{"id":93175,"date":"2001-10-19T00:01:19","date_gmt":"2001-10-18T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93175"},"modified":"2021-10-29T17:39:03","modified_gmt":"2021-10-29T15:39:03","slug":"heimathafen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/19\/heimathafen\/","title":{"rendered":"Heimathafen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline hatte sich einen guten Platz in der Menge gesucht. Sie stand angelehnt an einem Stehtisch vor einem Ladenlokal, wie es nur im Ruhrpott m\u00f6glich ist, eine Kombination aus Videothek und Kneipe. Vorne die bunten Plakate und Pappfiguren mit der Werbung f\u00fcr die neuesten Streifen. Rechts dahinter die Regale mit den Covern, links die Ausgabe mit den Inhalten. Hinter der langgezogenen Theke thronte Werner, der ungekr\u00f6nte K\u00f6nig des Reviers. Ein Schandmaul ohne Ende. Niemand entging seinem \u00e4tzenden Spott, bei dem er sich selber auch nicht schonte. Daf\u00fcr liebten ihn seine Stammkunden und versuchten, ihn ihrerseits mit ironischen Spitzen zu \u00fcberbieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen den Spielautomaten standen zwei Stehtische, auf denen sie W\u00fcrfel rollen lie\u00dfen, Karten klatschten, Bier tranken und jede Menge Zigaretten verquarzten. Das Videodrom war ein Kommunikationszentrum absonderlicher Art.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wirt lie\u00df es sich nicht nehmen, der alten Stammkundin dat Pilsken auf dem Tablett zu servieren. Jacqueline schenkte ihm ihr sch\u00f6nstes L\u00e4cheln. Genoss das erste k\u00fchle Bier. Ein Flens, das mit dem B\u00fcgel. Werner kannte sie schon seit Urzeiten. Mit seiner Frau gab sie sich bei Vollmond im Querschlag die Kante. Diese Clique war ihr Heimathafen. Martin, der schweigsame Zocker. Christoph, ein Mr. Beauty, der nur blondgebleichten Tussen hinterher lief. Maikel, der King von Gelsenkirchen, wie er sich selbst mit amerikanischer Betonung nannte, ein K\u00f6nig der Zockerbuden im Revier. Der Cowboy in eng sitzender Lederhose brachte ihr ein weiteres Bier und fing damit an, sie vollzuquatschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhj, du w\u00fcrdest es am liebsten mit uns allen machen!?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline entbl\u00f6\u00dfte ihr Raubtiergebiss. Kurz das Knie anheben und sein Geh\u00e4nge einquetschen\u2026 Sie beschloss ihn auszunehmen wie eine Weihnachtsgans, er hatte es nicht anders verdient. Dr\u00e4ngte sich geradezu auf. Er sollte b\u00fc\u00dfen, die Strafe auf sich nehmen f\u00fcr die Erniedrigungen, die er den Frauen zugef\u00fcgt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maikel verkehrte noch nicht lange in Werners Videodrom, kannte Jacquelines Prinzipien nicht: Keinen Liebhaber aus dem Freundeskreis und erst recht keinen Lover aus ihrem Viertel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWerner hinter&#8217;m Tresen, dann Christoph\u2026 und mich, wenn du&#8217;s noch bringst\u00ab, offerierte er ihr Prostitution als lukrative M\u00f6glichkeit des Geldverdienens. Er hatte die Nacht durchgezogen und bei einer Pokerrunde den gro\u00dfen Schnitt gemacht. Sie verdrehte ihre Augen zum Himmel. \u201eUnd noch ein Kaninchen auf dem Weg zur Schlachtbank\u2026\u201c, ging es ihr durch den Kopf. \u201eWenn er es so will, kann er es haben\u201c. In der letzten Zeit bettelten die Typen geradezu darum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBeweis deinen Service, hol&#8216; mir noch&#8217;n Bier, Maikelboy!\u00ab, schickte sie ihn weg, um sich die geschm\u00fcckten Wagen anzusehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jacqueline hatte sich einen guten Platz in der Menge gesucht. Sie stand angelehnt an einem Stehtisch vor einem Ladenlokal, wie es nur im Ruhrpott m\u00f6glich ist, eine Kombination aus Videothek und Kneipe. 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