{"id":93790,"date":"2015-07-01T00:01:16","date_gmt":"2015-06-30T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93790"},"modified":"2021-10-27T09:34:30","modified_gmt":"2021-10-27T07:34:30","slug":"splendid-isolation-ich-allein-mit-einem-buch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/07\/01\/splendid-isolation-ich-allein-mit-einem-buch\/","title":{"rendered":"Splendid isolation. Ich, allein, mit einem Buch"},"content":{"rendered":"&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">Theo Breuer:<\/span> <i>Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt<\/i> \u2013 lese ich bei Jorge Luis Borges. Leben wir beide also mitten im \u203aParadies\u2039?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">Hans Bender:<\/span> Ich bin mir da nicht so sicher. B\u00fccher aus den Regalen unserer Wohnung ver\u00adschwinden! Wir haben sie weder verschenkt noch verliehen, auch nicht zum Antiquar gebracht. Sie stehen nicht mehr an ihrem Platz, geordnet nach L\u00e4ndern und Epochen. Ich vermute, sie haben sich davon gemacht, ent\u00adt\u00e4uscht, weil wir sie viel zu lang nicht mehr herausgeholt, nicht mehr gelesen und gelobt haben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> Was wir aber doch jedes Mal tun, wenn ich hier bin. Eben erst hatte ich wieder B\u00fccher von Jean Am\u00e9ry, Elias Canetti \u2013 <i>das<\/i> Buch der B\u00fccher: <i>Die Blendung<\/i> \u2013, Hermann Hesse, Ricarda Huch, Hans Henny Jahnn, was f\u00fcr ein <i>Flu\u00df ohne Ufer!<\/i>, Walter Kappacher, Annette Kolb, Thomas Mann, Arnold Stadler, Robert Walser in der Hand, dann <i>Das steinerne Herz<\/i>, mein liebstes Buch von Arno Schmidt \u2013 oder hier: Otto Zoffs <i>Tageb\u00fccher aus der Emigration 1939 \u2013 1944<\/i> &#8230; Und am Ende des Tages wird der Tisch wieder b\u00fccher\u00fcbers\u00e4t sein \u2013 wie jedes Mal, wenn wir beisammensitzen. <i>B\u00fccher haben die nat\u00fcrliche Tendenz zu verschwinden<\/i>, steht \u00fcbrigens in Burkhard Spinnens <i>Kram und W\u00fcrde<\/i> \u2026 (Schmunzelt.) Ich mu\u00df also offenbar <i>noch<\/i> \u00f6fter kommen \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> Ja, das mu\u00dft du. (Lacht.) Reich mir doch bitte das Buch, da ist eine Stelle, die ich dir vorlesen will: <i>September 1939, Nizza<\/i>. Zoff schreibt: <i>Ich sitze lange in einem Caf\u00e9 auf der Stra\u00dfe, eine Barock\u00adkirche gegen\u00ad\u00fcber, Balkons mit Vorh\u00e4ngen, ziegel\u00adrote Fassaden, Blumen\u00adst\u00e4nde voller Nelken, ein Teil des Marktes mit der Platanen\u00adreihe. Mittagsw\u00e4rme. Und es gibt Leute, die den Krieg vorziehen<\/i>. Nie habe ich diesen Eintrag ver\u00adgessen, seit ich ihn las vor vielen Jahren, jeden Abend denke ich daran beim Ansehen der Nachrichten. \u2013 Reden wir \u00fcbers Lesen! Jeder erst mal einen Satz aus dem Stegreif.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> <i>Blue windows, blue rooftops \/ and the blue light of rain<\/i> \u2026 Lesen \u2026 <i>Lesen hei\u00dft doppelt leben<\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>&#8230;<\/b><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> (lacht) Typisch Theo Breuer, Leser vor dem Herrn, immer tempe\u00adrament\u00advoll und gleich von Null auf Hundert, wenn&#8217;s um die guten W\u00f6rter geht. Ich fasse mich, denn das Thema \u203aLesen\u2039 <i><\/i>ist doch <i>ein zu weites Feld<\/i>, zun\u00e4chst einmal ganz kurz: Splendid isolation. Ich, allein, mit einem Buch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> Und das ist eben typisch Hans Bender: b\u00fcndig, lakonisch, hinter\u00adsinnig. \u2013 \u2013 \u2013 Da sind wir also wieder bei\u00adsammen hier in der K\u00f6lner Taubengasse, wie so oft w\u00e4hrend der vergangenen 25 Jahre, in denen wir jedes Mal \u00fcber Benn, Brambach, Brinkmann, oft \u00fcber Fu\u00dfball und <i>Zauber\u00adberg<\/i>, immer wieder \u00fcber romanische Kirchen und Richter-Fenster, dann und wann \u00fcber Bernhard Schulze, Schosta\u00adko\u00adwitsch, <i>Musik \u2013 die ge\u00adheimnis\u00advollste aller Sprachen<\/i>, Stifter und <i>Schwanen\u00adsee<\/i>, beim letzten Mal \u00fcber die Birke vorm Fenster, Sinclair Lewis&#8216; <i>Main Street<\/i>, Truman Capote, <i>Salom\u00e9<\/i>, (<i>deren F\u00fc\u00dfe wei\u00dfe Tauben sind<\/i>, wie es in Oscar Wildes Libretto der Oper hei\u00dft), Henry James, <i>Simplicissimus<\/i> und \u2026 Spatzen!, st\u00e4ndig den <i>Gott der Stadt<\/i> angerufen, im <i>W\u00f6rter\u00adsee<\/i> gebadet, <i>und kam die goldene Herbstes\u00adzeit<\/i>, <i><\/i>Gedichte rezitiert, <i>kroklokwafzi semememi<\/i>, einander Passagen aus Romanen oder Erz\u00e4h\u00adlungen, Briefen von Celan, Mayr\u00f6cker und Hermann Lenz vorge\u00adslesen und von B\u00fcchern, B\u00fcchern, B\u00fcchern, \u203aKlassikern\u2039 und j\u00fcngst er\u00adschie\u00adnenen, gemeinsam ge\u00adschw\u00e4rmt oder einander vorgestellt haben; wie immer f\u00e4llt mein Blick auf die B\u00fccher\u00adwand, wandert durchs Fenster zum Trompeten\u00adbaum, von dem die Bl\u00e4tter fallen, und zum erstenmal steht, seit wir uns treffen, ein Aufnahme\u00adger\u00e4t auf dem Tisch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> Ach ja, die Spatzen. Nie h\u00f6re ich ein Bedauern, da\u00df es in K\u00f6ln seit einigen Jahren keine Spatzen mehr gibt. Eine Seuche hat sie ausge\u00adrottet; Pflanzen\u00adgift wahr\u00adschein\u00adlich. Ich allein scheine sie zu ver\u00admissen. Gern erinnere ich mich an sie. Sah mit Vergn\u00fcgen, wie sie auf dem Neumarkt, an den Haltestellen der Stra\u00dfen\u00adbahnen, den plumpen Tauben die K\u00f6rner und Kr\u00fcmel weg\u00adschnappten. lm Sommer kamen sie ange\u00adflogen auf die Tische vor dem Caf\u00e9 Brega. Sie schienen zu wissen, da\u00df die Italiener zum Espresso oder Cappuccino ein kleines Geb\u00e4ck servieren, das ihnen schmeckt. Ich bin sicher, Spatzen unter\u00adscheiden zwischen Menschen, die sie m\u00f6gen und nicht m\u00f6gen. Im Winter blei\u00adben sie hier. Sie frieren, sie hungern und sind dennoch lebendig, vergn\u00fcgt, frech. Sie singen nicht. Die Verse, die William Carlos Williams in seinem Gedicht <i>Pastorale<\/i> den Spatzen widmet, beweisen, wie gut er sie beobachtet hat. Hans Magnus Enzensberger hat es \u00fcbertragen, die ersten Verse wei\u00df ich aus\u00adwendig: <i>Die kleinen Spatzen \/ h\u00fcpfen ohne Hinterlist \/ \u00fcber das Pflaster \/ mit spitzen Stimmen \/ suchen sie Streit \/ \u00fcber dies und jenes \/was sie betrifft.<\/i> Williams geh\u00f6rt im \u00fcbrigen zu den Autoren, die mir lebenslang beispielgebend gewesen sind, vor kurzem erst habe ich diesen Vierzeiler geschrieben: <i>Noch mal William Carlos Williams<\/i> \/\/ <i>Schau genauer hin. \/ Erfinde. Kombiniere. \/ Immer noch kann er \/ dir Vorbild sein.<\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> Und mir auch! Gedichte wie <i>Pastorale<\/i> geh\u00f6ren zu den Gedichten \u2013 <i>delicious \/ so sweet \/ and so cold<\/i> \u2013, die wir immer und immer wieder lesen und die sich auf diese Weise gleichsam wie von selbst einpr\u00e4gen und unser Tun oder Nichttun mehr oder weniger, bewu\u00dft oder unbewu\u00dft beeinflussen \u2013 wie dein Vierzeiler, den ich mir immer wieder hinter die Ohren zu schreiben versuche (was mir bislang nicht gegl\u00fcckt ist \u2026): <i>Vorgefunden in den Incidents von Roland Barthes \/\/ Ruhig sitzen, nichts tun. \/ Der Fr\u00fchling kommt, \/ und das Gras w\u00e4chst \/ wie von selbst<\/i>. \u2013 \u2013 \u2013 La\u00df mich aber \u2013 eben\u00adfalls ganz <i>ohne Hinterlist<\/i> \u2013 fragen: Liest du auch Romane ein zweites, gar ein drittes Mal? Ich tue das blo\u00df ausnahmsweise, obwohl die B\u00fccher mich beim Wiederlesen jeweils noch st\u00e4rker beeindruckt haben als bei der ersten Lekt\u00fcre, ob sie nun <i>Die Blechtrommel<\/i>, <i>Die Verwandlung, Faust I<\/i>, <i>Wilhelm Meisters Lehrjahre<\/i>, <i>Homo Faber<\/i>, <i>Keiner wei\u00df mehr<\/i>, <i>Der gr\u00fcne Heinrich, Mrs Dalloway<\/i>, <i>Buddenbrooks<\/i>, <i>Zauberberg<\/i>, <i>Tod in Venedig<\/i>, <i>Effi Briest<\/i> oder <i>The Old Man and The Sea<\/i> hei\u00dfen; trotzdem treibt&#8217;s mich vorl\u00e4ufig immerfort, Neues zu lesen, was ich, wenn ich an die vielen gro\u00dfartigen B\u00fccher denke, die darauf dr\u00e4ngen, wenigstens ein zweites Mal gelesen zu werden, immer wieder bedauere: <i>Zudem, nicht Lesen, Wiederlesen ist das, was z\u00e4hlt<\/i>, fl\u00fcstert mir Borges Abend f\u00fcr Abend zu allem \u00dcberflu\u00df ins Ohr. Ich glaube, ich werde bald mal wieder zu Virginia Woolfs Roman greifen m\u00fcssen, wenn ich an den ersten Satz blo\u00df denke, in dem das ganze Buch bereits aufzubl\u00fchn beginnt und von fern schon die Glocken Big Bens zu h\u00f6ren sind: <i>Mrs Dalloway said she would buy the flowers herself<\/i> \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> Manche B\u00fccher vergi\u00dft man, wie Menschen. B\u00fccher, die man gern hatte, weil man jung war, unkritisch, sensibel, aufnahmebereit. Soll man sie nach so langer Zeit wiederlesen? Es w\u00e4re leicht. Hier, hinter meinem R\u00fccken, stehen sie noch im Regal: <i>Pan, Freund Hein, Das wei\u00dfe Haus, Pitt und Fox<\/i>, <i>Demian<\/i>, <i>Der gro\u00dfe Meaulnes<\/i>, <i>Schau heimw\u00e4rts, Engel<\/i>. \u2013 \u2013 \u2013 Es ist Jahre her. Eines Abends las ich, wie so oft schon, in den Auf\u00adzeich\u00adnungen von Olof Lager\u00adcrantz, wie er Joseph Conrads <i>Herz der Finster\u00adnis<\/i> r\u00fchmt; ich stieg hinab in den unteren Stock, holte das Buch aus dem Regal der englischen Autoren und las die Erz\u00e4hlung zum dritten Mal. Die ersten Nacht\u00adstunden war ich unter den Zuh\u00f6rern, die in einer Jolle vor der Themse\u00adm\u00fcndung Captain Marlowe gegen\u00fcbersa\u00dfen und seinem abenteuerlichen Leben lauschten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> <i>Heart of Darkness<\/i> \u2026 what a book, what a book with its <i>burning noble words<\/i> \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> <i>Ich lese den Roman vielleicht zum zehnten Mal<\/i>, lese ich \u2013 ebenfalls bei Olof Lagercrantz. Er meint <i>Lord Jim<\/i> von Joseph Conrad. Ein vor\u00adbild\u00adlicher, be\u00adneidens\u00adwerter Leser. \u2013 \u2013 \u2013 An einem tr\u00e4gen Wochenende vor ein paar Jahren packt mich die Lust, nach f\u00fcnfzig Jahren Heming\u00adways Roman <i>\u00dcber den Flu\u00df und in die W\u00e4lder<\/i> wiederzulesen. Ich will mich zur\u00fcckversetzen in jene Stimmung, die Hemingways B\u00fccher damals, und nicht nur bei mir allein, weckten. \u00dcberpr\u00fcfen, wie sich dieser Roman, der bei seinem Erscheinen mehr geschm\u00e4ht als ger\u00fchmt wurde, heute liest. O ja, die von Senti\u00admenta\u00adlit\u00e4t trie\u00adfenden Dialoge zwischen dem ameri\u00adkanischen Oberst und der vene-zianischen Contessa lesen sich nun wie eine Hemingway-Parodie. Sch\u00f6n bis heute bleiben seine Winter\u00adbilder der Stadt, zum Beispiel der Gang des Prota\u00adgonisten \u00fcber den Markt am Rialto, den auch ich jedes Mal ging, vor allem die Fische und Meeresfr\u00fcchte zu bestaunen! Zwei, drei S\u00e4tze habe ich damals mit Blei\u00adstift ange\u00adstrichen, darunter diesen \u00fcber die Wirkungs\u00adlosig\u00adkeit selbst\u00aderlebter Geschichten aus dem Zwei-ten Weltkrieg: <i>Man k\u00f6nnte Tausende erz\u00e4hlen und w\u00fcrde keinen Krieg verhindern<\/i>. Inzwischen ist der Beweis erbracht. \u2013 \u2013 \u2013 Zur\u00fcck zur urspr\u00fcng\u00adlichen Frage \u2013 Jules Renard schrieb: <i>Ich lese kaum noch Neuer\u00adschei\u00adnungen. Ich mag nur noch wiederlesen<\/i>. Den gleichen Satz h\u00f6re ich immer wieder von Bekannten und Freun\u00adden meines Alters. Auch ich hole mir seit einiger Zeit B\u00fccher, die ich lesen will, h\u00e4ufiger aus meinen Regalen als aus den Buch\u00adhand\u00adlungen, Friedo Lampe, Joseph Roth, bei\u00adspiels\u00adweise, oder Marguerite Yourcenar. Dabei begegne ich nach Jahren oder Jahrzehnten den einst mit Bleistift unterstrichenen Zeilen, die mich \u00fcberraschen, ver\u00adwundern, manchmal besch\u00e4men. Hier habe ich den Beweis, wie ich damals war. Wie ich mich ver\u00e4ndert habe. Viel \u00f6fter allerdings, da\u00df ich der Gleiche geblieben bin \u2026 \u2013 Das Erstaun\u00adlichste an Jules Renards Bekenntnis war \u00fcbrigens, da\u00df er schon im Alter von 42 Jahren so weit und so weise war.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> Weisheit ist vielleicht auch keine Frage der Lebensjahre, wer wei\u00df, denn was der Junge tut, dem ich in Hans Trummers Roman <i>Versuch, sich am Eis zu w\u00e4rmen<\/i> begegne, habe ich mir nicht blo\u00df, einmal wenigstens, zu tun gew\u00fcnscht, sondern finde es auch ausge\u00adsprochen \u203aweise\u2039: <i>Ein anderer Sch\u00fcler, der Sohn eines Freiherrn und Mittel\u00adschul\u00adlehrers, wurde mindestens einmal in der Woche in die Schule getragen, weil er sich weigerte, zu gehen. Er war ein zartes und blasses Kind. Durch seine Haut schimmerten die blauen Adern auf seiner Stirn und an seinem Hals. In einem Halbjahr mu\u00dften f\u00fcr ihn ein halbes Dutzend neuer Schultaschen samt Inhalt ange\u00adschafft werden, weil er sie, wenn er den Schulweg unbeauf\u00adsichtigt zur\u00fccklegte, von der Grazer Br\u00fccke in die Mur warf.<\/i> \u2013 \u2013 \u2013 Unsere Freundschaft w\u00e4hrt nun schon jahrzehntelang, Hans, ist immer inniger geworden im Verlauf der Jahre \u2013 und das, obwohl wir immer die B\u00fccher des anderen gelesen haben \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> (lacht) Hans Erich Nossack hat oft erz\u00e4hlt, wie sich Alfred D\u00f6blin das gute Einvernehmen der Schriftsteller erkl\u00e4rte, die in den f\u00fcnfziger Jahren der Mainzer Akademie angeh\u00f6rten: <i>Keiner<\/i>, sagte D\u00f6blin, <i>hat die B\u00fccher des anderen gelesen<\/i>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> Na ja, da haben die Herrschaften einiges vers\u00e4umt. Wenn ich blo\u00df an die gro\u00dfartigen Romane von D\u00f6blin und Nossack denke. D\u00f6blins <i>Wallenstein<\/i> \u2013 ein bildgewaltiges, sprachm\u00e4chtiges Buch, an dem ich jahrelang zu knabbern hatte, bis ich die 900 klein\u00adgedruckten Seiten vor ein paar Jahren in einem Rutsch lesen konnte: <i>Nachdem die B\u00f6hmen besiegt waren, war niemand dar\u00fcber so froh wie der Kaiser<\/i> \u2026 \u2013 \u2013 \u2013 Gibt es ein sogenanntes \u203agro\u00dfes\u2039 Buch, das du, allen guten Vors\u00e4tzen zum Trotz, nie zu Ende gelesen hast?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> In <i>Eine Nacht mit Lolita<\/i> erz\u00e4hlt Rick Gekonski, ein in England ber\u00fchmter Verleger, Sammler und Antiquar, unterhaltsam von seinem Umgang mit Autoren und B\u00fcchern. Weniger als andere sch\u00e4tzt er T. E. Lawrence und sein weltber\u00fchmtes Erin\u00adnerungs\u00adbuch <i>Die sieben S\u00e4ulen der Weisheit<\/i>. Er schreibt: <i>Jeder hat schon einmal davon geh\u00f6rt, doch aus meinem Bekanntenkreis haben nur zwei Menschen es gelesen, nicht weil es (wie Finne\u00adgans Wake) so schwierig ist, sondern weil es so langweilig ist<\/i>. Seiner ausge\u00adwalzten Metaphern, seiner eitlen Selbst\u00admytho\u00adlogi\u00adsierung wegen. O ja, nur zu gern bin ich bereit, diesem Rick Gekonski zuzustimmen. Auch ich bin bei meinen wiederholten Versuchen, <i>Die sieben S\u00e4ulen der Weisheit<\/i> zu lesen, \u00fcber die ersten f\u00fcnfzig Seiten nie hinaus\u00adgekommen. Mit schlechtem Gewissen habe ich das Buch jedes Mal zur\u00fcck\u00adgestellt ins Fach, wo die anderen englischen Autoren, auch Autorinnen stehen, die ich tats\u00e4chlich von der ersten bis zur letzten Seite gelesen habe, die ich bewundere und liebe, so etwa Thomas Hardy, dessen <i>Heimkehr<\/i> ich dreimal gelesen habe. Sogar beim dritten Lesen nehme ich ihm das unwahr\u00adschein\u00adliche W\u00fcrfelspiel im Licht der Gl\u00fchw\u00fcrmchen wieder ab.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>&#8230;<\/b><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Komm mal in mein Alter, mit 95 hat es sich erledigt mit dem Kraken. (Nachdenklich, unvermittelt sehr ernst:) Leo Tolstois <i>Anna Karenina<\/i> ist der sch\u00f6nste Roman, den ich gelesen habe. \u2013 \u2013 \u2013 Und mit Inger Christensen hab ich geplaudert, als sie vor vielen Jahren mit ihrem \u00dcbersetzer Hanns Gr\u00f6ssel in Deutsch\u00adland auf Lesereise war und auch in der Buch\u00adhandlung Bittner in K\u00f6ln las. Bei dieser Gelegen\u00adheit sagte sie mir, da\u00df sie 1966 meine Kurz\u00adgeschichte <i>Die Schlucht<\/i> f\u00fcr ein Schulbuch ins D\u00e4nische \u00fcbersetzt hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> <i>Anna Karenina<\/i> der sch\u00f6nste Roman: Das ist ein Wort. Und zwar von einem, der nicht nur die deutschsprachige, sondern die internationale Literatur, die amerikanische, englische, italienische, russische \u00fcber Jahr\u00adzehnte gelesen und dem Lesepublikum in Deutschland nahegebracht hat. Du hast ja l\u00e4ngst nicht nur die Literaturzeitschrift <i>Akzente<\/i> ediert, sondern \u00fcber Jahrzehnte eine Vielzahl von bis heute ma\u00dfgeblichen Sammel\u00adb\u00e4nden heraus\u00adgebracht, Lyrik\u00adanthologien, inter\u00adnatio\u00adnale Prosa-Antho\u00adlogien mit Erz\u00e4h\u00adlungen, deren Autoren l\u00e4ngst zu den besonders anerkannten in der Weltliteratur z\u00e4hlen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> Dazu f\u00e4llt mir ein: Als ich meine T\u00e4tigkeit als Herausgeber und Redakteur begann, schrieb ich die ersten Briefe an \u00e4ltere, ber\u00fchmte Autoren, die ich um Manuskripte bat, nicht mit der Maschine, sondern mit der Hand. Ich wollte ihnen damit zugleich meine Verehrung bekunden. Im Zeitalter der Computer und Faxger\u00e4te wird man mein Motiv eher bel\u00e4cheln als bewundern. Meine Handschrift heute? Ein Bekannter bedankt sich k\u00fcrzlich in einem Brief so: <i>Ihre Handschrift, die mich geheimnis\u00advoll an Bildzeichen einer fernen Zeit erinnert.<\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>&#8230;<\/b><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">T. Breuer:<\/span> Dir, lieber Hans, geh\u00f6rt das letzte Wort. Ich bedanke mich f\u00fcr Tee, Kuchen, Ramazotti, sage nur noch: Ich freu mich schon aufs n\u00e4chste Mal hier in der Tauben\u00adgasse zu K\u00f6ln: <i>Wann treffen wir drei wieder zusamm&#8216;?<\/i> Lesen (und schreiben) wir bis dahin doch einfach weiter, weiter, weiter, wie meint einst Baudelaire: <i>Vous pouvez vivre trois jours sans pain; \u2013 sans po\u00e9sie, jamais \u2026<\/i><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"interv\">H. Bender:<\/span> Ja, komm bald wieder, treuer Theo Breuer. (Lacht.) \u2013 F\u00fcr heute ein letztes Wort? (\u00dcberlegt, l\u00e4chelt, sieht aus dem Fenster in die Catalpa.) Bei Petrarca trafen Lesen und Sterben zusammen. Sein Haupt fiel auf die Buchseiten. Zu sch\u00f6n, sagen andere. Ich will die Szene so glauben, wie sie \u00fcberliefert ist.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_8680\" style=\"width: 283px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8680\" class=\"wp-image-8680 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Hans-Bender-273x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Hans-Bender-273x300.jpeg 273w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Hans-Bender-932x1024.jpeg 932w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><p id=\"caption-attachment-8680\" class=\"wp-caption-text\">Hans Bender<\/p><\/div>\r\n\r\n<strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\r\n\r\n\r\n\r\nEin Portr\u00e4t von Theo Breuer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/19\/bender-1\/\">Vom H\u00f6lzchen aufs St\u00f6ckchen \u00b7 Auf meine Art an Hans Bender denken<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Theo Breuer: Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt \u2013 lese ich bei Jorge Luis Borges. Leben wir beide also mitten im \u203aParadies\u2039? Hans Bender: Ich bin mir da nicht so sicher. B\u00fccher aus den&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/07\/01\/splendid-isolation-ich-allein-mit-einem-buch\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":8680,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[258,84],"class_list":["post-93790","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hans-bender","tag-theo-breuer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93790"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93790\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}