{"id":93062,"date":"1993-01-30T00:01:30","date_gmt":"1993-01-29T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93062"},"modified":"2021-10-20T14:23:14","modified_gmt":"2021-10-20T12:23:14","slug":"die-revolution-ist-da","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/01\/30\/die-revolution-ist-da\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Revolution ist da&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Revolution ist da, und die Geschichte spricht. Wer das nicht sieht, ist schwachsinnig. Nie wird der Individualismus in der alten Form, nie der alte ehrliche Sozialismus wiederkehren.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Gottfried Benn<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_92143\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-92143\" class=\"size-full wp-image-92143\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"590\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz.jpg 800w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-300x221.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-768x566.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-560x413.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-260x192.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Bundesarchiv_Bild_183-1984-0321-518_Berlin_Gottfried_Benn_am_Grab_von_Arno_Holz-160x118.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-92143\" class=\"wp-caption-text\">ADN-ZB\/Archiv, Berlin: Gottfried Benn legt im Namen der Dichter-Akademie einen Kranz am Grabe des Schriftstellers Arno Holz auf dem Friedhof an der Heerstrasse nieder. (Aufn.: 1933)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, warum Gottfried Benn \u00f6ffentlich Partei f\u00fcr den nationalsozialistischen Staat ergriff, wird bis heute von einigen mit einem \u201eMissverst\u00e4ndnis\u201c erkl\u00e4rt. Diese Sichtweise legt auch Benn selbst in seiner Nachkriegs-Autobiographie <i>Doppelleben<\/i> nahe, wenn er dem \u201ejungen Klaus Mann\u201c fast schon hellseherische F\u00e4higkeiten attestiert, die er selbst zu diesem Zeitpunkt naturgem\u00e4\u00df nicht habe besitzen k\u00f6nnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e[\u2026] Die Lage im verworrenen Fr\u00fchjahr 1933 war nun so, da\u00df nach dem Fortgang der ber\u00fchmtesten Tr\u00e4ger der Abteilung hier ein knappes halbes Dutzend Mitglieder zur\u00fcckblieb, die sich dem Ansturm gewisser v\u00f6lkischer und volkhaft ausgerichteter Autoren gegen\u00fcbersahen, die die alte Gruppe eliminieren und alle kulturellen Positionen besetzen wollten. Uns hielten sie alle mehr oder weniger f\u00fcr Kulturbolschewisten. Die Vorg\u00e4nge spielten sich f\u00fcr uns im Dunkeln ab, niemand wu\u00dfte, woran er war, und es standen nicht nur ideelle Fragen zur Debatte, sondern auch materielle. Nicht f\u00fcr mich, ich habe nie einen Pfennig aus irgendeinem dieser Fonds bezogen oder irgendwelche anderen Vorteile gehabt. [\u2026]\u201c<sup id=\"cite_ref-48\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner <i>Antwort an die literarischen Emigranten<\/i> reagierte er auf private Vorhaltungen Klaus Manns \u00f6ffentlich in den Massenmedien (Zeitungen und Rundfunk) und rechtfertigte seinen Verbleib im nationalsozialistischen Deutschland von 1933. Er befand sich, wie er im Vorwort zu <i>Zwei Rundfunkreden. Der neue Staat und die Intellektuellen. Antwort an die literarischen Emigranten<\/i> 1933 feststellt, am Ende \u201eeiner f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Entwicklung\u201c und mithin auf der H\u00f6he des Zeitgeistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa sitzen Sie also in Ihren Badeorten und stellen uns zur Rede, weil wir mitarbeiten am Neubau eines Staates, dessen Glaube einzig, dessen Ernst ersch\u00fctternd, dessen innere und \u00e4u\u00dfere Lage so schwer ist, dass es Illiaden und \u00c4neiden bed\u00fcrfte, um sein Schicksal zu erz\u00e4hlen. Diesem Staat und seinem Volk w\u00fcnschen Sie vor dem ganzen Ausland Krieg, um ihn zu vernichten, Zusammenbruch, Untergang. Da werfen Sie nun also einen Blick auf das nach Afrika sich hinziehende Meer, vielleicht tummelt sich gerade ein Schlachtschiff darauf mit Negertruppen aus jenen 600.000 Kolonialsoldaten der gegen Deutschland einzusetzenden ber\u00fcchtigten franz\u00f6sischen Forces d&#8217;outremer, vielleicht auch auf den Arc de Triomphe oder den Hradschin, und schw\u00f6ren diesem Land, das politisch nichts will als seine Zukunft sichern, und von dem die meisten unter Ihnen geistig nur genommen haben, Rache.\u201c<sup id=\"cite_ref-49\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen Rundfunkreden erblickte Benn eine \u201eneue historische Lage\u201c mit dem \u201eSieg neuer autorit\u00e4rer Staaten\u201c, welche den \u201eSieg der nationalen Idee\u201c vorantrieben. \u201eWerdendes Gesetz des neuen Jahrhunderts\u201c sei nach Benn ein \u201etotaler Staat\u201c in Einklang mit dem \u201eErscheinen einer neuen revolution\u00e4ren Bewegung\u201c und eines \u201eneuen menschlichen Typs\u201c.<sup id=\"cite_ref-50\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Erwiderung auf Klaus Mann und auch in anderen \u00c4u\u00dferungen finden sich (wie z.\u00a0B. im darauf gehaltenen kurzen Aufsatz <i>Z\u00fcchtung<\/i>) explizit dem Nationalsozialismus sehr nahestehende Gedanken Benns zur Z\u00fcchtung von Menschen und zur Eugenik:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVerstehen sie doch endlich [\u2026] es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert und ein Volk will sich z\u00fcchten. [\u2026] Aus den Nahtlinien des Organischen st\u00f6\u00dft die Erbmasse, aus den Defekten der Regenerationszentren die menschliche Gene ans Licht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Durchsetzung seiner Kunstvorstellungen und seines Werkes gelang dem individualistischen und (ehemaligen) Expressionisten Benn im nationalsozialistischen Deutschland jedoch nicht. Er musste bald erkennen, dass die formale und inhaltliche Modernit\u00e4t seiner Werke unvereinbar war mit der nun herrschenden Ideologie. Nachdem schon seit September 1933 keine Gedichte von ihm mehr gesendet werden durften und seine Zulassung als Arzt gef\u00e4hrdet war, wurde Benn ab Mai 1934 verboten, Vortr\u00e4ge im Radio zu halten. Zwar wurde Benn noch im Fr\u00fchjahr 1934 Vizepr\u00e4sident der Union nationaler Schriftsteller. Er wurde jedoch schon fr\u00fch (seit 1933) von verschiedenen Organen der Nationalsozialisten, wie z.\u00a0B. im Schwarzen Korps, angegriffen, vor allem von B\u00f6rries Freiherr von M\u00fcnchhausen, der ihn wegen seines Namens, den er mit dem j\u00fcdischen \u201eBen\u201c assoziierte, als \u201eJuden\u201c zu diffamieren suchte, und schlie\u00dflich 1936 vom <i>V\u00f6lkischen Beobachter<\/i> als \u201eSchwein\u201c bezeichnet. Auf die Unterstellungen M\u00fcnchhausens reagierte Benn, indem er in <i>Lebensweg eines Intellektualisten<\/i> seine Abstammung von einer deutschen Pfarrersfamilie betonte. Diese genealogischen Ausf\u00fchrungen nutzten ihm aber letztlich nichts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4279\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Briefmarke.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"257\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKeiner auch der gro\u00dfen Lyriker unserer Zeit\u201c, so Gottfried Benn, habe mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen, \u201edie \u00fcbrigen m\u00f6gen interessant sein unter dem Gesichtspunkt des Biographischen und Entwicklungsm\u00e4\u00dfigen des Autors, aber in sich ruhend, aus sich leuchtend, voll langer Faszination\u201c sei eben nur eine Handvoll. In seinem Fall ist es der Gedichtzyklus <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/21\/kleine-aster\/\">Morgue<\/a>. <\/em>Er hat um seine Beschr\u00e4nktheit gewu\u00dft, wie sonst h\u00e4tte er sich nach der Machtergreifung den NAZIS angedient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &#8222;Die Revolution ist da, und die Geschichte spricht. Wer das nicht sieht, ist schwachsinnig. 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