{"id":93049,"date":"2021-10-01T00:01:55","date_gmt":"2021-09-30T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93049"},"modified":"2021-10-24T09:33:54","modified_gmt":"2021-10-24T07:33:54","slug":"minkowski","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/01\/minkowski\/","title":{"rendered":"Bonn, ohne Datum. Am Schreibtisch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Caro Signor Pirandello, in der Tat: ich begann vor 14 Jahren damit, meine S\u00fcndenfotos zu sammeln. Nicht wegen der Sch\u00f6nheit der Bildnisse, sondern &#8230; ich wei\u00df nicht recht &#8230; ich ahnte, dass es eine Serie mit vielen sehr unterschiedlichen Bildern wird, vielleicht auch, weil mich eine gewisse \u00c4sthetik des H\u00e4sslichen reizte, was die technische Bildqualit\u00e4t betrifft, hinzu kommt noch ein narzisstischer Aspekt, klar, selbstironisch nat\u00fcrlich, eine autobiografische Selbstbespiegelung also, daher der Titel \u201eSelbstportr\u00e4ts\u201c, und das Ganze mit Gerhard-Richter-Flair. Vielleicht w\u00e4re auch \u201eSelbstfahndungen\u201c ein guter Titel, aber andererseits dann doch wohl etwas zu abgedreht, introvertiert oder sogar egozentrisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich dachte, bevor (oder als) die Kamera mich erwischte, habe ich so gut wie vergessen, verdr\u00e4ngt, oder in der Erinnerung \u00fcberformt. Einmal kam ich von K\u00f6ln zur\u00fcck nach einer grandiosen Auff\u00fchrung, Parsifal, ich fuhr wie im Rausch auf der Autobahn, die Nacht war schwarz, kein Auto vor mir, keins hinter mir, ich allein in meinem Raumschiff &#8230; Da \u00fcbersah ich die Warnschilder bei Wesseling und bretterte mit 150 Sachen (statt 80) Richtung Bonn. Das kostete mich rund 170 \u20ac und einen Monat F\u00fchrerscheinentzug. Am Ende eine teuer bezahlte Oper. Aber das war ich mir wert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Am Neutor, ohne Datum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein lieber Damonte, Ihre Geschwindigkeitssucht irritiert mich. 49 Kn\u00f6llchen in 14 Jahren &#8230; das ist zuviel. Sie leben zu schnell, zu kurzatmig &#8230; Sie hyperventilieren sich in einen Lebensrausch, der am Ende nichts anderes ist als \u2013 das Nichts. Gehen Sie in sich und fahren Sie langsamer durch Ihr Leben, dann erleben Sie viel mehr \u2013 nur so entgeht Ihnen dieses Nichts, vor dem Sie sich so sehr f\u00fcrchten, dass Sie sich in es hineinst\u00fcrzen. Schauen Sie, es ist wie mit der Liebe, sie braucht Zeit, sie will verweilen, nur stillstehen darf sie nicht, das w\u00e4re ihr Tod. Lieben Sie Ihr Leben, dann lieben Sie auch sich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Am Schreibtisch, ohne Datum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Pirandello, ah &#8230; die Geschwindigkeit, mit der ich durch mein Leben schwimme, schwebe, tanze, die ist mal so und mal so, mal langsamer, mal schneller. Selten langweile ich mich, das stimmt, aber ich eile mit Weile durch meinen Tag, und es ist nicht selten ein Verweilen daran schuld, dass ich mich, um p\u00fcnktlich zu sein, beeilen muss, und so kommt es zu den vielen Kn\u00f6llchen: Allzu lange versunken in Besinnlichkeit, passierte es mir erst neulich wieder: Ich blickte auf die Uhr, die Zeiger rannten, die Zeit war knapp geworden, ich st\u00fcrzte los, um nicht zu sp\u00e4t zu kommen, raste mit dem Auto, um Zeit aufzuholen, \u00fcber die Rheinbr\u00fccke und ging in die Falle: Polizeikontrolle! Die Zeitnot ist mein Schicksal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Am Neutor, o. D.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damonte, ich bitte Sie, kommen Sie wieder runter, auf den Boden der Tatsachen! Machen Sie sich nichts vor, Sie k\u00f6nnen die Naturgesetze nicht austricksen, und Sie k\u00f6nnen auch sich selber nicht \u00fcberlisten. Sie m\u00fcssen Ihre Hast aushebeln. Sie werden schon herausfinden, wie das geht. Mit der Ver\u00f6ffentlichung Ihrer mit polizeilicher Hilfe entstandenen \u201aSelbstportr\u00e4ts\u2018<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">betreten Sie den Weg einer gelingenden Selbsttherapie, denke ich. \u00dcbrigens zeigen diese Portr\u00e4ts die Vielfalt Ihres Leidens an der Zeit, das den pathologischen Zustand der Zeit, in der wir leben, widerspiegelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mache mir Gedanken \u00fcber die k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t Ihrer \u201aSelbstportr\u00e4ts\u2018 und deren Autorschaft. Die Fotos wurden erzeugt durch automatisierte Kameras, deren Installationen und Softwareprogramme von verschiedenen Ordnungs\u00e4mtern veranlasst wurden; dahinter verbergen sich also komplexe Autorengruppen, deren einzelnen Mitgliedern nicht oder kaum bewusst ist, Autoren zu sein. So gesehen sind sie als Autoren irrelevant. Der eigentliche Autor der \u201aSelbstportr\u00e4ts\u2018 sind also tats\u00e4chlich Sie, Signor Damonte, da Sie die Beweisfotos zu Bildern machen, indem Sie sie in die Sph\u00e4re der Kunst r\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Am Schreibtisch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Pirandello, ich bin nicht sicher, ob mir der von Ihnen beschriebene Kunstakt bewusst war, und so frage ich mich, ob Kunst sein kann, was man unbewusst schafft. Anders gesagt: Ob ein Werk, ein Gegenstand, ein Gebilde auch vom Betrachter erzeugt werden kann, indem er den Kunstcharakter des Betrachteten behauptet. Ein anderer Betrachter k\u00f6nnte den Kunstcharakter einfach leugnen oder verwerfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber vielleicht ist das ja nur eine m\u00fc\u00dfige Frage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Damonte, Sie haben wohl recht mit Ihren Bedenken. Wie leicht k\u00f6nnte n\u00e4mlich jemand behaupten, er selbst sei ein Kunstwerk, und vielleicht gibt es Betrachter, die ihm zustimmen und sagen: Ja, du bist ein Kunstwerk! Und wenn es viele sagen, was dann? Und weiter: Kann dann nicht jeder Mensch ein Kunstwerk sein? Am Ende wird die \u00e4sthetische Frage eine ethische.<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Pirandello, ja, das w\u00fcrde uns in den Gr\u00f6\u00dfenwahn f\u00fchren. Kein Mensch kann f\u00fcr sich beanspruchen, in sich selbst ein vollendeter Kosmos zu sein, nur ein Artefakt als Kunstwerk kann so beschaffen sein oder wenigstens so gesehen werden. Auch ein Homunculus \u2013 mal angenommen, er lie\u00dfe sich tats\u00e4chlich erschaffen \u2013 erf\u00fcllte nicht das Wesen der Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aber lie\u00dfe sich denn unser Leben als Kunstwerk auffassen und gestalten?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oh, Damonte, da sagen Sie was! Lebenskunst! Das ist wohl das H\u00f6chste, das wir anstreben k\u00f6nnen. Das Leben als Kunstwerk auffassen, ja, das mag noch angehen. Aber angesichts unserer M\u00e4ngel und Schw\u00e4chen ist das Ziel utopisch. Ich halte immerhin den f\u00fcr einen Lebensk\u00fcnstler, der sich diesem Ziel mit einiger Leichtigkeit zu n\u00e4hern versucht und wenigstens einen Schatten des Ideals wirft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Pirandello, die Ideale und das Leben \u2013 ja &#8230; das ist so eine Sache mit den Idealen. Wenn man jung ist, sind die Ideale alles, denn man muss noch nicht nach ihnen leben, weil man nicht nach ihnen leben kann \u2013 es fehlt einfach das Geld, und es fehlt die gesellschaftliche Stellung, um Gutes zu bewirken, oder umgekehrt &#8230; Ich lese gerade Flauberts L\u2019\u00c9ducation sentimentale, die Geschichte eines jungen Mannes, eines Tunichtguts, er lebt in den Tag hinein, kann nichts und lernt nichts Gescheites &#8230; dann erbt er und wirft das Geld mit beiden H\u00e4nden aus dem Fenster, sucht den Rausch der Erlebnisse, Liebe und Luxus. Aber er wei\u00df noch nicht wirklich, was Liebe ist &#8230; Und er wei\u00df noch nicht einmal, dass er ein Rohdiamant ist &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Signor Pirandello, so einer wie Flauberts Fr\u00e9d\u00e9ric war ich auch einmal &#8230; Ach, diese Geschichte wiederholt sich in jeder Generation: per aspera ad astra &#8230; Ich schwanke hin und her \u2013 hier die lebenswichtigen Ideale, dort die raue Wirklichkeit. \u201eLass nicht zuviel uns an die Menschen glauben\u201c, hei\u00dft es in Schillers <em>Wallenstein<\/em>. Damit will ich sagen: Was man theoretisch mit dem gr\u00f6\u00dften Recht fordert, etwa die Menschenrechte oder soziale Gerechtigkeit, l\u00e4sst sich nur schwer und nur mit moralischen Verlusten praktisch umsetzen, denn die Menschen sind fast alle nicht so, wie man sie sich w\u00fcnscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Damonte, ja, es stimmt: \u201eLeicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume sto\u00dfen sich die Sachen\u201c, sagt Schillers Wallenstein. Das ist ohne Zweifel so, ich verstehe Ihre Bedenken. Aber haben Sie in Ihrer Jugend nie sozialistisch gedacht &#8230;?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen die Ideale hochhalten. Wenn wir es nicht tun, sind wir passive, vom Leben abgeschliffene Seelen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Pirandello, d\u2019accord \u2013 und ich schw\u00f6re Ihnen Besserung: Meine Sammlung von \u201aSelbstportr\u00e4ts\u2018 betrachte ich als abgeschlossen. Je suis condamn\u00e9 \u00e0 \u00eatre responsable.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"text_innen\" dir=\"ltr\" lang=\"de\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Pirandello-Geschichten<\/strong>, von Ulrich Bergmann + Selbstportra\u0308ts, Damonte, Bonn 2021<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\n<p><div id=\"attachment_55421\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-55421\" class=\"wp-image-55421\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-1024x614.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"614\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-1024x614.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-300x180.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-768x460.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-560x336.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-260x156.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn-160x96.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Bonn.jpg 1048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-55421\" class=\"wp-caption-text\">Weimar ist nicht Bonn<\/p><\/div><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in seinem Projekt <em>Pirandellos<\/em> nutzt Ulrich Bergmann das Postkartenformat. Mit seinen \u201eCorrespondenzkarten\u201c verschafft er den Lesern das Vergn\u00fcgen von spezieller <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\">Twitteratur<\/a>. Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Caro Signor Pirandello, in der Tat: ich begann vor 14 Jahren damit, meine S\u00fcndenfotos zu sammeln. 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