{"id":9333,"date":"2003-11-20T00:01:25","date_gmt":"2003-11-19T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9333"},"modified":"2022-12-17T17:11:08","modified_gmt":"2022-12-17T16:11:08","slug":"zettels-traum-revisited","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/20\/zettels-traum-revisited\/","title":{"rendered":"Zettels Traum \u00b7 Revisited"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Riesenbuch<br \/>\n<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als <em>Zettels Traum<\/em> 1970 erschien, war der Roman \u2013 oder was immer das f\u00fcr eine Art Buch sein mag \u2013 <em>die<\/em> Sensation der Literatursaison: \u00bbRiesen\u00adbuch\u00ab, \u00bbBuch der B\u00fccher\u00ab, \u00bb\u00dcberbuch\u00ab, \u00bbArno Schmidt, Au\u00dfenseiter der Au\u00dfensei\u00adter\u00ab. Kritik und Leserschaft \u00fcberschlugen sich mit Kommentaren, Ber\u00adliner Stu\u00addenten erstellten einen Raubdruck \u2013 wohl etwas Einmaliges in der Geschichte der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhun\u00adderts \u2013, und ein Werk, dem Arno Schmidt (1914\u20131979) selber h\u00f6ch\u00adstens drei- bis vierhundert echte Leser zugetraut hatte, wurde vom Bestseller zum Longseller, der bis heute seine Leser hat.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">2002<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0In Jahr 2002 erschien die Sonderausgabe von <em>Zettels Traum<\/em>, und am 22. November 2002\u00a0\u2013 eben habe ich noch einmal ehrf\u00fcrchtig auf den Kassenzettel geblickt, der als Lesezeichen im Buch liegt\u00a0\u2013 schaffte ich mir, endlich, endlich, das Buch an, das zu jener Zeit schon seit \u00fcber drei\u00dfig Jah\u00adren auf dem B\u00fcchermarkt ist und seit Jahren auf meiner Wunschliste steht. <em>Alles hat seine Zeit<\/em>, geh\u00f6rt zu meinen liebsten biblischen Spr\u00fcchen, und ich las erst einmal etliche andere B\u00fccher Schmidts, dessen Roman <em>Das steinerne Herz<\/em> zu meinen erkl\u00e4rten Lieblingsb\u00fc\u00adchern geh\u00f6rt, bis ich mich, heute vor zehn Jahren, \u203areif\u2039 f\u00fchlte f\u00fcr das \u00bbBuch der B\u00fccher\u00ab.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Obwohl &#8230;<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Jahren zuvor bl\u00e4tterte und las ich allerdings immer wieder in die\u00adsem volumin\u00f6sen, 1334 Seiten umfassenden W\u00e4lzer <em>Zettels Traum<\/em> (und direkt \u00fcber dem Schreibtisch h\u00e4ngt seit Jahrzehnten ein <em>Action Painting<\/em> bestehend aus zahllosen Zetteln und Farben mit demselben Titel) \u2013 in Bibliothe\u00adken, bei Bekannten, in Buchhandlungen, wo das Buch gele\u00adgentlich zu fin\u00adden war. So hatte ich schon seit Jahren einen brauchbaren Eindruck dessen, was ich nun w\u00e4hrend der Herbst- und Wintermonate 2002\/2003 zuhause erlebte, und dieses Werk fesselte und berauschte mich wochenlang derart, da\u00df ich an nichts anderes den\u00adken konnte:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>obwohl die \u00bbHandlung\u00ab dieses schweren Schinkens von ledig\u00adlich sechs Per\u00adsonen (bzw. drei P\u00e4rchen) getragen wird \u2013 dem hochgebildeten (kauzigen und h\u00f6chst sarkasti\u00adschen) 55j\u00e4hrigen Gast\u00adgeber Daniel Pagenste\u00adcher (Schriftsteller, \u00dcbersetzer, B\u00fccherwurm) und dem befreun\u00addeten Ehepaar Wilma und Paul Jacobi so\u00adwie deren 16j\u00e4hriger Tochter Franziska, die sich in Pagenstecher verliebt und ihm Avancen macht, auf die dieser allerdings (letztlich aus Versagens\u00adangst) nicht eingeht sowie Franziskas Schulfreundin Christa und Edgar Allen Poe (die als P\u00e4rchen <em>unsichtbar sind<\/em>, wie Schmidt irgendwo schreibt) \u2013 und die Geschichte nur einen einzi\u00adgen Juli-Tag dauert und &#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>obwohl dieses Werk \u2013 das in normalem Druck einem Buch von f\u00fcnftau\u00adsend Seiten entspr\u00e4che \u2013 aus einem in un\u00adendlich viele literari\u00adschen, psycho\u00adlogi\u00adschen (psychoanalytischen), esoteri\u00adschen, soziologischen (&#8230;) Richtungen und Nischen m\u00e4an\u00addernden, mit Assoziationen, Erinnerun\u00adgen, Querbez\u00fcgen und (Poe-)Zitaten aller Art gespickten Monologs des Gastge\u00adbers be\u00adsteht \u2013 das al\u00adles nicht professionell gedruckt, sondern als ein mit Be\u00adrichtigungen (und non\u00adkonformi\u00adstischem Umgang mit Rechtschreibung und Zeichenset\u00adzung) als photome\u00adchanisch re\u00adproduziertes Faksimile des auf einer \u00fcber\u00adgro\u00ad\u00dfen Schreibmaschine getipp\u00adten dreispaltigen Origi\u00adnalmanu\u00adskripts &#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Die vierte Dimension<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn trotz all dieser niederschmetternden Fakten ist <em>Zettels Traum<\/em> \u2013 der Titel geht unter anderem auf die 120.000 Zettel, die Schmidt w\u00e4h\u00adrend der Niederschrift anlegte, sowie auf William Shakespeares <em>Ein<\/em> <em>Sommer\u00adnachts\u00adtraum<\/em> zur\u00fcck \u2013 ein au\u00dferordentlich spannendes und sinn\u00adliches Buch, in dem es auf nahezu jeder Seite \u00bbknistert\u00ab. Von Be\u00adginn an wird gestritten und geflirtet auf Teufel komm raus: Pagen\u00adste\u00adcher glaubt n\u00e4mlich \u00fcber Freuds Ich, Es und \u00dcber-Ich hinaus eine vierte \u2013 porno\u00adgraphische \u2013 Dimension gefunden zu haben, gegen die sich Wilma (die ihre Tochter offenbar noch vor den <em>facts of life<\/em> sch\u00fctzen will), aber auch Paul zun\u00e4chst heftig zur Wehr setzen, w\u00fcrde doch der idealisierte (und von ihnen zu \u00fcbersetzende) Edgar Allen Poe pl\u00f6tzlich zu einem ziem\u00adlich verschweinten Literaten \u2013 wenn n\u00e4mlich harmlose W\u00f6rter wie <em>pen<\/em> auch als <em>penis<\/em>, <em>genial<\/em> als <em>genital<\/em> oder <em>Fouqu\u00e9<\/em> als <em>Fuck\u00e9<\/em> und schlie\u00df\u00adlich als <em>fuck<\/em> gelesen werden k\u00f6nnen. Das Hin- und Her\u00adspringen zwi\u00adschen deutscher, franz\u00f6\u00adsischer und englischer Sprache geh\u00f6rt zu den Idiosyn\u00adkrasien dieser of\u00adfenbar mit Blick auf Arno Schmidt selbst mo\u00addulierten Hauptperson.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt werden Tau\u00adsende von Beispielen pornographischer oder an\u00adderer Art gebracht. Rolf Dieter Brink\u00admanns Wortsch\u00f6p\u00adfungen wie <em>Viehlologie<\/em> und <em>Ziviehilsation<\/em> und die mehrspaltige Schreib\u00adweise in den Materialien\u00adb\u00e4nden gehen auf den Einflu\u00df seiner Lekt\u00fcre von <em>Zettels Traum<\/em> zur\u00fcck, in dem ich bereits auf den ersten Seiten die Randnotiz <em>phil<\/em> \u2013 <em>viehl<\/em> finde.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Buchst\u00e4blich<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Mann ohne Eigenschaften<\/em> von Robert Mu\u00adsil, <em>Ulysses<\/em> von James Joyce (<em>der<\/em> Roman des 20. Jahrhunderts \u2013 wenn nicht aller Zeiten) oder <em>Flu\u00df ohne Ufer<\/em> von Hans Henny Jahnn (um nur einige wenige zu benennen) sind bereits monu\u00admentale B\u00fccher, an denen man\u00adcher Leser gescheitert ist, aber <em>Zettels Traum<\/em> sprengt schon allein wegen seiner gi\u00adgantischen Ausma\u00dfe buchst\u00e4blich alle Dimensionen \u2013 ganz zu schweigen von der ungeheuren strukturel\u00adlen Komple\u00adxit\u00e4t des Romans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Zettels Traum nie in einem durchgelesen: <em>Zettels Traum<\/em> ist ein Buch f\u00fcrs ganze Leben. Jedes Jahr im November lese ich einige Tage darin, mehr als die H\u00e4lfte habe ich hinter mir und freue mich, noch einmal die gleiche Lesestrecke vor mir zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\">\u00c4hnlich geht es mir mit Alfred D\u00f6blins <em>Wallenstein<\/em>, bei dem ich \u2013 wie etwa bei Kafka \u2013 jede einzelne Seite f\u00fcr sich genie\u00dfen kann; allein die erste habe ich mehrfach gelesen \u2013 herrlich. Jede der 1023 kleinge\u00addruckten Seiten bietet dem Liebhaber der deutschen Spra\u00adche einen sprachlichen Leckerbissen, wenn nicht gleich meh\u00adrere. Hoffentlich bleiben mir also noch viele Jahre zum Lesen.<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Haken und zwicken<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bitte erwarten Sie abschlie\u00dfend \u2013 au\u00dfer der kurzen Bibliogra\u00adphierung \u2013 keine weitere Zu\u00adsammenfassung: Wie denn? Ich mag sie nicht, die oft unscharfen Ergebnisse, die apodiktischen Festschreibungen, die abstrahierenden Begrifflichkeiten, die immer richtig und stets falsch sind, die b\u00fcrokratistischen Klassifizierungen, die hier zu kurz greifen und dort haken und zwicken. Lassen wir jedes Buch sein ei\u00adgenes, ihm von Autor und Leser eingehauchtes Leben leben, in dessen Hand\u00adlungs\u00adstr\u00e4nge wir uns verwickeln, in dessen Gedankeng\u00e4nge und For\u00admulie\u00adrungen wir uns hineinziehen lassen. Wir fordern es, wir h\u00f6hlen es aus, wir dekonstruieren es und erfreuen uns des f\u2022r\u2044a\u25cag\u203am\u2194e-n\u2666t\u00b7a\u00bf\u00ae\u2193i\u2190s\u2665\u00a9\u2020h\u2192e\u2191n Da\u00adseins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arno Schmidt, <strong>Zettels Traum<\/strong>, 1334 Seiten, Faksimile-Wiedergabe des einseitig beschriebenen, 1334 Bl\u00e4tter umfassenden Manuskripts des Werks <em>Zettels Traum<\/em> von Arno Schmidt, Fischer Taschbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002.<\/p>\n<div id=\"attachment_21687\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21687\" class=\"wp-image-21687 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/KueheinHalbtrauer1-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/KueheinHalbtrauer1-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/KueheinHalbtrauer1.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><p id=\"caption-attachment-21687\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fche in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts Erz\u00e4hlung K\u00fche in Halbtrauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">PS 2010 erschien <em>Zettel&#8217;s Traum<\/em>\u00a0\u00b7 <em>Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV\/1. Standardausgabe<\/em> als gesetztes Buch im Suhrkamp Verlag \u2013 der Titel erstmals in der Schreibweise des Autors.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Riesenbuch Als Zettels Traum 1970 erschien, war der Roman \u2013 oder was immer das f\u00fcr eine Art Buch sein mag \u2013 die Sensation der Literatursaison: \u00bbRiesen\u00adbuch\u00ab, \u00bbBuch der B\u00fccher\u00ab, \u00bb\u00dcberbuch\u00ab, \u00bbArno Schmidt, Au\u00dfenseiter der Au\u00dfensei\u00adter\u00ab. 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