{"id":93223,"date":"2001-11-02T00:01:14","date_gmt":"2001-11-01T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93223"},"modified":"2021-10-29T16:32:00","modified_gmt":"2021-10-29T14:32:00","slug":"die-wasseroberflaeche-schillerte-in-der-daemmerung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/02\/die-wasseroberflaeche-schillerte-in-der-daemmerung\/","title":{"rendered":"Die Wasseroberfl\u00e4che schillerte in der D\u00e4mmerung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo versuchte sich Richtung Cranger Tor vorzuarbeiten. Wie Billardkugeln ber\u00fchrten sich die Menschen und stie\u00dfen schnell von einander ab. Kein Entkommen. In den Hinterh\u00f6fen hatten es sich die Anwohner vor dem Grill bei einem Fass Bier gem\u00fctlich gemacht. Holztische, Holzb\u00e4nke, alles schlicht und betont unpr\u00e4tenti\u00f6s. Mit einem Mal f\u00fchlte er sich zu Hause, setzte sich mit einem Anflug von Sentimentalit\u00e4t an einen der Tische. Sp\u00fcrte die Hitze, schl\u00fcrfte ein k\u00fchles Pils und sah den Menschen beim Flanieren zu. Die Meisten gingen auf die Wildwasserbahn, um sich dort abzuk\u00fchlen und wieder klar im Kopf zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwarze H\u00e4ndler priesen Lederjacken, Shirts und Schals an. Pakistani versuchten, junge Frauen von den Modefarben Puderbeige und Ginstergelb zu \u00fcberzeugen. \u201eRieche ich sie\u2026\u201c, fragte sich Giancarlo \u201e\u2026oder rieche ich ihr Parf\u00fcm?\u201c Giancarlo zuckte unmerklich zusammen. Er hatte das schattenhafte Gef\u00fchl, jemand belausche seine Gedankeng\u00e4nge. Lie\u00df ein weiteres Bier kommen. Heute Nacht wollte er sich einen auf die Lampe gie\u00dfen, so lange, bis das Licht ausging. Er schl\u00fcrfte das dunkelgelbe Bier durch den Schaum in einem Zug. Legte der Kellnerin das Geld auf den Tresen, schlenderte auf die Meile der Budengassen zu. Z\u00f6gerte angewidert. Ging daran vorbei. Merkte, dass er bereits einen leichten Schwips hatte, taumelte leicht und stie\u00df gegen M\u00e4nner, die ihn wissend angrinsten. Besonders die Frauen l\u00e4chelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lie\u00df die Bierst\u00e4nde links liegen. Aus einer Braterei stieg ihm der Geruch von altem Oel, Knoblauch, geschmorten Zwiebeln und Schweinefleisch in die Nase. Der Fisch wurde in Kanada gr\u00fcn gekauft, in Holland ger\u00e4uchert und alle zwei Tage frisch nach Crange angeliefert. Ger\u00f6stete Mandeln kamen aus Spanien. Von den Cocos\u2013Keeling\u2013Inseln wurde das fettreiche Kernfleisch eingeflogen, gesch\u00e4lt, in handliche St\u00fccke geteilt und in einem Springbrunnen als Erfrischung angeboten. Junge Liebespaare bewarfen sich mit Popcorn, bissen zur Vers\u00f6hnung in einen kandierten Apfel und schenkten sich Lebkuchenherzen mit ewigen Schw\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem alteingesessenen Cranger Hof zeigten Schilder mit dem Aufdruck DRK, Polizeib\u00fcro, nach links. Giancarlo stand unschl\u00fcssig \u00fcber seine Richtung unter dem Cranger Tor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWat is? Gehst du jetzt weiter oder nicht?\u00ab, p\u00f6belte ihn ein Faktotum aus einem teigig aufgedunsenen Gesicht an. Sein Airbag hatte sich zu einem Medizinball ausgewachsen, er hatte sich bis zum Kragen zugesch\u00fcttet. Die Augen schienen aus seinem Gesicht rinnen zu wollen. Sie bleiben nur an ihrem von der Natur angestammten Platz, weil er nerv\u00f6s zuckend die Augenlider \u00fcber die hervorquellenden Aug\u00e4pfel schob.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMolte bene! Questo non lo tollero.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grobschl\u00e4chtige glotzte ihn irritiert an. Die Schwarzhemden waren doch damals die Ersten, die Vorl\u00e4ufer\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbItaker. Verfluchter Kanake\u00ab, wurde Giancarlo zur Seite geschoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLo sa che lei e proprio un bel burlone!\u00ab, gab er retour. Lachte ihn aus. Nur wenn man in seinem Geschmack sicher ist, kann man sich auch einen schlechten leisten. Das braune Haar klebte schmierig am Sch\u00e4del, mit dreckigen H\u00e4nden griff er nach seinem Bier. Die Dumpfheit war nicht aus ihm rauszupr\u00fcgeln. Kein Grund, sich die Finger schmutzig zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Rummelplatz hatte man die Lichter angeschaltet. Die Sonne war untergegangen. In der Kneipen sa\u00dfen die Zocker. Gierig warfen sie M\u00fcnzen in die Spielautomaten. Tr\u00e4ge und hundem\u00fcde sa\u00dfen Gaffer vor ihrem Pils. Die letzten zehn Tage hatten sie aufgeschwemmt und langgemacht. Sie sehnten sich nach Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giancarlo schlenderte \u00fcber das Kopfsteinpflaster von Alt\u2013Crange, ging die vielversprechenden Budengassen entlang. Lie\u00df den Stand mit den Luftballons, einen \u00fcberdimensionalen Maiskolben, hinter sich. Schlenderte unter einem lapislazulifarbenen Himmel, \u00fcber gelbe Schnipsel, zerstreute Lose, die sich als Nieten erwiesen hatten. Atmete die Ger\u00fcche tief ein, vermisste den Moder der Lagune und ging zum Kanal. Die Wasseroberfl\u00e4che schillerte in der D\u00e4mmerung, beleuchtete einen Oelfilm, der darauf schwamm. Wolken spiegelten sich darin, wie gro\u00dfe Frittenschalen. Enten landeten hinter dem abflie\u00dfenden klebrigen Film auf dem Wasser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Giancarlo versuchte sich Richtung Cranger Tor vorzuarbeiten. Wie Billardkugeln ber\u00fchrten sich die Menschen und stie\u00dfen schnell von einander ab. Kein Entkommen. In den Hinterh\u00f6fen hatten es sich die Anwohner vor dem Grill bei einem Fass Bier gem\u00fctlich gemacht. Holztische,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/02\/die-wasseroberflaeche-schillerte-in-der-daemmerung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":17074,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3149],"class_list":["post-93223","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-massaker"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93223"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93223\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}