{"id":93131,"date":"2001-10-06T00:01:35","date_gmt":"2001-10-05T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93131"},"modified":"2021-10-29T17:08:38","modified_gmt":"2021-10-29T15:08:38","slug":"flirren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/06\/flirren\/","title":{"rendered":"Flirren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Flirren lag in der Luft. Man brauchte keine prophetischen Gaben, um vorauszusehen, dass sich am Nachmittag Unmengen von Menschen \u00fcber die Kirmes w\u00e4lzen w\u00fcrden, um sich neue Angebote anzusehen, und dann doch an einem Stand mit einer Pferdewurst und einem frisch gezapften Pils in die Saison zu starten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline lie\u00df die Anbaggermeile links liegen und trippelte im Bayernzelt die Treppen zur Empore hinauf. Von diesem Trib\u00fcnenplatz hatte sie eine gute Sicht auf die B\u00fchne. Traditionell wurde die Cranger Kirmes vom Oberb\u00fcrgermeister mit einer Rede und dem Anstich eines Bierfasses um 11.00 Uhr er\u00f6ffnet. Jacqueline lie\u00df sich diesen Augenblick nie entgehen. Vor der B\u00fchne hatten Fernsehsender ihre Kameras aufgebaut. Die Reporter der Kommerzradios machten Aussteuerungstests und hielten ihre Mikros in die Luft, um den Schlachtruf mitzuschneiden. Die rothaarige Pressereferentin verteilte die Rede des OB&#8217;s an die Vertreter der schreibenden Zunft mit dem Vermerk, dass hier das gesprochene Wort gelte. Die Getr\u00e4nke f\u00fcr die ver\u00f6ffentlichte Meinung waren selbstverst\u00e4ndlich frei. Auch an den langen Tischreihen floss das Bier in Str\u00f6men. Blau\u2013wei\u00dfe Girlanden flatterten schlapp vom Zeltdach herab. Eine dr\u00fcckende Schw\u00fcle breitete sich unter dem ganzen Zelt aus. Man wartete auf den obersten Beamten. Jacqueline ersp\u00e4hte in den vorderen Tischreihen den alten Oberb\u00fcrgermeister. Der alter Herr hatte schon das Fass angestochen, als sie ein kleines Kind war. Es war die Zeit, als ihre Eltern noch lebten und sie mit hierhin nahmen. Jacquelines Vater hatte sich jedesmal zur Kirmes Urlaub genommen. Ihre Mutter hatte den Trubel nie so recht gemocht. Die vielen Betrunkenen st\u00f6rten sie. Die kleine Jacqueline st\u00f6rten sie nicht. Im Gegenteil. Meist bekam sie ein paar Groschen zugesteckt oder eine Brause spendiert. Kirmes auf Crange, dass war f\u00fcr sie der Himmel. Hier lernte sie saufen, kotzen und ficken, in genau der Reihenfolge. Dem ersten dicken Kopf folgte ein Kater und diesem beinahe auch ein K\u00e4tzchen; sie verlor es bei ihrem ersten Auslandsaufenthalt in Holland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Oberb\u00fcrgermeister betrat schwungvoll die B\u00fchne, winkte ergriffen ins Publikum und wurde mit rhythmisch einverst\u00e4ndig klopfenden Humpen begr\u00fc\u00dft. In seinem dunklen Anzug sah der oberste B\u00fcrger nicht wie jemand aus, der sich von seinen Emotionen leiten lie\u00df. Man erhielt den Eindruck, er sei nach Crange ins Bayernzelt gekommen, um hier seinen Job zu machen. Mit einem Pochen auf das Mikro verschaffte er sich Aufmerksamkeit. Seine Rede war kenntnisreich. Endlich rezitierte er die Worte, auf die das Publikum wartete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbPiel op no Crange!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen donnerten B\u00f6llersch\u00fcsse. Damit war die Kirmes offiziell er\u00f6ffnet. Jacqueline zuckte unter dem Donnern zusammen. Instinktiv tastete sie nach dem Stilett in ihrer Lederjacke. Sie st\u00fcrzte die Treppe hinab, stiess die Entgegenkommenden beiseite und gr\u00f6lte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGetz&#8216; geht&#8217;s looooos!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Flirren lag in der Luft. Man brauchte keine prophetischen Gaben, um vorauszusehen, dass sich am Nachmittag Unmengen von Menschen \u00fcber die Kirmes w\u00e4lzen w\u00fcrden, um sich neue Angebote anzusehen, und dann doch an einem Stand mit einer Pferdewurst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/10\/06\/flirren\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":17074,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3149],"class_list":["post-93131","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-massaker"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93131","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93131"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93131\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93131"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93131"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93131"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}