{"id":92974,"date":"2001-09-22T00:01:29","date_gmt":"2001-09-21T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92974"},"modified":"2021-10-29T16:53:37","modified_gmt":"2021-10-29T14:53:37","slug":"92974","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/22\/92974\/","title":{"rendered":"Auf dem Kanal in Richtung Schleuse"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline lief den Weg am Kanal entlang. Der Geruch nach Dunkelheit und modriger Erde, nach Wasser und Kohle, nach Benzin und frisch gem\u00e4htem Gras stieg ihr aufdringlich in die Nase. Ein Binnenschiff tuckerte auf dem Kanal in Richtung Schleuse. \u201eWeg hier, nur weit weg von hier!\u201c, schoss es ihr durch den Kopf. Am n\u00e4chsten Morgen w\u00fcrde sie wieder kommen. Sie konnte nicht anders. Die Kirmes zog sie magisch an. Unwiderstehlich. Jedes Jahr. Sie konnte den Duft von Popcorn riechen, hoffte darauf, dass sich vor der Schlossruine die Geisterstadt mit prallem Leben f\u00fcllte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Betrunkener torkelte ihr entgegen. Wollte sich an ihr festhalten. Fiel. Sie wich aus. L\u00e4chelte ihm, ger\u00fchrt von seiner Unbeholfenheit, fast z\u00e4rtlich zu. Hinter ihren Reptilienaugen war nichts weiter als dunkle Nacht. Jacqueline wollte den M\u00fcffelmann sich selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSch\u00e4tzeken, wat iss&#8217;n?\u00ab, lallte er. Dr\u00fcckte den Daumen zwischen Zeige\u2013 und Mittelfinger durch. Und hatte verspielt. Er stand auf. Breit grinsend. Sie blieb stehen, h\u00e4tte weggehen k\u00f6nnen, ihr K\u00f6rper entschied sich anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie rammte ihm die Faust hart und gezielt in die Magengrube. Er blickte sie erstaunt an. Kippte zusammen wie ein Klappmesser. \u00c4chzte. Erbrach sich. Sie zog ihn rasch die B\u00f6schung hinunter. Er kotzte weiter. \u201eSein Abschiedslied von dieser Welt\u201c, ging es Jacqueline durch den Kopf. Der Betrunkene versuchte sich zu wehren. Sie war daran gew\u00f6hnt, dass sie sich wehrten. Entweder \u00fcberrumpelte man sie mit einem L\u00e4cheln oder einer schnellen Attacke. Man schrie sie laut an, man schlug als erste. Mit viel Schlagkraft. Und immer wieder waren sie verbl\u00fcfft, dass in einer Frau so viel Gewalt und Aggression stecken konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacqueline l\u00e4chelte \u00fcber den Grund, wieso sie einfach nicht lernten, sich zu wehren. Diese Typen waren gut erzogen, hatten Anstand und Ritterlichkeit einer alten Kriegerkaste in den Knochen. Der Kerl winselte j\u00e4mmerlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHalt endlich die Schnauze!\u00ab, fl\u00fcsterte Jacqueline scharf in sein rechtes Ohr. Beinahe fr\u00f6hlich hielt sie ihm das Klappmesser an die Kehle. Zog ihn am Kragen weiter die B\u00f6schung hinunter. Schlug seinen Kopf auf einen gro\u00dfen Stein, der den Schotter zierte. Der Typ verdrehte die Augen, wurde ohnm\u00e4chtig. Sie schleppte seinen K\u00f6rper ins Wasser. Duckte ihn unter Wasser. Dr\u00fcckte seine Kehle zu. Luftblasen stiegen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Eisentor \u00f6ffnete sich langsam. Wassermassen flossen heraus. Ein Binnenschiff fuhr in die Schleuse hinein. Kein Licht in den Kabinen, nur in der Kapit\u00e4nskaj\u00fcte. Der Steuermann sammelte sich, um das Man\u00f6ver durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fortsetzung folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe <em>MetaPhon<\/em>. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jacqueline lief den Weg am Kanal entlang. Der Geruch nach Dunkelheit und modriger Erde, nach Wasser und Kohle, nach Benzin und frisch gem\u00e4htem Gras stieg ihr aufdringlich in die Nase. Ein Binnenschiff tuckerte auf dem Kanal in Richtung Schleuse.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/22\/92974\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":17074,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3149],"class_list":["post-92974","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-massaker"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92974","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92974"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92974\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92974"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92974"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92974"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}