{"id":93860,"date":"2001-11-14T00:01:34","date_gmt":"2001-11-13T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93860"},"modified":"2021-10-29T08:59:19","modified_gmt":"2021-10-29T06:59:19","slug":"bayernzelt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/14\/bayernzelt\/","title":{"rendered":"Bayernzelt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unwillk\u00fcrlich straffte sich Giancarlos R\u00fccken. Er z\u00f6gerte f\u00fcr einen Moment, als er hinter Jacqueline trat. Konnte sie sich sofort in dem gro\u00dfen Ehebett vorstellen. Aufgrund seiner strengen katholischen Erziehung hatte Giancarlo es bisher als S\u00fcnde betrachtet, sich dort \u00fcberhaupt eine andere Frau vorzustellen als Loretta. \u201eCarnevale in Venezia\u2026\u201c, wirbelte es durch sein Bewusstsein und versank in den dreieinhalb Pfund hoch spezialisierten, grauen Zellgewebes, tuschelte im elektrischen Gebrabbel von 100 Milliarden Neuronen, an den eine halbe Million Kilometer langen Nervenbahnen. \u201e\u2026 hier ist auch nichts weiter als Carnevale. Es ist nicht l\u00e4ngst alles ernst gemeint, was du siehst. Eine Lustbarkeit. Ein Spiel. Es hat sogar Regeln! Du bist genau wie alle hier.\u201c Und er sah ihre Gier, ihre Geilheit, sah sie getrieben von Vergn\u00fcgungssucht, hinein in das kleine Vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor ihm die Frau im gebl\u00fcmten Sommerkleid. \u201eSie ist auch nicht anders\u2026\u201c, fl\u00fcsterte die Stimme ihn ihm. \u201eVielleicht hat sie einen Liebhaber. Vielleicht will sie ihm einen Seitensprung heimzahlen. Nimm sie dir. Zeig ihr, dass du noch ein Mann bist!\u201c Sein Ich w\u00fcrde \u00e4therisch. Sein Bewusstsein, sich in diesem Moment nicht selbst zum Objekt haben. Es war die Summe aller bewussten Wahrnehmungsprozesse. Giancarlo bosselte an einer originellen Er\u00f6ffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur wenige Zentimeter von einander entfernt und doch auf verschiedenen Seiten. Sie lie\u00df ihm Zeit zum Nachdenken. Gemeinsam betrachteten sie die Einsamen, beobachteten die Getriebenen. Sahen der Balz zu: Eine Nummer zu eng. Das ist auf Crange Strategie. Und es funktioniert: Die Kn\u00f6pfe springen im richtigen Moment auf. Verschl\u00fcsse werden entkorkt. Rei\u00dfverschl\u00fcsse ratschend aufgezogen. Schwei\u00df perlt auf dem Bauch. Sammelt sich im Nabel. Haut reibt sich an Haut. Widerstand erzeugt W\u00e4rme. Sie haben sich in ihrer Gewalt. Jeder den anderen. Das Stempelkissen der Lippen besiegelt den Schwur. Sie sp\u00fcren muskul\u00f6se Oberschenkel, f\u00fchlen eine prickelnde Reizung zwischen ihren Schenkeln, welche sich sanft \u00f6ffnen lassen. Die Augen gl\u00e4nzen, Haut ist von einem Schwei\u00dffilm \u00fcberzogen, die Lippen sind feucht. Den ersten Sto\u00df begleiten nasse K\u00fcsse. Sehns\u00fcchtig atmen sie mit flatternden Nasenfl\u00fcgeln den begierlichen Geruch des anderen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline verfolgte mit ihren Augen den Weg, den die Wagen in den vier Loopings des Thrillers zur\u00fccklegten. Ihrem Blick wohnte die Erwartung inne, von dem erwidert zu werden, dem sie ihn schenkte. Die Aura ihrer Erscheinung zu erfahren war nur m\u00f6glich, ihn mit dem Verm\u00f6gen zu belehnen, den Blick aufzuschlagen. Giancarlo tippte ihr leicht auf das linke Schulterblatt. Als sie sich umdrehte, l\u00e4chelte sie sanft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDarf ich Sie einladen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie drehte ihr Gesicht zum Thriller. Tat absichtlich abwesend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEine Runde?\u00ab, fragte sie ihn, als sie sich ihm wieder zuwandte und anblinzelte. Giancarlo war ihrem Blick gefolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, besser das nicht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie starrte wieder auf den Thriller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh, schade\u2026\u00ab Es entstand eine lange Pause. Eine von den Pausen, die nicht peinlich waren. Sie lie\u00dfen sich Zeit, ohne aufeinander zu lauern, ohne auf Fehler zu warten. Giancarlo hatte Zeit, ihr Gesicht zu mustern. Sie hatte Lachf\u00e4ltchen um die Augen. Ihre Haut war leicht gebr\u00e4unt. Vielleicht kam sie geradewegs aus dem Urlaub zur\u00fcck. Vielleicht aus dem S\u00fcden. Vielleicht aus Italien\u2026 der Wagen auf dem Thriller nahm Anlauf f\u00fcr den letzten Looping.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte auf keinen Fall ins Bayernzelt!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wagen schoss durch den Looping. Giancarlo h\u00f6rte die Menschen ein letztes Mal mit Angstlust aufschreien. Sie stiegen aus. Dann wurde der Wagen \u00fcber eine Weiche an den Start gebracht. Das Spiel mit den Irritationen von Angst und Lust konnte neu beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie w\u00e4re es mit der, \u00e4h\u2026\u00ab, Giancarlo suchte nach den richtigen Worten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDirekt gegen\u00fcber? Wo die Herren ihre Stellpl\u00e4tze zugewiesen bekommen, obwohl es nat\u00fcrlich allj\u00e4hrlich ein Losverfahren gibt?\u00ab, erkundigte sich Jacqueline sp\u00f6ttisch. Sie verwirrte ihn, machte ihn v\u00f6llig wehrlos. Giancarlo nickte, obwohl er nicht verstand, was sie meinte. Im hintersten Hinterst\u00fcbchen seines Kopfes h\u00f6rte er eine Alarmglocke schrillen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNur auf ein Bier?\u00ab, erkundigte sie sich mit erotischem Unterton, und ihre Stimme klang sanft, sehr sanft: \u00bbJacqueline.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einen Augenblick schien er nicht zu begreifen, dass sie sich vorstellte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u00c4h\u2026 wie bitte?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann fing er sich und stellte sich seinerseits vor. Es war seltsam, dass sie einen Namen hatte. Vielleicht war es auch nicht ihr richtiger Name. Sie l\u00e4chelte ihn an. Er gefiel ihr. R\u00fchrte sie an. R\u00fchrte etwas in ihr an. Verblichene Gef\u00fchle an ihren Vater, an seine Heiterkeit. Mit ihm war sie Riesenrad gefahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Unwillk\u00fcrlich straffte sich Giancarlos R\u00fccken. Er z\u00f6gerte f\u00fcr einen Moment, als er hinter Jacqueline trat. Konnte sie sich sofort in dem gro\u00dfen Ehebett vorstellen. 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