{"id":93146,"date":"2001-10-10T00:01:25","date_gmt":"2001-10-09T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93146"},"modified":"2021-10-29T17:12:18","modified_gmt":"2021-10-29T15:12:18","slug":"schwarze-witwe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/10\/schwarze-witwe\/","title":{"rendered":"Schwarze Witwe"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag wurde die Kirmes von Kindern \u00fcberflutet. Sie gaben noch kein Geld aus, peilten die Lage und verglichen die Preise. Jacqueline sa\u00df im ersten Stock des Etagencaf\u00e9 Grell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von hier aus hatte man einen guten Rundblick \u00fcber die Kirmes. Sie trank Kaffee und sinnierte dar\u00fcber, warum ihr ein b\u00fcrgerliches Leben mit Kindern, Ehemann und einem Haus, drau\u00dfen auf dem platten Land, im Westf\u00e4lischen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline hatte sich fr\u00fcher aus dem Kinderheim auf der Melanchthonstra\u00dfe fortgestohlen, wann sie nur konnte. Hatte von jeher Kirmesarbeiter gemocht. Sah ihnen dabei zu, wie sie die Karussells aufbauten. Haut und Muskeln gl\u00e4nzten in der Sonne. Manchmal erinnerten sie diese Kerle an ihren Vater, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Dachte h\u00e4ufig an sein Lachen, seine Fr\u00f6hlichkeit\u2026 hatte genetisch eher mehr von ihrer Mutter mitbekommen. Einer verschlossen k\u00e4mpfenden Frau, darauf bedacht, die Waagschalen des Lebens von Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck mit eigener Arbeit oder einem zuf\u00e4lligen Angebot im Lot zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obschon begabt, entwickelte sich Jacqueline nach dem Tod des Vater, zu einem nickeligen, sturen M\u00e4dchen. Sie mochte das Raufen mit den Jungen. Nachdem die Bengel in einer anderen Gewichtsklasse k\u00e4mpften, behauptete sie ihre Position unter den M\u00e4dchen gegen die beinahe zwei Jahre \u00e4ltere Isabel mit einem trockenen Fausthieb gegen ihr Kinn. Jacqueline lachte \u00fcber Isabels erstauntes Gesicht, als die \u00c4ltere zu Boden ging und begriff, dass die Konkurrentin nicht kratzen, beissen, spucken oder ihrer Rivalin die Haare b\u00fcschelweise ausrei\u00dfen wollte. Isabel hasste sie und versuchte, ihr mit Hilfe ihrer Freundinnen auf den einsamen Fluren des Kinderheims Fallen zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline war st\u00e4ndig auf eine Attacke gefasst. Ihr wurde klar, dass sich ein Zusammensto\u00df nicht vermeiden lassen w\u00fcrde. Da zu dieser Zeit Trenchcoats in waren, n\u00e4hte sie ein biegsames Bambusrohr in den Innenteil ein, so konnte sie diese Waffe unauff\u00e4llig hinter dem R\u00fccken verstecken. Das war unbequem, aber effektiv zu handhaben, wenn es darauf ankam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Sportlehrerin nach der Turnstunde die Umkleide verlassen hatte, kreisten die M\u00e4dchen sie ein. Gerti, eine Verb\u00fcndete Isabels, sprang sie wie ein Panther an. Jacqueline drehte sich gegen ihre Laufrichtung, zog das Bambusrohr und traf mit gezieltem Schlag voll auf die Omme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einer gebrochenen Nase verbrachte Gerti die n\u00e4chsten Wochen im Krankenhaus. Frau Dr. Knispel, die Leiterin des M\u00e4dchenheimes, verh\u00e4ngte eben so lange Hausarrest und zus\u00e4tzliche N\u00e4harbeit. Sie h\u00e4tte Jacqueline am liebsten eine Tracht Pr\u00fcgel verabreicht, aber die Pr\u00fcgelstrafe war in Schulen und Heimen abgeschafft worden. Jacqueline war immer eine Quelle unliebsamer St\u00f6rungen, die den Tagesablauf erschwerten und ihn zum Stillstand brachten. In einem Gespr\u00e4ch unter vier Augen blieb Jacqueline stumm und ausdruckslos. Sie stand daf\u00fcr ein, zeigte aber nicht eine Spur von Reue.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist die Anf\u00fchrerin\u2026\u00ab, ermahnte die Leiterin Jacqueline, \u00bb\u2026 das bedeutet, dass du mit gutem Beispiel vorangehen musst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Akte belegte, dass gerade dies der sozialethisch desorientieren Jacqueline schwerfiel. Sie nickte h\u00f6flich, als sie das B\u00fcro der Heimleiterin verlie\u00df. Brannte mit Jay, einem englischen Soldaten, der von seiner Truppe desertiert war, durch. In einem gestohlenen Lkw unterwegs, verbrachten sie sieben Tage miteinander und tobten sich, ehe sie wieder auseinandergingen, in einem m\u00f6rderischen Rausch aus. Grundlos, ohne Vorsatz, konnte Jackie ihren Instinkten eine Richtung geben. W\u00e4hrend dieser sieben Tage hatte der Brite ein M\u00e4dchen \u00fcberfahren, als Mutprobe, um ihr zu zeigen, wie man so etwas erledigt; eine Anhalterin hatten sie ausgenommen und in den Fluss geworfen, einen Taxifahrer ebenfalls ausgeraubt und anschlie\u00dfend ermordet. Jay wurde von den Gendarmen gefasst, sie entkam ins Ausland und entwickelte sich unter s\u00fcdlicher Sonne zu einer schwarzen Witwe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Am Nachmittag wurde die Kirmes von Kindern \u00fcberflutet. Sie gaben noch kein Geld aus, peilten die Lage und verglichen die Preise. Jacqueline sa\u00df im ersten Stock des Etagencaf\u00e9 Grell. 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