{"id":93866,"date":"2001-11-16T00:01:46","date_gmt":"2001-11-15T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93866"},"modified":"2021-10-29T09:03:57","modified_gmt":"2021-10-29T07:03:57","slug":"klemmenkaschiert-laessig-und-abgeklaert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/16\/klemmenkaschiert-laessig-und-abgeklaert\/","title":{"rendered":"Klemmenkaschiert, l\u00e4ssig und abgekl\u00e4rt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLudwig, wir sind nicht beim BND\u00ab, gab Martin Tilkowski zu bedenken. \u00bbDu hast sie entwischen lassen\u2026\u00ab, er hielt f\u00fcr einen Moment inne, \u00bbsie hat dich niedergeschlagen. Eine v\u00f6llig Abgedrehte, wie du sagst\u2026\u00ab Er lie\u00df sich noch einmal die Worte seines alten Kollegen durch den Kopf gehen. \u201eDie hat sozusagen noch eine \u00dcberraschung f\u00fcr uns parat\u201c, hatte sein alter Kumpel prophezeit. Bronischewski war in sich zusammengesackt wie ein Boxer, der in den Seilen h\u00e4ngt, die Doppeldeckung str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt und auf den knock\u2013out wartet. Zu keiner Erwiderung mehr f\u00e4hig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLudwig, die Menschen haben sich ge\u00e4ndert. Sie schlagen eher, schneller, h\u00e4rter zu. Die Fu\u00dfballfans halten uns total auf Trab\u2026\u00ab Tilkowski schnappte nach Luft. Wollte seinem Freund nicht vor den Kopf sto\u00dfen und den Tatbestand bagatellisieren. F\u00fchlte sich von seinem Anliegen \u00fcberfordert. \u00bbDie verdammten Fu\u00dfballfans sind unser Problem: Schalker, Dortmunder und dazu ausgerechnet jetzt noch das Spiel um den Westfalen\u2013Pokal zwischen dem DSC und Westfalia Herne. Wie soll ich da einen Zeichner ordern?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bronischewski sah auf die Pinwand der Sonderstelle Crange. Las die Artikel \u00fcber den Penner im Kanal und den Spielhallenbesitzer. Versuchte eine Verbindung herzustellen. \u201eSolche Gewaltexzesse gibt es in allen Kulturen und Gesellschaften, ihr diagnostischer Symptomwert ist gering.\u201c Die erbarmungslose Hitze hatte an seinen Nerven gezerrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie war absolut verhaltensunterk\u00fchlt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlles an ihnen ist eingefroren: Gef\u00fchle, Gesichtsz\u00fcge, der K\u00f6rper. Ihre Kinder kommen als Gefrierschr\u00e4nke zur Welt und schei\u00dfen Eisw\u00fcrfel! Wird keine Klimakatastrophe geben, sagt mein Sohn. Dir macht keiner was vor, lass dich nicht ins Boxhorn jagen!\u00ab F\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse war das schon eine Ansprache. Tilkowski sah seinen alten Kollegen an. Vielleicht tat ihm die Hitze nicht gut. Diese verdammten Uniformen waren nichts bei dieser Hitze. Er musste f\u00fcr sich und Ludwig Bronischewski eine akzeptable L\u00f6sung finden. \u00bbIch glaube, Ludwig, du solltest f\u00fcr heute freimachen. Komm&#8217;sse f\u00fcr Gudrun auf&#8217;e Fr\u00fchschicht!?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tilkowski fuhr herum, funkelte w\u00fctend mit den Augen und befahl scharf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch dulde kein Aber!\u00ab Und schon im n\u00e4chsten Moment tat ihm sein Ton leid. Ludwig war ein guter Mann, kein Haudrauf, kein Harter, aber einer, der die Durchgeknallten beruhigen konnte, der die richtigen Worte f\u00fcr die Bekloppten fand, ohne den Behinderten vor den Kopf zu sto\u00dfen. Einer mit Herz. Aus einer Zeit, als Ideale noch gewollt wurden. Was war fatal daran, wenn einer an Recht und Gesetz glaubte, die Paragrafen des Grundgesetzes f\u00fcr Psalmen der Bibel hielt und Deutschland f\u00fcr eine Demokratie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Verr\u00fcckten dieser Welt sterben nicht aus\u2026\u00ab, murmelte er vor sich hin. Sah vor dem Fenster die Gierigen, Durchgeknallten und Tobs\u00fcchtigen vorbeiziehen. Betrachtete den Ausschuss aus den Randzonen der St\u00e4dte, die Verlierer des Strukturwandels, die Zaung\u00e4ste des Lebens. Hatte Bronischewski den R\u00fccken zugedreht, um seine Fassung wieder zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchei\u00df der Hund aufs Feuerzeug!\u00ab, h\u00f6rte er ihn fluchen. Im n\u00e4chsten Augenblick fiel die T\u00fcr krachend ins Schloss. Tilkowski stand mit verschr\u00e4nkten Armen am Fenster und blickte in den Hof. Dort standen zwei Einsatzwagen und ein Krankenwagen des DRK. Die Vordert\u00fcr \u00f6ffnete sich. Sein Freund Ludwig stob mit hochrotem Kopf an seinen jungen Kollegen vorbei, die ihm sichtlich irritiert hinterher sahen. Tilkowski war jetzt froh, dass er ihn zur Unterredung in einen der abgelegeneren R\u00e4ume des zweiten Stocks gebeten hatte. Er sah ihm hinterher, wie er zwischen den B\u00e4umen und der kleinen Mauer in der Menschenmenge auf der Dorstenerstra\u00dfe entschwand. Hinter ihm qu\u00e4kte sein Funkger\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist mit dem Kollegen los?\u00ab, h\u00f6rte er die nasale Stimme des jungen Galonska.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKollege Bronischewski macht einen Rundgang \u00fcber die Kirmes, um einer Angelegenheit auf den Grund zu gehen\u00ab, gab Tilkowski mit sachlicher Stimme zur Antwort. Der Kollege Galonska brauchte klare Handlungsmaximen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBei der Hitze?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tilkowski blieb Galonska die Antwort f\u00fcr Sekunden schuldig. Dann sprach er schlie\u00dflich ins Funkger\u00e4t und versuchte, seiner Stimme abermals einen festen Klang zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa. Und Sie sollten auch einen Rundgang machen. Tilkowski Ende\u00ab, keifte er. Sollten sie doch Gift und Galle spucken, dass er sie nicht einweihte, sondern ihnen Bronischewski als leuchtendes Beispiel voran stellte. \u201eDirk Galonska ist nicht auf den Kopf gefallen\u2026\u201c, dachte Tilkowski, \u201eer hat Ambitionen und will Karriere machen. Sie sind heute alle klemmenkaschiert, l\u00e4ssig und abgekl\u00e4rt. Wie sie wohl reagieren werden, wenn es wirklich mal um etwas geht!?!\u201c Bei diesem Gedanken \u00fcberlief ihn trotz der Hitze ein kalter Schauer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbLudwig, wir sind nicht beim BND\u00ab, gab Martin Tilkowski zu bedenken. \u00bbDu hast sie entwischen lassen\u2026\u00ab, er hielt f\u00fcr einen Moment inne, \u00bbsie hat dich niedergeschlagen. 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