{"id":93857,"date":"2001-11-13T00:01:04","date_gmt":"2001-11-12T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93857"},"modified":"2021-10-29T08:56:11","modified_gmt":"2021-10-29T06:56:11","slug":"abschreibungskosten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/13\/abschreibungskosten\/","title":{"rendered":"Abschreibungskosten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit langsamen, gleichsam tastenden Schritten verlie\u00df Ludwig Bronischewski den Cranger Friedhof. War verunsichert und hatte das Funkger\u00e4t an seinem Handgelenk ganz vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLudwig, melde dich\u2026\u00ab, qu\u00e4kte es aus dem Funkger\u00e4t. Das war sein Chef Martin Tilkowski, \u00bb\u2026 alles bei dir in Ordnung?\u00ab Bronischewski stellte sich vor, wie sein Vorgesetzter in der Sonderwache sa\u00df und ins Sprechfunkger\u00e4t sprach. Wie immer musste er den Kopf ein wenig schr\u00e4g halten, eine Angewohnheit, die ihm aber einmal das Leben gerettet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, falscher Alarm. Alles ruhig. Mach&#8216; jetzt &#8217;ne Runde \u00fcber die Cranger Kirmes. Meld&#8216; mich bei den Kollegen am Bayernzelt. Over.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Behauptung der Kollegen von der Polizeisonderwache Crange, er habe im Schatten des Riesenrades seinen ersten Schrei getan, entsprach nicht ganz den Tatsachen, dennoch hatten Ludwig Bronischewski und sein Vorgesetzter Martin Tilkowski eine besondere Beziehung zur Cranger Kirmes. Beide absolvierten ihren 25. Einsatz. Tilkowski seinen 20. als Leiter der Sonderwache. So wie die Kirmes in diesen Jahren ihr Gesicht ver\u00e4ndert hatte, so hatte sich auch der Dienst auf Crange ver\u00e4ndert. Bevor sie mit ihren Kollegen in die jetzigen R\u00e4ume der alten Cranger Schule einzogen, war alles mehr oder weniger ein Behelf. Zusammen mit dem DRK und dem Ordnungsamt unter einem Dach war alles professioneller geregelt. Trotz dieser positiven Entwicklung gefiel ihm der Gedanke an die Frau in der roten Unterw\u00e4sche ganz und gar nicht. Ludwig Bronischewski hatte schon in den Jahren zuvor Liebespaare aufgeschreckt. Dies geh\u00f6rte einfach zum Job. Die meisten machten ein gl\u00fcckliches Gesicht, wenn er sie mit einer Verwarnung davonkommen lie\u00df. Sein Instinkt sagte ihm, dass bei diesem Vorfall etwas nicht koscher war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerdammt faul\u2026\u00ab, knurrte er vor sich hin. Aus den Augenwinkeln registrierte er eine t\u00fcrkische Jugendgang. Ihre erhitzten Gespr\u00e4che verstummten respektvoll. Bronischewski gr\u00fc\u00dfte mit einem Kopfnicken. Sie waren nicht \u00e4lter als seine drei Kinder, f\u00fcr die der Vater beruflich wie privat ein Vorbild war. Kurt, der \u00e4lteste Sohn, war seit drei Jahren Polizist. Seine 19\u2013j\u00e4hrige Tochter Sabrina machte ein Anerkennungsjahr in einem Heim f\u00fcr geistig und k\u00f6rperlich behinderte Menschen. Nur Monika, das Nesth\u00e4kchen, konnte sich noch nicht so recht entschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ludwig Bronischewski war ein freundlicher Herr in den besten Jahren. Hatte noch nie seine Dienstwaffe benutzen m\u00fcssen. Es gab Tage, da bedauerte er dies. An den meisten Tagen war er jedoch heilfroh, es noch nie getan haben zu m\u00fcssen. Im Grunde seines Herzens war er ein friedliebender Mensch, dennoch beschlich ihn das Gef\u00fchl einer Verwundbarkeit, die er nicht genau benennen konnte oder auch nicht wollte. Dieses Gef\u00fchl stahl sich langsam, sehr langsam in sein Bewusstsein. Wie ein guter Freund, dem man sagen musste, dass er zu diesem Zeitpunkt unwillkommen ist, weil man gerade dabei ist, seine Koffer f\u00fcr eine lange Reise zu packen, von der man vielleicht nicht zur\u00fcckkehren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alte Schlachtross, mit seiner langj\u00e4hrigen Erfahrung, mit seinen ausgebufften Tricks, lie\u00df seine Gedanken immer wieder zu dieser Frau gleiten. Er blickte durch weltweise Augenringe. In Zeitlupe schlenderte Bronischewski durch einen flirrenden Backofen. \u201eWas ist das Wesentliche? F\u00fcr mich? Heute abend?\u201c Er sollte nichts weiter tun, als Streife zu laufen. Sollte nur durch seine Pr\u00e4senz f\u00fcr Ruhe und Ordnung sorgen. \u201eDie B\u00fcrger dieser Stadt haben einen letzten sch\u00f6nen Abend verdient.\u201c An ihrem Beruf und an Crange liebten Bronischewski und Tilkowski besonders den engen Kontakt zu den Schaustellern und den B\u00fcrgern, \u201ef\u00fcr die man hier noch so etwas wie der gute alte Schutzmann an der Ecke ist\u201c. Sie hatten auf Crange die Aufgabe, Jugendliche zur R\u00e4son bringen, randalierende Fu\u00dfballfans in die Schranken weisen, Betrunkene am Taxistand der Rathausstra\u00dfe in einen Wagen setzen, damit sie die Heimreise antreten konnten. Am n\u00e4chsten Morgen w\u00fcrden sie mit einem Brummsch\u00e4del aufwachen und sich vielleicht noch an den gro\u00dfen B\u00e4ren oder an die Flasche Sekt erinnern, die sie einer auf blond gebleichten Kirmessch\u00f6nheit schie\u00dfen wollten. An mehr besser nicht. Reine Routine. Die Jugendgang widmete sich wieder sich selbst und ihren \u00fcberm\u00fctigen Protzereien. Hier war alles im gr\u00fcnen Bereich. Vorl\u00e4ufig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWahrscheinlich ist diese Kanaille mit &#8217;ner EC\u2013Karte, Schecks, dem Mobiltelefon und dem Inhalt des Portemonnaies verschwunden. Und tsch\u00fcss.\u201c Abschreibungskosten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Instinktiv hielt er inne und atmete zwei, dreimal tief durch. Was er roch, war der Geruch von Brat\u00e4pfeln, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. \u201eAch wat, du machst dich v\u00f6llig unn\u00f6tig verr\u00fcckt\u2026\u201c, dachte er, \u201e du hast sie bei einem flotten Dreier erwischt. Und sonst nichts!\u201c Er h\u00e4tte sich gern davon \u00fcberzeugt, blieb stehen und \u00fcberlegte, ob er sich nicht ein Eis kaufen sollte. Es war hei\u00df, so gottverdammt hei\u00df, dass einem die absonderlichsten Gedanken durch den Kopf schossen. \u201eAus dem Mief der Provinzexistenz erw\u00e4chst das wahre Grauen. Orgien ordin\u00e4rer Enthemmung. Schl\u00e4gereien sind an der Tagesordnung. Taschendiebstahl v\u00f6llig normal. Bierkampflaune schl\u00e4gt schnell in Gewalt gegen Au\u00dfenseiter um. Entt\u00e4uschte Fu\u00dfballfans wollen das Bayernzelt zertr\u00fcmmern. Aufgescheuchte Liebespaare verdecken ihre Bl\u00f6\u00dfe. Betrogene Ehem\u00e4nner m\u00fcssen beruhigt werden\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das verungl\u00fcckte Grinsen verblasste auf seinem Gesicht. Er dachte an eine Frau in roter Unterw\u00e4sche mit langem schwarzen Haar, Augen, die gl\u00fchten wie Kohlen, die er bei einem Dreier erwischt hatte und die so eiskalt blieb. Sie war zu ruhig geblieben. Hatte keine Worte der Entschuldigung wie andere, die er ertappt hatte, gefunden. War auch nicht ausfallend geworden. Nicht verbal. Sie hatte ihn nur kurzerhand ausgeknockt. Ludwig Bronischewski wog 190 Pfund. Sie hingegen bei einer Gr\u00f6\u00dfe von 170 cm vielleicht 120 Pfund, war verdammt gut austrainiert, hatte eine explosive Schlagkraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMartin, bist du noch dran?\u00ab, fragte er z\u00f6gerlich, in der Weise eines kleinen Schuljungen, in sein Sprechger\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier Tilkowski. Was gibt es, Ludwig?\u00ab, gab sich der Einsatzleiter sachlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube, wir werden heute noch eine\u2026\u00ab, er stockte und verbat sich das Wort \u00dcberraschung. R\u00e4usperte sich. Hielt die Verbindung. Lie\u00df den Apparat schnarren. W\u00e4hnte sich einer kalten Wahnsinnigen auf der Spur. Aus der Perspektive eines sozial versorgten Wohlstands hatte dies keine Relevanz. Er verf\u00fcgte \u00fcber keinen zwingenden Beweis und musste sich auf ein Spiel aus Zufall und Notwendigkeit einlassen. Versuchte noch einmal neu anzusetzen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMartin\u2026 du\u2026 ich habe ein Schei\u00df\u2013Gef\u00fchl!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tilkowski schluckte h\u00f6rbar. Diesen Satz hatte er schon einmal von seinem Kumpel geh\u00f6rt. Dieser Satz und seine schr\u00e4ge Kopfhaltung hatten ihm bei einem Einsatz bei der Bochumer Streife das Leben gerettet, als sie einen Einbrecher stoppten, der in das Reihenhaus des Sammlers Prof. Murnau eingestiegen war, um dort Antiquit\u00e4ten und einen Kandinsky mitgehen zu lassen. Es kam zu einem Schusswechsel, damals, Bronischewski blieb sachlich, und wartete gelassen, bis der Einbrecher sein Magazin leergeschossen hatte. Der Einbrecher benahm sich filmreif, warf die Knarre wie ein benutztes Einwegfeuerzeug weg und wollte t\u00fcrmen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHab&#8216; verstanden. Lass&#8216; dich umgehend bei mir blicken. Ende.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit langsamen, gleichsam tastenden Schritten verlie\u00df Ludwig Bronischewski den Cranger Friedhof. War verunsichert und hatte das Funkger\u00e4t an seinem Handgelenk ganz vergessen. \u00bbLudwig, melde dich\u2026\u00ab, qu\u00e4kte es aus dem Funkger\u00e4t. 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