{"id":93185,"date":"2001-10-22T00:01:32","date_gmt":"2001-10-21T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93185"},"modified":"2021-10-29T17:25:30","modified_gmt":"2021-10-29T15:25:30","slug":"querschlag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/22\/querschlag\/","title":{"rendered":"Querschlag"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Absacker ist obsolet. Der Querschlag h\u00e4tte eigentlich treffender Einschlag hei\u00dfen m\u00fcssen, zahllose Abst\u00fcrze haben in dieser Nachtbar stattgefunden. Kaum jemand in Wanne\u2013Nord, der hier nicht vom Hocker gekippt oder auf dem Tresen eingeschlafen war. Im Querschlag konnte man sich bis auf die Knochen blamieren, ohne dass es einem jemand lange nachtrug. Beim n\u00e4chsten Mal konnte n\u00e4mlich das Gegen\u00fcber dran sein; Solidarit\u00e4t lebte man in dieser Region pragmatisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geli, die Chefin, thronte wie die K\u00f6nigin der Nacht hinter der Theke, st\u00fctzte die H\u00e4nde in die H\u00fcften und sondierte ihre Stammg\u00e4ste. Dirigierte ihre Mitarbeiter, ordnete die G\u00e4ste einander zu, f\u00fcgte zusammen, was zusammengeh\u00f6rte und lie\u00df die Szenerie von taffen Jungs bereinigen, bevor es brenzlig wurde. Sie bestimmte die Dramaturgie, und alles stand zur Premiere bereit: Frisch gesp\u00fclte Gl\u00e4ser, eine gl\u00e4nzende Zapfanlage, die blitzend schwarze Theke. \u00dcberhaupt keine Spur vom Desaster der letzten Nacht. Nur der Staub der Jahre haftete im rauhen Verputz des Retro\u2013Designs; doch diese Feinheiten bemerkte bei der niedrigen Wattzahl der Beleuchtung niemand mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Chefin strich sich durch ihre frisch get\u00f6nten mahagonifarbenen Haare. Im Friseursalon Albrink hatte man den Schopf hinten angefr\u00e4st, und sie fand es total geil, sich gelegentlich vom Nacken \u00fcber den Hinterkopf zu streichen. \u201eVerfluchte Nacht\u2026.\u201c, schoss es ihr schmerzhaft durch den Kopf. Ihr Lover hatte ihr den Laufpass gegeben, \u201e\u2026ausgerechnet wegen &#8217;ner gottverfluchten Kirmestochter\u2013Pussy\u201c. Die Kerle im Revier mussten nur mal schw\u00e4rmerisch von einer Jungm\u00f6se angestarrt werden, dann liefen die Hormone Amok. Am liebsten Typ Per\u00fcckenschaf, denen sie \u2018was beibringen konnten\u2019. Mit selbstbewussten Weibern kamen sie auf Dauer nicht klar. Gelis Ruhrgebiets\u2013Charme nahm jeden durch lakonische Direktheit ein. Sie war ein Vollweib, das jeden Mann in den Wahnsinn treiben konnte, besonders, wenn sie ihn liebte. So eine Frau verlie\u00df man nicht ungestraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie versuchte, sich mit Arbeit abzulenken, lie\u00df ihre rehbraunen Augen \u00fcber ihr Terrain schweifen. \u201eJetzt nur keine Tr\u00e4nen\u2026\u201c, mahnte sie sich und biss auf die Unterlippe, \u201e\u2026 um diesen gottverdammten Arsch!\u201c Sie stemmte die H\u00e4nde in die H\u00fcften, dr\u00fcckte den R\u00fccken durch und zupfte die dunkelbraune Ledersch\u00fcrze mit dem goldfarbenen Aufdruck zurecht, die sie von einer rheinischen Brauerei als Serviceleistung bekommen hatte, damit sich hier mehr Oberg\u00e4riges Bier verkaufte. Schneller lief es nicht durch den Zapfhahn; in dieser Region zapft man Altbier mit Kr\u00f6nchen. Sie stellte eines dieser \u00fcberfl\u00fcssigen Meisterwerke auf dem Tresen ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Freundin Rosi sa\u00df auf einem Barhocker. Eine grobschl\u00e4chtige Frau mit gro\u00dfen H\u00e4nden und spatenf\u00f6rmigen Fingern\u00e4geln. Keine abgemagerte Modellsch\u00f6nheit. Sie wusste das; es tat ihrem Selbstbewusstsein keinen Abbruch. Zweimal verheiratet. Immer auf der Lauer. Alles im Blick. Eine Ledertusse mit dickem Arsch, der beinahe ihr Dress zum Platzen brachte, setzte sich an den hinteren Tisch. Zog die schwere Jacke aus und gab einen freiz\u00fcgigen Blick auf ein ansehnliches Dekollet\u00e9 frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie ist jung, die quiekt noch\u00ab, kommentierte Rosi. Geli sp\u00fclte Gl\u00e4ser. Wasser an den H\u00e4nden ersparte das Wasser in den Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo gemein d\u00fcrfen nur Frauen sein\u00ab, erwiderte sie blinzelnd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Hauptpreis?\u00ab, erkundigte sich Rosi und wies mit dem Zeigefinger auf den Grope, ohne dass er die Geste bemerkt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhj h\u00f6mma! Gib&#8217;et noch&#8217;n Bier?\u00ab, machte er sich \u00fcberm\u00e4\u00dfig laut bemerkbar. Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Theke. Die hellblauen Augen schwammen bereits w\u00e4ssrig. Geli stellte ihm ein Halbes vor die Nase. Machte den Strich auf dem Deckel und hakte ihn ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Absacker ist obsolet. Der Querschlag h\u00e4tte eigentlich treffender Einschlag hei\u00dfen m\u00fcssen, zahllose Abst\u00fcrze haben in dieser Nachtbar stattgefunden. Kaum jemand in Wanne\u2013Nord, der hier nicht vom Hocker gekippt oder auf dem Tresen eingeschlafen war. 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