{"id":93163,"date":"2001-10-15T00:01:18","date_gmt":"2001-10-14T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93163"},"modified":"2021-10-29T17:20:04","modified_gmt":"2021-10-29T15:20:04","slug":"zeremonie-der-amoralischen-unschuld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/15\/zeremonie-der-amoralischen-unschuld\/","title":{"rendered":"Zeremonie der amoralischen Unschuld"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie klappte die Lider hoch und war wach. Setzte die nackten F\u00fc\u00dfe lautlos auf den Boden. Schlich in die K\u00fche. Zog die Schublade auf. Griff zur Waffe um die Wut zu entladen. Ging mit der Walther PPK im Anschlag ins Wohnzimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entwarnung. Der Hase bollerte mit dem K\u00e4fig gegen die Balkont\u00fcr. Jacqueline atmete aus, ging in die K\u00fcche und setzte einen starken Kaffee auf. Sie hatte gelernt, dass es besser war, den Tag mit einem festen Ritual zu beginnen, als ausschlie\u00dflich ihren Neigungen zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr erster Mord geschah zuf\u00e4llig. An ihrem 12. Geburtstag f\u00fchrte Onkel Fritz eine Neuerwerbung vor, ein Pr\u00e4zisionsgewehr mit Zielfernrohr. Mitten in der Vorf\u00fchrung wurde er von ihrer Tante zum Telefon gerufen. Sie lehnte das Gewehr \u00fcber den Balkon und betrachtete damit die Stadt. Alles schien mit einem Mal so nah zu sein. Sie sah Menschen, die sich mit gleichg\u00fcltigen Gesichtern in der Menge verloren. Einen besonders ungl\u00fccklich Dreinschauenden nahm sie aufs Korn. Verfolgte ihn bis zu einer Haltestelle, wo er sich ersch\u00f6pft auf einen Stuhl setzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wurde vom R\u00fccksto\u00df an die Wand geworfen. Schlug sich den Ellbogen auf. Stellte das Gewehr in den Waffenschrank und besorgte sich aus dem Erste\u2013Hilfe\u2013Kasten ein Pflaster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeremonie der amoralischen Unschuld. Sie k\u00fcmmerte sich nicht um ihre Opfer. Weder im Privatleben, noch im Beruf. Um sich die zehn Kirmestage leisten zu k\u00f6nnen, hatte sie ihre Dr\u00fcckerkolonne zur H\u00f6chstleistung getrieben. Sie k\u00f6nnte v\u00f6llig ausspannen, eine Aff\u00e4re haben, wie etwa mit dem schwarzhaarigen Kerl, der ihr auf dem Pferdemarkt aufgefallen war. Dieser Gedanke versetzte sie in eine beinahe fr\u00f6hliche Stimmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline schlug die WAZ auf, suchte vergeblich nach einem Artikel \u00fcber den toten Hund und die Wasserleiche. Wahrscheinlich war die Polizei informiert. Man gab zu dieser Zeit keine Informationen preis. Das gr\u00f6\u00dfte Fest im Ruhrgebiet sollte ohne St\u00f6rung ablaufen. In der Zeitung las sie, dass Obdachlose auch in anderen Bundesl\u00e4ndern umgebracht worden waren. Ohne Motiv und nachvollziehbares Geflecht. Immer suchte man nach dem Grund, nach einer Logik. Nicht nur die Polizei aus Wanne hatte vor einem R\u00e4tsel gestanden und versuchte mit Akribie, die letzten Tage im Leben des Toten unter Zuhilfenahme der Bev\u00f6lkerung zu rekonstruieren. Es lie\u00dfen sich kaum brauchbare Indizien zusammentragen. Wer schert sich schon um einen ermordeten Penner? Die Polizei hatte eher mit widerspr\u00fcchlichen Angaben als mit fundierten Aussagen zu tun. Serienm\u00f6rder haben kein Schattenbild, das sie zum Menschen machen k\u00f6nnte. Ihr einziger Ausdruck ist das T\u00f6ten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie klappte die Lider hoch und war wach. Setzte die nackten F\u00fc\u00dfe lautlos auf den Boden. Schlich in die K\u00fche. Zog die Schublade auf. Griff zur Waffe um die Wut zu entladen. 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