{"id":93848,"date":"2001-11-10T00:01:06","date_gmt":"2001-11-09T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93848"},"modified":"2021-10-29T08:47:30","modified_gmt":"2021-10-29T06:47:30","slug":"die-letzte-nacht-der-cranger-kirmes-brach-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/10\/die-letzte-nacht-der-cranger-kirmes-brach-an\/","title":{"rendered":"Die letzte Nacht der Cranger Kirmes brach an"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline f\u00fchlte sich beobachtet. Sp\u00fcrte die Blicke fast k\u00f6rperlich. \u201eDer Polyp? Oder der d\u00e4mliche Ansgar und seine aufgegeilte Shari? Hat jemand den toten Hund als sein Eigentum erkannt und Strafanzeige gestellt?\u201c Sie seufzte. H\u00e4tte den Betrunkenen besser versenken sollen. Schlampigkeit machte sich nie bezahlt. Der Vierer\u2013Looping zog unbeirrt seine Runden. Die Menschen kreischten. Es war immer so einfach, einen Mann zu t\u00f6ten. Sie f\u00fchlten sich als die Herren der Welt, glaubten eine Situation dominieren zu k\u00f6nnen und waren simpel gestrickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhj, du ficki&#8217;ficki machen?\u00ab, krakeelte ein Spacko. Ein saftiger Tritt in die Eier und ihnen in das Gesicht spucken, wenn sie Luft holten und das Gesicht hoben. Nicht der Tritt war die vollkommene Erniedrigung, sondern Jacquelines sanftes L\u00e4cheln, der Griff ins Haar, der Kuss auf ihre blutige Lippen. Sie daran zu erinnern, wer sie ins Bett geschickt hatte. Das war die vollkommene Vernichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frauen zu t\u00f6ten hatte sich als schwieriger erwiesen, als Kerle zu erledigen. Obschon von Natur aus die Schw\u00e4cheren und wesentlich vorsichtiger, hatten sich die Frauen als die Z\u00e4heren erwiesen. Welcher Mann w\u00e4re in der Lage, die Wehen bei einer Geburt auszuhalten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Melissa, eine Studentin, die in ihrer Dr\u00fcckerkolonne arbeitete, hatte sie zur Strafe und nicht zuletzt zum Spa\u00df in der Eifel drei Tage lang an ein Bett gekettet. Die Einnahmen von Melissa blieben auch nach der Z\u00fcchtigung gering, und Jacqueline war abscheulich gelaunt. \u201eStrafe muss sein!\u201c Der Ehrenkodex der schlechten Gesellschaft lautet: &#8222;Verrat ist schlimmer als Mord!&#8220; Jacqueline hatte sie abermals mit Handschellen ans Gestell gefesselt, ihr Stornozettel und Regenw\u00fcrmer, sonst nichts zu essen und nichts zu trinken gegeben. Anfangs weinte und bettelte Melissa. Nachdem Jacqueline sie ohne Gleitmittel mit einem Dildo vergewaltigt hatte, schwieg sie. Vor allem, weil es sie angesch\u00e4rft hatte und sie nicht wusste, warum. Die Chefin glaubte, ihr Wille sei gebrochen. Melissa zitterte, als sie losgekettet wurde. Vor Angst, glaubte Jacqueline. Und k\u00fcsste sie z\u00e4rtlich. Dass Melissa vor Wut zitterte, wurde ihr erst klar, als diese ausgemergelte H\u00fcndin sie r\u00fccklings angriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachtschwarzes Nichts der Verwerflichkeit. Melissa endete mit einem Einschussloch der Walther in der rechten und einem Austrittsloch in der linken Schl\u00e4fe, in einem dunklen Loch in der Eifel. Bewegte sich noch, als Jacqueline die ersten Brocken Erde auf sie warf. Getroffen im Schl\u00e4fenlappenbereich konnte sie nicht orten, erkennen oder h\u00f6ren, was um sie herum geschah. Ihr Gehirn war vom Einschlag der Kugel in diesen Funktionen gest\u00f6rt. Ihr akustisches Zentrum und ihr Ortungssystem wurde von Blut \u00fcberflutet. Blut, das eigentlich durch die Arterie flie\u00dfen sollte. Vielleicht waren zu ihrem Gl\u00fcck auch die Stellen ihres Gehirns verletzt, die es zugelassen h\u00e4tten, ihre Lage zu beurteilen. So blieb sie im Erdloch liegen, unkontrolliert zuckend. Jacqueline beerdigte sie. Zeitlupengleich fielen Erdklumpen auf sie nieder, bedeckten erst Beine, dann die H\u00fcften. Ein zuckender Haufen Erde, aus dem weit aufgerissene Augen wei\u00dflich aus dem Grab geschimmert hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Crange war das Erlebnis eine blasse Erinnerung von Macht und die Erkenntnis, dass Frauen cleverer waren. Sie waren z\u00e4her, handelten umsichtiger, sch\u00e4tzten besser ihre Lage ein. Aus welchem Grund k\u00f6nnten sonst Frauen mit grobschl\u00e4chtigen Wesen, die sich M\u00e4nner nannten, zusammenleben? Das Leben eines Mannes konzentrierte sich auf einen Punkt. Auf einen Daseinszustand. Auf eine Schlacht. Einen Sieg. In einer Minute waren sie unwiderstehlich, konnten alles geben, und dann verpuffte ihre Energie so, wie eine Seifenblase zerplatzt. Wupp und weg. \u201eAnsgar, geiler Stecher, hast es deiner Shari nicht gut besorgt? Versuchs noch mal!\u201c Sie sog die warme Luft ein, f\u00fchlte sich von Dunkelheit ummantelt. Die Lichter der Kirmes, warm, bunt und hell, zauberten ein L\u00e4cheln auf ihr Gesicht, das sie wie einen gefallenen Engel erscheinen lie\u00df. Drehte sich herum, schaute dem dunkelhaarigen Mann auffordernd l\u00e4chelnd in die Augen, drehte ihm den R\u00fccken zu und beobachtete versonnen die durch den Looping jagenden Waggons des Thrillers. Die letzte Nacht der Cranger Kirmes brach an. Jacqueline konnte ein wenig Spa\u00df gebrauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jacqueline f\u00fchlte sich beobachtet. Sp\u00fcrte die Blicke fast k\u00f6rperlich. \u201eDer Polyp? Oder der d\u00e4mliche Ansgar und seine aufgegeilte Shari? Hat jemand den toten Hund als sein Eigentum erkannt und Strafanzeige gestellt?\u201c Sie seufzte. 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