{"id":93841,"date":"2001-11-08T00:01:49","date_gmt":"2001-11-07T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93841"},"modified":"2022-02-27T14:46:02","modified_gmt":"2022-02-27T13:46:02","slug":"liliputrad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/08\/liliputrad\/","title":{"rendered":"Liliputrad"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am letzten Sonntagabend war die Kirmes belebter als die Tage zuvor. Trotzdem fielen Giancarlo drei Personen auf, die hastig den Cranger Friedhof verlie\u00dfen, in verschiedene Richtungen liefen, ohne M\u00fche ein Teil der Masse wurden und in der Menschenmenge untertauchten. Er war sich sicher, dass er sie schon mal gesehen hatte, nur nicht zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u201eIst Loretta vor mir auch so davon gelaufen? Vielleicht in ihren Tagtr\u00e4umen, als ich \u00fcber nichts anderes sprach als \u00fcber meine Arbeit.\u201c Die gottverdammte Arbeit, die ihm so heilig und wichtig war. Parties, Treffen, schlie\u00dflich waren sie dem Tennisclub in Hordel beigetreten, weil er glaubte mit den Bonzen mithalten zu m\u00fcssen. Konnte er sie noch nicht auf der Karriereleiter einholen, so wollte er ihnen auf dem Platz zeigen, dass er Biss und Verstand hatte und den unbedingten Willen zu siegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu willst doch f\u00fcr unsere Kinder ein h\u00fcbsches Haus haben?\u00ab, hatte er Loretta zu Beginn ihrer Ehe gefragt. Loretta hatte ihn nur aus ihren dunklen Augen angesehen. Er wusste genau, was sie dachte: \u201eWenn du immer mit deinen Vorgesetzten zu Abend isst, wie willst du dann Kinder, deine Kinder, zeugen?\u201c Giancarlo trat eine leere Dose aus dem Weg. Er musste seine tr\u00fcbe Stimmung verscheuchen. \u201eWenn du eine Familie willst, dann musst du dir eine neue Frau suchen.\u201c Bei diesem Gedanken musste er lachen. \u201eWom\u00f6glich eine Kontaktanzeige in einer \u00fcberregionalen Wochenzeitung aufgeben?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging am Liliputrad vorbei, wo Eltern ihre kreischenden Spr\u00f6sslinge in das kleine Riesenrad setzten. Hatte nur einen kurzen Blick daf\u00fcr \u00fcbrig, der ihm jedoch schon zu lang erschien. Die Kirmes nahm ihn auf wie die anderen. Er wurde am Rollenden Kaufhaus vorbeigetrieben, warf einen Blick auf die Wilde Maus, dahinter sah er das eigentliche Riesenrad. Majest\u00e4tisch erhob sich das Wahrzeichen der Kirmes in die Nacht: Fangarme einer alten und endlos geduldigen Oktopussi. Die Menge dr\u00e4ngte ihn weiter. Giancarlo verstand nicht, welches Band bei der Holzfigur Der sprechende Seemann vor dem Happy Sailor abgespult wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kirmes\u2013Platz hatte die Form eines Trichters. Nicht so sehr, dass man die Neigung unbedingt beim Laufen sp\u00fcrte, aber die stehende Hitze lie\u00df die Ger\u00e4usche nicht abziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Etagencaf\u00e9 Grell bestellte Giancarlo ein kaltes Pils. Kippte w\u00e4hrend der Wartezeit einen Korn, um das nerv\u00f6se Zittern der H\u00e4nde zu gl\u00e4tten, und lie\u00df den Blick schweifen. An diesem Fixpunkt kamen alle fr\u00fcher oder sp\u00e4ter vorbei, man musste nur warten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach exakt sieben Minuten servierte ihm der Ober das Bier zum Schnaps; mit Kr\u00f6nchen, da lie\u00df man sich hier nicht lumpen! Einige der Fenster waren auf Kippe gestellt, aber die br\u00fctende Hitze stand in den R\u00e4umen. \u201eMintfarbene Decke, Holzst\u00fchle, Theke grau marmoriert, Lampen in einer Reihe unter der Decke\u2026\u201c, reportierte Giancarlo hastig in Gedanken, um sich auf die sichere Seite der Realit\u00e4t zu wiegen, und sp\u00fclte den bitteren Geschmack von der Zunge. Die Lampen machten im Grell dem Namen alle Ehre, sie sahen aus wie umgest\u00fclpte Bl\u00fcten, f\u00fcnfbl\u00e4ttrig. Am Tisch, neben den Treppen, sa\u00dfen die Schaustellerkollegen und der Chef des Etagencaf\u00e9s. Meist \u00e4lteres Publikum. Der Blick aus den Panoramafenstern zeigte nach vorn das Europ\u00e4ische Dorf, nach hinten die Wildwasserbahn, rechts eine Losbude, links das Bigmonster. Aufblinken der Krakenarme. Sie warteten auf Kundschaft. Menschen, die lachend ihre Partner zur Gondel riefen. Trafen am Krakenarm einen Kontrolleur, der die Billets einsammelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann hatte er sie endlich im Visier. Jacqueline stand beim Auto\u2013Scooter. Direkt im Licht eines Scheinwerfers. Unschuldige Inszenierung einer ausgebleichten Jugend. Make\u2013up an genau den richtigen Stellen: Roter Lippenstift, Mascarawimpern, blauschwarze Haare bis zum knabenhaften Po. Gebl\u00fcmtes Sommerkleid, schwarze Lederjacke. Doc Martens mit dicken Socken. Giancarlo prostete ihr zu. Jacqueline zerquetschte beil\u00e4ufig eine leere Bierdose. Zielte. Warf sie in einen offenen Container. Traf. Strich sich l\u00e4ssig die langen Haare aus der Stirn. Drehte sich eine Zigarette. Rauchte. Z\u00e4hlte ihr Kleingeld. Betrachtete nachdenklich den Vierer\u2013Looping.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Am letzten Sonntagabend war die Kirmes belebter als die Tage zuvor. 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