{"id":93039,"date":"1991-01-29T00:01:30","date_gmt":"1991-01-28T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=93039"},"modified":"2021-10-20T07:04:55","modified_gmt":"2021-10-20T05:04:55","slug":"tanzstundenball-1961","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/29\/tanzstundenball-1961\/","title":{"rendered":"Tanzstundenball 1961"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"text_innen\" dir=\"ltr\" lang=\"de\">Am Abend des Tanzstundenballs im Schwarzwaldst\u00e4dtchen Neuenb\u00fcrg an der Enz holte ich meine Tanzstundendame ab. Ich war 16 und hatte gerade erst gelernt, den Schlips zu binden. Der Vater meiner Tanzdame (die Mutter lie\u00df sich nicht blicken) bot mir einen Kaffee an. Oder einen Schnaps, fragte er, bis die junge Dame fertig ist? Ich war ein Mann und sagte: Schnaps.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Eltern sa\u00dfen im Gasthaus \u201eZum B\u00e4ren\u201c alle oben auf einem Podest, wir nannten es die \u201eDrachenburg\u201c. Ich musste eine Sektflasche \u00f6ffnen. Der Korken knallte an die Decke, ich erschrak und vergoss Sekt auf das Kleid meiner Abschlussballdame, ein Malheur, das jeden Schmetterlingseffekt \u00fcberbot. Der Schaden war optisch gering, nach einer Weile unsichtbar, aber in der M\u00e4dchenseele \u00fcberschlugen sich die Sturmwellen. Beim Tanz trat ich dem M\u00e4dchen, das sich erbarmt hatte, mich als Tanzstundenpartner zu akzeptieren, laufend auf die F\u00fc\u00dfe. Ich hatte Stress ohne Ende. Das steigerte sich noch. Denn der H\u00f6hepunkt des Abschlussballs war nicht die Sektpanne, sondern die\u00a0 Tanzstundenzeitung, die ich zu einem gro\u00dfen Teil verfasst hatte. Das Heft wurde zum Essen ausgeteilt. Alle lasen darin. Dann ging die Bombe hoch. Der Direktor verstand das letzte Gedicht der Zeitung als Obsz\u00f6nit\u00e4t. Das Gedicht, das ich aus der Tanzstundenzeitung meines Vaters geklaut hatte, hie\u00df \u201eDer Kuss\u201c und handelte von verschiedenen Arten, sich zu k\u00fcssen. Der letzte Vers \u00fcber die K\u00fcsse lautete: \u201e&#8230; den l\u00e4ngsten nennt man Dauerbrenner.\u201c Dem Direktor war schon das Durchdeklinieren der K\u00fcsse zuviel, jetzt erkannte er auch noch Pornographie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls wurde mein Vater schon am n\u00e4chsten Tag, es war Sonntag, mit mir zusammen zum Direktor nach Hause bestellt. Dort ging es lange hin und her, am liebsten wollte der Direktor mir das consilium abeundi erteilen, so nannte er den Rauswurf aus der Schule, wir hatten ja von Sexta an Latein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Vater erreichte, dass der Direktor mir eine Chance gab. Bei der geringsten Kleinigkeit wollte er mich aber von der Schule verbannen; vielleicht stand er unter dem Druck seiner Kollegen oder seiner Zeit. Der Witz war, dass ich vollkommen naiv war in Sachen Liebe, ich hatte keine Freundin, ich war viel zu sch\u00fcchtern. Ich hatte allerdings aus der Sicht der Lehrer eine ziemlich gro\u00dfe Klappe, auch schriftlich. Der jungen Lehrerin Dr. Einberger, die neu an der Schule war und deren Englisch-AG ich besuchte, schrieb ich \u2013 nach dem Tanzstundenball \u2013 ein Gedicht, halb verliebt:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der sehnlich Geliebten<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Hinweg mit euch, ihr l\u00e4stigen Vokabeln &#8211;<br \/>\no heilig ist mein Drang und meine Wut,<br \/>\nmein Herz erbebt, de Seele lebt in Fabeln,<br \/>\nmein Geist ist Feuer, meine Augen Glut!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Denn eine Sonne brennt und strahlt,<br \/>\nund froh erscheint mir jede Stunde<br \/>\nund jedes Wort aus ihrem sch\u00f6nen Munde<br \/>\nund die Gestalt erscheint mir wie gemalt!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">O la\u00df der Liebe zartes Band ergr\u00fcnen &#8211;<br \/>\nDich liebe ich mit allen Qualit\u00e4ten,<br \/>\nich tu f\u00fcr Dich, was andre niemals t\u00e4ten,<br \/>\no sag, wie kann mein Herz Dir dienen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dein toller Teint, Dein Charme, Dein Chique &#8211;<br \/>\no sei umschlungen, holde Form!<br \/>\nMich fesselt stets Dein Zauberblick,<br \/>\nmit einem Wort: Du bist enorm!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ach, endlich strahlt im Schulgeb\u00e4ude<br \/>\nmal unerreichte Eleganz,<br \/>\nes brennt und flammt Dein Feuerglanz<br \/>\nund t\u00e4glich schenkst Du neue Freude!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Auf in den Liebeskampf, mein Herz!<br \/>\nIch f\u00fchle, schon durchdringt es mich &#8211;<br \/>\nund gibt&#8217;s auch noch so gro\u00dfen Schmerz:<br \/>\nDu bist mein Stern &#8211; ich liebe Dich!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ihr Anonymus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich steckte das Gedicht in ein Kuvert und warf den Brief, adressiert an Frl. Dr. Einberger, vor Zeugen in den Briefkasten vor dem Gasthof \u201eZum B\u00e4ren\u201c gegen\u00fcber der Bushaltestelle, an der wir Sch\u00fcler nach der Schule immer noch eine ganze Weile standen, um zu quatschen und das St\u00e4dtchen aufzumischen. Die waren Zeugen meiner Mutprobe. Die leicht ironisch Angehimmelte aber lie\u00df nie verlauten, ob sie meinen Liebesbrief erhalten hatte. In den n\u00e4chsten Stunden der Englisch-AG \u00fcbersah sie mich \u2013 wie immer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9174\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9174\" class=\"size-full wp-image-9174\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Bergmann_1_sw.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/><p id=\"caption-attachment-9174\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Am Abend des Tanzstundenballs im Schwarzwaldst\u00e4dtchen Neuenb\u00fcrg an der Enz holte ich meine Tanzstundendame ab. Ich war 16 und hatte gerade erst gelernt, den Schlips zu binden. 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