{"id":92284,"date":"2023-07-31T00:01:11","date_gmt":"2023-07-30T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92284"},"modified":"2022-02-25T17:58:06","modified_gmt":"2022-02-25T16:58:06","slug":"der-faden-im-kopf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/31\/der-faden-im-kopf\/","title":{"rendered":"Der Faden im Kopf"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann, ganz f\u00fcr mich war das, \u00fcberkam mich der Gedanke, was wenn doch. Was, wenn all die Ideen, die in meiner Inspirations-Box liegen, doch eines Tages verwirklicht werden? Was, wenn ich die Schachtel einmal ganz bewusst \u00f6ffne und alles materialisiere, was bisher nur als Entwurf, in Form einer Ideenskizze jahrelang auf dem Papier lag. Eine Bastel-Besch\u00e4ftigung kam nicht in Frage. Wenn, dann dachte ich spitzb\u00fcbisch, dann gleich eine Ausstellung! Gedanken flogen durcheinander und in meiner kleinen Anwandlung von Gr\u00f6\u00dfenwahn und Vorfreude, entstand sofort ein Ausstellungstitel: \u201eDinge\u201c. So banal wie eindeutig und klar. Ich schrieb \u201eDinge\u201c auf ein Blatt Papier, legte es in die Box und klappte sie zufrieden zu. Irgendwann, irgendwann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe unz\u00e4hlige von solchen Schachteln mit Dingen, Notizen, Ideen, die irgendwann, irgendwann. Eine Schachtel mit kaputten und einzelnen Schmuckst\u00fccken, die zu wertvoll oder zu sch\u00f6n sind, um weggeworfen zu werden, die aber noch repariert werden m\u00fcssen oder aus denen etwas Neues entstehen soll. Manchmal w\u00fcnsche ich mir, die Schachtel jemanden, der Interesse haben k\u00f6nnte, auszuh\u00e4ndigen mit Lieferschein, und ein paar Monate sp\u00e4ter, alles geflickt zur\u00fcck zu erhalten. Ich habe auch eine Schublade, die eine Art gro\u00dfe Schachtel darstellt. Sie ist voll von Stoffen, aus denen man wunderbare Sachen n\u00e4hen k\u00f6nnte: schicke Innenfutter meiner \u00dcbergangsm\u00e4ntel, Kissen, Tischsets, aparte G\u00fcrtel oder Foulards. Auch hier w\u00e4re ein kleines Schneiderlein, das meinen Weg kreuzte, von gro\u00dfem Vorteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Schachteln bei mir mit Kochrezepten, Schachteln mit Reisezielen, solche mit Hotelund Restauranttipps, unz\u00e4hlige Schachteln mit literarischen Ideen. Eine Schachtel ist besonders hoffnungsvoll, da sie einzelne Socken birgt, die vermutlich bis an ihr Ende alleine bleiben werden. Doch bevor ich diese Socken endg\u00fcltig wegwerfe, m\u00f6chte ich mich noch einmal vergewissern, ob man nicht doch noch Paare bilden k\u00f6nnte. So das Vorhaben, das einer Extrazeit bedarf, die ich so selten habe. Denn f\u00fcrwahr habe ich stets Wichtigeres zu tun, als in ollen Socken zu w\u00fchlen. Es ist nicht etwa eine Auspr\u00e4gung von extremer Sparsamkeit, der dieser Schachtel eine Existenzberechtigung gibt, vielmehr treibt mich ein gewisses Prinzip in das System des Sammelns, Ordnens und Aussortierens, und dass es auch Socken in meinem Haushalt gibt, liegt in der Natur der Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin sicher, dass in fast jeder Wohnung solche Kumulierungen von Dingen vorhanden sind. Irgendwann, irgendwann und vielleicht irgendwer. M\u00f6glicherweise k\u00f6nnte man ins Gesch\u00e4ft kommen mit all jenen Leuten, die nicht \u00fcber solche Umst\u00e4nde verf\u00fcgen, jedoch viel Zeit vorr\u00e4tig haben und sie dann das erledigen lassen, was man selbst nicht schafft. Denn diese Schachteln haben die Angewohnheit sich zu mehren und zu wachsen, im Status allerdings pendent zu bleiben. Irgendwann eben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erbte jemand diese Schachteln von mir, er m\u00fcsste sie zu dekodieren wissen. Jede Schachtel verlangt eine andere Sprache und birgt Sch\u00e4tze, die ungeschliffenen Diamanten gleichkommen. Ein Stein ohne Fassung ist noch kein Schmuckanh\u00e4nger und solange er nicht an meinem Hals baumelt, ist er h\u00f6chstens der Appetit, den ich auf dieses Schmuckst\u00fcck habe. Ich habe nicht immer Lust darauf. Manchmal habe ich \u00fcberhaupt keinen Hunger und manchmal, da versuche ich aus dem Stein ganz andere Dinge zu kreieren, als diejenigen, die sich vordergr\u00fcndig anbieten. Man nennt das Kopfgeburten und manche davon wandern \u00fcber auf Papier. Das nennt man Skizzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Skizzen sind eine sch\u00f6ne Sache. Eine Skizze verbindet mich auch ohne Elaborate mit allen anderen Skizzenmachern dieser Welt. Von Leonardo da Vinci mit seinen k\u00fchnen Maschinenentw\u00fcrfen bis Otto M\u00fcller, der eine Zeichnung vom Regal anfertigt, bevor er die S\u00e4ge ansetzt. Eine Skizze ist mehr als die M\u00f6glichkeit und Vorschlag. Sie geht gelegentlich \u00fcber die Realisierbarkeit hinaus. Ich brauche Skizzen von den Sachen in den Schachteln, die f\u00fcr mich so wertvoll sind, weil die Auspr\u00e4gungen auf Zeichnungen, mich und meine Ideen gr\u00f6\u00dfer zu machen verm\u00f6gen. Skizzen sind W\u00fcnsche. Sie k\u00f6nnen zudem Unsicherheiten dokumentieren oder sind Zeugnisse eines Spieltriebs. Jemand, der meine Schachteln erbte und die Skizzen s\u00e4he, er w\u00fcrde das eine oder andere darauf nicht einmal erkennen. Er kannte das Spiel, das ich da spiele, nicht, und es m\u00fcsste etwas in ihm angelegt sein, damit er lustvoll werden k\u00f6nnte darob. Denn nicht nur die Schachteln bed\u00fcrfen einer besonderen, auf sie abgestimmten Sprache, auch die Skizzen selbst, und im Grunde alle Ingredienzien, die sich darin befinden, sind auf das Wollen, das Interesse desjenigen angewiesen, der sie \u00f6ffnet und beginnt die einzelnen Teile vor sich auszubreiten, sich ihnen behutsam anzun\u00e4hern. Dann aber k\u00f6nnen Welten aufgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Potentiale sind das, vielleicht mit Ausnahme der Socken, mit denen ich mich seit ich denken kann, umgebe. Potentiale, die erst aktiv herausgesch\u00f6pft werden wollen, die nicht mehr als etwas Grundinteresse, liebevoller Zuwendung abverlangen. Nicht immer hatte ich solche schicken Schachteln, die nicht weiter auffallen, da sie dezent in der Farbe und klar in der Form sind. Viele sind im A4 Format, gut aufeinander stapelbar. So verwundert mich selbst nicht wenig, dass ich nicht nur die Socken vergesse, sondern ganz viele dieser Schachteln. Sie verhalten sich diskret und beginnen zu leben erst beim \u00d6ffnen des Deckels. Sie verbergen mehr als sie preisgeben, wenn man blo\u00df so hineinschaut. Man muss in sie greifen, auslegen, dechiffrieren. Ansonsten verfehlen sie ihre Wirkung. Die Schachteln sind derart zur\u00fcckhaltend, dass man nicht bemerkt wie viele es sind. Ich wei\u00df, es sind nicht wenige. Sie haben eine beruhigende Komponente. Zu wissen, dass sie da sind, zu ahnen, was darin ist, bes\u00e4nftigt mein Gem\u00fct, ohne dass sie mir das dringende Gef\u00fchl vermitteln etwas tun zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schachteln sind Verwandte von Fotografien und Fotoalben, die man irgendwo hat. Man w\u00fcrde diese Alben und Fotos bei einem Brand m\u00f6glicherweise retten wollen, oder man w\u00fcrde sie nach dem Brand vermissen. Und trotz dieser Verbundenheit und des allgemeinen Kanons \u00fcber solche hypothetischen Szenarien, kaum setzt man sich in Wirklichkeit hin, um in diesen fotografisch festgehaltenen Momenten zu schm\u00f6kern oder gedanklich darin zu bummeln. Zu wissen, man k\u00f6nnte, man w\u00fcrde, das gen\u00fcgt. Irgendwann, beim n\u00e4chsten Liebeskummer. Irgendwann, bei einer Identit\u00e4tskrise. Irgendwann, irgendwann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schachtel f\u00fcr die Kunstsachen wurde selten ge\u00f6ffnet und es kamen in den letzten Jahren Dinge hinein, die ich nicht weiter beachtete. Eigentlich bef\u00fcllte ich sie aus einer gewissen Konsequenz heraus, die mir zu eigen ist. Der Archivar in mir. Die Schachtel ist da, sie steht als Gef\u00e4ss f\u00fcr diese Kunstschnipsel zur Verf\u00fcgung und so ist es meine Aufgabe darauf zu achten, nichts an mir vorbeiziehen zu lassen, was man dorthin legen k\u00f6nnte. Ich tat, was ich einst begann: hier ein Bildchen aus einer Zeitung, dort eine Karte. Manchmal Farbkombinationen, die mich beeindruckt hatten, manchmal anverwandte Dinge wie gelungene Kunstbeschreibungen, Titel von Werken, eigene Schnappsch\u00fcsse, die k\u00fcnstlerisch wertvoll daherkamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwester dieser Schachtel steht im Keller. Sie ist gr\u00f6\u00dfer und fasst Materialien. Edle, weniger wertvolle. Alles unmethodisch zusammengetragene Einzelteile, die mir im Kontext dieser Schachtel kostbar erscheinen. Kostbar ist ein krummer Nagel, aber ebenso eine glatt geschliffene, gr\u00fcn schimmernde Achatscheibe. Sch\u00f6n finde ich ein St\u00fcck Wandputz von einem Kloster, so wie ich auch eine formvollendete Koralle f\u00fcr sehr apart halte. Naturmaterialien liegen neben von Wasser durchsp\u00fclten Plastikst\u00fccken, nicht zuzuordnende Gegenst\u00e4nde verkeilen sich in solche, die ich m\u00f6glicherweise zweckentfremden wollte. Ein paar Zentimeter Faden mit seltsamen Kn\u00f6llchen daran, ein unbrauchbares Etwas, das ich auf der Stra\u00dfe aufgelesen habe und in der Kunstsprache zu einem &#8222;objet trouve\u0301&#8220; mutiert und an eine miniaturisierte Version von einer Arp-Skulptur erinnert. Eine ausgediente Kurbel, die durch ihre Gestalt noch etwas Stolz in sich tr\u00e4gt. Ein nicht mehr funktionierender Gebrauchsgegenstand aus dem vorletzten Jahrhundert, der hier als Zeuge vor mir liegt und wissend schweigt. Ein Perlmuttknopf, der eine lange Reise aus dem Meer hinter sich hat, majest\u00e4tisch im Sonnenlicht reflektiert als g\u00e4lte es zu demonstrieren, dass eine solche Farbpalette f\u00fcr mich nicht mischbar ist. Dieser kleine Knopf, der nicht verr\u00e4t, an welchem Stoff er lebte, mit wem und wie und um den ich auf einem Flohmarkt gefeilscht hatte, als ginge es um einen Barren Gold und dessen Verwendungszweck mir hier nach wie vor verwehrt geblieben ist. Hinzu kommen Konklaven von geschwungenen Dr\u00e4hten, Familien von angeknabberten Korken. Eine Clique von Rost durchl\u00f6cherten Metallst\u00fccken liegen da herum und verbreiten kulturelle Mannigfaltigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie verk\u00f6rpern kleine Geschichten, das Vorbeischreiten der Zeit, die stets gegenw\u00e4rtige Natur und ihr leises Wirken, auf den Oberfl\u00e4chen diese Spuren hinterlassend. Spuren f\u00fcr mein Auge, meine H\u00e4nde. Die St\u00fccke mimen auch das Beispiel des friedlichen Miteinanders ohne Vorbehalte, zeigen auf, dass wir alle denselben Kr\u00e4ften unterworfen sind, egal wie edel, praktisch oder vermeintlich nutzlos sie erscheinen. Unerheblich, ob sie der Erde, dem Wasser oder dem Wind ausgesetzt waren. Sie sind eine gelungene Metapher und k\u00f6nnten als anschauliches Material jeder Tageszeitung, die sich mit Migrationsund Integrationsthemen besch\u00e4ftigt, vorgehalten werden. Ein von Holzw\u00fcrmern zerfressenes Holzst\u00fcck, ein \u00dcberbleibsel vom Eisenscharnier einer Kommode, ein Puppenfu\u00df aus wei\u00dfem Biskuit-Porzellan k\u00f6nnen genauso w\u00fcrdevoll strahlen und ihre Wirkung nicht verfehlen, wie ein versteinerter Wal-Zahn, der in sich ruht und die Millionen von Jahren, die in ihm sind mit Haltung dem neugierigen Blick anbietet. Als wisse er nicht nur um seine Form, sondern dar\u00fcber hinaus, um seinen formsch\u00f6nen Wuchs und was alles von den Jahrhunderten in seiner Form auch noch geblieben ist. Erst recht erhaben sind die St\u00fccke, wenn ich sie aus der Schachtel hervorhole und mir f\u00fcr sie Zeit nehme. Ich lege sie dann einzeln auf einen Schieferstein und betrachte sie, entdecke die Spuren, studiere die Oberfl\u00e4chen und n\u00e4here mich ihnen mit meinen Fingerkuppen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kumulieren, \u00fcber Jahre f\u00fcllen, auf keinen Fall sortieren, frei von Zusammenhang oder Richtung, ohne konkretes Vorhaben, dies der Sinn. Ein Treiben des scheinbar orientierungslosen Sammelns und somit auch Leichtigkeit. Reines D\u00fcrfen. Der Genuss au\u00dferdem, gelegentlich den Deckel der Schachtel zu \u00f6ffnen und wieder zu schlie\u00dfen als scheinbar sinnfreie Besch\u00e4ftigung. Im Hinterkopf derweil der melodische Wohlklang aus den W\u00f6rtern &#8222;irgendwann, irgendwann&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin eine Sammlernatur, was bedeutet, dass sich alles von selbst sammelt. Ein Sammler sammelt nicht, weil er jagen geht. Er geht vermeintlich jagen, aber faktisch wird er selbst eingesammelt, sprich er wird eingenommen ganz und gar, w\u00e4hrend er gleichzeitig nichts anderes tut als zu flanieren. Gerade, wenn ich mich aufmache irgendwohin zu gehen, um nichts zu suchen, so der Sinn, da wird es mich finden, anstecken und infizieren und ich werde nicht mit leeren H\u00e4nden nach Hause kehren. Verst\u00f6rend sind daher jene verschw\u00f6rerischen Blicke der vormaligen Besitzer oder Brocante-H\u00e4ndler, die bei der \u00dcbergabe eines neu erworbenen St\u00fccks, mir suggerieren, sie selbst w\u00fcssten genau um den Wert und sogar darum, was ich mit dem neuen St\u00fcck anstellen m\u00f6chte. Die Wahrheit ist aber die, dass ich in den meisten F\u00e4llen nicht wei\u00df, was das Ding mit mir noch machen wird und ob \u00fcberhaupt. Ich wei\u00df zu gut: Wir m\u00fcssen uns erst anfreunden. Das Teil und ich. Ich muss den Zweck und Platz noch finden und nicht etwa in einer Vitrine, sondern in mir selbst. Auch wenn mir eine gewisse Qualit\u00e4t von Anfang an bewusst ist. Die Momente des Entdeckens und Zugreifens kann von st\u00fcrmisch \u00fcber z\u00f6gerlich bis beinah widerwillig reichen. Manchmal erscheint die Qualit\u00e4t, indem sie mich geradewegs verzaubert und erobert. Manchmal dr\u00e4ngt sie sich auf und verweigert sodann eine weitere Definition. Manchmal verst\u00f6rt mich eine Form dermassen, dass ich sie dennoch an mich reisse, um ihr den Gefallen zu tun von ihrem Standort wegzukommen. Aber fast immer habe ich ein klares Grundgef\u00fchl, eine Bejahung in mir, die mich handeln machen, egal, ob es ein teures oder g\u00fcnstiges Unterfangen oder ein kostenloser Fund ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine besondere Magie haben deshalb all jene Sachen f\u00fcr mich, die sich mir nicht sofort erschlie\u00dfen, ja, die irgendwie von mir aufgest\u00f6bert und bezwingt werden wollen. Ein eindringlicher Blick des H\u00e4ndlers, der meint alles besser zu wissen, hat keine Ahnung, wenn er versucht sich in mich zu versetzen. Denn in dem Moment, wo etwas zu mir kommt, da bin ich noch nicht soweit, als dass sich jemand anmassen k\u00f6nnte sich in mich hineinzuversetzen. Es braucht Zeit. Geduld. Es bedarf zun\u00e4chst eben dieser stillen Entwicklung in der Schachtel, \u00fcberzogen von Zeit und meiner Verheimlichung, meiner tempor\u00e4ren Abweisung, die durchaus mit etwas Vergesslichkeit angereichert ist. Diese Phase kann sich \u00fcber Jahre hinweg ziehen und das ist alles andere als bedauerlich. Denn etwas reift. Ich reife heran. Und niemand ahnt etwas. Was der Sache Charme verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Lu fragte und ich unmittelbar Ja sagte zu diesem gemeinsamen Vorhaben und Abenteuer, da begannen beide Schachteln, die im Keller und die kleinere oben, wach zu werden. Sie existierten fortan in meinem Bewusstsein. Ich wusste nur allzu gut wie leicht es war fortan etwas in sie zu legen. Den Deckel zu \u00f6ffnen und der Box die Inhalte zu entlocken. Wissend auch um eine gewisse Vorspannung, bevor man mit etwas beginnt, beliess ich es dabei das blo\u00dfe Vorhandensein dieser subtil vibrierenden Schachteln zun\u00e4chst nur innerlich zu zelebrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da waren die beiden Kunstschachteln, die mir eine immense Erleichterung verschafften. So als w\u00e4re damit ein Grundstein gelegt. Als k\u00f6nnte nichts schiefgehen, solange sie h\u00fcbsch und brav da waren, mir zur Verf\u00fcgung stehend, wenn ich wollte. Irgendwann. Demn\u00e4chst. Aber zun\u00e4chst die Vorfreude. Der Bogen der Spannung. Die Bereitschaft in der Ruhe, im Verborgenen, ganz tief in mir drinnen Raum zu schaffen. Einen Raum, der am Anfang stets so winzig ist, dass man ihm Zeit geben muss, um die Bedeutung aufkeimen zu lassen. Diesen Keimling im Raum, der heute mehr und morgen mehr meint als gestern. Zu Beginn ist alles sogar f\u00fcr mich viel zu klein, um diesen Raum \u00fcberhaupt betreten zu k\u00f6nnen. Es beginnt mit Gedankenschweifen, die dort herumwehen und wieder verfliegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Idee hatte sich zwar spontan, beinah zuf\u00e4llig ergeben und doch waren Lu und ich, als wir dar\u00fcber zum ersten Mal sprachen, angereichert mit so viel Kunst in uns drin, dass es sich nat\u00fcrlich anf\u00fchlte diese Ausstellung ins Auge zu fassen. Wir haben uns noch einige Male \u00fcber den Ausstellungstitel unterhalten, ohne konkret zu werden. Es blieb alles verbindlich und doch verbl\u00fcffend leicht. Wir liessen die Idee in uns heranreifen bis es von selbst unmittelbar und greifbar werden sollte. Ich hatte diesen Sommer ganz zentral im Blickfeld und das nahm ich sehr ernst. Denn im Gegensatz zu Lu, die bereits viele Kunstwerke geschaffen hat, hatte ich nichts. Unsere Teamarbeit besteht seit jeher darin, dass wir uns B\u00e4lle zuspielen. Selten, aber wenn, dann konkretisieren wir sogleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lu nimmt kein Blatt vor den Mund und ich besch\u00f6nige nie etwas, was man direkt sagen k\u00f6nnte. Wir sind zueinander ehrlich, aber nicht etwa deswegen, weil wir uns schon lange kennen und uns m\u00f6gen, sondern weil wir aufrichtig mit uns selbst sind. W\u00fcrden wir einander nicht die Wahrheit sagen und ehrlich zu uns selber sein wollen, das w\u00e4re eine scheu\u00dfliche Form von Heuchelei, die in dieser Freundschaft ein Fremdk\u00f6rper w\u00e4re. Au\u00dferdem haben wir wenig Zeit f\u00fcr Koketterie, Umwege oder Besch\u00f6nigungen und sind auch in anderen Belangen engagiert. Lu verreist zudem h\u00e4ufig, dazu nicht selten an entlegene Orte. Studienreisen. Erholung. Zentrierung. Entgrenzung. Wiederfindung. Ich empfinde gerade in dieser Zusammenarbeit diese Voraussetzungen unserer individuellen Wesensarten als hohe Qualit\u00e4t. Sie st\u00e4rkt das Vertrauen und l\u00e4sst uns frei sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir das Datum f\u00fcr die Ausstellung festgelegt hatten, ging es in meinem Kopf richtig los. Wo ich auch hinging, hatte ich diese bestimmte Brille an, mit der ich nur noch Kunst sah oder etwas sah, aus der sich Kunst machen liess. Aufbruchstimmung zum Wollen und zum Tun war in mir angelegt, wie ich auch in einen inneren Monolog verfiel dar\u00fcber, was sich gerade tat und auftat in meiner Welt. Es war ein wunderbares, befl\u00fcgelndes Gef\u00fchl, als meine Box zu leben begann. Das ist jeweils der Moment, wo man sich setzt, die Inhalte pr\u00fcft und staunt. Ich jedenfalls staunte sehr ob all der F\u00fclle an Ideen, Skizzen, Zeitungsausschnitten, Fotos. Eine Welle von Inspiration und Erquickung ging beim St\u00f6bern auf mich \u00fcber und ich war mir sicher, dass ich in dieser Schachtel einige Sch\u00e4tze hegte, die auszuf\u00fchren und zu konkretisieren ich kaum erwarten konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Vorhaben, von dem ich zun\u00e4chst keinem erz\u00e4hlte. Denn es war kein Vorhaben. Vielmehr der bisher nicht ausgesprochene Wunsch, der nun auf eine M\u00f6glichkeit traf. Ich w\u00fcrde davon erz\u00e4hlen, wenn der Zeitpunkt stimmte. Jetzt war es zu fr\u00fch. Gut war gerade, dass ich eine Ausstellung in Aussicht hatte, \u00fcber die ich bisher nicht nachgedacht habe. H\u00e4tte ich es hypothetisch getan, w\u00e4re der Zeitpunkt daf\u00fcr in fr\u00fchestens f\u00fcnf, zehn oder f\u00fcnfzehn Jahren gewesen. Ich hatte gerade ja so viel anderes zu tun mit meinen anderen Projekten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt einige Theorien wie man mit ungelegten Eiern umgeht. Entt\u00e4uschte berichten davon, dass sie lieber geschwiegen h\u00e4tten, als Absichten zu fr\u00fch bekanntzumachen, die am Ende nicht zustande kommen konnten. Denn nach einer solchen Wendung sieht man sich in der Position des Begr\u00fcndens und Entschuldigens, was unangenehm sein kann und sich nicht richtig anf\u00fchlt. Man sp\u00fcrt einen Sog, der einen herunterzieht, weil man glaubt versagt zu haben. Und man m\u00f6chte sich selbst schelten, nicht die richtige Strategie gew\u00e4hlt zu haben. Man gr\u00fcbelt dar\u00fcber nach, was man h\u00e4tte anders lenken k\u00f6nnen. Man lotet Schwachstellen aus. Man rollt die Geschichten von hinten wieder auf, wissend um das unabdingbare Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt aber durchaus Stimmen, die vom Gegenteil \u00fcberzeugt sind wie man Pl\u00e4ne handhabt. Das sind die Bef\u00fcrworter der offenen Karten, Bejaher des gelegten ersten Steins. Verteidiger der Transparenz. Etwas beim Namen nennen, damit es zum Leben erweckt werden kann. Hier und Jetzt sagen. Ein Ehrenwort geben. Ist eine Idee erstmals verlautbart, ist dies einem Versprechen gleich, das einzuhalten sich geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIrgendwann\u201c kam viel fr\u00fcher und aus Lus Mund. Als wir nach einem Kunstmarathon ersch\u00f6pft im Cafe\u0301 sassen und uns mit einem Getr\u00e4nk erfrischten, fragte sie mich unverbl\u00fcmt, ob ich mit ihr zusammen eine Ausstellung bestreiten wollte. Mein Ja f\u00fchlte sich sofort gut an. Es entflammte beinah, so, als w\u00fcrde der kleine Zettel \u00abDinge\u00bb in meiner Box dem Plan ebenfalls zustimmen. Ich hatte keine Zweifel an der Aufrichtigkeit der Frage und keine Angst Ja zu sagen. Klar, das machen wir. Der Ort, ein Kulturraum, der ein ganzes kleines Haus bildet, standen fest. Wir mussten nur noch das Datum festlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es macht einen Unterschied, ob man ein Datum hat und man es in den Kalender notieren kann oder ob man lediglich eines ins Auge fassen m\u00f6chte, bei Gelegenheit, demn\u00e4chst mal, irgendwann. Dieses Irgendwann ist ein Konstrukt, das ohnehin da ist. Irgendwann dies, irgendwann das. Dem entgegenzusetzen mit Dann, ist, was mich betrifft, eine Wohltat und gibt mir Aufschwung. Andere sehen das m\u00f6glicherweise anders. Es entsteht Druck, die Zeit verk\u00fcrzt sich, wird nahbar. Oder im Gegenteil, sie t\u00e4uscht vor noch in weiter Ferne zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umgang mit Zeit ist h\u00f6chst individuell und verlangt mir sehr viel ab. Es ist ein st\u00e4ndiger Prozess, eine Art Beziehungsarbeit, mit der ich nie fertig und aus der ich nicht schlauer werde. Mal habe ich alles im Griff, mal \u00fcberrollen mich die Daten, die Vorhaben, die Jahreszeiten. Ich werde regelrecht heimgesucht von der Zeit als meiner Feindin oder zumindest einer intriganten Gef\u00e4hrtin. Wenn sie mir bewusst macht, wie kalkulierbar sie faktisch ist. Noch so und so viele Sommertage, noch ein paar J\u00e4hrchen bis dies und das, noch nicht lange her, da war ich doch grad drei\u00dfig, noch kurz habe ich Zeit, dann aber muss eine Entscheidung gef\u00e4llt werden. Ich und meine Zeit und jeder und seine Zeit ist ein unendlich gro\u00dfes Kapitel, selbst wenn man sich nicht viel aus ihr macht. H\u00e4lt man inne und beginnt erstmals mit der Auseinandersetzung mit Zeit und Zeitabl\u00e4ufen, zerstreuen sich die Gedanken in alle m\u00f6glichen Richtungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit zeigt sich mir aber auch als Freundin, wenn sie sagt: Morgen. Heute. Jetzt. Schau, hier bin ich. Dann verb\u00fcnde ich mich mit ihr und der Deal ist, dass wir uns gegenseitig nicht mehr beachten. Was z\u00e4hlt, ist einzig, was gerade ist oder was ich tue. Es kann dieses konkrete Herausheben der Dinge aus der Schachtel sein. Aber auch etwas zu denken, sich auszumalen, geh\u00f6rt dazu. Hauptsache, der Blick auf die Uhr ist vergessen und der Zeitraum ge\u00f6ffnet. Lu wird ihr Atelier in Form von ihrem Notizblock auf ihre Reise mitnehmen. Ich habe mir die Sommerzeit abgesteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin vor ein paar Jahren zuf\u00e4llig dem Wort Zeitfenster begegnet. Erst hielt ich es f\u00fcr keine besonders gelungene Metapher, zumal ich sie von jemandem h\u00f6rte, den ich nicht gerade sch\u00e4tzte. Da tut man sich schwer mit der \u00dcbernahme von gefl\u00fcgelten Worten. Aber eines Tages begann ich selbst von Zeitfenstern zu sprechen. Ich \u00f6ffnete das Zeitfenster und schon war ich in einem Zeitraum. Manche Fenster konnte ich nur einen kleinen Spalt und ganz kurz \u00f6ffnen. Manche Fenster waren zimmerhohe Schiebefenster, die sich so weit \u00f6ffneten, dass ich sogar hinaustreten konnte. Das sind meine liebsten. Barfu\u00df raus und aus der Zeit fallen. Mein Ding durchziehen, komme, was wolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitfenster tun sich nicht von selbst auf. Wenn sie es tun und ist man nicht vorbereitet, ist es oft die Langeweile, die ein solches Zeitfenster belegen kann. Man muss, zumindest, was meine Erfahrung betrifft, ein wenig Enthusiasmus an den Tag legen, damit so ein Zeitfenster sich einem anbietet. Etwas Konkretes anzustreben und sich gleichzeitig dieses Zeitfenster zu w\u00fcnschen, schaden jedenfalls nicht. Ich kann die Umrisse dieses funktionierenden Paars Fenster und Vorhaben bestens sehen, wenn sich etwas in mir bewegt. Und so passiert von alleine, dass ich mir Daten und Zeiten hierf\u00fcr suche und reserviere. Dies sind meine Spielregeln und wahrscheinlich hat jeder seine eigenen aufgestellt, erprobt und wieder verworfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitfenster \u00f6ffneten sich mir ganz viele, als ich das Ausstellungsdatum in meine Agenda eintrug und mir grob errechnete, welche Zeitspanne bis dahin angelegt sein w\u00fcrde. Viele, viele Tage, die mich aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen mochten, dass ich letztendlich nicht jeden einzelnen davon dieser Ausstellung w\u00fcrde widmen k\u00f6nnen. Denn ich war nicht pl\u00f6tzlich frei, konnte mir nicht ein Aufenthaltsstipendium auferlegen, sondern war nach wie vor eingebunden in andere Verpflichtungen. Ich liess selbstverst\u00e4ndlich nicht alles liegen, um mich fortan nur noch der Kunst zu widmen und mich als K\u00fcnstlerin, und nichts mehr als K\u00fcnstlerin, hervorzutun. Das Leben ist bekanntlich voll von Verflechtungen und man kann aus so einem Leben nur mit einem h\u00f6chst radikalen Schnitt heraustreten. Ansonsten muss man lernen zu jonglieren, einzuteilen. Nachsicht zu \u00fcben mit den Stunden. Hier ein bisschen, dort auf keinen Fall, aber siehe da, hier geht wieder was.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah diese Zeitr\u00e4ume und weit offene Zeitfenster wiederkehrend klar und deutlich. An gewissen Sonntagen, an ein paar Frei-Tagen, im Sommer wochenlang, mit den langen Tageszeiten, und einer Zeit, wo ich fast nichts geplant hatte. Die Aussichten standen gut, dass ich bis zum besagten Datum vermutlich einige Male in meine Schachteln vertieft sein w\u00fcrde und mich somit mit allen Sinnen auf dieses Spiel einlassen durfte. So viele Zeitfenster lagen da vor mir, sodass ich von vorneherein wusste, es warteten die Tage auf mich, die voll von Lust sein w\u00fcrden. Und solche ohne jeglichen Funken Inspiration mussten und w\u00fcrden ebenfalls drin liegen. Tage voll von Staunen und Unternehmungslust und solche, die dazu waren mich zu verunsichern, mich zu entzaubern und den Spieltrieb abzubremsen. Ich wusste das alles nicht, aber ich ahnte es. Vor allem war ich mir sicher, dass die Anzahl Tage ausreichen w\u00fcrde f\u00fcr das ganze Spektrum, das so ein Unterfangen mit sich bringen durfte. Die Hochs und die Tiefs. Die F\u00fclle und die Leere. Ich hie\u00df alle Abstufungen willkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist keine Untertreibung: Ich bin schlecht im Rechnen. Aber was ich gut kann, ist diese Einsch\u00e4tzung in die Zukunft und wie viel Zeit ein Projekt in etwa ben\u00f6tigt. Woher ich das wei\u00df, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es ein Talent, das einem gegeben ist. Ich arbeite aber auch so viel und so permanent, dazu an derart vielen unterschiedlichen Dingen und von unterschiedlicher Qualit\u00e4t und Intensit\u00e4t, sodass diese Einsch\u00e4tzung auch mit meinem gro\u00dfen Erfahrungswert einhergeht und an die Praxis gebunden ist. Ein Erfahrungswert, der nicht naiv ist, sondern im Gegenteil, auch jene Krisen einberechnet, die man nicht vorhersehen kann, welche aber garantiert kommen, egal, wie gut vorbereitet man jeweils ist. Das ist kein Pessimismus oder Hochmut, sondern so sicher wie das Amen in der Kirche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird n\u00e4mlich nie perfekt. Immer wird da noch etwas sein, das man h\u00e4tte machen oder vorsehen k\u00f6nnen. Es geht auch nie ohne das letzte St\u00fcck Improvisation oder ein Eingest\u00e4ndnis. Es muss dabei nichts Tragisches sein. Aber zu glauben, dass man alles Erdenkliche tun kann, um etwas Perfektes zu schaffen, kam mir nie in den Sinn und bisher hatte ich stets Recht mit dieser Einstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem sehe ich die Zeitphasen. Ich erkenne Zeiten der flatterhaften Gedanken. Zeiten des Sortierens. Zeiten der Kontemplation. Zeiten der Nachkorrekturen. Zeiten der erneuten Vertiefung. Zeiten des Verwerfens. Zeiten der nackten Fakten. Ich schaue also auf die Kalenderbl\u00e4tter, bl\u00e4ttere vor und zur\u00fcck, markiere Meilensteine im Kopf, unterteile die Zeit in Etappen. Ich schreibe das eine oder andere auf und ich sehe vor mir, wo ich in welcher Phase vermutlich stehen werde. Es ist eine Art Vorgeburt. Zun\u00e4chst kreise ich noch ganz abstrakt durch die Daten und sehe, dass ich eine sch\u00f6ne Vorbereitungszeit habe, die ich in kleinen Abschnitten durchsetzen werde k\u00f6nnen. Dort ein freier Tag, hier ein l\u00e4ngeres Wochenende, dort vielleicht nur ein halber Sonntag. Ich sehe einen Sommer, der kernig insofern ist, als ich mich da besonders aktiv bet\u00e4tigen werde und die Kunst erschaffen werde k\u00f6nnen, die ich nur vage angelegt habe. Diese Planung befriedigt mich, sie ebnet die Vorfreude, die eigentlich eine Vorvorfreude ist. Ein Vorgeschmack auf etwas, das ich noch gar nicht erfassen kann, mich aber mit allen Geschmacksknospen darauf einlassen m\u00f6chte. Ich kann es weder kognitiv, noch gef\u00fchlsm\u00e4ssig, schon gar nicht haptisch begreifen. Eine besondere Qualit\u00e4t, die ich deswegen sch\u00e4tze, weil ich so gespannt bin auf das Abenteuer. Es ist ein s\u00fc\u00dflich anmutender Flirt und wer flirtet nicht gerne?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Inhalte meiner Schachtel erstaunen mich genauso wie sie mir aufzeigen, dass noch eine Menge getan werden muss, bis sich die angedachten Komponenten zu einem Ganzen f\u00fcgen. Ein roter Faden, den ich auf einer Schieferplatte betrachte, ist kein fertiges Konstrukt, das pr\u00e4sentierbar ist oder dem ich einen w\u00fcrdigen Namen geben kann. Der Faden ist zun\u00e4chst, was er ist. Ein Faden, der auf eine kleine Steinplatte gelegt wurde. Da ruht er. Er wirkt, aber es liegt eine profane L\u00e4cherlichkeit darin, wenn man das von au\u00dfen anschaut. Es erscheint banal. Ich gebe mich mit dieser Einsicht daher nicht zufrieden. Was ich vorhabe, ist einzutauchen. Es ist etwas Inneres und keine Betrachtung, auch wenn ohne eine solche nichts gehen wird. Der Faden tritt daher aus seiner tempor\u00e4ren Starre hinaus und beginnt sich in meinem Kopf einzunisten. Er geht mit mir spazieren. Wenn ich etwas sehe, das auf sich aufmerksam macht, dann ist der Faden mit mir im Dialog und sagt mir so etwas wie: Nein. Vielleicht. Untersteh dich. M\u00f6glicherweise auch: Nimm. Interessant. Und ich antworte ungef\u00e4hr: Meinst du? Bin nicht sicher. Warum sagst du das? Ich bin nicht deiner Meinung. Oder: Gut, ich gebe mich geschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geschieht f\u00fcrwahr nicht in einem Dialog, den man mit einem Dialog zwischen Menschen vergleichen kann. Weder sehe ich den Faden im Kopf mit einem sprechenden Mund, noch redet er zu mir. Aber in einer nicht zu beschreibenden klitzekleinen und doch vorhandenen Dimension ist er zugegen, bei mir. Er wird Teil von meinem Leben, das sich mehr und mehr zu einem Erkundungslauf entfaltet. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass er nicht alleine ist. Unz\u00e4hlige solcher Elemente und Dinge erg\u00e4nzen diesen Faden und schwirren zu Dutzenden, in den Kombinationen zu Hunderten in meinen Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte den falschen Schluss ziehen, dass sich das intensiv und ger\u00e4uschvoll anf\u00fchlt, doch in Wirklichkeit ist ein weicher Flaum \u00fcber dieses Karussell der Zwiegespr\u00e4che gelegt, der kaum vernehmlich nistet und bei Anklang leicht zuckt, einen kaum wahrnehmbaren zarten Laut von sich gibt, der leisest, subtilst und h\u00f6chst liebensw\u00fcrdig daherkommt. Denn es ist alles leicht. Ich bin leicht, gleichwohl gen\u00e4hrt, und in dieser Stimmung streife ich durch mein Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ver\u00e4ndere angesichts der Ausstellung nicht viel in meinem Alltag. Ich gehe wie sonst auch mal hierhin, mal dorthin, betrachte, bl\u00e4ttere in Zeitungen und B\u00fcchern, ich sehe Kunst und Handwerk und Mode wie bis anhin auch. Ich treffe Menschen, gehe aus oder nicht, bereite Essen zu. Und doch geschehen unmerklich, und an manchen Tagen ganz besondere, seltsame Dinge. Wenn ich beim Sch\u00e4len eines Rettichs auf einmal inne halte und begeistert eine Skulptur entdecke, die auf den zweiten Blick wie verwandt scheint mit etwas aus der Schachtel oder die auf etwas hinweist, das ich in der Box im Keller habe und mir vermittelt, dieser Form auf die Spur zu gehen, selbst wenn klar ist, dass ich den Rettich anstandslos verspeisen werde, samt und sonders seiner plastischen Auspr\u00e4gung. Es passiert, dass ich an einem Flohmarkt etwas kaufe, das so h\u00e4sslich ist, dass es mich in seinem Charakter geradezu berauscht. Ich kaufe Farben, leere Leinw\u00e4nde, pr\u00fcfe, ob ich noch Kleister habe, ich bereite Pinsel vor, noch nicht sicher dar\u00fcber, ob ich \u00fcberhaupt etwas malen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dinge h\u00e4ufen sich, die Schachteln mehren sich und was ich darin in den letzten Wochen mehrmals bereits durchgest\u00f6bert habe, ergibt keinen Sinn. M\u00fcsste ich nach au\u00dfen hin Erkl\u00e4rungen abgeben, ich w\u00fcrde scheitern. Ich m\u00fcsste sagen, dass diese Sachen mehr sind als sie zu sein scheinen und dass sie begonnen haben miteinander zu interagieren, etwas zu bilden, das sich mir erst offenbaren wird, wenn ich beginne mich damit physisch, zeitnaher zum Ereignis zu besch\u00e4ftigen. Ich sp\u00fcre, dass mir etwas Appetit macht und meine Lust sch\u00fcrt, irgendwann, ganz bestimmt irgendwann bald, aktiv zu werden und mit meinen H\u00e4nden ins Gebilde einzugreifen, ertastend auf Tuchf\u00fchlung zu gehen. Dieser Apparat, der das Potential unz\u00e4hliger Kombinationen innehat, wird nach und nach substanzieller und fassbarer. Was im Kopf ist, spiegelt sich in der Betrachtung und wird Eins werden mit mir, wenn ich anfange.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist \u00c4sthetik, alles ist Form, man muss blo\u00df die Augen \u00f6ffnen und es sehen. Ich fotografiere, skizziere, verliebe mich in kleine Glasscherben, lese \u00c4ste am Boden auf, die im Zug auf der Heimfahrt von der Arbeit die anderen G\u00e4ste etwas st\u00f6ren. Ich schleppe Teile nach Hause, die seltsam riechen. Ich verschlie\u00dfe organische St\u00fccke, die noch etwas Leben in sich haben, sicherheitshalber in Glasbeh\u00e4lter. Ich rette Weggeworfenes und verspreche ihnen zur W\u00fcrde zur\u00fcckzufinden, die ihnen abhandengekommen ist und die sie nicht zwangsl\u00e4ufig oder nur in der Form, aber auf alle F\u00e4lle in einer Betrachtung, wiederfinden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin, was Formen, Materialien, Strukturen betrifft h\u00f6chst tolerant. Man k\u00f6nnte sagen, ich h\u00e4tte keine Linie, keinen Stil, so viele unterschiedliche Sachen sprechen mich an. Doch so eklektisch alles scheint, ich sehe in dieser Artenvielfalt bereits eine gemeinsame Sprache, die sie verbindet. Denn nichts wird au\u00dferhalb kreiert werden ohne diese Anbindung an mich selbst. Alles wird durch mich hindurch gehen, sodass nichts eine Chance hat, f\u00fcr sich selbst auf der Strecke zu bleiben. Das Gebilde wird zu einer Dinge-Komplizenschaft werden, mit solchen und solchen Wesenheiten und Auspr\u00e4gungen, den stillen, lauten, alten, frischen. Nicht jedes St\u00fcck wird gl\u00e4nzen, manch eines wird im Hintergrund bleiben und dennoch Teil dieser Familie sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je n\u00e4her der Sommer heranr\u00fcckt, desto mehr entflammt die Lust endlich alles auszubreiten. Ich z\u00e4hle die Tage und kann es kaum erwarten von den zwei geplanten Kurzreisen zur\u00fcckzukehren. Ich m\u00f6chte diese bevorstehenden Tage ganz mit Kunst f\u00fcllen. Hei\u00dft, nicht <em>an <\/em>diesen Tagen m\u00f6chte ich dran sein und mir Zeit f\u00fcr die Kunst reservieren, sondern diese Tage selbst erk\u00fcre ich zur Kunst <em>in <\/em>denen nichts anderes geschieht als die Kunst. Sie wird im Zentrum stehen. Ich werde ihr untertan sein. Alles andere wird nebens\u00e4chlich werden. Ich bin \u00fcberzeugt, dass diese Einstellung sein muss, ansonsten ich nicht vorw\u00e4rtskommen werde und sich die Zeitfenster nicht so weit \u00f6ffnen wie ich es ben\u00f6tige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe kein Atelier. Ich erkl\u00e4re die Wohnung zum Atelier. Ich bin keine K\u00fcnstlerin, aber ich werde eine sein mit Haut und Haar f\u00fcr diese Wochen, die vor mir liegen. Ich spiele das nicht als Rolle und doch geschieht alles in einem zeitlichen, gesch\u00fctzten Rahmen wie in einem Theaterst\u00fcck. Es ist eine Art Labor, ein Experiment, und ich komme mir vor wie jene Journalisten, die f\u00fcr gewisse Beitr\u00e4ge Undercover in Szenen und Rollen eintauchen, um mit diesem investigativen Ansatz an das ganz authentische Material heranzukommen und ihre Reportage aus dieser Perspektive erz\u00e4hlen. Mein improvisiertes Atelier werde ich mir in der K\u00fcche, im Wohnzimmer, im Keller und im Garten einrichten. Ich liebe die \u00c4sthetik von Ateliers. Sortierte Pinsel in B\u00fcchsen, angelehnte Leinw\u00e4nde, alte Barhocker, gro\u00dfe, etwas tr\u00fcbe gewordenen Nordlichtfenster, Stillleben aus matten Gl\u00e4sern, Entw\u00fcrfe aus Gips, Farbpaletten, Lappen. Dazu pers\u00f6nliche und angesammelte Gegenst\u00e4nde. Vielleicht ein ausgestopfter Papagei, Ethnographica, Erbst\u00fccke, Nippes, Postkarten und andere Erinnerungsst\u00fccke und Kuriosit\u00e4ten. Dazu Naturmaterialien, die als Vorbild f\u00fcr Studien dienen, eine kleine Bibliothek, Notizhefte, Teekannen, Weinflaschen, nicht geleerte Aschenbecher. \u00dcberall die Spuren von der hier verbrachten Zeit des Schaffens, Probierens, alles in Form von Farbklecksen, Abgesplittertem, Ausgeblichenem, Durchgewetztem, Zerrissenen, f\u00fcr das Auge frei zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies wird bei mir so nicht sein. Ich muss aufpassen, keine Spuren zu hinterlassen, die bleiben k\u00f6nnten und doch m\u00f6chte ich nicht jeden einzelnen Gegenstand mit Folie abdecken wie bei Malerarbeiten, um ihn vor irgendwelchen Spritzern zu sch\u00fctzen. Ich muss klug vorgehen und mit Bedacht planen. Dinge, die drau\u00dfen gemacht werden m\u00fcssen, gruppieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche, die schnell abgewaschen werden sollten in der N\u00e4he des Lavabos anfertigen. Solche, die man ausbreiten sollte, in die Mitte des Wohnzimmers verlegen, und nicht zuletzt muss ich am Morgen \u00fcberlegen, was mehr Zeit, mehr Trocknungszeit beispielsweise, in Anspruch nehmen wird, was besonders pr\u00e4zise gemacht werden muss und viel Licht ben\u00f6tigt oder eine ruhige Hand. Aber auch jene Sachen sind anspruchsvoll, denen ich mich l\u00e4nger widmen werde m\u00fcssen, da sie sich mir nicht auf Anhieb erschlie\u00dfen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies alles wird mir in den ersten Stunden bewusst, als ich beginne. Ich bin fr\u00fch aufgewacht und optimistisch aufgekratzt. Ich bin seit gut zwei Tagen aus Budapest zur\u00fcck. Gestern habe ich dem Garten geschaut: Rasen gem\u00e4ht, den Kr\u00e4utern und den K\u00fcbelpflanzen Wasser gegeben, ein paar Bl\u00e4tter aus dem Teich gefischt, den Lavendel geschnitten. Ich liess es mir gut ergehen und habe den Tag mit einem sch\u00f6nen Glas Wein ausklingen lassen. Auch heute ist ein sch\u00f6ner Tag. Der Morgen ist so frisch und klar und das Licht ist so wunderbar hell, auch wenn alles noch etwas bew\u00f6lkt ist, dass ich mich wie verliebt f\u00fchle. Es sind Wolken, die auf der Durchreise sind und schon bald weiterziehen oder sich nach und nach aufl\u00f6sen werden. Ich trinke wie immer als Erstes meinen Gr\u00fcntee, ohne den ich nicht in die G\u00e4nge komme und lasse die Augen \u00fcber ein paar Sachen gleiten, die ich aus der Schachtel aus dem Keller nach oben getragen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sachen, die da vor mir ruhen, sind mir bekannt. Ich wei\u00df woher ich sie habe, aus was sie beschaffen sind, und doch scheint mir, als s\u00e4he ich sie heute zum ersten Mal. Denn sie haben Gewicht bekommen, vielleicht etwas Pathos, und sind angebunden an die Verarbeitungsm\u00f6glichkeiten, die ihnen offenstehen: Soll ich schneiden, schleifen, anmalen oder mit anderen Dingen komponieren? Oder sprechen die Sachen nicht zu mir, noch nicht oder werden sie es vorziehen, mir gar beharrlich entgegen zu schweigen und sich mir verweigern? Wir treten in einen unverbindlichen Dialog, haben eine Art Smalltalk, lassen alles offen. Das Interesse halte ich gleichwohl aufrecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich entlasse jedes einzelne Teil aus der Schachtel und unterziehe es einer Art Pr\u00fcfung. Ich habe nicht den Anspruch alles zu verarbeiten. Als Erstes m\u00f6chte ich die Sachen nach ihrer Resonanz abklopfen. Klingt etwas? Klingt es an und an was? Ich will offen sein f\u00fcr die verschiedenen Kl\u00e4nge und Harmonien. Selbst Dissonanzen sind willkommen. Urspr\u00fcnglich angedachte Richtungen bin ich bereit abzuweisen. Ich m\u00f6chte auch ehrlich genug sein, etwas zu beginnen und es nicht weiterzuf\u00fchren, wenn es sich nicht richtig anf\u00fchlt. Ein Sieb, durch den ich unz\u00e4hlige kleine F\u00e4den flechten m\u00f6chte, f\u00fchlt sich zun\u00e4chst sehr gut an, bis ich merke, dass mir die Geduld fehlt f\u00fcr all die Flechtarbeit, die hierf\u00fcr n\u00f6tig ist, um zu schaffen, was mir vorschwebt. Ich finde keine Technik, die mir diese knifflige Flei\u00dfarbeit erleichtert. Vielleicht bin ich zu doof f\u00fcr die Erfindung eines hier passenden Werkzeugs. Ich denke an eine H\u00e4kelnadel, aber eine solch d\u00fcnne, die hier vonn\u00f6ten sein k\u00f6nnte, habe ich nicht. Ich sehe nur meine dicken Fingerknochen und verliere die Geduld. So wird das nie etwas. Ich m\u00fcsste zehn Mal mehr schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch so viele Tage nur f\u00fcr ein St\u00fcck habe ich nicht. Das Sieb muss zur Seite gelegt werden, und ich mache dort weiter, wo es schnell geht. Ich stelle fest, dass mir das Vergolden, das ich schon fr\u00fcher gemacht habe, gro\u00dfen Spa\u00df bereitet. Blasse Gegenst\u00e4nde werden in eine Goldschicht geh\u00fcllt und zeigen ihre Struktur und Form auf ganz neuartige Weise. Meine kleinen Korallen auf dem geschw\u00e4rzten Untergrund sind jetzt kleine Goldnuggets und ein glattes St\u00fcck Holz gewinnt durch das neue Schimmern auf der goldenen Haut an Leichtigkeit. Der, der die Gegenst\u00e4nde zum ersten Mal sieht, kann das, was darunter ist, nicht mehr erahnen. Und auch ich \u00fcbe immer wieder diesen neuartigen Blick und treibe mein Vergessen voran, fortan nur noch die neue Auspr\u00e4gung anzuerkennen. Denn nur noch diese ist jetzt tats\u00e4chlich vorhanden. Alles, was ich weggemacht habe, z\u00e4hlt nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es macht mir Freude zu sehen, wie sich alles ver\u00e4ndert und an Existenz gewinnt, wenn die einzelnen St\u00fccke auf meinen verschiedenen Tischen und Bodenfl\u00e4chen liegen. Alles flie\u00dft durch meine H\u00e4nde und durch meine Blicke. Das Bild potenziert sich \u00fcberdies, wenn ich beginne zu arrangieren. Dann entstehen ganz neue Chancen und die Dinge interagieren, kommunizieren miteinander. Manche fallen aus dem Rahmen, andere sehen kombiniert aus wie Geschwister, obschon sie ganz anderen Ursprung haben. Ich erkenne, dass ich einen Sinn habe f\u00fcr Bildsprache. Ich kann Anverwandtes entdecken oder \u00e4sthetisch Entgegengesetztes so gegen\u00fcberstellen, dass sich beidseitig Mehrwerte ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bemale einen Zweig und auf den massiven, alten Druckplatten, die hintereinander aufgestellt sind, gibt er ihnen eine Leichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann auf den Druckplatten die Landschaft erahnen, die einst darauf ge\u00e4tzt wurde. Ein Baum ist im Hintergrund schwach zu erkennen und vorne geht ein Spazierender. Die Farben der Platten k\u00f6nnen nicht zugeordnet werden. Das ist kein typisches Grau, eher ein Dunkelgr\u00fcn oder mystisches, changierendes Silber. Denn in jeder Farbe steckt so viel Gewicht und Leben und welche Farben hat dieses Leben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich klebe vorsichtig Birkenrinde auf eine naturbelassene Leinwand. Ich schneide fiebrig aus einer geh\u00e4kelten Einkaufstasche die einzelnen Maschen heraus. Was aus der Schwere der Urform auf den Tisch f\u00e4llt, sieht aus wie Buchstaben, Hieroglyphen, kurze S\u00e4tze, alles in hellbrauner, geheimnisvoller Schn\u00fcrschrift. Das Vergolden geht mir leicht von der Hand. Egal, ob ich raues Metall, glattes Holz oder kraterartige Steine vergolde. Meine Finger klopfen oder dr\u00fccken das flatternde Blattgold an die Oberfl\u00e4che. Das Gold wird angenommen und wenn sich ein paar Unebenheiten ergeben oder das Gold stellenweise nicht haften bleibt, sei es, weil die Anlegemilch bereits getrocknet ist oder sei es, weil sie nicht gleichm\u00e4\u00dfig aufgetragen wurde, dann mag ich diese unperfekten Stellen besonders gern. Sie \u00fcberraschen mich, lassen mich innehalten und die vermeintliche Blessur, die ich willentlich nicht h\u00e4tte planen k\u00f6nnen, genauer studieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Effekt ist nicht, dass etwas gl\u00e4nzt, was vorher matt war. Es geht nicht darum, sich oder die Umgebung in diesem Gegenstand zu spiegeln, ihm zu einem aparten Leuchten zu verhelfen, sondern das Objekt ganz anders aussehen zu lassen als es vorher war. Denn ist es einmal blattvergoldet, scheint seine Urform unwiderruflich verschwunden und man muss sich anstrengen, sie noch zu sehen. Das Gold \u00fcberw\u00e4ltigt einen und mir ist bewusst, dass es dadurch polarisieren kann. Dieses Barock-Anhaftende! Dieser Prunk! Doch dieses zum Verschwinden-Bringen und Neu-Machen, dieses Entdecken und Neu-Sehen, was vorher nur schwer zug\u00e4nglich war, das interessiert mich zutiefst und mehr als das, was man vordergr\u00fcndig erkennt. Es ist so bedeutend f\u00fcr mich, dass ich entz\u00fcckt ganz viel in meiner Kiste ersp\u00e4he, was ich durch diesen Vergoldungsprozess verarbeiten muss. Als Konsequenz entsteht allein durch meine Zuwendung und den Entwicklungsvorgang am Ende eine Art W\u00fcrdigung des Gegenstands.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht geht es mir auch darum, dass sich ein Objekt in seiner Form komplett anders darstellt als ohne die Vergoldung. Dieses Ph\u00e4nomen stelle ich besonders deutlich fest bei der Arbeit, die ich zun\u00e4chst \u201eCoocooninge\u201c nenne. Ich nehme mir vor, vier der f\u00fcnf Nipa Palmenfr\u00fcchte mit Stoff und Faden einzuwickeln. Das f\u00fcnfte St\u00fcck hingegen m\u00f6chte ich blattvergolden. Das Einwickeln der vier ben\u00f6tigt Zeit und etwas Geschick, denn f\u00fcr den Stoff verwende ich glatte Stoffst\u00fccke von einem ausgedienten Regenschirm. Danach wickle ich alles mit einem dicken Naturfaden gro\u00dfz\u00fcgig ein und zuletzt bade ich diese Fr\u00fcchte in einem Kleisterbad, bestreiche sie anschliessend mit einer hellen, dicken Farbe. Es ist eine Arbeit, die ich zun\u00e4chst im Kopf habe. Doch das, was ich am Ende in den H\u00e4nden halte, wirkt anders als angedacht und verk\u00f6rpert etwas f\u00fcr sich. Dieses Etwas muss ich dann in meinem Kopf umstellen, sprich, das alte Bild vergessen oder in einen neuen Dialog treten. Es ist eine Art Kennenlernspiel auf der einen und ein Verabschiedungsszenario auf der anderen Seite. Ich sage so. Es macht anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das goldene St\u00fcck der \u201eCoocoonige\u201c hebt sich jetzt so stark von den anderen ab, dass ich die Form zun\u00e4chst untersuchen muss. Es sieht gar nicht wesensgleich aus. Ist es wirklich dieselbe urspr\u00fcngliche Beschaffenheit oder habe ich versehentlich eine falsche Frucht zur Hand genommen? Ich habe einige Samen und Fr\u00fcchte angesammelt. Eine Verwechslung k\u00f6nnte mir leicht untergekommen sein, denn ich arbeite fieberhaft. Von morgens bis abends stehe ich auf den Beinen. Ich gehe zwischen Keller, meinem Wohnzimmer, der K\u00fcche, dem Tisch im Garten hin und her. Ich arbeite im Akkord, diszipliniert, aber vor allem wie in einem trunkenen Geisteszustand. Erst nach dem Abendessen komme ich ein wenig zur Ruhe und mache so etwas wie Feierabend. M\u00fcde bin ich, aber angetan von dem, was mir der Tag gebracht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kopf denke ich trotz meines Schaffens an den Werken bereits rein hypothetisch wiederkehrend dar\u00fcber nach, dass die n\u00e4chste Ausstellung anders sein w\u00fcrde. Nicht mehr so eklektisch, nicht mehr so kunterbunt, nicht mehr der ganze Kosmos. Es w\u00fcrde homogener werden. Ach, diese Vielfalt und das Heterogene, die sich durch mein Leben ziehen! Das ist mir bestens bekannt. Mir, die sich vor Ideen gelegentlich nicht retten kann und von denen ich mehr habe als so mancher, den ich kenne. Ich komme immer wieder an den Punkt des \u201eSowohl-als-auch\u201c. Ob das am Ende gut ist? Ich wei\u00df es nicht. Aber es ist so. Und je mehr ich unternehme und meine Fl\u00fcgel ausstrecke, desto mehr nehme ich auf diesen Fl\u00fcgeln mit, wenn ich erst beginne herumzufliegen. Der Fahrt-, respektive der Flugwind selbst spielt mir manchmal die Ideen f\u00f6rmlich unter die Fl\u00fcgel. So kommt mir das jedenfalls vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht mir gut, trotz der schweren Beine. Tagein tagaus sind meine H\u00e4nde in Bewegung, in meinem Kopf dreht sich alles um Formverschiebungen, um Verlagerung der Schwerpunkte, um Materialkunde, darum, was ich tun k\u00f6nnte, um etwas Neues zu schaffen oder so zu komponieren, dass es im weitesten Sinn zu einer der Skizzen passt, die ich aus der gro\u00dfen Schachtel herausgezogen und auf den Stapel \u201eVersuche\u201c gelegt habe. Denn nach der Sichtung der Inhalte, die sich in den letzten Monaten immer wieder sporadisch ergab, kristallisierten sich klare Favoriten heraus, die vorgaben, in irgendeiner Form adaptierbarer, umsetzbarer, fassbarer zu sein als andere, die in der Schachtel bleiben mussten. Ich pr\u00fcfe diese Ideen erneut, vergleiche sie mit den urspr\u00fcnglichen Einf\u00e4llen und setze sie mit Entw\u00fcrfen zusammen, die beginnen, sich mit reell existierenden Bestandteilen zu mischen. Bis ich also ein Objekt konkretisieren und ans Materielle anbinden kann, wird es durch meine H\u00e4nde gesiebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch auch aus den Dingen heraus ergeben sich neue Formen. Ich schaukle Bruchst\u00fccke in meiner Hand, betrachte bei Tagesund bei Abendlicht gewisse Oberfl\u00e4chen manchmal so lange, bis sie oszillieren. Dann greife ich zu und wei\u00df, dass ich mit ihnen weiterarbeiten werde. Andere d\u00f6sen vor sich hin und lassen mich unbek\u00fcmmert. Sie wirken nicht und ich sp\u00fcre, dass wir in diesem Sommer keine Freunde werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will unbedingt mit einem unsch\u00f6nen, unf\u00f6rmigen Konstrukt aus Plastik arbeiten, das stolz seine Borsten pr\u00e4sentiert wie Z\u00e4hne, die zum Fletschen bereit sind. Es beschw\u00f6rt mich, aber es verweigert sich mir zugleich. Ich liebe seine Form, auch seine H\u00e4sslichkeit, doch ich wei\u00df nicht weiter. Ich ertrage den Anblick des Kunststoffs erst wieder, als ich das Objekt mit dicker, fester Metallfarbe anmale. Das St\u00fcck wird einheitlicher, allerdings noch immer wei\u00df ich nichts damit anzufangen. Ich bin sicher, dass ich dranbleiben werde. Es entsteht eine kleine Hassliebe. Der Widerstand nagt an mir auf entz\u00fcckende Weise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen erkenne ich bei der sp\u00e4ter benannten Skulptur \u201eElemente\u201c. Zuf\u00e4llig entdecke ich in einer alten Holzkiste unter einem Kellerregal sehr schwere Metallbolzen, deren Zweck sich mir nicht erschlie\u00dfen. Ich m\u00f6chte damit arbeiten, doch es fehlt eine annehmbare Idee. Diese Ohnmacht zu wollen auf der einen Seite und dieses Loch im Kopf auf der anderen, k\u00f6nnten mich zur Verzweiflung bringen, aber ich entschlie\u00dfe mich dagegen. Ich bleibe dran, ohne mich daran festzuklammern. Denn wenn ich das w\u00fcrde, w\u00fcrde ich Stunden damit verbringen etwas anzuschauen, derweil nichts entst\u00fcnde. Ich habe f\u00fcr Meditationen dieser Art keine Zeit. Nicht jetzt. Ich erinnere mich an eine K\u00fcnstlerin, die ganze N\u00e4chte damit verbrachte eine leere Leinwand anzuschauen, zu rauchen, Wein zu trinken und keinen Pinselstrich zu machen. Auf diese Qualit\u00e4t und Erfahrung muss ich verzichten, denn schon bald wird alles vorbei sein. Das Datum r\u00fcckt unweigerlich n\u00e4her, und nebst der Schaffung der Objekte, m\u00fcssen sie sp\u00e4ter alle noch fotografiert, in die Werkliste aufgenommen und in den R\u00e4umen platziert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lu meldet sich nicht, aber ich wei\u00df, dass sie ebenfalls dran ist. Ich vertraue ihr und sch\u00e4tze insgeheim die Ruhe. Alles wird zu seiner Zeit besprochen werden. All die Details, die Organisation vor Ort. Jetzt aber sind die Stunden der reinen, kreativen Zeit, in die nichts Weltliches hineinfunken darf. Es ist Jahre her, seit ich in den Ausstellungsr\u00e4umen war. Ich habe die R\u00e4ume im Geiste vor mir. Die Raummasse verschwimmen in meiner Erinnerung. Ich versuche mir vorzustellen, wie wir das gemeinsam machen werden und doch breche ich die Gedanken ab. Wir arbeiten unabh\u00e4ngig und mit ganz anderen Techniken, auch mit anderen Motivationen, Hintergr\u00fcnden, Zielen. Es gibt f\u00fcr diese Ausstellung nur drei M\u00f6glichkeiten: Wir bespielen die Ausstellungsr\u00e4ume gemeinsam. Wir haben jede f\u00fcr sich sowohl unsere eigenen als auch solche, die wir gemeinsam nutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen habe ich viele Objekte fertig vorliegen. Sie vertragen sich gut miteinander und es gibt keinen Grund sie mit noch ganz anderen Objekten zusammen zu bringen. Es sind viele kleine und mittelkleine Kunstwerke dabei, die bereits durch ihre Proportionen und Gr\u00f6\u00dfen irgendwie zusammengeh\u00f6ren. Ich habe gelegentlich nur sanfte Eingriffe gemacht. Hochgef\u00fchlen nicht stattgegeben. Die Energiesch\u00fcbe gelegentlich ged\u00e4mpft. Es gibt Arbeiten dabei, die mir noch immer R\u00e4tsel aufgeben. Ich m\u00f6chte bewusst auf den ganz gro\u00dfen Raum verzichten und stattdessen lieber die kleinen R\u00e4ume f\u00fcr mich haben. Der gro\u00dfe Raum wird wunderbar zu Lu\u2019s Werken passen. Ich schreibe ihr das und auch, dass ich das aufrichtig so meine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine neu arrangierte Kiste ist zu einem Panoptikum der Vielfalt an Formen und Materialien herangewachsen. Es hat erstaunlich wenig mittelschwere Sachen dabei. Entweder gibt es Leichtes wie Federn oder Baumpilze, die ich in der Natur gesammelt habe oder Schweres wie das alte St\u00fcck Beil. Ich habe auch einen Sack voll von Steinbrocken. Ich habe mich mit vielversprechenden Leimen ausgestattet und habe Pinsel nachgekauft. Der Becher ist mit Terpentin gef\u00fcllt und riecht streng. Ich habe mich daran gew\u00f6hnt. Ich wasche meine H\u00e4nde mehrmals st\u00fcndlich damit. Meine Haut ist weich geworden. Nicht aus Eitelkeit wasche ich so regelm\u00e4\u00dfig, aber weil ich nur mit frischen H\u00e4nden neue Objekte greifen m\u00f6chte, vor allem wenn ich sie das erste Mal betaste. Richtig sauber werden die H\u00e4nde ohnehin nicht. Um meine N\u00e4gel herum hat sich ein dunkler Farbrand gebildet, der trotz des abendlichen Eincremens mit einer dicken Handcreme nicht weggeht. Ich bef\u00fcrchte, dass das in den n\u00e4chsten Monaten noch so sein wird und ich sehe mich auf meine Ringe verzichten, an \u00f6ffentlichen Orten meine H\u00e4nde in Taschen versteckt haltend, eine Entschuldigung stets auf den Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe wie jeden Tag gutgelaunt auf. \u00dcber das Chaos vermag ich mich nicht aufzuregen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe es quasi nicht oder verbiete mir den Blick der gewissenhaften Putzfrau. Die Objekte, die fertig ausgef\u00fchrt sind, scheinen in meiner Betrachtung beinah zu schwingen. Sie stehen f\u00fcr sich und es ist sch\u00f6n, ihnen zu begegnen, sie in den H\u00e4nden zu halten, sie anzuerkennen als das, was sie jetzt sind. Die Namen f\u00fcr sie fallen mir oft schon w\u00e4hrend des Machens zu. Vielleicht, weil ich mich in den letzten Jahren so viel mit der Sprache befasst habe. Die Werktitel sind manchmal sogar schon da, noch bevor ich richtig begonnen habe. Wenn ein Objekt trocken ist, einen Namen hat, dann kann ich es schon bald in die Ausstellungsr\u00e4ume denken. Doch mit der Platzierung m\u00f6chte ich mich trotzdem nicht zu fr\u00fch befassen. Das ist eine andere B\u00fchne. Ich sp\u00fcre, dass das zu einem gro\u00dfen Teil Improvisationskunst sein wird, wenn ich erstmals dort bin. Die Proportionen werden mir ansonsten einen Strich durch die Rechnung machen. Au\u00dferdem ist die Zeit nicht richtig f\u00fcr allf\u00e4llige Berechnungen, die in eine andere Realit\u00e4t und Zeitrechnung geh\u00f6ren als in diese hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wache auf und pr\u00fcfe zun\u00e4chst das Wetter. Wenn es kurzerhand umschl\u00e4gt und schlechter wird, bin ich vorbereitet. Der gro\u00dfe Sonnenschirm \u00fcber dem Tisch ist auch nachts aufgespannt und kann das Schlimmste abwenden. Abends trage ich die besonders heiklen Sachen herein. Es gibt Objekte, denen ich etwas Regenschauer w\u00fcnsche und bei denen ich mit der Natur zusammenarbeiten m\u00f6chte. Ich lasse es mir selbst gut ergehen, habe keinen Druck mich weder gro\u00df zurechtzumachen, noch mich in gew\u00f6hnlichen Alltagsroutinen zu bewegen. Ich esse, was ich esse, ich wechsle die Garderobe kaum, sondern trage meine nach und nach schmutziger werdenden Ateliersachen. Das alte weite Poloshirt, Shorts und sonst nichts. Die Haare sind unordentlich zusammengeknotet, Parf\u00fcm bleibt unverspr\u00fcht im Badezimmerschrank stehen und ich gehe barfu\u00df umher. Ich gebe mich ganz meiner Natur hin und es f\u00fchlt sich gut an, sich um nichts zu k\u00fcmmern, was mit meinem Aussehen zu tun hat. Die Kunst hat Vorrang und alles andere stellt sich hinten an. Auch der Blick in den Spiegel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Laune meiner eigenen Natur erfasst mich trotzdem willk\u00fcrlich. Einmal bin ich grundlos schlecht gelaunt. Vordergr\u00fcndig l\u00e4uft alles nach Plan. Ich bin in Form, einiges an Werken steht bereits. Von einer kleinen Werkgruppe kann fast schon die Rede sein und die Inspirationsquelle ist alles andere als versiegt. Im Gegenteil. Je mehr ich kreiere, desto mehr Ideen ergeben sich. Ich wei\u00df, dass ich f\u00fcr diese Ausstellung nicht alles werde verwirklichen k\u00f6nnen, was an Ideen ich mit mir herumtrage. Vor allem werde ich nicht ein Thema bis zur Essenz aussch\u00f6pfen und reduziert pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen, sondern wird es ein Panorama meines visuellen, momentanen und angesammelten Universums sein, das die Besucher zu sehen bekommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine betr\u00fcbte Disposition ist ohne kognitiven Grund. Sie ist einfach da und ich stelle fest, dass ich m\u00f6glicherweise das Potential h\u00e4tte zu einer Zicke zu werden, vorausgesetzt ich w\u00fcrde f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in diesem kreativen Kosmos gefangen. Ich besch\u00e4ftige mich \u00fcber die Objekte indirekt mit mir selbst und in diesem Spannungsfeld zwischen Skizze, Material, Konkretisierung und Exponat liegt etwas in der Luft, das auf Dauer nicht blo\u00dfe Zufriedenheit oder gar Gl\u00fcck ist. Unsichtbar sind da auch Abgr\u00fcnde, Unsicherheiten zugegen, kleinste D\u00e4mone. Ich merke, dass ich von Null auf Hundert in einen Krieg ziehe mit einem Kleber. Zum einen finde ich es problematisch einem Leim vollends zu vertrauen, zum anderen ist er da, um sich ja nicht bemerkbar zu machen. Daher m\u00f6chte ich am liebsten, dass etwas klebt, ich aber mit einem Kleber erst gar nicht in Ber\u00fchrung komme. Wird er zudem halten, was die uns\u00e4gliche Verk\u00e4uferin gesagt hat und wie es auf der Verpackung steht? Dass er durchsichtig bleibt und unverz\u00fcglich fest wird, sprich, dass er seinen Job gut machen wird? Ich nerve mich, dass meine Finger so dick sind und ich permanent l\u00e4stige Klebereste entfernen muss, statt in meinem Flow zu bleiben. Ich brause auf, weil etwas nicht h\u00e4lt, da der Untergrund gew\u00f6lbt und strukturiert ist. Ich zermartere mir wegen all der Kleber, jeder f\u00fcr etwas anderes geeignet, den Kopf und f\u00fchle mich ohnm\u00e4chtig. Ich bin so genervt, dass ich alles hinschmeissen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wohltuend ist hingegen das Bemalen eines rohen Holzst\u00fcckes mit schwarzer Tusche. Es ist ein h\u00f6chst harmonisches Spiel zwischen uns drei. Mir, der dunklen, eleganten Fl\u00fcssigkeit und dem Objekt. Ich trage den tiefschwarzen Saft auf, das Holz saugt diese Farbe d\u00fcrstend auf und ver\u00e4ndert sich so sichtbar und unmittelbar vor meinem Auge, dass es ein wahres Fest der Sinne ist. Dieses Gef\u00fchl und dieses Tempo sind \u00fcberw\u00e4ltigend. Ich bin von Natur aus eher ungeduldig. Im Akt des Tuns zeigt sich diese Eigenschaft besonders. Alles m\u00fcsste so schnell gehen wie dieses Ph\u00e4nomen. Doch die Wirklichkeit ist langsamer. So viele Trocknungszeiten sind in dieser kreativen Zeit enthalten, dass ich nicht daran denken darf. Denn wenn ich daran denke, habe ich das Gef\u00fchl, dass in allen Ateliers dieser Welt nur am Rande etwas geschaffen wird, aber die wirkliche Zeit sich die Trocknung ganz f\u00fcr sich nimmt. Die egoistische Trocknung, als eine personifizierte Abstrakte, welche andere Anwesenheiten ausmerzt und wertvolle Stunden frisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tagelang kommt es mir vor, als k\u00e4me ich nicht weiter. Zwar arbeite ich t\u00e4glich gute zw\u00f6lf bis manchmal vierzehn Stunden, aber da ich gruppenweise vorgehe, liegen oft Objekte halbfertig herum, bis ich sie wieder anfassen und zu Ende bearbeiten darf. Nicht jeder ist f\u00fcr so ein Leben geschaffen. Manche k\u00f6nnen daran kaputt gehen, diese Zust\u00e4nde gelassen auszuhalten. Manche kommen m\u00f6glicherweise nicht weiter, weil sie sich monatelang \u00fcber einen Strich Gedanken machen und ertrinken in diesem Gedankensprudel, darin begraben die Idee. Manchen ist m\u00f6glicherweise nicht bewusst, dass zu lange in einer Ateliersituation zu sein ohne die Anbindung an die restliche Welt eine Blase ist, die sie da drau\u00dfen schw\u00e4cht. Gut f\u00fcr diejenigen also, die mit Schwung und Kraft Dank und trotz der Erschaffung von Werken stolz aus ihren Ateliers treten und au\u00dferhalb ihrer St\u00e4tten auf dem weltlichen Boden weiterfahren, sprich sich in anderen Sprachen ausdr\u00fccken, koordinieren, managen, eloquent bleiben, Normen und Formen einhalten, kooperieren und bis zur gro\u00dfen Show tapfer durchhalten k\u00f6nnen. Chapeau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich ohne ein gutes Konzept und ohne meine innere Ausgeglichenheit und disziplinierte Veranlagung die Balance verlieren k\u00f6nnte. Ich w\u00fcrde m\u00f6glicherweise, \u00fcbersensibel reagieren, seltsam, kaprizi\u00f6s werden. Ich w\u00fcrde mir Marotten aneignen. Ich k\u00f6nnte den guten Umgang verlieren, wer mir im falschen Moment zu nahetr\u00e4te. Eremit. Skeptiker. Misanthrop. Eigenschaften, mit denen ich mich identifizieren kann. Ich w\u00fcrde zeitweilig wahrscheinlich die Objekte und Pinsel richtigen Freunden vorziehen. Ich w\u00fcrde sozusagen offline gehen, wenn ich die T\u00fcre meines Ateliers betr\u00e4te. Ich sp\u00fcre den pessimistischen Einzelg\u00e4nger in mir, ich erkenne das Misstrauische und ich registriere das ganz und gar Kauzige in mir, das nicht gesellschaftsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Atelier ist aber auch ein Arbeitsort, stelle ich fest. Es ist zudem ein Spielund Tummelfeld. Wehe dem aber, der die Ironie oder die Selbstironie nicht hereinl\u00e4sst. Wehe dem nicht Krisen Erprobten. Dem, welcher eine famili\u00e4r ung\u00fcnstige Ausgangslage hat, die Tendenz hat wankelm\u00fctig zu sein, zu Depressionen oder chronischen Gebrechen neigt. Der, der M\u00fche hat strukturell zu denken und es sich nicht einrichten kann mit dem, was ihm so ein Raum wie das Atelier bietet. Idee, der Weg mit ihr, dann nach drau\u00dfen und wieder zur\u00fcck. Dem Labilen droht das Atelier wom\u00f6glich ein gef\u00e4hrlicher Ort zu werden. Ein Fass ohne Boden. Ein Ort, wo sich Verrohung und Verzweiflung die Hand geben. Wo der H\u00f6henflug mit dem Fall einen schwarz\u00e4ugigen Walzer tanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke an all die K\u00fcnstler, die gerade jetzt in ihren Ateliers sind. Sie arbeiten, mit welcher Methode und in welcher Technik auch immer. Ich sehe ihre Innenwelten, die sie mal heraustragen, mal auf eine Leinwand malen, mal mit einem Zigarettenqualm ausblasen. Sie lassen Zeit verstreichen als h\u00e4tten sie davon ein paar Portionen mehr. Sie lassen sich von der Zeit als Wolke einnehmen als g\u00e4be es die Uhr nicht. Es ist eine Zeit, wo andere schlafen. Eine Zeit, wo jemand einen Hund spazieren f\u00fchrt, wo ein Bein ger\u00f6ntgt wird, Lebensmittel auf einem F\u00f6rderband zur Kasse gefahren werden. Eine Zeit, wo jemanden das Haar geschnitten wird. Wo jemand einen L\u00f6ffel Honig leckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich meine Gedanken nicht schreibend verarbeiten kann wie ich es sonst tue, schwirrt ein Schwarm von diesen Hirngespinsten durch meinen Kopf und landet nur gelegentlich auf einen fruchtbaren Boden klarer Formulierungen. Mein Kopf kann in dieser Zeit nicht durchl\u00fcften, ich kann nicht profund reflektieren. Alles steht am Rande, unfertig, ungefragt. Als Hypothese hingestellt. Es fehlt nicht nur der Stift und Papier f\u00fcr meine Gedanken, sondern vor allem die Zeit selbst, in der sich Gedanken schreibend weiterentwickeln. Meine Zeit ist belegt mit dem Sortieren, Aussortieren und Ausscheiden. Ich arbeite wie unter einer Glasglocke. Und obschon sich St\u00fccke manchmal wie von selbst ergeben, Namen bekommen und sich gut zusammen arrangieren lassen, bedauere ich zu wenig Zeit mit ihnen zu verbringen, um ihnen auf den wahren Grund zu gehen. Oder mir. Zu ergr\u00fcnden, warum sie eigentlich geworden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weshalb diese Bilder in einem knalligen Violett? Dies ist nicht meine Farbe. Wieso die Leinw\u00e4nde \u00fcberhaupt? Warum habe ich auf dem Holzbrett die Kl\u00f6tzchen schr\u00e4g geklebt und nicht akkurat angeordnet? Wollte ich es so oder hat mich im letzten Moment etwas \u00fcbermannt? Wieso f\u00fchlt sich diese Skulptur aus Spitze nicht richtig an und die andere aus demselben Material hingegen schon? Liegt es am Ende an der raumf\u00fcllenden Arbeit mit Spitzenelementen, die ich letztlich verworfen habe, obschon ich sogar einen Bilderrahmen f\u00fcr sie opferte? Viele Fragen bleiben unbeantwortet und ein paar Objekte muss ich weit weg von mir stellen, weil sie mich sonderbar irritieren. Ich bin entt\u00e4uscht \u00fcber missratene Versuche, aber ich bin k\u00fchn genug, um nichts zu erzwingen, was sich nicht ergeben m\u00f6chte. Alles braucht seine Zeit und manche Gelegenheit zur Reflexion und neuer Handlung hat sich in der Zeit selbst wieder aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In die Arbeit \u201eElemente\u201c habe ich mich sofort verliebt. Ich m\u00f6chte diese Arbeit f\u00fcr mich selbst behalten oder nur jemanden verkaufen, der mir h\u00f6chst sympathisch ist oder der sich verst\u00e4ndnisvoll und offen zeigt. \u201eluschen laschen\u201c ist wiederum aus einer so pers\u00f6nlichen Geschichte entstanden, dass es ein Verrat an diesem Moment w\u00e4re, diese filigrane Wandskulptur Dritten zu \u00fcberlassen. Dennoch m\u00f6chte ich diese Arbeit mit den Besuchern teilen. Denn das Objekt hat weitere Varianten angenommen. Viele Steine ziehen sich durch meine Arbeiten. Gew\u00f6hnliche Kieselsteine, aber auch Versteinerungen aus Mangrovewurzeln finden sich darunter. Zudem geschliffene Achatscheiben, die in smaragdgr\u00fcn, violett, hellblau gl\u00e4nzen. Auf vergoldeten L\u00f6ffeln platziert, verbreiten sie Lust an ihnen lutschen zu wollen. Die W\u00fcstenrosen sind skulpturale Wesen, deren sch\u00f6nste Seiten und Kanten ich schwarz nachmale und danach lackiere. Eine ist so anmutig, dass ich ihr den Namen schenke, der ihr geb\u00fchrt: \u201eEine Erhabene\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich studiere lange, was ich aus den beiden Blech-St\u00fccken machen k\u00f6nnte. Deren Patina ist so einnehmend sch\u00f6n wie Anselm Kiefers und Gerhard Richters Arbeiten zusammen. Die Zeit selbst hat hier die Struktur geschaffen und ich bin dem\u00fctig vor der Intervention und Kraft der Natur. Ich habe gro\u00dfen Respekt vor jedem Kratzer, daher schreibe ich nur in die Ecken dieser charismatischen Oberfl\u00e4chen zwei W\u00f6rter, die ich erfunden und sie in einem Gedicht untergebracht habe: \u201ezipfelehrlich\u201c und \u201ezahnradtreu\u201c. Sie haben jetzt auch dieses Zuhause. Ich m\u00f6chte dieses kleine Meisterwerk, das mir mehr zugespielt wurde, als dass ich es erschuf oder modellierte, nicht l\u00e4nger durch meine H\u00e4nde lassen als n\u00f6tig. Es gen\u00fcgt, dass ich die Sch\u00f6nheit demaskiere und ihnen einen Platz in der Ausstellung sichere. Das Diptychon ist f\u00fcr mich auch ohne weiteren \u00dcberzug aus Klarlack vollkommen. Jegliches Zutun von mir w\u00fcrde es blo\u00df verschandeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch vor dem Marmorpaar, an dem zuvor vorsichtig gemeisselt wurde, und das schon bald \u201eK\u00f6nigin und K\u00f6nig\u201c hei\u00dfen wird, habe ich Ehrfurcht. Die St\u00fccke sind in den letzten Monaten von der Sonne pr\u00e4chtig schneewei\u00df geworden. Sie sind von solch subtiler Adernstruktur beschaffen, dass ich unmerklich zittere, als ich ansetze, das eine St\u00fcck mit Schwarz zu bemalen und das andere mit Blattgold zu bem\u00e4nteln. Ich traue mich zwar, indes ist mir bewusst, dass ich jetzt nicht mehr zur\u00fcckkann. Nie mehr wird das Wei\u00df jenes Wei\u00df von vorher, weder unter dem Gold, erst recht nicht unter dem satten Schwarz. Die Farbe verschwindet ins Innere des dicken Steins. Ich werde dem\u00fctig, ich zweifle, Schwermut keimt auf. Mein Risiko wird nicht belohnt. Im Gegenteil. Ich bef\u00fcrchte die Unikate unwiderruflich zerst\u00f6rt zu haben. Ich muss die Arbeit daher abbrechen und mir die n\u00e4chsten Schritte genau \u00fcberlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gruppiere drei W\u00fcstenrosen-Steine mit einer geb\u00fcrsteten Metallstange mit geometrischen Z\u00fcgen. Sie liegen zusammen auf der Steinplatte und schaffen Raum zum Nachdenken. Ich finde das gut so. Das Unfertige daran behagt mir. Ein Objekt, das ich nicht erkl\u00e4ren werde. Es ist etwas st\u00f6rrisch. Es tanzt frech aus der Reihe der Sch\u00f6nheiten. Die schwarze Tuschfarbe kommt an dasjenige Schwarz heran, das ich liebe. Eine unbewusste Hommage an Solange? Vielleicht. Aber zwischendurch schwanke ich, ob ich nicht auch etwas Blau im Schwarz entdecke. Ich muss wahrscheinlich ein weiteres Schwarz suchen und das schw\u00e4rzeste Schwarz finde ich in der Kohle selbst. Zwei Holzst\u00fccke stehen mir zur Verf\u00fcgung. Ich kohle sie auf dem Feuer an. Es ist Vorsicht geboten, denn das Holz muss richtig brennen, um mir das Schwarz zu geben, das ich m\u00f6chte. Und mit diesem Verbrennen geht ein Risiko einher, dass es br\u00f6ckelt, dass ich mit Verlusten rechnen muss. Es ist etwas beschwerlich, die Skulptur \u201eIsland\u201c, die tats\u00e4chlich wie ein St\u00fcck Land aussieht, nach dem Ankohlen mit Lack zu konservieren. Die Skulptur ist h\u00f6chst anf\u00e4llig f\u00fcr Br\u00fcche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich klebe kleine Porzellanfiguren auf ein zwei Meter langes Holzst\u00fcck. Ich lackiere, vergolde riesengro\u00dfe Metallringe. Ich zerkratze Lackst\u00fccke und ich ordne Geldst\u00fccke und Metallstifte in eine weiche, einfache Form. Ich verbringe einen Nachmittag lang am Boden vor einem Becken, das mit Javel-Wasser gef\u00fcllt ist. Ich bade darin B\u00fccher und Stoffe. Meine H\u00e4nde sind schrumpelig, dann blutig, dann brennen sie. Vom Terpentin ist die Haut butterweich geworden, aber mit Handschuhen zu arbeiten, kommt nicht in Frage. Ich fahre zu gerne mit meinen Fingern den Oberfl\u00e4chen nach, ich benutze jeden einzelnen Finger und Fingernagel, den ich gerade brauche. Meine Fingerkuppen sind Radare, die mir Botschaften senden. Auf sie zu verzichten, k\u00e4me einem Bekenntnis gleich, mich nicht tief genug ins Spiel hineinzugeben. Doch wenn man spielt, muss man im Spiel drin sein. Man darf nicht aussteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal w\u00fcnsche ich mir nicht nur zwei zus\u00e4tzliche H\u00e4nde zur Verf\u00fcgung zu haben, sondern handwerklich begabter zu sein, um alles etwas souver\u00e4ner und mit w\u00f6rtlich sicherer Hand gekonnter anzugehen. Ich muss stattdessen ungelenk balancieren, mehrfach ansetzen. Versuche und Irrt\u00fcmer stakkato abwechselnd. Dazwischen fallen Sachen zu Boden, zerbrechen, bekommen Dellen. Farbe verschmiert, ich klebe etwas falsch an, rutsche aus und sehe mich in einem Korrektur-Wirrwarr, der mich meine Nerven kostet. Ich versage mir zu viel Kaffee, denn er macht mich noch schusseliger als ich es ohnehin bin. Wenn ich mich besonders unbeholfen verhalte, wei\u00df ich, dass ich nur noch gr\u00f6bere Sachen machen kann, die ungef\u00e4hr gemacht werden k\u00f6nnen. Das Lexikon im chlorierten Wasser baden, etwas Ordnung schaffen. Oder tief durchatmen, rechtzeitig aufh\u00f6ren und mir vorschreiben, erst am n\u00e4chsten Tag wieder fortzufahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich spiele mich gut ein. Der Tag ist eingeteilt. Morgens kann ich die Elaborate vom Vortag be\u00e4ugen. Ich kann von Tag zu Tag auf mehr aufbauen, auch Distanz schaffen, aus der ich hervortrete und mich den Gegenst\u00e4nden von Neuem ann\u00e4here. Am Vormittag habe ich au\u00dferdem mehr Kraft, um schwerere Sachen zu heben. Zwischendurch, wenn ich warten muss, versuche ich Dinge zu sortieren, gehe in den Keller, suche die Schachteln ab. Zu viele Farben muss ich aus meinem Augenfeld schaffen. Das Farbige schadet meinem Arbeitsfluss. Ich muss gewisse Dinge \u00fcberhaupt wegschaffen und stattdessen neue Komponenten nach oben holen. Es herrscht ein lebhaftes Hin und Her, Rauf und Runter. Ich habe wenig Hunger und wenig Durst. Meine Nahrung speist sich aus hier etwas Kleistergeruch, dort einem Klecks \u00d6lfarbe, und manchmal atme ich vermutlich ein paar Goldstaubk\u00f6rner von diesem Blattgold ein, das durch die L\u00fcfte weht. Es gibt Momente, wo ich anstehe und nicht weiterwei\u00df. Alle Inspiration ist auf einmal weg und was ich fertig gestellt vor mir sehe, ergibt keinen Sinn. Ich gebe mich diesen Augenblicken nicht hin. Ich weiche dann aus, indem ich mich im Garten ablenke. Nach nur kurzer Zeit kehre ich als neuer Mensch und als w\u00e4re nichts gewesen zur\u00fcck ins Atelier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde bin ich ein Tiger, der nur auf den n\u00e4chsten Rausch lauert, dem Strudel der Ideen nachzugeben. Der \u00dcberw\u00e4ltigung der M\u00f6glichkeiten untertan sein zu d\u00fcrfen, die Sinne zu verlieren. Diesen positiven Stress zu haben, n\u00e4mlich zu denken nicht fertig zu werden bis zur Ausstellung oder nicht alles zu schaffen, was ich gerne w\u00fcrde, ist mir allemal lieber, als wenn sich nichts tun w\u00fcrde und als w\u00e4re alles gesagt. Doch es tut sich zum Gl\u00fcck allerlei. Ich werde immer wieder heimgesucht von ganzen Ideenstr\u00e4ngen. Ich gehe mit dem Fluss, tauche ein, schnappe nach Luft oder arbeite wie im Taumel, ganz vereint mit der Idee und den Impuls, der mitten durch mich geht. Ich bin noch lange nicht fertig. Vielleicht bin ich sogar erst am Anfang und was hier geschieht, ist ein Vorspiel. Selbst wenn ich nicht alles, was m\u00f6glich ist, hervorbringen kann, was sich aufdr\u00e4ngt; es wird allemal zu schaffen sein, die Ausstellungsr\u00e4ume mit Werken zu f\u00fcllen. Diese Zuversicht aus Prinzip kann mir keiner nehmen, erst recht nicht, wenn ich mehr zum Jux beginne zu z\u00e4hlen, was bereits fertig und mit Namen vor mir liegt. Ich z\u00e4hle und z\u00e4hle und kann nicht fassen wie viele St\u00fccke sich bereits ergeben haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich k\u00f6nnte jetzt aufh\u00f6ren und eine reduzierte, gut austarierte Ausstellung machen. Das kann durchaus noch so kommen, muss es aber nicht. Ich habe noch ein paar Tage vor mir und ich m\u00f6chte die Zeit bis zur allerletzten Minute nutzen und in meinem tempor\u00e4ren Atelier verbringen. Wer wei\u00df, ob ich am Ende keine Auswahl treffe, sondern alles anbiete oder behutsam das Beste vom Besten ausw\u00e4hle und die meisten Sachen zur\u00fcck in den Keller verstaue, sodass pro Ausstellungsraum lediglich ein bis zwei Werke pr\u00e4sentiert werden, um die man dann herumgehen kann. Beides ist reizvoll: eine Flut an Ideen zu pr\u00e4sentieren oder eine Zen artige Ausstellung zu machen, die auf das Minimum reduziert ist. Wichtig ist mir, dass die Dinge zueinander sprechen und sich so etwas wie eine eigene Bildsprache bildet, der man sich nicht entziehen kann und auf die man sich vielleicht sogar einl\u00e4sst. Dass sich alles miteinander verbindet, eine Ganzheit ergibt. Die Reduktion der Farben, das Gold, das sich durch die Werke zieht, unterst\u00fctzen diese Vorstellung. Ich kann, wenn ich die fertig gestellten Elaborate betrachte meine Materialbegeisterung ausmachen. Sie ist offensichtlich und hoffentlich wirkt sie ansteckend. Nichts ist jedenfalls dabei, was nicht in irgendeiner Form in ihrer Materialit\u00e4t gefeiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kupferbleche, die Versteinerungen, das Holz, die Korallen, exotische Samen, Garn, Papier und Stoff. Ich habe nebst meinen eigenen Kreationen einen alten Holzkessel mit Lavendelsamen vorbereitet und eine CD gebrannt mit angenehmen Ger\u00e4uschen. Es darf sinnlich werden, auch f\u00fcr Ohr und f\u00fcr die Nase. Ich w\u00fcrdige eine Zeichnung von mir, die ich, als ich noch ein Kleinkind war, machte. Ich reproduziere das Gekritzel in Form eines Negativs in Gold. Eingebrannte Kuhmarken, die ich in Kuhfellen eines M\u00f6belhauses fand, fotografierte und abzeichnete, finden sich in einer zw\u00f6lfteiligen Arbeit. Die abstrakten, nicht auf Anhieb als Brandmarken erkennbaren Zeichen werden von mir einzeln getauft: Gambsa, Lorela, Alma, Gl\u00fccka, Sissi, Ruthild, Emma, Zenzi, Butter, Annabel, Filou und Noisette. Sie waren alle mal und wer wei\u00df, ob die eine nicht genau exakt so hie\u00df. Ich ikonisiere sie nicht, ich abstrahiere und schaffe eine eigene Kaligraphie mit Tusche und auf Earl Grey Tee gemalte Mini-Leinw\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei bis drei Farbtupfer sind in wenigen Arbeiten auszumachen, ansonsten sind die Farben verhalten. Das Haus, in dem wir ausstellen werden, ist schneewei\u00df get\u00fcncht und dank der vielen Fenster ist es dort sehr hell. Das Schwarz und Gold wird dort bestens zur Geltung kommen. Ich habe mich mit Lu geeinigt, dass sie den gro\u00dfen Raum nimmt. Ich bin froh darum, denn so kann ich mich durch diesen Ausschluss und Entscheid denjenigen R\u00e4umen in meinem Kopf widmen, die mir zustehen werden. Die kleinen beiden Zimmer, der schmale Gang im ersten Stock, dazu noch etwas Raum beim Empfang unten. Ich bin zufrieden. Lu ist sich inzwischen sicher, dass sie nur ein einziges Thema bespielen wird. Ein Motiv, daf\u00fcr in verschiedenen Varianten. Das ist stark und umso mehr bekr\u00e4ftigt es mich, dass es richtig ist, dass n\u00e4mlich ihr der gro\u00dfe Raum zusteht, wo Lu die vielen Varianten just dieses einen Themas pr\u00e4sentieren kann. An der Pr\u00e4sentation arbeitet sie noch. Im kleineren Raum plant Lu eine Installation. Unerschrocken ist ihre Aussage, dass nichts zu verkaufen sein wird. Das kommt einem Statement gleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich tue mich nicht schwer damit, die Sachen zum Verkauf anzubieten. Ich kann zwar gut loslassen, bis auf ein paar Sachen, die ich wirklich mehr und mehr liebgewonnen habe, je mehr ich sie betrachte. Aber die Preise festzulegen, verunsichert mich. Es gibt keine Galerie, die mit mir die Margen errechnen k\u00f6nnte. Ich habe als K\u00fcnstlerin keinen Namen. Ich habe keinen Anhaltspunkt, hingegen unz\u00e4hlige Theorien dazu. Ich wei\u00df gut, dass zu g\u00fcnstig ebenso schlecht ist wie zu teuer und \u00fcberheblich m\u00f6chte ich nicht sein. Ich bin nicht niemand und doch bin ich auf diesem Gebiet neu, mehr sogar. Ich bin jemand, der das Gebiet nur kurz streift und sich nicht darin einnisten wird. Au\u00dferdem ist alles auch Spa\u00df und dient nicht dem Geldverdienen. Ich m\u00f6chte nicht umrechnen, wie viele Stunden in den Arbeiten stecken und all die verborgene Zeit, die mit dem Kreieren ebenfalls zusammenh\u00e4ngt. Das erscheint mir zu kompliziert und f\u00fchrt mich nicht zu den gew\u00fcnschten Resultaten in Zahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles zusammenzutragen, \u00fcber Jahre hinweg, hat mich extrem viel Zeit und Energie gekostet und meine eigene Zeit empfinde ich ja als h\u00f6chst kostbar, im Grunde unbezahlbar. Aber ich habe sie da nicht gez\u00e4hlt und w\u00e4re sie in dem Moment kostbar, wenn ich sie zugleich z\u00e4hlte? All die Prozesse des Durchk\u00e4mmens, Aussortierens, Verwerfens, Reflektierens. Die Arbeit selbst mit meinen eigenen H\u00e4nden, in der ich nichts anderes tat als eben zu kreieren, und nicht zuletzt all die noch kommende Zeit: Unsere Pr\u00e4senzzeit in der Ausstellung, meine Fahrten dorthin und wieder zur\u00fcck. Und doch kann ich keine gemachten oder noch kommenden Autokilometer in die Kalkulation einbauen oder eine Gegenrechnung aufstellen, was ich in dieser Zeit verdiente, wenn ich einer anderen Arbeit nachgehen w\u00fcrde. Das ist m\u00fc\u00dfig. Ich konzentriere mich daher einzig auf die Situation selbst und darauf, welche Art von Besuchern kommen k\u00f6nnte und was ein solch potentieller K\u00e4ufer bereit w\u00e4re zu zahlen, wenn ihm etwas zusagte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kalkulation und Preiser\u00f6rterung darf mich in meinem Arbeitsfluss nicht st\u00f6ren. Diese Gedanken sind nicht richtig. Es ist irgendwann auch nicht mehr richtig, in die Schachtel zu schauen und zu kontrollieren, ob man nicht doch etwas vergessen hat zu ber\u00fccksichtigen. Die Dinge haben \u00fcbernommen und zeigen mir nach und nach, in welche Richtung es mit ihnen gehen soll. Ich f\u00fcge mich ihnen und gehe mit. An einem Tag w\u00fcnsche ich mir keinen Einfluss von au\u00dfen, sondern m\u00f6chte zur inneren Beruhigung eine wei\u00dfe Leinwand bemalen. Gesagt getan. Ich arbeite mit Acryl. Eine Hassliebe. Denn so schnell alles trocknet, so sehr hat diese Farbe gegen\u00fcber einer \u00d6lfarbe das Nachsehen. Sie ist nicht so edel, hat diese Tiefe nicht. Doch sie passt zu mir und meinem ungeduldigen Naturell. Zudem habe ich kein Talent f\u00fcr die K\u00f6nigsdisziplin der \u00d6lfarbe. Andere haben das und gut ist, wer es rechtzeitig erkennt und das f\u00fcr ihn Richtige w\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin mittendrin. Ich jongliere und sp\u00fcre meine Beine nicht mehr. Es ist wie es ist und mir ist alles egal. Es kommt noch immer zum Essen das auf den Tisch, was auf den Tisch kommt. Der Geschirrsp\u00fcler f\u00fcllt sich, derweil der K\u00fchlschrank sich leert. Einen Lebensmittelladen zu frequentieren kommt nicht in Frage. Ich m\u00f6chte niemanden sehen und mit keinem kommunizieren. Ich versage mir den Computer und das Checken von Emails. Ich habe das Handy ausgeschaltet, ich funktioniere wie ein Roboter. Aufstehen, Tee machen, zu meinen Gegenst\u00e4nden gehen, die wie Magnete auf mich wirken. Dann widme ich mich ihnen. Hei\u00dft, ich analysiere, bessere nach, sodann gehe ich an neue. Also erkunden, untersuchen, ausprobieren und zusammenstellen, kleben, bemalen, kratzen, formen, spachteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Launen kommen und gehen, und sie wechseln rasch. Von Begeisterung und Staunen bis zum \u00e4rgerlichen Fluchen \u00fcber Misslungenes, vom Ratlosen bis zum Scharfsinn oder Vorfreude, alles ist m\u00f6glich in einer einzigen Minute. Diese Gef\u00fchle rasen in mir, Gedanken gehen mir durch den Kopf oder gar keine, w\u00e4hrend ich stundenlang an etwas feile und anstreiche. In mir ist Schwung und Zuversicht und ich mag, was ich gerade tue. Ich mache mich gef\u00fcgig, gebe etwas auf f\u00fcr etwas anderes. Es ist ein Rahmen, den ich mir hier geschaffen habe, der nicht sprengen wird. Ich werde nicht das Allerletzte aus mir herausholen m\u00fcssen, habe nicht vor, Nachtschichten einzuplanen, m\u00f6chte wohl eher gem\u00e4\u00dfigt und besonnen abschlie\u00dfen. Das ist mein Naturell. Die Tage bis zur Ausstellung sind z\u00e4hlbar geworden. Ich erwarte keine Krise. Ich empfinde mein Tun als erf\u00fcllte Zeit, als den reinen Luxus. Dieses tempor\u00e4re Atelier mein Spiel. Ich werde schon in wenigen Wochen alles aufger\u00e4umt haben. Wenn G\u00e4ste zu mir kommen werden, wird nichts mehr darauf hinweisen wie verw\u00fcstet es hier derzeit aussieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mache zurzeit, was ich machen m\u00f6chte, aber nicht muss. Das f\u00fchlt sich wie ein weiteres Geschenk an. Steht eigentlich mein Ruf auf dem Spiel? Nicht wirklich. Sind andere finanziell darin verstrickt? Nein. Das Risiko trage ich alleine und der Preis, den ich zahle ist nicht besonders hoch. Lu tr\u00e4gt ihren Teil alleine f\u00fcr sich. Sie sagt mir, dass sie zufrieden ist. Wir freuen uns auf das Bevorstehende. Lu betont zudem, wie wichtig es doch war, diese lange Zeit vor uns gewusst und dennoch dieses konkrete Datum in der Agenda stehen gehabt zu haben. Ich kann ihr nur beipflichten. Wir haben uns dieses Datum gesetzt, aber auch unser Wort gegeben. Und wir haben uns Zeit gelassen, um alles in Ruhe zu planen, zu durchdenken. Wir nennen es jetzt beide ein Spiel. Ein Spiel, dessen Regeln wir aufgestellt haben. Es ist inzwischen \u00fcber ein Jahr her, seit diese Idee ausgesprochen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin mit den \u201eCoocooningen\u201c noch immer nicht zufrieden. Doch ich m\u00f6chte keinesfalls auf sie verzichten. Das goldene St\u00fcck ist soweit gut, bis auf die Tatsache, dass es aus der Reihe tanzt, als h\u00e4tte es mit den anderen Vieren nichts gemein. Aber das ist nicht richtig. Ich bin etwas ungl\u00fccklich \u00fcber diesen visuellen Unterschied. Diese Samen geh\u00f6ren alle zusammen, auch wenn dieser mit seinem Goldglanz beeindruckt und die anderen mit Stoff und Garn eingeschn\u00fcrt sind. Die anschlie\u00dfende Verkleisterung und Bemalung hat ihnen gutgetan, auch wenn ich es urspr\u00fcnglich anders vor meinem geistigen Auge sah. Die Sachen machen seit L\u00e4ngerem, was sie wollen und ich f\u00fchle mich gelegentlich wie ihr Sklave, der gehorcht, wonach sie rufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich befasse mich immer wieder mit diesen \u201eCocooningen\u201c. Ich erg\u00e4nze den Werktitel mit \u201eFamilienkonstellation\u201c. Dann \u00e4ndere ich ein letztes Mal ab und beschlie\u00dfe, sie endg\u00fcltig in: \u201eFamilienaufstellung: \u201eCoocooninge\u201c zu taufen. Ich m\u00f6chte die Arbeit zur Seite stellen, doch auf einmal beginne ich diese Familie umzustellen, mich in diese \u201eCoocooninge\u201c hineinzuversetzen und zu hinterfragen, was diese Familienaufstellung bedeuten soll. Was, wenn man auf die Idee kommen k\u00f6nnte, dass ich mich als das goldene St\u00fcck sehe? M\u00fcsste ich mich rechtfertigen? Dar\u00fcber hinaus sehe ich keineswegs mich. Ich schweife gedanklich ab zu anderen Familien und sehe durchaus, dass man auf den ersten Blick das goldene Einzelst\u00fcck hervorhebt als eine Maxime, als das Beste, das Einzigartige. Doch ist es das Beste? Oder handelt es sich um einen Stellvertreterplatz, an dem jeder einer Familie mal seinen Platz hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit beginnt in mir zu arbeiten und ich setze mich meinen Gedanken aus. Vieles, was ich denke, ist falsch und ich m\u00f6chte es anders sehen, nur wie? Ich kann keine Anweisung hinzuschreiben, wie man diese Arbeit zu verstehen hat. Das ginge zu weit und w\u00e4re ebenso richtig. Ich gehe nochmals meine Familie durch und es f\u00e4llt mir wie Schuppen vor den Augen, dass doch jede und jeder Einzelne von uns just dieses Goldst\u00fcck ist. Denn Gold meint hier nicht etwa besser, sondern anders. Und jeder einzelne unterscheidet sich grundlegend vom Anderen. Keiner ist wie meine Mutter. Keiner wie mein Vater. Keiner wie die eine und erst recht nicht wie die andere Schwester. Somit ist jeder besonders, vor allem, wenn er gesondert betrachtet wird. Ich bin auch anders und ich vers\u00f6hne mich allm\u00e4hlich. Diese Arbeit hat mich zu Gedanken gef\u00fchrt, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Sie hat mich zu einer, vielleicht banal anmutenden, und doch einer kleinen Erkenntnis gebracht. Zumindest konnte ich durch die Identifizierung etwas deutlicher erkennen, was ich eigentlich wei\u00df, aber sich bisher nicht in dieser Form gezeigt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ergeht es mir mit anderen Objekten nicht un\u00e4hnlich. Sie zeigen mir etwas auf, lassen mich etwas hinterfragen, bohren nach, auf was ich hinauswill. Sie verm\u00f6gen etwas zu entschleiern. Sie verbergen auch meinen Humor nicht. Sie lassen mich in etwas Vergangenes schauen, schwemmen Erinnerungen nach oben, die l\u00e4ngst vergangen schienen. Sie verkleiden sich in neue Formen, um mir etwas Uraltes zu verdeutlichen. Sie stellen sich dar, entschl\u00fcpfen aus ihren Quellen und \u00fcberzeugen mich, dass es ihnen nie anders wohler war als in dieser neuen Form. Ich habe Respekt vor diesen St\u00fccken, die manchmal anordnen \u00abbis hierhin und nicht weiter\u00bb. Ich bin jedes Mal, sobald alle Korrekturen gemacht sind, ein Werktitel vergeben ist, ungemein erleichtert und versp\u00fcre von einer Sekunde zur n\u00e4chsten kaum einen Drang, mich nochmals an die Arbeit zu machen. Ich habe auch keine Lust mich in den Erzeugnissen zu suhlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bisher dachte ich, dass ein K\u00fcnstler ein Grundthema mit sich herumtr\u00e4gt und es in physische Arbeiten \u00fcbersetzt. Oder dass er allenfalls ohne Plan immer wieder auf seine Kernfrage zur\u00fcckf\u00e4llt und dass sie sich dann variantenreich als ein Grundmotiv durch sein Werk zieht. Oder dass die Werke seine Seele, wie sie zur Zeit der Schaffung ist, offenlegen. Kurz, dass das in ihm Getriebene nach au\u00dfen quillt. Dass so l\u00e4ppische Objekte wie die \u201eCoocooninge\u201c selbst in einen Dialog mit mir treten, mich aufsuchen, mich zum Nachdenken bringen w\u00fcrden, hatte ich nicht auf meinem Radar. Sie entflammten einen Gedanken, liessen mich gr\u00fcbeln, um mich am Ende vers\u00f6hnlich zu stimmen. Die Form trat in diesem Fall auch hinter das Erlebnis zur\u00fcck, das sich nicht einen neuen physischen Weg bahnte, sondern in der Gedankenwelt bei mir blieb. Die Form und was die Objekte darstellen, wurde unwichtig, da ich eine Lehre f\u00fcr mich herausziehen konnte. Die Objekte sind zur verlorenen Gussform geworden. Die Transformation fand nur vermeintlich \u00e4u\u00dferlich statt. Faktisch ist aber alles, auch hier, haupts\u00e4chlich eine innere Angelegenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSieben Tage am Meer\u201c entsteht pl\u00f6tzlich, lustvoll, und wie von selbst unter meinen H\u00e4nden, nachdem ich das Ger\u00fcst als f\u00fcr nicht umsetzbar erkl\u00e4rt und zur Seite gelegt habe. Doch die sieben Korallen und Fundst\u00fccke vom Meer finden wie von alleine ihren Platz in dem kleinen Borstenschlitz und ich bin \u00fcbergl\u00fccklich sie alle dort verstaut zu sehen, als w\u00e4ren sie dort zuhause. Sieben St\u00fcck haben Platz und was ist alles in einer Woche am Meer m\u00f6glich? Die Welt kann zusammenbrechen. Eine neue Liebe kann entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stelle w\u00e4hrend meines Arbeitens fest, dass ich eine Bewunderung f\u00fcr bestimmte Materialien hege. Wahrscheinlich gepr\u00e4gt von dem, was mir bisher begegnete, was auch meiner angelegten \u00c4sthetik entspricht, und worauf ich einst ansprach, vertiefte ich diesen Gesamteindruck, indem ich jetzt \u00c4hnliches, Erg\u00e4nzendes, Verwandtes aufsp\u00fcre und mir zu eigen mache. Nicht immer geschieht die \u00e4sthetische Pr\u00e4gung rein willentlich, indem ich bestimmte K\u00fcnstler verfolge, deren Kunstmonografien ich kaufe oder durch deren Ausstellungen ich gegangen bin. Viel \u00f6fters lasse ich mich wie beil\u00e4ufig finden. Eine Inspiration, bin ich \u00fcberzeugt, l\u00e4sst sich nicht planen, nicht erzwingen. Einen guten Rahmen zu schaffen f\u00fcr die Befl\u00fcgelung ist in meinem Fall das Flanieren an den Sachen vorbei, die mich dann von der Seite einnehmen d\u00fcrfen, wenn sie stark genug sind, um sonach in mich zu gehen. Die Begeisterung f\u00fcr ein Material verwandelt sich bei meiner Ann\u00e4herung in Bewunderung, Verzauberung. Je mehr ich damit arbeite, desto mehr komme ich dem Material n\u00e4her. Ich gerate dabei auch an meine Grenzen, muss das Material \u00fcberwinden oder annehmen und mit den vorliegenden Begebenheiten mitgehen oder irgendwie klarkommen. Ich verfremde, damit es sich mir auf neue Weise erhellt. Ich breche auf, damit die Gegenwart sich offenbart. Ich gehe dem Erbe nach, das ein Gegenstand mit sich herumtr\u00e4gt, indem ich mich an ihn h\u00e4nge mit dem, was ich mitbringe und was mir in einem Augenblick zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Widerstand bleibt erneut nicht aus. Eine Farbe zerflie\u00dft zwischen den Steinfalten. Das Holz m\u00f6chte nicht brennen. Das Blattgold h\u00e4lt nicht. Der spontane Exkurs zur \u00d6lfarbe macht mich ungeduldig. Die Farbe will nicht trocknen, ich aber m\u00f6chte mein Wolkengebilde beenden. Die getrocknete Acrylfarbe hingegen ist noch viel matter als ich dachte und ich \u00fcberlege, mein Atelier zu verlassen, um Firnis zu kaufen und somit die erw\u00fcnschte Tiefe und gl\u00e4nzende Oberfl\u00e4che zu bekommen. Den Kleister habe ich eine Spur zu fl\u00fcssig angemacht. Der \u00dcberlack geht auf einmal aus. Pinsel um Pinsel verliert Form, wird steif, weil ich vergessen habe ihn ins Terpentin zu tauchen. Gleichwohl darf ich Frust nicht aufkommen lassen. Das Spiel, das mal ernsten, mal berauschenden Charakter hat, darf nicht unterbrochen werden. Ich muss wachsam bleiben, meine H\u00e4nde koordinieren. Dar\u00fcber nachzudenken, dass eine dritte, vierte, f\u00fcnfte Hand mir sehr dienlich w\u00e4re, ist absurd und doch belagern mich regelm\u00e4\u00dfig solche Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00e4rgere mich, weil ich der Verk\u00e4uferin, die einen Leim f\u00fcr mich aussucht, dumme Fragen stellt. Ich m\u00f6chte ihr nicht antworten, wenn sie wissen m\u00f6chte, woran ich arbeite. Ich bin ihr gegen\u00fcber misstrauisch. Wir mustern einander kritisch. Auf der Zunge liegt \u201eDas geht Sie nichts an\u201c und doch ist mir auch bewusst, wie verwildert ich f\u00fcr sie im selben Moment aussehen muss. Mit meinen ungemachten, seit Tagen nicht gek\u00e4mmten Haaren. Mit meinen verdreckten Fingern, dem verbeulten T-Shirt, denn umziehen mochte ich mich f\u00fcr den Baumarkt nicht. M\u00f6glich, dass ich heute das Deo vergessen habe und ihr wie ein au\u00dferirdisches Wesen vorkomme. Die Skepsis ist von ihrer Seite deutlich sp\u00fcrbar. Ich nehme mich daher zusammen. Ich erkl\u00e4re, leicht abstrahiert, was der gew\u00fcnschte Leim leisten soll. Sie arbeitet mit einer Tabelle. Es ist nicht leicht in meinem Fall, da ich Schweres auf Leichtes kleben m\u00f6chte, dazu ist nichts flach und es muss f\u00fcr mich rasch gehen. Ich ben\u00f6tige au\u00dferdem viele Kleber f\u00fcr allerlei Sachen. Wir kommen nur langsam in unserer Kommunikation voran. Ich mache ihr klar, dass ich nicht stundenlang andr\u00fccken, keine Tage warten kann bis zum n\u00e4chsten Schritt. Sie ist \u00fcberfordert, \u00fcberreicht mir eine Handvoll Kleber. Am Ende wird die Buddha-Figur trotz teurem Einkauf eine Herausforderung sein, und das Bekleben mit den gro\u00dfen Steinen wird sich wohl bis zuletzt hinziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vertraue meinem Instinkt. Mein Auge korrigiert, die Hand gehorcht. Manchmal ist die Schulung andersherum. Ich staune, wenn ich beim zuf\u00e4lligen Vorbeigehen feststelle, wie die Objekte harmonieren und den Eindruck vermitteln in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang zu stehen. Vielleicht wird hier mein momentaner geistiger Zustand visuell aufgespannt und blo\u00dfgelegt, vielleicht werden Grundsteine gelegt f\u00fcr eine Reise in die Zukunft. Wie selbstverst\u00e4ndlich arrangiere ich Bestandteile, die zueinander m\u00f6chten. In den meisten F\u00e4llen ist es das Material selbst, das mich aus sich heraus von meinen Gedankeneskapaden zur\u00fcckh\u00e4lt, eigentlich sogar zu erden vermag. Das Material ist oft die Ausgangsbasis. Es ist auch das, was bleiben wird. Ob ich es ver\u00e4ndere, kombiniere oder anders aussehen lasse. Am Bleibenden des Materials kann ich mich halten, von dort meine Unternehmung beginnen und dorthin von der Reise zur\u00fcckkehren. Das ist seltsam tr\u00f6stlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuf\u00e4llig entdecke ich eine weitere Schachtel mit neuen Inhalten, die meine Situation kurzerhand durcheinanderwirbelt. Die schweren, Messing farbenen Bolzen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich will mit ihnen etwas machen, aber sie verweigern sich einer Zusammenarbeit. Diese St\u00fccke sind schwer und ich studiere die Klebeeigenschaften all der Kleber, die ich am Ende gekauft habe. Ich nahm noch ein paar mehr, als die empfohlenen, sodass alles, was die Verk\u00e4uferin dazu erkl\u00e4rt hatte, hinf\u00e4llig wurde, da alles durcheinander ist. Ich muss alles selbst nochmals durchgehen, ausprobieren, scheitern. Meine Finger kleben einmal mehr. Der Leim verfl\u00fcssigt sich und just der Kleber, der sich am besten bew\u00e4hrt und widerlich nach altem Fisch riecht, geht viel zu rasch aus. Ich bin nicht sicher, ob er bis zum Ende dieser Tage ausreichen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein k\u00fchler Morgen. Ich bin fr\u00fcher wach als sonst und ich lasse meine Arbeit bewusst auf der Seite liegen. Ich bin etwas matt. Ich habe das Gef\u00fchl mich im Kreis zu drehen. Ich muss mich dennoch unbedingt davor sch\u00fctzen, nicht den Dreck, den ich gemacht habe, aufzur\u00e4umen, denn das raubt wertvolle Zeit. Ich muss mich fokussieren auf das Tun und weder reinigen, noch gr\u00fcbeln. Ich vertraue auf die Natur und widme mich an diesem Morgen dem Wolkenspiel. Ich genie\u00dfe meinen Tee. Vogelgezwitscher begleitet meine Meditation. Trotz der noch leichten K\u00fchle vermag ich nicht zu frieren. Denn in meiner Haut ist bereits die brennende Sonne des Nachmittags zugegen und gespeichert von den Vortagen, die den Temperaturunterschied aufzufangen mag. Ich nehme einen Bildband zur Hand und schweife mit den Augen durch die Texte und Bilder, aber ich bin zerstreut. Der erwachende Morgen wirkt dennoch allm\u00e4hlich st\u00e4rkend. Er stellt meine Gedanken ab. Ich finde in diesen ersten Tagesstunden eine innere Ruhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte den Tag nicht vergeuden, aber ich bin bereit, es heute dennoch zu tun. Trotz Planung. Trotz der Unordnung. Trotz meines Vorhabens, jeden Tag bis zur Ersch\u00f6pfung zu nutzen. Ich erinnere mich mit mir vereinbart zu haben, dass ich nicht vorhabe mich zu kasteien. Als ich ins Hausinnere trete, um mir ein K\u00e4sebrot zu machen, f\u00e4llt mein Auge auf die herumliegenden Bolzen, dann auf einen Schleifstein, sonach auf ein St\u00fcck Holz. \u201eElemente\u201c denke ich kurz und knie zu den Sachen herunter. Holz, Metall und Stein. Ich staple, balanciere und ich wei\u00df, wie die Arbeit aussehen wird und dass ich sie f\u00fcr mich behalten m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit ist einmal mehr eine faszinierende Angelegenheit. W\u00e4re man mit mir hineingegangen und Zeuge der Entstehung von diesem St\u00fcck gewesen, man k\u00f6nnte es f\u00fcr eine fl\u00fcchtige Arbeit, eine Spontan-Bildhauerei halten. Doch wie viele Jahre haben diese Bolzen in der Schachtel gelegen, getragen von einem Vertrauen von mir, ohne die Ahnung von deren Geschichte, ohne Erkundung der Form, ganz ohne Zweck. Sie waren einfach da. Auch das Holz war schon eine l\u00e4ngere Zeit bei mir und erst in diesem Sommer hatte ich den Mut die sch\u00f6ne Pr\u00e4gung zu \u00fcbermalen und f\u00fcr immer verschwinden zu lassen. Der Schleifstein wiederum war einer von einer ganzen Gruppe, die ich aus einem unw\u00fcrdigen Umfeld gerettet habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich arbeite an meiner Werkliste. Inzwischen ist alles abgemessen. Die Materialien recherchiert und angef\u00fcgt. Die Liste ist erst von Hand auf ein paar losen Bl\u00e4ttern notiert. Ich habe neunundsiebzig Objekte geschaffen. Manche sind aus Launen entstanden, viele sind nur sehr klein in der Gr\u00f6\u00dfe. Einige haben mich Zeit und Kraft gekostet. Es gibt Werke dabei, die eigensinnig sind und die schwer zu verkaufen sein werden. Zwei m\u00f6chte ich ohnehin als unverk\u00e4uflich deklarieren, und ein paar Sachen w\u00fcnsche ich insgeheim wieder zu mir zur\u00fcckbringen zu k\u00f6nnen. Manche fallen einem sofort ins Auge und die \u00c4sthetik ist offenbar. Bei anderen wiederum muss man erst suchen, bis man etwas findet, das im klassischen Sinn lieblich, formsch\u00f6n, eigen anmutet. Ziel ist und war es nicht, vorwiegend sch\u00f6ne Objekte zu schaffen, die jedem gefallen sollen. Doch diese Entscheidung traf ich ebenso wenig wie es auch kein Plan war unbedingt Eigensinniges zu schaffen. Die \u00c4sthetik resultierte aus dem Schaffensprozess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe im letzten Moment darauf verzichtet diejenigen Werke zu zeigen, die mich verunsichern. Sei es durch deren Form oder sei es, weil sie nicht ins Gesamtbild passten. Ich habe auf Papierb\u00f6gen die Objekte in der Ausstellung platziert, habe Themen gesucht, \u00fcberlegt wie ich alles pr\u00e4sentieren m\u00f6chte, vorwiegend lediglich im Ansatz und als Skizze. Denn zu gut wei\u00df ich, dass ich vor Ort noch improvisieren werde m\u00fcssen. Das Schwierige ist mitunter das Kopflastige. Aus dem Atelier herausgehen, in die Ausstellungsr\u00e4ume hinein und vor mir sehen, wie es da aussieht, wo was einen Platz bekommen k\u00f6nnte, w\u00e4hrend anderes bereits steht oder h\u00e4ngt. Ich habe nur vage Vorstellungen von den R\u00e4umen und deren Gr\u00f6\u00dfen und das beunruhigt mich etwas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Lu werde ich jedenfalls nicht in die Quere kommen. Wir haben andere Dinge vor und wir werden uns wunderbar erg\u00e4nzen. Auf eine eher heterogene Art und Weise und doch auch harmonisch. Wir reden nicht viel am Telefon. Wir besprechen das N\u00f6tigste. Lu ist f\u00fcr das Technische zust\u00e4ndig, ich f\u00fcr das Wort. Ich schreibe den Text, der mir leicht von der Hand geht. Ich kenne Lu und das ist ein Vorteil. Mich selbst muss ich schreibenderweise erst erkunden, denn dies ist das erste Mal, dass ich auf diese Weise aus mir heraustrete. Es f\u00fchlt sich f\u00fcr mich nicht unnat\u00fcrlich an und doch muss ich mir vor Augen halten, wie mich Dritte lesen, auch diejenigen, die bisher nur andere Seiten von mir kannten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich durch die Werkliste gehe, sehe nur ich, was sich wie gef\u00fcgt hat. Was in allerletzter Sekunde auf die Liste kam, was etwas anderes verdr\u00e4ngt hat. Ich wei\u00df, was hinter einer Arbeit steckt, sei es physisch oder metaphysisch, ich sehe das Dar\u00fcber-Schwebende und das Geheimnisbergende. Ich kann in meinen Werktiteln Botschaften hinterlassen oder Hinweise angeben, aber ich kann nicht alles preisgeben und darum geht es auch nicht. Ich m\u00f6chte weder entweihen noch mit zu viel Text die Leichtigkeit nehmen. In der Ausstellung selbst werden neue Faktoren hinzukommen. Die Objekte werden in einer Wechselwirkung stehen, sich voneinander abheben oder ihre Wesensverwandtschaft aufdecken. Raum, Licht, die Pr\u00e4sentation werden nicht unerheblich in sie hineinwirken, und nicht zuletzt wird der Besucher selbst auf seine eigene Interpretation nicht verzichten wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist so angelegt in Form, Bezeichnung und Massangaben, dass ich schmunzeln muss. Die Titel lesen sich wie Chiffren, die auf dem Pfad des Mysteri\u00f6sen liegen und die einladen, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, vielleicht zu staunen. Gefl\u00fcgelte Giraffe vor W\u00fcrfel. Das bisschen Schwein. G\u00e4nsehaut, vor\u00fcbergehende. Bonjour. Glockenwurm. Copperfields. Nike im Sparmodus. Landscape IV. Taschenmaschen. Ereignis anno dazumal. Alle meine K\u00fche. P\u00fcree: Him-, Brom-, Erdbeere. Ringeltanz. Wolke no. 7 (tempor\u00e4re Adresse). Katzentagebuch. W\u00e4lder. Treibende. Mutter und Kind. Paulina, ich mal dir einen Poliakoff! Take five. Jazz trio. Tic Tac Toe. Poetree. Der rote Faden: Glaube. Der rote Faden: Wissen. Vor der Massage. A Zipfl Zehner. Ton in Ton. Komposition mit Druckplatten und einem Ast. Ungleiches Paar. Auslaufmodell. Steckfigur. Ins Gewicht gefallen. don\u2019t worry. Sieben Tage am Meer. Bum Zeispiel (hart). Bum Zeispiel (soft). Trostpreis. It\u2019s tea time, Darling! luschen laschen. Arbeitskreise. More Jazz. zipfelehrlich + zahnradtreu. Buddha, stoned. Wald. Dulden Varianten. Heute. Verehrte Gemahlin. Wenn ich mal&#8230; Und der Haifisch, der hat Z\u00e4hne&#8230; Geliebter Gatte. Oh, Tannenbaum. Vertraue. Elemente. W\u00e4lder. Nierensch\u00e4lchen mit Leberfleck. Fr\u00fchlingsgedichte. Ich habe R\u00fccken. Dinner: Achate im Dialog auf goldenen L\u00f6ffeln. Der Beginn einer Sammlung&#8230; Weisheit in Sicht. F\u00e4nger kreisender Gedanken. Als das Schaukeln noch Programm war. Lesezeit. Karneval der Tiere. Zerknuspert. Die mit den betont sch\u00f6nen Stellen. Anmutige Meerlinge. Kapselwarme Objekte. Als der Mond anschwoll, fanden sich zwei K\u00f6rper. Ruhigsteller. Island. Eine Erhabene. K\u00f6nigin und K\u00f6nig. Familienaufstellung: Coocooninge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem alles versorgt ist und im Kopf angedacht, wie ich es in etwa ausstellen m\u00f6chte, muss ich jedes einzelne Teil fotografieren und in die Werkliste aufnehmen. Solche Aufgaben werden zeitlich gerne untersch\u00e4tzt. Auch wenn sie weniger kreativ erscheinen, so sind sie doch Bestandteil des Ganzen und somit wichtig. Man vergisst angesichts der Feier, die eine Ausstellung mit sich bringt, dass vom Fadenund Nagelkauf, von der Wahl der Schriftart f\u00fcr die Werkliste bis zum Arrangieren der Gegenst\u00e4nde f\u00fcr ein Foto alles relevant ist. Dies der Grund, warum ich solcherlei nicht bis zur letzten Minute aufschiebe und diesen Aufgaben die Aufmerksamkeit schenke, die ihnen geb\u00fchrt. Kreativit\u00e4t hin oder her. Vielleicht im Gegenteil. Ich versuche mich hinzugeben und einzutauchen, um nicht an mir vorbeiziehen zu lassen, woran ich Teil haben kann. Egal, wie unwichtig eine Aufgabe erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wochen sp\u00e4ter \u00fcberrascht es mich nicht, dass mein Auto, ein alter Combi, bis auf den letzten Zentimeter vollgepackt ist. Ich fahre durch die herbstliche Landschaft und die Sonne scheint. Sicherheitshalber lasse ich mich von der Navigationsdame leiten. Meine Laune ist stimmig und ich kann es kaum erwarten dort zu sein und Lu endlich zu sehen. Eine tiefe und doch lose Verbindung hatten wir in der letzten Zeit aufgebaut. Die Gedanken gingen hin zu ihr und von ihr zu mir. So wie ich Lu mit der einen oder anderen Idee \u00fcberraschen konnte, so tat sie dies auf ihrer Seite. Eine Zusammenarbeit, die nicht vieler Worte bedurfte, obschon wir einige Male telefoniert und uns auch schriftlich ausgetauscht haben. Die praktischen Sachen waren relativ klar, alles andere war gegenseitige Inspiration, Befruchtung, Erg\u00e4nzung. Teamwork, das dadurch besonders harmonisch ist und somit wenig Energie abverlangt, weil jede ihr Ding im Griff hat. Dies geschieht, wenn sich beide Parteien ihrer Sache klar sind und man lediglich vereinbaren darf, was man mit der gemeinsamen Schnittmenge macht oder welche Stellen nicht zusammenkommen k\u00f6nnen. Manchmal sollen sie auch nicht, denn bei uns ging es nicht um eine Verschmelzung, sondern an der gemeinsamen Erfahrung ganz verschiedener Leben anzukn\u00fcpfen, im weitesten Sinne um die Nutzung der sich ergebenden Synergien und den Gewinn daraus. Was uns, finde ich, bereits gelungen ist, angesichts der Leichtigkeit, die ich bei diesem Unternehmen versp\u00fcre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufbau ist wie ein neuer Rausch. Wir arbeiten konzentriert und w\u00fcrde ich die Schritte, Stufen und Stunden z\u00e4hlen, die ich beim Herumgehen durch die R\u00e4ume mache und verbrauche, ich w\u00fcrde mit dem Rechnen nicht nachkommen und jeder Fitnesstrainer w\u00e4re zufrieden mit mir. Ich arbeite mit dem Tag, also mit dem Tageslicht. Ich wei\u00df, was ich bis am Nachmittag und ohne Kunstlicht gemacht haben m\u00f6chte. Ich sp\u00fcre, dass die Rast, die wir einlegen, nur kurz sein darf und dass ich mich an den technischen Problemen, vor denen ich stehe, nicht aufhalten lassen darf. Ich bin im Fluss und ich muss bei jeder Bewegung fokussiert bleiben. Meine H\u00e4nde, Beine, Augen und Gedanken werden bei jedem St\u00fcck, das ich behutsam auspacke auf Harmonie und Berechtigung befragt: wohin, wie und warum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Habe ich keine Antwort, lege ich die Arbeit behutsam zur Seite. Es gibt Antworten, die sich aus anderen, ihnen vorangegangenen Antworten speisen, auch hier. Ich muss geduldig sein, aber vor allem zuversichtlich. Es gibt einen Grund, warum gewisse Arbeiten es bis hierhin geschafft haben. Ich bin zwar bereit, Sachen aus der Werkliste zu streichen, aber dies ist nur eine Option, sollten meine Zweifel allzu \u00fcberzeugend sein. Im Moment handle ich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, Folie um Folie. Ich packe aus, gehe herum, platziere und r\u00e4ume das Verpackungsmaterial sogleich in einen gro\u00dfen Karton weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstaunlich wie sich gewisse Arbeiten wie von selbst zueinander stellen und andere sich solit\u00e4r hervortun. Wie in vermutlich fast jedem Kunstraum, ist auch hier zu wenig Platz f\u00fcr alles. Pro Raum nur sehr wenige Objekte oder gar nur eins auszustellen. Diese Formel ist stark und exklusiv. Sie wirkt steigernd. Etwas Prinzipielles, das den Betrachter mit seinen Sinnen und Wahrnehmungen herausfordert, ist dann gegeben. Der Bezug von ihm zum Objekt und zum Raum ist augenf\u00e4llig und die Erh\u00f6hung des Objekts durch die Singularit\u00e4t aller drei Gegebenheiten \u2013 Raum, Objekt, Subjekt \u2013 macht die Individualit\u00e4t umso sichtbarer, umso erfahrbarer. Das Unikale, das konzentriert und kostbar ist und das eine Begegnung m\u00f6glich macht. Gilt hier nicht. Ich br\u00e4uchte neunundsiebzig R\u00e4ume.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich muss improvisieren und mich auf die Bez\u00fcge der Arbeiten zueinander konzentrieren. Auch darf dabei der rote Faden nicht verloren gehen, n\u00e4mlich die gesamte Ausstellung als Einheit, als eine Gesamtarbeit aussehen zu lassen. Ich habe zwei mittelgro\u00dfe und zwei kleine R\u00e4ume, die ich bespielen darf. Es dominieren wenige Farben, viele Naturt\u00f6ne. Die farblich abgesetzten Bilder platziere ich vereinzelt in den mittelgro\u00dfen R\u00e4umen. Materialien, die gut harmonieren, stelle ich zueinander: Metalle, Steine, Holz, Pilze, Korallen, Papier, Porzellan und ein paar bemalte oder beklebte Naturleinw\u00e4nde. Die Harmonie ist da, doch die R\u00e4ume haben Grenzen. Ich muss viele Sachen, die ich r\u00e4umlich weiter auseinander geplant hatte, n\u00e4her zusammenr\u00fccken. Die lange Tischplatte wird zu einem Raum im Raum mit allerlei Objekten, die der Besucher betrachten wird wie eine Ansammlung von Kuriosit\u00e4ten in einer Auslage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lu ist gut vorangekommen und wir sitzen noch bei einem letzten Tee zusammen. Ich bin nicht unzufrieden, vielmehr etwas genervt, weil ich das Problem einer Aufh\u00e4ngung nicht l\u00f6sen kann. Die Art wie wir die W\u00e4nde benutzen d\u00fcrfen, ist strikt und eingeschr\u00e4nkt und ich komme an meine technischen Grenzen. Lu\u2019s Hilfe gibt mir ein paar Ratschl\u00e4ge wie er die Sache l\u00f6sen w\u00fcrde und mit dieser Idee sowie mit einem allf\u00e4lligen Plan B, falls es nicht funktionieren sollte, fahre ich hundem\u00fcde nach Hause. Am n\u00e4chsten Tag sollte ich wiederkommen und die Angelegenheit in Ordnung bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin fr\u00fch da und alleine. Ich beginne mit dem schwierigen Teil. Plan B habe ich dabei, doch es klappt. Ich k\u00f6nnte Freudespr\u00fcnge machen, denn ab jetzt kann nichts mehr schief gehen. Was ich montiert und platziert habe, steht richtig und die Gegenst\u00e4nde befinden sich bereits im Dialog, wenn ich alles nochmals pr\u00fcfe und ein letztes Mal zurechtr\u00fccke. Ich muss nichts entfernen, denn es ist nichts zu viel. Diese Entscheidung habe ich im Arbeitsprozess bereits getroffen und auf ein gutes Dutzend Arbeiten verzichtet, die mir nicht vollkommen, unfertig oder sonst wie st\u00f6rend vorkamen. Erstaunlich wie k\u00fchn ich mit solchen Entscheiden umgehen konnte angesichts der unz\u00e4hligen Unsicherheiten beim Machen selbst. Diesen Stein so oder anders kleben? Mehr Orange oder mehr Violett? Soll ich alles bemalen oder nur einen Bruchteil? Welches Motiv aus meinen Vorlagen ist das richtige?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vernissage beginnt mit einem guten Grundgef\u00fchl. Seit Monaten wei\u00df ich, was ich anziehen m\u00f6chte und wie immer bei solchen Vorentscheiden ist am Ende doch nie sicher, ob es vom Wetter passen wird oder ob man die entsprechende Laune und Lust mitbringt, es am Tag X tats\u00e4chlich zu tun. Ohne zu z\u00f6gern, stecke ich im besagten Kleid und mir ist wohl darin. Es ist weit geschnitten, kurz und knallgr\u00fcn in der Farbe. Der Eingangsbereich, der von Lu und mir ausgestattet wurde, ist ebenfalls gelungen. Wir haben hier B\u00fccher, wei\u00df bl\u00fchende Orchideen, einen Spiegel, Karten und andere Sachen platziert und im kleinen K\u00fcchenraum daneben stehen ein paar H\u00e4ppchen, Weingl\u00e4ser und ein riesiger Korb mit \u00c4pfeln f\u00fcr unsere Besucher. Die \u00c4pfel riechen so stark, dass sie beinah mit meiner Lavendel-Installation im ersten Stock konkurrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin inzwischen mehrere Male durch alle R\u00e4ume und Ecken gegangen, habe alles fotografiert und ich kann behaupten, dass alles steht und fertig ist. Ich bin im Grunde \u00fcberfl\u00fcssig geworden. Ich empfinde das Wort exponieren auf neue Weise. Nicht ich habe hier Exponate geschaffen, ich selbst f\u00fchle mich auf einmal exponiert. Die Objekte haben den ihnen zugeordneten Platz gefunden. Sie zu halten wird obsolet. Die St\u00fccke sind auf Sockel, am Boden oder an der Wand montiert und dass sie bereits unz\u00e4hlige Male durch meine H\u00e4nde gegangen sind, sieht man ihnen nicht an. Ich muss zur\u00fccktreten und es den Besuchern gleichtun. Beschauen, Vorbeigehen, die Konstellationen zur Kenntnis nehmen und den einen oder anderen Gedanken, der auffliegen m\u00f6chte, einfangen. Gef\u00fchle, die hochkommen vielleicht einsortieren, vielleicht blo\u00df gewahren, manchmal wom\u00f6glich vorbeiziehen lassen. Ich bin nicht darauf aus, schon jetzt Erkenntnisse ziehen zu wollen. Was ich gelernt habe, ist l\u00e4ngst verinnerlicht, auch ohne, dass ich hierf\u00fcr schon heute Worte finden m\u00fcsste. Mir ist klar, dass sie sich finden werden. Vielleicht vereinzelt, vielleicht erst nach Jahren. Ich muss erstmals eine Art Schlussstrich ziehen und der Reise, zumindest innerlich, ein schwaches Ende setzen. Ich m\u00f6chte mich nicht dem Sog ergeben, in dem sich alles zu dieser Kunst hinbewegt, von ihr weg und zur\u00fcck. Diesen Strudel w\u00fcrde ich nur ertragen k\u00f6nnen mit der Aussicht auf eine n\u00e4chste Ausstellung. Die aber steht derzeit in den Sternen geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigenartigerweise habe ich nicht besonders Lust meine Arbeiten zu erkl\u00e4ren und durch m\u00fcndliche Form begreiflich zu machen. Diese \u00dcbersetzung vom Machen, Gemachten zum Beschriebenen, das erfordert vielleicht ein eignes Konzept, das ich nicht bedacht habe und mir irgendwie zuwider ist. Als str\u00e4ubte sich etwas in mir, die Disziplinen zu vermischen, zu verw\u00e4ssern. Und doch ist es enorm wichtig, das eine oder andere zu benennen, die Hintergr\u00fcnde und Motivationen offenzulegen, hie und da auch auf die Technik hinzuweisen. Die Menschen erwarten das ein wenig von mir. Zwar sieht der kleine Turm aus Spitze aus als w\u00e4re es feinste Keramik und doch ist es gest\u00e4rkte Spitze aus altem Garn. Das kleine Bild, das meine Kinderkritzeleien offenlegt, h\u00e4ngt in einer Art Negativ und verr\u00e4t nicht seinen Ursprung. Diese Ur-Quelle muss derjenige jedoch kennen, der sich vom Bild angesprochen f\u00fchlt. Ich habe daher meine Originalzeichnung als Beweisst\u00fcck bereitgelegt. Manchmal muss ich erl\u00e4utern, woher ich einen Gegenstand her habe oder auslegen wie ich auf gewisse Ideen gekommen bin. Das ist alles erm\u00fcdend und bereits beim zweiten Erz\u00e4hlen weniger erquickend als beim ersten Mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich das die n\u00e4chsten Tage noch unz\u00e4hlige Male tun muss, wird mir das mehr Energie rauben als dass es mir welche zuf\u00fcgt. Aufmerksamkeit und Zuspruch ber\u00fchren mich zwar, aber am liebsten sind mir die stillen Besucher. Solche, die diesen kleinen Ausschnitt meines Universums annehmen und Antworten oder Anregungen in den Titeln der Werke finden und vielleicht mit ganz anderen Gedanken aus dem Haus gehen, als sie hineingegangen sind. Ich favorisiere jene Leute, die erst gar keine Fragen haben und wenn, dann nur unerwartete, beziehungsweise jene, die bisher nicht gestellt worden waren und es so schaffen, michzu verbl\u00fcffen, zu ber\u00fchren, weil sie sich n\u00e4mlich einbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen kommen zu uns zu Besuch, zumeist sind es Frauen, und jede bringt auch ihre eigene Geschichte mit. Das ist nicht zu untersch\u00e4tzen, diese Form von Energie, die sich in den R\u00e4umlichkeiten verstr\u00f6mt und die irgendwann im Gespr\u00e4ch bei mir und Lu landet und sich mit unseren Geschichten verflicht. Eine Freundin von Lu findet, dass die Menschen, jeder Mensch, h\u00f6chst interessant sei, wenn er ein bestimmtes Alter erreicht habe. Denn selbst die langweiligste Person habe inzwischen so viel erlebt, dass man von ihr lernen und mit ihr ein gutes Gespr\u00e4ch f\u00fchren k\u00f6nne. Ich bin einverstanden, doch dann kommt jemand, der die These verwirft. Ich m\u00f6chte ihn nicht kennenlernen, seine Geschichte ist mir zuwider, zu beliebig austauschbar, er ist mir unsympathisch, auch wenn ich zugleich dem\u00fctig bin davor, dass er es hierhergeschafft hat und ein gewisses Grundinteresse mitbringt. Er h\u00e4tte wahrscheinlich etwas Durchl\u00e4ssiges f\u00fcr mich \u00fcbrig, wenn ich es schaffte, mich ebenfalls zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Tage, da bin ich offen und neugierig auf jedes gesagte Wort und empf\u00e4nglich f\u00fcr jedes L\u00e4cheln. Ich k\u00f6nnte die Welt umarmen und bin dankbar, dass es mir so gut geht. Es gibt Tage, da m\u00f6chte ich mit Lu in der K\u00fcche oder vor dem Haus, das direkt am See liegt, Kaffee trinken und \u00fcber die Welt reden und mich nicht st\u00f6ren lassen. Meistens aber bewahre ich das Gef\u00fchl des Exponiert-Seins, komme mir ein wenig \u00fcberfl\u00fcssig vor und stelle fest, dass diese Ausstellung ein wunderbarer Ort ist und doch keine heilige St\u00e4tte, die alles, was nicht gut ist, abzuschirmen und mich zu sch\u00fctzen vermag. Es kommt mir ein wenig vor wie bestellt und nicht abgeholt worden zu sein, und bei gewissen Menschen sp\u00fcre ich deutlich, mich besonders nackt zu f\u00fchlen, mich dann verschanzen zu wollen. Vor den Fragen, vor den Kommentaren, vor deren Leben, die ihnen auf der Zunge liegen und die sich in den R\u00e4umen ausbreiten m\u00f6chten, bis zu den Hohlr\u00e4umen, die ein schlechter Kleber hinterlassen hat und die sich dort einnisten. Die Kunst schafft den Dialog herzustellen und oftmals \u00fcber die Kunst hinaus zu tragen. Es ist hier nichts hermetisch, nicht per se \u00fcberh\u00f6ht und mit Pathos \u00fcberzogen. Die Menschen sind noch immer Menschen. Aber manchmal gestehen Lu und ich uns ein, dass uns das vorbeifahrende Segelboot, das gerade am See vor unseren Augen majest\u00e4tisch passiert mehr fesselt als ein nett gemeintes Kompliment, das vielleicht tiefe Bewunderung ist, aber sich manchmal nur wie eine hohle Floskel anf\u00fchlt, etwas kalt ist, im Nachgeschmack leicht bitter, fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Bewunderung habe ich das hier keineswegs gemacht. Es ging schon immer um mich und darum, was ich mit den Entw\u00fcrfen, meinen H\u00e4nden und M\u00f6glichkeiten zu machen imstande bin und welche Stufen und welcher Natur die Lust nehmen k\u00f6nnte, und wie sich alles am Ende auspr\u00e4gen w\u00fcrde. Ich bin auf die Nebeneffekte aus und h\u00f6chst gespannt, was sich ereignen kann. Nicht aufgrund der Arbeiten, sondern der Tatsache an sich: dass ich n\u00e4mlich hier bin und eben all das geschaffen habe. In diesem Sommer. Aus den Schachteln heraus und in meinen vielen Exkursen, die damit zusammenh\u00e4ngen. Die Menschen sehen das etwas anderes. Sie ahnen nicht, was gestern war. Sie interpretieren wild, legen meine Person auseinander, f\u00fcgen mich auf Geratewohl zusammen, verwechseln etwas, vermischen mit ihren eigenen Erfahrungen, konstruieren, tr\u00fcben, verw\u00e4ssern. Ich lerne nach einer bestimmten Anzahl an R\u00fcckmeldungen, die mich bei fast jedem Besucher erreicht und die sich auch im Dialog mit Lu ergibt, hindurchzusehen und eine Art Metabotschaften daraus zu lesen. Denn viele S\u00e4tze, die hier formuliert werden, betreffen vorwiegend diejenigen, die sie aussprechen und nicht diejenigen, an die sie sich richten. Lu und ich sind, was unseren Austausch angeht, relativ einig. Wir deuten gut und fast fieberhaft. Die Gedanken fliegen hin und her. Wir sind da. Im Zwiegespr\u00e4ch, achtsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuweilen stellen wir fest, dass gewisse T\u00f6ne unsere Melodie in leichte Schieflage bringen, die es verm\u00f6gen an uns zu nagen und weiter er\u00f6rtert werden m\u00fcssen. Ich bin \u00fcberzeugt, dass es nicht allf\u00e4llige Verletzungen sind, die uns zu schaffen machen, sondern dass wir beide, wie wir hier unsere Rollen tempor\u00e4r ausgelegt haben, h\u00f6chst verletzbar sind. Die Freude und der Spa\u00df liegen so nah beim Schmerz, der sich pl\u00f6tzlich zeigen kann und als Bruchst\u00fcck auf dem kleinen Bistrotisch auf der Terrasse vor dem Haus liegt. Da sind wir, da sind die Exponate, und was bedeutet das angesichts der Welt und unserer Leben. Wenn ich \u00f6ffentlich aus einem Buch vorlese oder als S\u00e4ngerin ein St\u00fcck vortrage, mag das auf den ersten Blick exponierter erscheinen, doch nackt f\u00fchle ich mich da nicht. Denn sobald ich loslege, bin ich nicht mehr Ich, sondern Ich, die etwas liest oder durch die ein Musikst\u00fcck str\u00f6mt. Diese Transformation, oder vielmehr \u00dcbernahme, macht mein eigentliches Wesen im Moment des Akts verschwinden. Doch hier, in diesem Haus, da bin nur ich und wenn ich mich verschwinden machen m\u00f6chte, muss ich mich in Gespr\u00e4che verwickeln. Doch die sind heikel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBonjour\u201c wird spontan gekauft und ich bin begl\u00fcckt dar\u00fcber. Doch im selben Moment habe ich Bedenken. Ist die Arbeit gut genug ausgearbeitet? Was, wenn die Wandskulptur nichts ausstrahlen wird im neuen Zuhause? Was, wenn es mit den anderen Kunstarbeiten im Haus nicht standh\u00e4lt, sondern qualitativ abf\u00e4llt? Was, wenn sich die Wirkung verliert? Sobald das Objekt den Besitzer wechselt, kann ich in eine neue Beziehung mit ihm treten. Beim leisen Verabschieden kommen Unsicherheiten hoch. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, um an diesem Werk nochmals Hand anzulegen. Es hat, als ich die Arbeit aus dem Atelier entliess, die Pr\u00fcfung damals ja bestanden, und es darf keiner weiteren unterzogen werden. Denn das Objekt geh\u00f6rt mir ab dem Moment nicht mehr, in dem Moment, wo es jemand erworben hat. Beim Kreieren von \u201ebonjour\u201c haben mich viele sch\u00f6ne Gedanken begleitet. Ich m\u00f6chte mich daran erinnern. Gedanken der Vorfreude. Solche, die innere Gespr\u00e4che waren. Ich muss alles notieren, um sie beim Aush\u00e4ndigen der Arbeit mitzugeben. In diesem Fall m\u00f6chte ich das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bonjour ist vielleicht die kleinste Melodie. Zumeist zwei Noten liegen inne, manchmal drei, selten mehr. Die Noten heben sich, senken sich, comme ci comme c\u0327a&#8230;. Bonjour. Bonjour. Bonjour singt dir freundlich zu, es fl\u00fcstert z\u00e4rtlich, es ermuntert sanft, es k\u00fcndigt an, es frohlockt, zirpt anmutig, es vibriert un petit peu. Es nimmt dich wahr mit Respekt, direkt. Es \u00fcbermittelt mit einer Lebenslust, mit Flair, im Ansatz leicht, nicht ohne Verve. Bonjour. Der Tag kann kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tten allenfalls doch alle Arbeiten einen Begleittext bekommen sollen? Nicht als Erkl\u00e4rung, aber weil sie diese immaterielle Komponente innehaben? Ich m\u00f6chte nichts besch\u00f6nigen und nichts erl\u00e4utern und doch habe ich auch bei \u201eSieben Tage am Meer\u201c das tiefe Bed\u00fcrfnis, das Materielle mit der Sprache zu verflechten bevor diese Arbeit ihres neuen Weges gehen wird. Die Sprache ist oft in meinem Kopf. W\u00e4hrend meiner Handt\u00e4tigkeit, danach in der Betrachtung, einmal mehr im Denkvorgang. Sieben Tage am Meer: Seit jeher Fundst\u00fccken am Meer zugetan. Meine erste Sammlung war eine solche mit Fundst\u00fccken vom Meer \u2013 Muscheln, Steine, Bernsteine. Wobei sich hier der Kreis der Umwandlung und des \u201eobjet trouve\u0301\u201c schlie\u00dfen. Vieles ergibt einen Sinn. So sind die Sachen, die man macht, in der Reflexion zu einem geh\u00f6rend. Aber sie umspannen eine gr\u00f6\u00dfere Geschichte, die \u00fcber das Objekt hinausgeht. Es sind keinesfalls fremde Objekte, die blo\u00df hergestellt wurden. Sie sind geschichtlich verankert, befinden sich auf einer Durchreise. Und so passen sie gleichzeitig zu mir wie zu jemand anderem, bei dem etwas anklingt, sich in seine Geschichte f\u00fcgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommen Menschen hierhin, deren Erscheinen mich tief ber\u00fchrt. Sie inmitten meiner Arbeiten zu sehen, sind feierliche Momente, die mich dem\u00fctig machen. Dem\u00fctig davor, dass sie gekommen sind und Teil dieser Reise geworden sind. Ich teile das alles gerne und freue mich bereits an der Erinnerung, die diese Personen einschlie\u00dfen wird. Ebenso stimmt es mich traurig, all jene nicht hier zu wissen, die nicht kommen k\u00f6nnen. F\u00fcrwahr hat jeder seinen eigenen Grund nicht gekommen zu sein, und doch steigen gelegentlich Gef\u00fchle hoch, die mich verunsichern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mich manchmal, mehr aus einer Laune heraus, ob ich bei der n\u00e4chsten hypothetischen Ausstellung noch mehr Mut haben w\u00fcrde, mich einzuschr\u00e4nken. Eine Art Serie anzufertigen, die Materialien noch mehr auszusieben, mir einige Werkzeuge zu versagen, und stattdessen die Techniken einzugrenzen, kurz, mich zu reduzieren. W\u00fcrde dann trotzdem das Eklektische, das Heterogene stets Bestandteil von meinen Exponaten bleiben, ganz meinem Naturell entsprechend? K\u00f6nnte ich mir selbst beweisen, dass ich auch mit einem spartanischen Ansatz eine spannende Abwechslung in der einheitlichen Verschmolzenheit erschaffen k\u00f6nnte? Verkohlungen in allen Variationen. Partiell schwarz get\u00fcnchte Marmorbruchst\u00fccke. Vergoldungen, Schriften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit mit Marmor hat mir sehr behagt. Es war spannend, dieses por\u00f6se und doch feste Material zu bearbeiten. Zum einen, weil ich Achtung vor den Einzelst\u00fccken hatte, zum anderen, weil ich mit einem kleinen Pinselstrich alles zunichtemachen konnte. Allzu rasch floss die Farbe durch die Marmoradern und bahnte sich ihren eigenen Weg. Ich mochte auch die Arbeit mit Blattgold, das Tempo daran und vor allem die Verwandlung, die so viel \u00dcberraschung innehatte. Aber auch gefiel es mir, wenn Objekte aus der Natur ihre Urform bewahren konnten und meine Intervention lediglich eine subtile Erhebung und \u00d6ffnung sein durfte. Ich m\u00fcsste mit gewissen Erkenntnissen aus dieser in die n\u00e4chste Ausstellung gehen und das rein Spielerische anders gewichten, vielleicht mit mehr Ernst verbinden. Oder etwas erschaffen im Sinne einer gr\u00f6\u00dferen Ganzheit und somit einer klareren Botschaft, der man sich nicht entziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man nur rote Bilder malte, dann k\u00e4me wohl niemand aus der Ausstellung und k\u00f6nnte etwas anderes behaupten, als just die roten Bilder gesehen zu haben. Und selbst, wenn er hier gr\u00fcne vermissen w\u00fcrde oder blaue, er k\u00f6nnte diesen Fakt dem K\u00fcnstler weniger ver\u00fcbeln als lediglich zu konstatieren, dass dieser sich offensichtlich f\u00fcr die Farbe Rot entschieden hat. So ein Ansatz machte mich m\u00f6glicherweise weniger verletzbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieben Tage am Meer sind ans Meer gezogen. Bonjour und Adieu. Unbedeutend war diese Reise keineswegs. Auch wenn ich vieles, was bisher geschehen ist und gerade stattfindet, relativ leichtf\u00fc\u00dfig nehme. Ich wei\u00df nicht, wohin und ob es einen anderen Teil dieser Reise geben wird, wohin sie mich hinf\u00fchrt. Ich greife in eine Leerstelle in meiner Erinnerung. Es ist ein gehaltvoller Ort. Mir wurden Fl\u00fcgel geborgen. Ich sehe die gefl\u00fcgelte Giraffe vor mir, die einen abstrakten Kubus betrachtet. Ich sehe mich in ihr und wei\u00df um die zarten Schmetterlingsfl\u00fcgel, die ich ihr auf dem R\u00fccken angebracht habe. Ob sie hielten, wenn sie versuchen w\u00fcrde damit zu fliegen? Vielleicht ist dieses Abenteuer etwas in sich Abgeschlossenes. Gleichwohl m\u00f6glich, dass dies der Anfang von etwas ist, das ich nicht zu ahnen wage. Der Bogen dieser Perspektive ist vielleicht in einer der Schachteln geborgen. Das Atelier ist geschlossen. Ich bin offen. Que sera, sera. What will be, will be.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover-220x300.jpg 220w\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642\">Der Faden im Kopf<\/a>&#8222;. Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Irgendwann, ganz f\u00fcr mich war das, \u00fcberkam mich der Gedanke, was wenn doch. Was, wenn all die Ideen, die in meiner Inspirations-Box liegen, doch eines Tages verwirklicht werden? 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