{"id":93903,"date":"2001-11-17T00:01:05","date_gmt":"2001-11-16T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93903"},"modified":"2021-10-29T14:00:59","modified_gmt":"2021-10-29T12:00:59","slug":"plombenzieher-und-kalorienbomber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/17\/plombenzieher-und-kalorienbomber\/","title":{"rendered":"Plombenzieher und Kalorienbomber"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein halbes Dutzend Kinder lief zwischen den B\u00e4nken hin und her. Sie waren m\u00fcde, hundem\u00fcde und konnten doch nicht einschlafen, weil sie Angst hatten, etwas zu verpassen. Diese Furcht spornte sie an, und so vertrieben sie sich die Zeit bis zum gro\u00dfen Feuerwerk mit fangen. Einer von ihnen durfte nicht mitspielen, weil er noch zu klein war. Bj\u00f6rn stand abseits, begann sich zu langweilen und ber\u00fchrte mit den H\u00e4nden die Gl\u00fchlampen. Verbrannte sich die Finger, pustete auf die Fingerkuppen und wischte sie an seiner Hose ab. Weinend suchte er in dem Gedr\u00e4nge seine Mutter. Die langen Holztische und die vielen Menschen auf den St\u00fchlen versperrten die Sicht. Er lief hastig an einem Betrunkenen vorbei, der nahe dem Delirium tremens seine Augen gen Himmel verdrehte. Die Kellnerin Elsa Lind betrachtete den Trinker aus den Augenwinkeln und beschloss, ihm kein Bier mehr zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Theke aus ging sie zum letzten Tisch, an dem es sich ein neues Paar bequem gemacht hatte. Auf diesem Weg konnte sie das Altglas einzusammeln. Langj\u00e4hrige Erfahrung als Kellnerin auf den Jahrm\u00e4rkten in Deutschland lie\u00df sie erkennen, dass dieses Paar noch nicht lange zusammen war. Der Mann war eine imponierende Erscheinung. Die Art, aufrecht zu sitzen, die gepflegten H\u00e4nde, lie\u00dfen auf ein gutes Trinkgeld schlie\u00dfen. Die Frau mit den schwarzen Haaren und dem bunten Sommerkleid empfand Elsa Lind auf den ersten Blick als nichtssagend. Bei der Aufnahme der Bestellung musste sie ihren Eindruck revidieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin kleines Helles und&#8217;n Schnaps, bitte!\u00ab, gab Giancarlo h\u00f6flich in Auftrag und wartete die Bestellung seiner Begleiterin ab. \u201eAha\u2026\u201c, merkte Elsa auf, \u201enicht verheiratet. Ehem\u00e4nner bestellen f\u00fcr ihre Ehefrauen mit.\u201c Sie konnte sich auf ihre gesunde Menschenkenntnis verlassen, obschon die Hitze auch sie m\u00fcrbe gemacht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMir reicht ein Bier\u00ab, stellte sie f\u00fcr sich selbst fest. Als die Kellnerin unschl\u00fcssig stehenblieb, sah Jacqueline ihr kurz in die Augen. Die zuckte unter ihrem Blick zusammen. Jacqueline registrierte das leichte Zittern ihrer H\u00e4nde. Elsa versp\u00fcrte den Impuls, sich bekreuzigen zu wollen, so, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. \u201eDu bist alt genug\u2026\u201c, hatte ihre Mutter zu ihr gesagt, als Elsa 15 Jahre alt wurde und ihre Regel einsetzte. \u201eLass dich nicht mit Jungen ein. Du k\u00f6nntest\u2026\u201c Ihre Mutter lie\u00df den Satz unausgesprochen, Elsa nickte, sie hatte im Biologieunterricht aufgepasst. Dort redete man zu dieser Zeit nicht mehr von Bienen und Blumen. \u201eElsa, wei\u00dft du, was eine Hure ist?\u201c Elsa hatte genickt. \u201eIch meine die andere Sorte, die Schlampen, die, die rumhuren.\u201c Elsa dachte an ihre Freundin Rita, die schon mit einem, vielleicht mit mehreren Jungen ins Bett gegangen war. Aber so etwas durfte sie ihrer Mutter nat\u00fcrlich nicht erz\u00e4hlen. \u201eSolchen Frauen darfst du nicht in die Augen sehen. Du darfst sie auch nicht ber\u00fchren.\u201c Elsa zuckte unmerklich zusammen, sie hatte Rita angefasst, war mit ihr Hand in Hand durch die Stadt gelaufen, so wie es Freundinnen in diesem Alter unbeschwert tun. \u201eSprich nicht mit ihnen. Sie sind wie eine ansteckende Krankheit. Lass die Zeit modern sein. Was immer das auch sein mag. Aber solchen Huren geh aus dem Weg. Sie sind schlecht.\u201c Elsa hatte sie fragend angesehen. \u201eDu kannst sie an den Augen erkennen. Auch, wenn sie jung sind, haben sie Augen, als ob sie schon alle Schlechtigkeit der Welt gesehen h\u00e4tten.\u201c Elsa hielt die Luft an. Ihre Mutter war in einem bayerischen Dorf aufgewachsen, in dem man 1767 die letzte Frau am Richtstein verbrannt hatte. Ihre streng katholisch erzogene Mutter hatte damals nichts anderes getan, als sie vor einer Hexe zu warnen. Als sie zwanzig Jahre sp\u00e4ter in Jacquelines Augen blickte, dachte sie: \u201eEs muss mit dem Teufel zugehen\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unwillk\u00fcrlich senkte Elsa den Blick, notierte gewissenhaft die Bestellung, obwohl sie sie im Kopf behalten h\u00e4tte, da die meisten G\u00e4ste bei dieser Affenhitze Bier oder Wasser bestellten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Bier wird uns noch zu Kopf steigen\u00ab, versuchte Giancarlo zu scherzen und meinte den Schnaps, mit dem er sich Mut antrank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMacht nix\u2026\u00ab, antwortete Jacqueline, unterstrich es mit einem L\u00e4cheln, schob gedanklich nach: \u201eIch wollte, dass du mich ansprichst, nun wei\u00df ich nicht mehr, was ich von dir will\u2026 nicht das, was man immer und jederzeit von allen kriegen kann. Und au\u00dferdem schwitze ich jetzt schon genug.\u201c Damit wischte sie sich die Schwei\u00dftropfen von der Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht sollten wir etwas essen gehen?\u00ab Giancarlo griff mit seiner Hand nach der ihren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, vielleicht\u2026\u00ab Sie entzog ihm ihre Finger mit einem L\u00e4cheln. Das Pils und der Schnaps standen im Nu auf dem Tisch. Der Mann hinter dem Ausschank arbeitete mit der Pr\u00e4zision eines Uhrwerks. Um diese Zeit stand ausreichend Vorgezapftes bereit, bei dem nur das Kr\u00f6nchen aufgetupft werden musste. Exakt sieben Minuten, die Uhr lief auch f\u00fcr diese G\u00e4ste. Giancarlo gab der Kellnerin ein gro\u00dfz\u00fcgiges Trinkgeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es blieb nicht bei dem Schnaps und dem einen Bier. Elsa Lind hatte inst\u00e4ndig gehofft, dass die G\u00e4ste, besonders diese Frau, verschwinden w\u00fcrden. Sie wollte abkassieren und sich in Ruhe das Feuerwerk ansehen. Sehr n\u00fcchtern waren beide nicht mehr. Die Frau fasste sich an die Schl\u00e4fen, rang auf einmal nach Atem, w\u00fcrgend erbrach sie ihre Magenfl\u00fcssigkeit neben die Hosenbeine ihres Begleiters. Er zuckte zur Seite, bekam aber einige Spritzer ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas geschieht dir recht!\u00ab, fl\u00fcsterte die Kellnerin geh\u00e4ssig in Jacquelines Ohr, legte einen Lappen auf den Tisch und eilte, bevor ihre Kundin antworten konnte, an die Theke. Jacqueline hielt das Gesicht nach unten. Die Kellnerin trug altmodische schwarze Sandalen. Abgetragen, sch\u00e4big und zerrissen. Jacqueline versuchte, sich auszubalancieren, und sah weiterhin stur zu Boden. Ihre schwarzen Haare verdeckten ihr Gesicht, in das sich l\u00e4chelnd eine Fratze einbrannte. Giancarlo hatte nichts geh\u00f6rt. Sie sp\u00fcrte seine Hand auf ihrem R\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unp\u00e4sslichkeit hatte die Kellnerin abgelenkt. Das Ehepaar mit der Verwandtschaft und den quengelnden Kindern war verschwunden, ohne zu bezahlen. Elsa wusste aus Erfahrung, dass der Mann jetzt bezahlen w\u00fcrde, dann war sie endlich alle los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSch\u00f6nen Abend noch!\u00ab, fl\u00f6tete sie ihn an und sah ihnen erleichtert nach, als sie das Lokal verlie\u00dfen. Er blieb unter dem blauen Torbogen stehen und s\u00e4uberte sein Hosenbein. Jacqueline nutzte diese Zeit, um sich aus den Augenwinkeln umzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elsa ging zum Toilettenwagen, um sich zu erleichtern. Stieg die eisernen Stufen hinauf. Erna, die Klofrau, sa\u00df nicht in ihrer Ecke. Wahrscheinlich w\u00e4re Elsa zu einem anderen Zeitpunkt umgekehrt, aber die Natur forderte ihr Recht ein. \u00c4hnlich erging es Jacqueline, die die Kellnerin nicht aus den Augen gelassen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch geh&#8216; mal eben zur Toilette, ja? Muss mich frisch machen!\u00ab Sie wollte harmlos wirken, was ihr mit der Andeutung eines L\u00e4chelns gelang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber bitte!\u00ab, stimmte er zu, strich sich verlegen mit den H\u00e4nden durch seine Haare. \u201eSch\u00f6ne H\u00e4nde\u2026\u201c, dachte Jacqueline, als sie sich umdrehte und der Kellnerin in den Toilettenwagen folgte. \u201ewie sie sich wohl auf der Haut anf\u00fchlen?\u201c Eine Braterei auf dem Weg verkaufte die Klassiker: Schaschlik am Spies, Pommes + Currywurst. Daneben gab es Kandiertes, \u00fcberbackene Bananen, rote Liebes\u00e4pfel sowie weitere Plombenzieher und Kalorienbomber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein halbes Dutzend Kinder lief zwischen den B\u00e4nken hin und her. Sie waren m\u00fcde, hundem\u00fcde und konnten doch nicht einschlafen, weil sie Angst hatten, etwas zu verpassen. 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