{"id":92684,"date":"2021-08-07T00:01:14","date_gmt":"2021-08-06T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92684"},"modified":"2022-02-22T20:20:07","modified_gmt":"2022-02-22T19:20:07","slug":"selektion-sneak-peak","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/07\/selektion-sneak-peak\/","title":{"rendered":"Selektion \u2013 Sneak Peak"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe am anderen Ende des Gewehrlaufs und wei\u00df nicht, welches Ende das richtige ist. Die Waffe starrt mich mit ihrem einen schwarzen Auge an. Das andere, das mich \u00fcber die Kimme fixiert und dabei blinzelt, ist nicht ihres. Es ist blau. Oder gr\u00fcn. Oder braun. Nur dass es blinzelt, ist gesicherte Erkenntnis. Die Frage, die sich erhebt, ist, wer von uns beiden die Hose voller hat. Die vor oder der hinter dem Abzug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich jedenfalls habe eine Schei\u00dfangst. Sie wird nicht dadurch verringert, dass der Lauf schlingernd eine Art Acht ins Bild schreibt. Zitterndes Wackeln w\u00e4re untertrieben. Mir schie\u00dft durch den Kopf, wie die Patrone im Lauf das sieht. Schlie\u00dflich ist das Ding da dr\u00fcben keine Schickimicki-Laserwaffe, die nur in den SF-Filmen im Feld eingesetzt wird. Ich wei\u00df allerdings nicht einmal, ob sie, die Patrone selbstredend, aus dem Magazin durch Spannen bereits in den Abschussschacht geschoben wurde. Jedenfalls habe ich nichts dergleichen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aussicht, dass es sich nicht um eine Kalaschnikow oder eine Uzi handelt, k\u00f6nnte mich beruhigen. Tut sie aber nicht. Es ist tats\u00e4chlich ein Gewehr, das man spannen und entsichern muss. Aber halbautomatisch. Wenn durch die Lande streift wie ich, versteht man was von Waffen. Das Magazin ist gro\u00df und markant. Es sieht glatt so aus, als w\u00e4re es voll. Randvoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaliber sieben f\u00fcnfundsechzig. Ziemlich sicher. Ich kann nicht nachmessen, aber f\u00fcr neun ist der Lauf zu klein und f\u00fcr sechs zu gro\u00df. Millimeter, nicht Zentimeter. Je nach Geschossart ist das Loch unterschiedlich gro\u00df, das es in einen K\u00f6rper stanzt. Auf diese Entfernung tritt es hinten wieder aus. Die Frage ist nur, wie gro\u00df das Austrittsloch ist. Und wie viel es zwischendrin zerrei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig gestrig, das Teil. Aber besser geeignet als eine Laserwaffe, f\u00fcr die der feine Staub der Halbw\u00fcste eine sichere Dysfunktion bedeutete. Der feine Staub kontaminiert irgendwann die bestgekapselte Optik. Kein Lichtstrahl ohne Optik, kein Laser ohne Lichtstrahl. Staub ist ekelhaft, wie man sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Anfang haben die Desperados die Hightech-Soldaten mit dem Holzkn\u00fcppel erschlagen und die Waffen einfach liegen gelassen. Braucht kein Mensch, der durch die Steppe streift. Die Technik muss eben den Gegebenheiten angepasst sein. Nicht umgekehrt. Lernt man irgendwann. Ich als Ex-Nerd wei\u00df das. Ich habe gelernt. Tat weh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seither feiern die alten Wummen aus dem letzten Jahrhundert Wiederauferstehung. Mein kleiner innerer Schlaumeier h\u00e4lt wieder eine Vorlesung, statt er sich damit besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, wie ich aus dieser vermaledeiten Schei\u00dflage rauskomme. Echt jetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das eine Auge, das mich anvisiert, schlottert immer st\u00e4rker, und das andere zwinkert immer heftiger. Ich sp\u00fcre, dass sich auf den Stirnen der beiden anwesenden Protagonisten der kalte Schwei\u00df erst ausbreitet, dann sammelt und schlie\u00dflich in Richtung Augenh\u00f6hlen perlt. Je l\u00e4nger die Veranstaltung hier andauert, desto weniger k\u00f6nnen sich beide gegenseitig fixieren. Brennende Augen sind daf\u00fcr v\u00f6llig ungeeignet. Wenigstens bei mir ist das momentan schon der Fall, aber ich stehe ja nicht hinter dem schwarzen Gewehrlaufauge da dr\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein guter Sch\u00fctze ist v\u00f6llig in Ruhe. Nur das Opfer darf unentspannt sein. Hier sind beide Kontrahenten genau das: der potenzielle Sch\u00fctze und das m\u00f6gliche Todesopfer. Unentspannt. Die Stirn des Gegen\u00fcbers gl\u00e4nzt verd\u00e4chtig. Das spricht f\u00fcr Schwei\u00df. Viel Schwei\u00df. Immer mehr Schwei\u00df. Bei der Sonneneinstrahlung, der Au\u00dfentemperatur und der Kleidung kein Wunder. Der Overall meines Gegen\u00fcbers ist jedenfalls nicht sonderlich sommertauglich. Und es ist Sommer, und zwar verdammich viel davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist erstaunlich, wie sehr sich in h\u00f6chster Gefahr das Zeitempfinden ver\u00e4ndert. Das Adrenalin f\u00e4hrt alle Sinne in einer Art und Weise hoch, dass man den Eindruck hat, alles liefe in Slomo ab. Ich finde es mit zunehmender Zeitdauer immer unglaublicher, dass ich noch am Leben bin und in der Lage, derart tiefsch\u00fcrfende Gedanken zu produzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte vor langer Zeit, als die Welt in Ordnung zu sein schien, irgendwo etwas \u00fcber Nahtoderlebnisse gelesen \u2013 dieser Effekt der Ausdehnung oder auch Verlangsamung der Zeit wurde dort berichtet. Spannend. Aber warum schie\u00dft mir das gerade ins Hirn? Ein merkw\u00fcrdiger, letzter Gedanke, bevor ein 7,65 Millimeter-Geschoss meinem Leben auf irgendeine Art ein Ende setzt, oder? Ich will den Kopf sch\u00fctteln. Und entscheide mich dagegen. Es k\u00f6nnte falsch verstanden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur das Ende will einfach nicht stattfinden. Weder h\u00f6re ich den Knall, noch sehe ich den Patronenh\u00fclsenauswurf, noch kommt mir eine auf mich losgelassene Vollmantelkupferspitze entgegen, um mich zu f\u00e4llen. Nichts dergleichen tut sich. Vielmehr er\u00f6ffnet sich mir die segensreiche Chance, \u00fcber das langsame Einsickern von Schwei\u00dftropfen in meine Arschritze zu kontemplieren. Und dar\u00fcber, dass sich wenigstens um mich herum langsam ein kleiner Schwarm durstiger Fliegen und stechw\u00fctiger Bremsen bildet, wobei letztere bereits nach meinem Blut lechzen, bevor es vergossen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstere sind etwas h\u00f6flicher. Sie warten, bis es so weit ist. Dass die Mittagssonne volle Kanne auf meinen nicht mehr vorhandenen Scheitel brennt, macht die Situation nicht gem\u00fctlicher. Im gleichen Ma\u00df, wie der Schwei\u00df tropft, wird mein Mund trockener.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lippen werden dadurch schartiger und schartiger. Das sp\u00fcre ich, wenn die Zunge verstohlen dar\u00fcberstreicht, um die Schwei\u00dfperlen unter meinem F\u00fcnftagestoppelschn\u00e4uzer wenigstens partiell am nutzlosen Absturz \u00fcber mein Kinn in den staubigen Boden zwischen meinen F\u00fc\u00dfen zu hindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald werden sie aufplatzen, meine Lippen, sage ich mir. Meine Zunge findet ihr Spiegelbild im Gegen\u00fcber auf der Abzugsseite des Gewehrs, dessen Lauf inzwischen kreisende Bewegungen macht, eher Ellipsen, die Achten sind out, weil die Armmuskeln unter dem Gewicht der Waffe wegen der \u00dcberbelastung zu rebellieren beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auszug aus <strong>batgenes<\/strong>, Band 1 von Walther Stonet, 2021<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-92686 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-300x214.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"214\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-1024x730.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-768x548.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-1536x1095.jpg 1536w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-2048x1460.jpg 2048w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-360x257.jpg 360w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-260x185.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/BatGenes-160x114.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Die Ausgangsfrage lautet: &#8222;Warum hei\u00dft batgenes eigentlich batgenes?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walther Stonet findet, dass das eine sehr gute Frage ist. Daher beantwortet er sie auch sofort: \u201ebatgenes\u201c hei\u00dft \u00fcbersetzt \u201eFeldermausgene\u201c. Diese Gene spielen in der batgenes Saga eine bedeutende Rolle. Welche Rolle genau, wollen wir an dieser Stelle noch nicht verraten. Schlie\u00dflich wird in \u201eSelektion\u201c das Geheimnis gel\u00fcftet. Und dem soll hier nicht vorgegriffen werden. Schlie\u00dflich soll die Spannung hochgehalten werden.<\/p>\n<div class=\"entry-content\" style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich stehe am anderen Ende des Gewehrlaufs und wei\u00df nicht, welches Ende das richtige ist. Die Waffe starrt mich mit ihrem einen schwarzen Auge an. Das andere, das mich \u00fcber die Kimme fixiert und dabei blinzelt, ist nicht ihres.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/07\/selektion-sneak-peak\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":164,"featured_media":99533,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1972],"class_list":["post-92684","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walther-stonet"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/164"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92684"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92684\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99628,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92684\/revisions\/99628"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99533"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}