{"id":93917,"date":"2001-11-21T00:01:47","date_gmt":"2001-11-20T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93917"},"modified":"2021-10-29T14:13:42","modified_gmt":"2021-10-29T12:13:42","slug":"klassische-boxer-geschichten-haben-kein-happy-end","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/21\/klassische-boxer-geschichten-haben-kein-happy-end\/","title":{"rendered":"Klassische Boxer\u2013Geschichten haben kein Happy\u2013End"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo dachte angestrengt \u00fcber sie nach. \u201eGanz gr\u00fcn ist sie im Gesicht. Hat die Augen geschlossen. Ihr Gesicht ist zart und verschm\u00e4lert sich von den feinen Jochbeinen zum Kinn. Der Mund sensibel geformt, die Lippen liegen locker \u00fcbereinander\u2026\u201c Ihm war ganz so, als rausche der schwarze Engel an seiner Schulter vorbei und ber\u00fchrte die Stirn mit seinem Fl\u00fcgel\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir setzen uns am besten ins Caf\u00e9 am Kanal. Dort bestellen wir Kaffee, der bringt Sie wieder auf die Beine!\u00ab, beschloss er mit dem letzten Rest seiner Ritterlichkeit. Ihr Gesicht war aschfahl geworden. Er fragte sich, ob er sie zu den Sanit\u00e4tern bringen sollte. Lotste sie durch die Masse und war froh, den Mob hinter sich lassen zu k\u00f6nnen. Jacqueline sagte nichts. Sie trottete mechanisch hinterher. Giancarlo ging entgegenkommenden Menschen aus dem Weg, er nahm jedes Wort so ernst, als hinge die Welt davon ab: \u201eSie sieht genauso aus, wie die Frau aus einem meiner Tr\u00e4ume. Diese forschenden, z\u00fcgellosen, verf\u00fchrerischen und fordernden Augen\u2026 Sie hat etwas in ihrem Gesicht.\u201c Er sch\u00fcttelte den Kopf. Wollte die Teilsysteme verstehen: das H\u00f6ren, Sehen, F\u00fchlen, Schmecken. Das Ged\u00e4chtnis, das Raum\u2013 und Zeitgef\u00fchl, die F\u00e4higkeit des Assoziierens, Bewertens und Erinnerns. Suchte nach einer Theorie vom Ganzen, die erkl\u00e4ren k\u00f6nnte, wie alle diese Funktionen zusammenlaufen und wie er es fertig brachte, schl\u00fcssig zu denken und zu handeln. Sah die Stufen zum Sport-Palast hinauf. Der Animateur hatte das r\u00f6tliche Haar aus der Stirn gegelt. Seine Stimme \u00fcbert\u00f6nte das Trompeten der Sirene, wenn der Thriller zu seiner Fahrt startete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHatte die Doppeldeckung wieder hochgezogen\u2026\u00ab, rief der Kanariengelbe begeistert ins Mikrofon. \u00bbwie schon viele Male vorher\u2026\u00ab, machte eine Kunstpause, um sich der Aufmerksamkeit aller sicher zu sein. \u00bb\u2026 er fixierte mich. Ein Fragezeichen lag in seinem Blick. Hatte den Sandsack f\u00fcr ihn gespielt. In den Seilen gehangen. Kurze Schl\u00e4ge auf die Rippen. Runde um Runde. Wartete. Wartete, bis er sich leergeschlagen hatte. &#8222;Das war&#8217;s schon, mehr haste nich&#8216; zu bieten?&#8220;, hatte ich ihn in der 7. Runde gefragt. Hat mich uns\u00e4glich bl\u00f6d angesehen, f\u00fcr&#8217;n kurzen Moment die Deckung runtergezogen. Der Moment, auf den ich gewartet hatte. Dat war der Niedergang eines unschlagbaren Champs!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen gr\u00f6lten. Applaudierten. Wurden auf diese Art und Weise Helden gemacht, oder erfanden die Helden sich nicht selbst? Es kann nicht sein: Klassische Boxer\u2013Geschichten haben kein Happy\u2013End! Nach dem R\u00fccktritt wissen Boxer nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Die Leere f\u00fcllt bei den meisten der Alkohol, nur wenige werden zu Moderatoren oder Trainern ausgebildet. Den einzigen Daseinszweck der Helden f\u00fcr einen Tag ersch\u00f6pft sich in der Hassliebe zur Ehefrau. K\u00f6nige sind sie nie geworden, das Schloss bekommen sie nur zu sehen. Nur in der Legende gibt es ein Weiterleben, daf\u00fcr muss man sterben. M\u00f6glichst jung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gr\u00fcne Schnipsel lagen als Teppich vor der Losbude auf dem Boden. Er konnte sich mit Jacqueline f\u00fcr einen Moment im Spiegel sehen. Sie machten einen komischen Eindruck. Zwei Betrunkene, die einen Tango torkelten und nicht fielen, nicht fallen konnten, weil sie von anderen Betrunkenen aufgefangen wurden. Seine Sekret\u00e4rin bewunderte eine Eigenart an ihm. Er war es gewohnt, in schwierigen Lagen einen klaren und k\u00fchlen Kopf zu bewahren. \u201eMit dieser Frau bin ich nicht unbedingt eine schwierige Lage geraten\u2026\u201c, redete er sich in einem Flash ein. Er irrte wie jeder Trinker, der glaubte, Alkohol im Griff zu haben. \u201eLassen sich hier meine Grenzen der Erkenntnis noch einmal einrei\u00dfen? L\u00e4sst sich das nun mit der Kraft meines Denkens bewerkstelligen, auch wenn es sich selbst dabei zuschauen muss? Schleppe ich sie hinter mir her oder werde ich von ihr gestuppst?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Giancarlo dachte angestrengt \u00fcber sie nach. \u201eGanz gr\u00fcn ist sie im Gesicht. Hat die Augen geschlossen. Ihr Gesicht ist zart und verschm\u00e4lert sich von den feinen Jochbeinen zum Kinn. 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