{"id":93188,"date":"2001-10-26T00:01:57","date_gmt":"2001-10-25T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93188"},"modified":"2021-10-29T17:27:04","modified_gmt":"2021-10-29T15:27:04","slug":"getz-gehts-looooos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/26\/getz-gehts-looooos\/","title":{"rendered":"Getz&#8216; geht&#8217;s looooos"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen in Wanne\u2013Nord erwachten am letzten Tag der Kirmes schneller. W\u00e4hrend die D\u00e4mmerung \u00fcber dem Rummelplatz lag, waren die ersten schon wieder unterwegs. Schlurften zur Maloche, blass im Gesicht, dunkel\u00e4ugig, mit Schlaf in den Augen. Grau und geduckt waren die H\u00e4user dieser Stadt, grau und verkr\u00fcmmt die Strassen. Stimmungsvolle Verlassenheit. Die Wirklichkeit war hier ein Virus, der das Leben ansteckend machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Petra Kauss br\u00fchte den Fr\u00fchst\u00fcckskaffee und schmierte die Kniften. Reiner, ihr Mann, vergrub sein m\u00fcrrisches Gesicht hinter der Zeitung. Petra war froh, dass ihre drei Kinder den Trubel gut verkraftet hatten. Sie liebte die Kirmes. Wenn Reiner von der Arbeit nach Hause kam, ging er mit seiner Familie \u00fcber die Cranger Kirmes. Sie testeten t\u00fcrkische, franz\u00f6sische und asiatische Spezialit\u00e4ten. Ihre K\u00fcche blieb sauber. Kein Fettspritzer an den Kacheln. Kein l\u00e4stiges Ofens\u00e4ubern. Keine Pl\u00e4rrerei, wem sein Lieblingsessen zustand. Grossmutter hatte f\u00fcr ihre drei Enkel ein saftiges Taschengeld springen lassen, das kaum W\u00fcnsche offenliess. Petra seufzte. \u201eWie sollten die Kinder lernen zu wirtschaften?\u201c Die Maschine sprotzte die letzten Tropfen des hei\u00dfen Kaffees heraus. Petra stellte die erste Tasse f\u00fcr ihren Ehemann auf dem Tisch ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Clique ist nach der Kirmes beim Italiener. Deine Mutter hat versprochen, uns die Kinder dann abzunehmen. Gehen wir hin?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Mann h\u00f6rte zu, war aber nicht ansprechbar. Er studierte den Sportteil der Zeitung, schl\u00fcrfte und brummte zustimmend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOkay, ich freue mich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie k\u00fcsste ihren Mann z\u00e4rtlich zum Abschied. \u201eJa gut\u2026\u201c, ging es ihr durch den Kopf, \u201e\u2026wir werden es nie weit bringen, aber wir haben uns, ich werde ihn noch lieben, wenn eine Klimakatastrophe kommt, wenn seine Haare wei\u00df werden und sein Gang alt, und zittrig seine H\u00e4nde.\u201c Petra goss sich Kaffee ein. Als ihr Mann aus dem Haus war, las sie die WAZ. Wenn an manchen Tagen nichts Wesentliches in der Zeitung stand, auf eins war Verlass: Comics von Charles M. Schulz. Wahrscheinlich w\u00fcrden Comics als einzige kulturelle Leistung des 20. Jahrhunderts im Menschheitsged\u00e4chtnis haften bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Morgenstille. Die ersten Sonnenstrahlen fielen in die gem\u00fctliche K\u00fcche und tauchten die hellen M\u00f6bel in wohlige Freundlichkeit. Der kleine Robin brach an diesem Morgen alle Rekorde. Er patschte mit nackten F\u00fc\u00dfen durch den Flur, lehnte sich an den Rahmen der K\u00fcchent\u00fcr und rieb sich die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst die Kirmes noch da!\u00ab, erkundigte er sich mit seinem besorgten Gesichtsausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWillst du wohl wieder ins Bett gehen?\u00ab Petra schreckte hinter der Zeitung zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann nicht mehr schlafen. Ich will wissen, ob die Kirmes noch da ist? Gehen wir nachher wieder Eis essen und Karussell fahren und Pizza essen und alles\u2026?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn sie sich das Lachen nicht verkneifen konnte, nahm Petra ihren J\u00fcngsten auf den Arm und sah ihn streng an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSicher doch!\u00ab, sagte sie mit einer Gewissheit, die nur M\u00fctter haben k\u00f6nnen, und brachte ihren Filius zur\u00fcck ins Bett. Robin schloss zufrieden seine Augen. Petra konnte sich wieder ihrer Lekt\u00fcre zuwenden. F\u00fcr sie waren diese Minuten die sch\u00f6nste Zeit des Tages. Sie w\u00fcrde sich ihren Frieden nicht durch Maulereien zerst\u00f6ren lassen. Bald w\u00fcrde im Kinderzimmer der Wecker anschlagen und das Gerangel um den ersten Platz im Badezimmer beginnen. Sie schl\u00fcrfte ihren Kaffee. Knabberte am erkalteten Toast. Die Zeit konnte zu dieser Zeit einfach nur vergehen, ohne dass sie sich \u00fcber das Vor\u00fcbergehen auch nur einen \u00fcberfl\u00fcssigen Gedanken machen musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst die Kirmes wirklich immer noch da?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Petra schob die Zeitung erstaunt an die Seite, als sie ihre T\u00f6chter sah. Zeichen und Wunder, sie waren freiwillig aufgestanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo bleibt der Kakao? Oder wird der noch aus Asien eingeflogen werden?\u00ab, maulte Patricia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDumme Ziege! In Asien gibt es gar keinen Kakao. Nur Reis\u00ab, schlaumeierte Saskia und knallte ihrer Schwester die Badezimmert\u00fcr vor der Nase zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMuss ich mir das freiwillig antun?\u00ab, lederte Petra los, klatschte die Zeitung auf den Tisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGetz&#8216; geht&#8217;s looooos!\u00ab, freute sich Robin und meinte nicht die Deutschstunde in der Schule.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<article id=\"post-93185\" class=\"post-93185 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-literatur tag-a-j-weigoni\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Menschen in Wanne\u2013Nord erwachten am letzten Tag der Kirmes schneller. W\u00e4hrend die D\u00e4mmerung \u00fcber dem Rummelplatz lag, waren die ersten schon wieder unterwegs. Schlurften zur Maloche, blass im Gesicht, dunkel\u00e4ugig, mit Schlaf in den Augen. 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