrte sie den ersten Happen zum Mund. Der Schlund lie\u00df die warme Mahlzeit sacken. Der Magen meldete sein Einverst\u00e4ndnis. Sie a\u00df mit Genuss. Und beobachtete ihn \u00fcber den Rand des Tellers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBettelt er um Bestrafung?\u201c, wunderte sie sich, als er ihr noch einen Teller brachte, mit dem sie den erwachten Appetit befriedigen konnte. Bei jedem Bissen stellte sie sich vor, dass es ein St\u00fcck Fleisch von ihrem Begleiter sein k\u00f6nnte. Sogar eine saure Gurke besorgte er f\u00fcr sie als Nachtisch. Sie l\u00e4chelte ihn an. \u201eM\u00e4nner sind in ihrer Hilflosigkeit unglaublich r\u00fchrend\u2026\u201c Es schien ihr, als eigne sie sich die Kraft ihres Opfers an. Nun konnte sie saufen ohne Ende und wurde dabei immer klarer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Verschnaufpause. In Zeitlupe lie\u00dfen sich Giancarlo und Jacqueline auf die blauen Plastikst\u00fchle im Biergarten Zum armen Ritter niedersinken. Sie sah auf den Kanal. Das Wasser spiegelte die Lichter der Kirmes wieder. Verzerrt und doch zauberhaft. 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