{"id":92414,"date":"2017-05-27T00:01:40","date_gmt":"2017-05-26T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92414"},"modified":"2022-02-23T05:01:12","modified_gmt":"2022-02-23T04:01:12","slug":"durchdringungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/05\/27\/durchdringungen\/","title":{"rendered":"Durchdringungen"},"content":{"rendered":"<div><\/div>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was hei\u00dft \u00c4hnlichkeit? Wenn jemand stirbt, hinterl\u00e4sst er allen, die ihn kannten, eine Leere: ein fest umrissener Raum, der f\u00fcr jeden zu Betrauernden anders ausf\u00e4llt. Die Konturen dieses Raumes umschreiben die \u00c4hnlichkeit\u00a0 eines Menschen, und sie sucht der K\u00fcnstler, wenn er ein lebendiges Portrait schaffen will. Eine \u00c4hnlichkeit ist etwas, das man unsichtbar zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/em> <\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">John Berger in: Gegen die Abwertung der Welt<\/span><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieter Eidmann war ein deutscher Bildhauer, Maler, Schmuckgestalter und Fotograf. Als Steinbildhauer arbeitete er konkret \u2013 mit dem Schwerpunkt \u201eDurchdringungen\u201c. In seiner Malkunst orientierte er sich an der informellen Malerei der 1960er Jahre und an Techniken der japanischen Kalligrafie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eidmann dokumentiert in seiner \u00fcber 50-j\u00e4hrigen Werkbiografie eindringlich die Diversit\u00e4t und Vernetzung von Bildkunst und plastischem Werk, von Fotografie, Skizze, plastischem Modell, k\u00fcnstlerischen Schmuckobjekten, schlie\u00dflich und im Hauptwerk die \u201eArchiskulptur\/Archiplastik\u201c und die Steinskulptur (\u00fcberwiegend Granit) bis hin zur sp\u00e4teren Kalligrafie und Gouache ab 1995. Dieter Eidmann arbeitete \u201esimultan\u201c mit verschiedenen k\u00fcnstlerischen Techniken in zahlreichen Gestaltungsformen. Er blieb ein <i>Bild-Former<\/i> im wahren Sinne des Wortes. Seine bildnerischen Werke orientieren sich am plastischen und skulpturalen Werkziel <i>Durchdringung<\/i>.<\/p>\n<div class=\"thumb tright\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"thumbinner\">\n<div style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a class=\"image\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Archiskulptur2011_Gips.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"thumbimage\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/2\/29\/Archiskulptur2011_Gips.jpg\/220px-Archiskulptur2011_Gips.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"293\" data-file-width=\"960\" data-file-height=\"1280\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Archiplastik, Gips 2011. Photo: BSideRarities<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u201elogische\u201c Konsequenz der Gipsmodelle, die als autonome Kleinplastiken erst sp\u00e4t vom K\u00fcnstler als diese akzeptiert wurden, waren die gr\u00f6\u00dferen an menschlichen K\u00f6rperrelationen orientierten <i>Archiskulpturen<\/i> bzw. Archiplastiken die einer \u00fcber ca. 10 Jahre dauernden komplexen Arbeitsreihe angeh\u00f6rten. Es entstanden strahlend wei\u00dfe, auch zweiteilige Plastiken mit schwingenden, fein modellierten und gespannten Oberfl\u00e4chen im Formenspiel geometrischer und organischer Durchdringungen: Fast <a title=\"Ephemera\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ephemera\">ephemer<\/a> anmutende \u201eGeh\u00e4use\u201c (also keine Kernplastiken), die in ihrer Ausstrahlung Assoziationen zu raumgreifenden sakralen Architekturen ausl\u00f6sen. Die aber auch, losgebunden von allen Zwecken und Bestimmungen, R\u00e4ume, Pl\u00e4tze und Landschaften als Orte der Ruhe und Meditation neu einstimmen k\u00f6nnten. Sie vermitteln durch vage \u00d6ffnungen als Einschnitte in die Plastik eine M\u00f6glichkeit der \u201eInnenschau\u201c und machen so das Prinzip der Formdurchdringung transparent: Man \u201eschaut\u201c unter die Oberfl\u00e4che, unter die Haut der Plastik in den kubistisch anmutenden Innenraum. Die konkave Innenform vermittelt \u201eimaginativ\u201c eine neu dimensionierte Gestalt der Plastik, die sonst niemand so zu Gesicht bekommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zur nahezu kalkulierten Sorgfalt, zur weitgehend ger\u00e4tetechnik-armen, \u201eanalogen\u201c Langsamkeit der Entwicklung und Entstehung der Steinskulpturen finden die kalligrafischen Arbeiten und die Gouachen in Minuten \u2013 manchmal in Sekundenprozessen ihr entschiedenes Gelingen. In \u00e4u\u00dferster Konzentration auf das leere Blatt und die erste avisierte Farbe auf dem Pinsel, oft mit dem Staub und Granulat der Granitskulpturen vermischt, in Spannungshaltung \u201eby accidence and by chance\u201c \u2013 f\u00fcr ein gl\u00fcckliches Gelingen \u2013 finden die Werke ihre starke Pr\u00e4senz, ohne wirklich \u201egesucht\u201c worden zu sein. W\u00e4hrend der K\u00fcnstler oft wochenlang an Entw\u00fcrfen seiner Plastiken und Skulpturen mit zahlreichen Zeichnungen und Modellen arbeitet, gibt es hier keinen konzeptionellen Vorlauf. Die Bilder entwickeln ihre Wirkkraft und Tiefe, je l\u00e4nger man sie anschaut. Sie entwickeln eine Vieldimensionalit\u00e4t, die die zun\u00e4chst vordergr\u00fcndig vermisste N\u00e4he und Korrespondenz zu den plastischen Werken schl\u00fcssig werden l\u00e4sst. Es sind von Farben gefundene \u201epl\u00f6tzliche\u201c Bilder der Skulpturen und Plastiken und enth\u00fcllen einen unerwarteten Wesenszug des K\u00fcnstlers: Heiterkeit und Leichtigkeit, enthoben aller \u00e4sthetisch definierten Verpflichtung zu Harmonie und Kolorit in einer bisher unbekannten Farbintensit\u00e4t, in ungew\u00f6hnlichen Kombinationen, mit instinktiven Pinselbewegungen und zugleich gesch\u00e4rften Sinnen ausgedr\u00fcckt. Sie zeigen die F\u00e4higkeit, verschiedene k\u00fcnstlerische Aufgabenstellungen mit verschiedenen Techniken interdisziplin\u00e4r und experimentell umzusetzen, die auch seine kunstp\u00e4dagogische Arbeit befl\u00fcgelte.<\/p>\n<div class=\"thumb tright\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"thumbinner\">\n<div style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a class=\"image\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Schwedischer_GranitDurchdringung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"thumbimage\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/04\/Schwedischer_GranitDurchdringung.jpg\/220px-Schwedischer_GranitDurchdringung.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"147\" data-file-width=\"1280\" data-file-height=\"855\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Durchdringung, Schwedischer Granit, Aschersleben 1996\u20132000. Photo: BSideRarities<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Granit wurde durch Eidmann individualisierte Gestaltung. An den Granitskulpturen arbeitete er klassisch und mit Augenma\u00df anhand seiner Gipsmodelle mit Hammer und Mei\u00dfel und zum Ende hin aufw\u00e4ndig oft monatelang mit Diamantschleifpapieren. Die Oberfl\u00e4che der plastischen Werke, ob in Stein oder Gips, zeigt sich stets gespannt wie die Haut \u00fcber einem lebendigen, in Ruhe bewegten und pulsierenden K\u00f6rper, jedoch ohne an die Grenze der Realt\u00e4uschung zu gelangen. In den plastischen Werken von ihm, ob in den Granitsteinskulpturen oder in den Gipsplastiken, gilt es, die infolge der Durchdringungen verborgenen Formen aufzusp\u00fcren, die sich dem Blick fast zeitgleich wieder entziehen. Eidmanns letzte Steinarbeit (2015), gearbeitet in dem \u00e4u\u00dferst seltenen belgischen \u201eNoir de Mazy\u201c (\u201eSchwarzer Marmor\u201c), zeigt sich als komplexes Durchdringungs-Konzentrat seiner \u00fcber ein halbes Jahrhundert w\u00e4hrenden Arbeit als plastischer K\u00fcnstler, das er erst- und einmalig in der Orangerie der Kulturstiftung R\u00fcgen zeigte.<sup id=\"cite_ref-12\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92419 size-medium alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-300x226.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-1024x773.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-768x580.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-560x423.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-260x196.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie-160x121.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2027\/05\/Dieter_Eidmann_Kalligrafie.jpg 1272w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die letzten Bilder 2017: Leuchtende Farben und die vom plastischen Werk vertrauten geometrisch-organischen Formen \u2013 hier jedoch, anders als in den Gouachen und Kalligrafien, in plakativer, klarer Abgrenzung voneinander. Sie er\u00f6ffnen dem Blick Tiefe und Weite und zeugen von der farbr\u00e4umlichen Kraft der Farbe, die nicht an wiedererkennbare Inhalte gebunden sein muss, aber viele r\u00e4umliche Sichtweisen erm\u00f6glicht. Ineinandergef\u00fcgte klare Bildr\u00e4ume zeigen einen leuchtenden, pastosen Farbauftrag, dem Granitmehl beigemischt wurde. Zuletzt entwarf er in winzigen exakten farbigen Entw\u00fcrfen zahlreiche weitere Bilder dieser f\u00fcr sein Schaffen bis dato ungew\u00f6hnlichen Arbeitshaltung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Er\u00f6ffnung des <span class=\"Apple-style-span\"><b><i>Erinnerungsateliers Dieter Eidmann<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: center;\">am Samstag, dem<span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-family: Helvetica;\"><i> 9. April 2022 ab 14:00 Uhr\u00a0<\/i><\/span><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-95560 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Erinnerungsatelier-e1638200126606.jpg\" alt=\"\" width=\"848\" height=\"636\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vertiefende Informationen zum plastischen Werk von Dieter Eidmann finden Sie <a href=\"https:\/\/www.dieter-eidmann.de\/\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hei\u00dft \u00c4hnlichkeit? Wenn jemand stirbt, hinterl\u00e4sst er allen, die ihn kannten, eine Leere: ein fest umrissener Raum, der f\u00fcr jeden zu Betrauernden anders ausf\u00e4llt. 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