{"id":93910,"date":"2001-11-19T00:01:01","date_gmt":"2001-11-18T23:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93910"},"modified":"2021-10-29T14:06:07","modified_gmt":"2021-10-29T12:06:07","slug":"kariesverursachende-plaquesaeuren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/19\/kariesverursachende-plaquesaeuren\/","title":{"rendered":"Kariesverursachende Plaques\u00e4uren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline setzte vorsichtig einen Fu\u00df nach dem anderen auf die Stufen. Checkte die Lage. Der Toilettenwagen war leer. Sie drehte den Wasserhahn an, lie\u00df ihn so lange laufen, bis das Wasser einigerma\u00dfen kalt war. Sp\u00fclte den Mund aus. Wischte sich mit einem Papierhandtuch den Schwei\u00df von der Stirn. R\u00fcttelte an den T\u00fcren. Die Klinken lie\u00dfen sich hinunterdr\u00fccken. Sie hatte drei T\u00fcren zur Auswahl. Entschied sich f\u00fcr die, unter der ein Schatten durchfiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNiemand da?\u00ab, erkundigte sie sich arglos. Jacqueline hatte die Kellnerin hier hinein verschwinden sehen. Sie \u00fcberlegte, im Anschluss zum Nachtisch ein DAB mit einem Schuss Pampelmusensaft zu trinken. Es w\u00fcrde den Magen beruhigen, und es hatte Stil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline trat vor das Waschbecken. Zog die Knarre aus ihrer Tasche. Betrachtete versonnen die Walther PPK. Wog sie in der Hand, konnte nicht mehr lassen von diesem Instrument, das ihr Herrschaft \u00fcber Leben und Tod zusicherte, und drehte ganz vorsichtig den Schalld\u00e4mpfer auf den Lauf. Das Adrenalin \u00fcberlagerte die \u00dcbelkeit, mit der sie gek\u00e4mpft hatte. Sie federte ihren Stand sicher ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elsa schloss die Riemchen an ihren Sandalen. Jacqueline zielte auf die geschlossene T\u00fcr. Holz splitterte mit leichtem Ploppen. Die Kellnerin beugte sich vorn\u00fcber, riss die T\u00fcr auf. Panisch flirrten die Augen hin und her und blieben am Gesicht der jungen Frau haften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas geschieht dir recht!\u00ab, h\u00f6hnte Jacqueline. Sie hielt die Waffe waagerecht vom K\u00f6rper weg, zielte, und mit einem leisen Plock ging das Geschoss los. Ein blutroter Fleck breitete sich auf der wei\u00dfen Bluse aus und verteilte sich in den Stickereien der Brusttasche. Die Kellnerin fiel auf den Boden. Konvulsivisch mit den Armen zuckend. Jackie tanzte \u00fcber sie hinweg. Legte auf den Hinterkopf an, beseitigte den Rest des Zweifels. \u201eErledigt!\u201c, dachte sie befriedigt und drehte sich auf dem Absatz um, legte die Knarre zur\u00fcck und drehte den kleinen Rucksack auf den R\u00fccken. Pr\u00fcfte das Make\u2013up im Spiegel und verga\u00df nicht, einen Euro f\u00fcr die Putzfrau auf dem Teller zu hinterlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Antizyklisches Verhalten. Als sie den Wagen verlie\u00df, folgte ihr niemand. Keiner kam ihr entgegen. Die M\u00e4nner schlugen sich in die B\u00fcsche, um sich das Geld f\u00fcrs Bier zu sparen. Auf dem Thriller schrien die Fahrg\u00e4ste ihre Wut auf die Welt hinaus. Vereinzelt winkten sie sich in ergriffener Verzweiflung zu. In der Menge entdeckte sie den wartenden Giancarlo, der vertr\u00e4umt auf die Lichtlinien in der Nacht sah, als w\u00e4ren es Botschaften aus einer anderen Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBring mich zum Cranger Tor\u00ab, bat ihn Jacqueline mit leiser Stimme. Die h\u00e4mmernden Kopfschmerzen waren wieder da. St\u00e4rker als je zuvor. Ihr war, als w\u00fcrde jemand mit F\u00e4ustel und Meissel auf der Sch\u00e4deldecke ein Schlagzeugsolo spielen. Eine Hitzewelle setzte ein Brandzeichen auf ihre Stirn. Der Inhalt ihres Magens drehte sich waschmaschinengleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline hielt sich am Laternenpfahl fest. Wurde von Giancarlo gest\u00fctzt. St\u00fclpte den restlichen Mageninhalt nach au\u00dfen. Er putzte ihr mit seinem Taschentuch den Mund ab. Warf den Lappen in den n\u00e4chsten Papierkorb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo lehnte nachdenklich an einem Laternenpfahl. \u201eWas ist hier zu tun?\u201c, suchte er fieberhaft nach einer L\u00f6sung. Wollte ein Taxi rufen, doch die Fahrer gaben vor, sie w\u00e4ren im Einsatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSoll&#8216; ich dich mit der Stra\u00dfenbahn nach Hause bringen?\u00ab, bot er in Ermangelung anderer M\u00f6glichkeiten an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht der elektrifizierte Lindwurm. Will laufen!\u00ab, torkelte sie, in sich selbst verrannt. Setzte unsicher einen Fu\u00df vor den anderen. Es gefiel ihr, dass er die Situation nicht ausnutzte, sondern ernsthaft besorgt war. Mitgef\u00fchl war eine unbekannte Regung f\u00fcr sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKomm!\u00ab, forderte er sie auf. Zog sie regelrecht durch die Menge. Schei\u00df doch auf die italienische Ehre. Behandle eine Hure wie eine K\u00f6nigin. Und eine K\u00f6nigin wie eine Hure. Seine Ehefrau mit dem Engelsgesicht hatte ihn in die H\u00f6lle gebracht. Nun ging es vielleicht in die umgekehrte Richtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBrauch&#8216; &#8217;ne T\u00fcte, wenn ich mich \u00fc\u2026\u00ab, kamen Worte leise von ihren Lippen. Er musste n\u00e4her an sie heranr\u00fccken, um zu verstehen. Sie stank nach Zigaretten und Erbrochenem. Giancarlos Wahrnehmung blieb im Einklang mit sich selbst, wobei sie sich in abstruse Widerspr\u00fcche mit der Wirklichkeit verwickelte. Er zog sie entschlossen weiter. Sah eine Dame im blauen Kost\u00fcm vor einem Berber stehen. Sie lie\u00df M\u00fcnzen in seinen ausgefransten Hut fallen. Er h\u00f6rte das Klingeln der Geldst\u00fccke deutlich durch den L\u00e4rm. Bedankte sich. Er besa\u00df kaum mehr als das, was er am Leib hatte, eine Flasche lauwarmes Bier in der Notschlafstelle, schmutziges Geschirr, das er sich mit den Fliegen teilen musste. Die Implosion des Kommunismus, das allm\u00e4hliche Versickern seiner Emanzipationsideale, die Aufl\u00f6sung herk\u00f6mmlicher Schichten und Klassen im Zeichen von Individualisierung, Aktienstreuung und der multikulturelle Farbenreichtum hatte ihn g\u00e4nzlich sprachlos gemacht. Als einzigen Luxus behielt er seine B\u00fccher, eine gedankliche Br\u00fccke in die Vergangenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Bettler ist doch jedes Jahr auf der Kirmes!\u00ab Jacqueline schien ein untr\u00fcgliches Gesp\u00fcr f\u00fcr seine Gedanken zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo kramte in der Tasche, gab ihr einen Wrigley&#8217;s, die blaue Ausgabe: \u201eWrigley&#8217;s Extra pflegt die Z\u00e4hne und schmeckt. Kauen Sie ihn nach dem Essen, um den Speichelfluss anzuregen, der kariesverursachende Plaques\u00e4uren verhindern kann. N\u00e4here Informationen entnehmen Sie der Verpackungsbeilage oder erhalten sie von ihrem Apotheker. Dieses Medikament ist nicht rezeptpflichtig.\u201c Giancarlo lachte und strich sich zerfahren das Haar aus der Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNe Zahnb\u00fcrste w\u00e4r&#8217;s\u2026 und &#8217;n Bad\u00ab, w\u00fcnschte sie sich unter den dr\u00f6hnenden Schl\u00e4gen der Kopfschmerzen. \u201eIch nehme das Messer und schneide die Zahlen aus dem Fahrplan. Der Thriller kommt alle f\u00fcnf Minuten. Aber eigentlich will ich laufen. Meine Schuhe sollen \u00fcber den Asphalt klacken. Auf die Achterbahn. Aber mir ist zu kodderig, um in den Thriller einzusteigen. Er nimmt mich sanft am Arm und wir steigen ein, der Wagen setzt sich mit einem Ruck in Bewegung. Ich sehe mich um. Sehe keine Stadt, sondern nur das Bild einer Stadt, die Skyline von verloschenen Schloten, Gr\u00fcnderzeith\u00e4usern und Industriemor\u00e4nen. Er ist der Schattenriss eines Mannes.\u201c So ausgeliefert, so hilflos hatte sie sich schon lange nicht mehr gef\u00fchlt. War froh, dass jemand f\u00fcr sie da war, dass sich jemand um sie k\u00fcmmerte. Versuchte ein L\u00e4cheln. Sie brauchte keine erdfarbene Kleidung. An diesem Ort, auf diesem Platz, war ihre Tarnung besonders gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jacqueline setzte vorsichtig einen Fu\u00df nach dem anderen auf die Stufen. Checkte die Lage. Der Toilettenwagen war leer. Sie drehte den Wasserhahn an, lie\u00df ihn so lange laufen, bis das Wasser einigerma\u00dfen kalt war. Sp\u00fclte den Mund aus. 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