{"id":92274,"date":"2023-05-29T00:01:03","date_gmt":"2023-05-28T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92274"},"modified":"2022-02-25T16:11:01","modified_gmt":"2022-02-25T15:11:01","slug":"vorbilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/29\/vorbilder\/","title":{"rendered":"Vorbilder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht man vom Wortgebilde Individuum aus, besagt dieses, dass das Individuum nicht teilbar ist. Das Anstreben der Teilung ist per definitionem also ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Doch Begriffsbildung hin, Philosophie her, die Praxis zeigt uns deutlich, dass wir das Individuum bei Betrachtung durchaus aus seiner Ganzheit heraus spalten, es st\u00fcckweise sezieren, gliedern, definieren und es je nach seiner Aktion beziehungsweise unserer Absicht erkl\u00e4ren. Die Erfahrung zeigt sogar, dass je individueller das Modell ist, desto eher tendieren wir zur Analyse und nicht zuletzt zum Vergleich mit unserer eigenen Identit\u00e4t. Dies ist mehr als verst\u00e4ndlich, denn jemanden zu erfassen, bedeutet, dadurch auch sich selber besser zu verstehen. So wie es einem leicht f\u00e4llt, sich durch die Augen des anderen zu betrachten. Ob die Spiegelung bewusst gew\u00e4hlt ist oder unbewusst vorhanden, ist zweitrangig. Die Zergliederung als solche, zum Beispiel in Kontexte, ist ma\u00dfgebend daf\u00fcr, ob und wie wir uns selber, einen anderen oder eine Sachlage begreifen. Je nach Absicht, kann es vorteilhaft sein, in seinem Leben Raum nicht nur f\u00fcr die Beobachtungen und Studien der anderen Individuen frei zu halten, sondern auch Platz f\u00fcr das ganz bestimmte, das Vorbild zu schaffen. Ein Vorbild ist im weitesten und abstrahierten Sinne eine Form in einer bestimmten Funktion, die uns durch die Definition Vorbild als Konstante dienen kann und an welcher wir uns messen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein f\u00fcr uns gut abgestimmtes Vorbild vorhanden und gefunden ist, sind auch die Wege zur Reflexion \u00fcber ihn, beziehungsweise \u00fcber ihn im Verh\u00e4ltnis zu uns, nicht nur \u00e4hnlich lang, sie sind ein St\u00fcck weit geebnet und das bedeutet eine rasche Auslegung von Differenzen und \u00c4hnlichkeiten, was wiederum die Ann\u00e4herung an das Vorbild vereinfacht. Es gibt zweifelsohne auch jene Vorstellung des Vorbildes, die die Unerreichbarkeit bedingt. Wer ein solches Vorbild w\u00e4hlt, kann mehrere Gr\u00fcnde haben: Er ist romantisch oder selbstqu\u00e4lerisch veranlagt oder das Vorbild dient im Dienst des Traumes, regt also zur Illusion an und ist damit Garant f\u00fcr eine innere Reise. Das Unerreichbare als vollkommenes G\u00f6tzenbild \u00fcberdies, macht das eigene Leben und die Suche nach dem Sinn ertr\u00e4glicher, es relativiert die eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten, bes\u00e4nftigt, tr\u00f6stet und befl\u00fcgelt. Nicht zuletzt ist er ein best\u00e4ndiger, in sicherem Abstand gehaltener Impuls und Motor f\u00fcr die eigene Motivation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten halten ein ideales Vorbild f\u00fcr dasjenige, das zun\u00e4chst \u00fcber uns ragt, welches wir aber nach Analyse, Imitation, \u00dcbung, Flei\u00df und Zielstrebigkeit, gezielte Ann\u00e4herung durchaus erreichen k\u00f6nnen. Es ist ein Vorbild, das von uns bereits anerkanntes, darunter auch unbewusstes, Potential in sich birgt und Ansporn in uns ausl\u00f6st und dennoch dieselben Voraussetzungen innehat, die n\u00f6tig sind, um uns mit ihm in Einklang zu bringen. Die Distanz zum Vorbild zu \u00fcberwinden, hei\u00dft, sich mit ihm gleichzusetzen, sich in ihn einzuf\u00fchlen. Dies ist bei Vorbildern, die wir nur aus einem bestimmten Grund zum Vorbild haben, allumfassend kaum m\u00f6glich, denn dazu m\u00fcssten wir dieses Vorbild aus seiner f\u00fcr uns relevanten Funktion herausnehmen, ihn als Ganzes betrachten, das hei\u00dft biographische, historische Daten einbauen, um es dann wieder in den Kontext hineinzuf\u00fcgen, in dem wir das Vorbild sehen wollen und in welchem das Vorbild als Vorbild fungiert. Eine sehr aufwendige Aufgabe und dazu kaum l\u00fcckenlos erreichbar. Denn allf\u00e4llige L\u00fccken zu kitten m\u00fcsste bedeuten, die Fragen mit dem Vorbild direkt, oder mit seinen Angetrauten oder Fachpersonen nach und nach kl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Diese Voraussetzungen sind kaum gegeben oder sie w\u00fcrden sich in der Realit\u00e4t legen, wenn wir dem Vorbild gegen\u00fcberstehen w\u00fcrden und nach und nach auch Merkmale an ihm feststellten, die wir vorher nicht bedacht haben, die m\u00f6glicherweise weniger ideal sind als in der abstrakten Projektion, da die N\u00e4he gewisse Gefahren in sich bergen k\u00f6nnte und sei es in Form von Gew\u00f6hnlichem und Banalem, was wieder subtrahiert werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorbilder sind in unserem Leben omnipr\u00e4sent, selbst wenn wir uns vor ihnen sch\u00fctzen oder nichts von Vorbildern halten. Ob als mediale Vorschl\u00e4ge oder in Verk\u00f6rperung von anerkannten Idolen, respektive in Form von Vorbilder suchenden Menschen, die an bestimmten Denks\u00e4tzen, Lebensweisen, k\u00fcnstlerischen Ausdr\u00fccken usw. festhalten, sind die Vorbilder in pers\u00f6nlicher oder abstrakter Form da. Werden wir zu h\u00e4ufig mit bestimmten Leits\u00e4tzen und Empfehlungen konfrontiert, kann es passieren, dass wir ein Angebot akzeptieren bis wir es vielleicht sogar guthei\u00dfen, sofern wir uns nicht rechtzeitig auseinandersetzen, den Vorschlag kritisch ablehnen oder sonst wie auf unsere eigenen Bed\u00fcrfnisse und Vorstellungen anpassen. Das Leben, oder bestimmte Teile davon, nach falschen Vorbildern auszurichten, kann fatal sein, wenn wir ohne kritische Reflexion unterwegs sind. Sind wir allerdings in der Lage, eine f\u00fcr uns eher ung\u00fcnstige Vorgabe, in eine Art Gegenentwurf zu \u00fcbersetzen, k\u00f6nnen wir aus einem AntiVorbild \u00e4hnliche Schl\u00fcsse ziehen, wie aus einem optimal, und selbst gew\u00e4hltem Vorbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Suche nach dem richtigen Vorbild ist in einer \u00fcberreizten wie un\u00fcbersichtlichen Zeit insofern schwierig geworden, als dass das Angebot zum einen reichlich gro\u00df und trotz kreativer Verf\u00fchrungskunst dennoch oftmals einseitig ist, und weil es zudem viele M\u00f6glichkeiten gibt, durch komplexe Nachforschungen zu \u00e4u\u00dferst individuellen Ans\u00e4tzen zu kommen. Der einfachste Weg zur Findung eines Vorbilds bedeutet noch immer in unserem direkten, prim\u00e4ren Umkreis zu suchen oder denkbare Vorbilder zumindest unter die kritische Lupe zu nehmen. Dies vor allem deswegen, um uns zu vergegenw\u00e4rtigen, wo wir selber stehen und wer uns und auf welche Weise umgibt. Nicht zuletzt stellen die Eltern die ersten Vorbilder (oder je nachdem Anti-Vorbilder) dar, an denen wir uns orientieren\/orientiert haben. Auch k\u00f6nnen dies andere Bezugspersonen sein, die uns in der Kindheit oder Jugend gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir allerdings dabei sind selbstbestimmend zu wirken, unsere Leben in die Hand nehmen und in Richtung Vorbilder aufbrechen, tun wir im Abnabelungsprozess oftmals das Umgekehrte: Wir ignorieren das Bekannte und streben nach ganz neuen Ufern. Dem ist nichts entgegenzusetzen, ist dies ein St\u00fcck weit logisch und nat\u00fcrlich, doch werden wir auf diesem Wege \u00fcber unsere eigene Vergangenheit fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wahrscheinlich dennoch stolpern. Daher ist es im Sinne der zeitlichen Effizienz nicht unvorteilhaft gleich am Anfang des Prozesses auf den Aspekt des eigenen Umfelds, der urspr\u00fcnglichen, unbewussten, indirekten und direkten Pr\u00e4gung einzugehen und das ohnehin Vorhandene in der Planung auf der Suche einzukalkulieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat man das Gl\u00fcck nun in der richtigen Umgebung das Vorbild ausgemacht zu haben, kann man in wechselseitige Kommunikation treten. In den meisten F\u00e4llen wird die Wechselseitigkeit rein hypothetisch und monologisch bleiben. Gleichwohl ist sie anzustreben, da selbst eine hypothetische Bewertung durch die Wahrnehmung eines Vorbildes bedeutet, ein Gutachten durch eine Instanz, der man a priori und idealerweise Glauben schenken m\u00f6chte, zu erhalten. Es ist sinnvoll ein Vorbild gew\u00e4hlt zu haben, das \u00fcber grundlegende \u00dcbereinstimmung mit einem selber (nachfolgend Ich genannt) verf\u00fcgt, aber sich soweit unterscheidet, sodass mit der Arbeit an dieser Beziehungsform begonnen werden kann. Ein Vorbild, das keiner Arbeit bedarf, gleicht einem Modell, das bei der Betrachtung keine Fragen mehr aufzeigt, beziehungsweise sie direkt l\u00f6st und au\u00dfer einer best\u00e4tigenden und beruhigenden, keine weitere Funktion hat. Der Zweck der Arbeit besteht aber darin, dass die Wesensmerkmale und die Unterschiede vom Ich zum Vorbild herausgesch\u00e4lt sowie die Wege vom Ich hin zum Vorbild auf konstruktive Weise sichtbar werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Essentielle, das sowohl im Ich als auch im Vorbild inne liegt, ist die Basis f\u00fcr einen prosperierenden, stimmigen Dialog. Das fundamental Essentielle und daher Richtige ist zudem eine Vertrauensbasis, von welcher aus, die Antennen in alle nun m\u00f6glichen Regionen ausgerichtet werden k\u00f6nnen. Eine zentrale Festung also, auf der gespiegelt, verglichen, harmonisch angeglichen werden darf, an der das Fremde, Befremdende, Verwandte oder H\u00f6chste zur Betrachtung und Forschung herangetragen wird. Wie aber findet ein Ich das f\u00fcr ihn richtige Vorbild? Eines, das nicht durch die Ansicht Dritter getr\u00fcbt oder von der eigenen Herkunft dominiert wird oder das nicht rein dem illusorischen Denken entspringt? Ein Vorbild, das nicht derart unerreichbar ist, dass man sich daran Kopf und Herz zerbricht, das zum Scheitern verurteilt ist, weil sich in der Gegen\u00fcberstellung mit dem Abgott die Realit\u00e4t \u00fcberschl\u00e4gt? Und doch ist am Ende jenes fremde, das nicht bezwingbare Vorbild dasjenige, das sein fremdartiges, z\u00e4hes Strukturger\u00fcst nicht preisgeben will, und man daher keine tiefere Erkenntnis f\u00fcr sich gewinnt. Weil man die Distanz zu ihm nicht \u00fcberwinden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Vorbild findet man in einem Biotop der richtigen Umgebung, was ein Gemisch aus Bekanntem, Unentdeckten, Ahnendem beinhaltet. Ein reiner Zufall f\u00fchrt uns selten direkt in den Wirkungskreis unseres Vorbildes in spe, wenn auch bei der Ermittlung das instinktive, ber\u00fchmte Bauchgef\u00fchl eine gro\u00dfe Rolle spielt. Man sollte bestenfalls innerlich offen sein und den Raum bereithalten, darf aber gleichzeitig nichts forcieren. Man sollte am besten aus seiner Routine und der Komfortzone heraustreten, die Entdeckung des Vorbilds, noch etwas vage in der Vorstellung, gleichwohl als ein durchaus erreichbares Ziel sehen k\u00f6nnen. Es darf die sogenannte \u201eLiebe auf den ersten Blick\u201c sein, kann sich aber auch durch weitere Begegnungen nach und nach heraussch\u00e4len und langsam wachsen. Es gilt auch, auf jene Signale zu h\u00f6ren, die unvermittelt und einschneidend sind. In der Literatur kann es ein Satz, eine bestimmte Satzstellung sein, die einen nicht mehr losl\u00e4sst. In der Musik ein Komponist oder ein St\u00fcck, ein paar Akkorde, eine Stimme, die unvergessen bleiben, in der Malerei ein bestimmter Lichteinfall in einem Gem\u00e4lde, in der Wissenschaft ein Gedankengang, eine Studie usw. Kurz: Kr\u00e4fte und Impulse, denen man sich nicht entziehen kann. Geht man intuitiv diesen Hinweisen und Losungen nach oder n\u00e4hert sich dem Erlebnis zu einer anderen Zeit in einer anderen Verfassung wieder und die Faszination ist unver\u00e4nderlich, ist dies eine gute Voraussetzung, dass sich das Ich in die Kommunikationsform des Ich mit dem m\u00f6glichen Vorbild begibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Begegnung mit dem Vorbild werden erstmals die eigenen Defizite und Beschr\u00e4nkungen deutlich, sobald sich das Ich in Form von Analyse, Vergleich, Nachahmung, Anpassung etc. dem Vorbild ann\u00e4hert und an ihn herantritt. Dies zu versuchen ist f\u00fcr die Zerlegung der Mankos oder der tempor\u00e4ren M\u00e4ngel, beziehungsweise der Entsprechungen, in allerlei Teile notwendig und Grundlage f\u00fcr die weitere Entwicklung. Doch bevor konstruktiv diese Teile offenbar werden, tritt nicht selten ein Schockzustand ein. Man ist dabei nach den Sternen zu streben und erreicht faktisch nicht einmal die erste Sprosse einer Leiter. Man m\u00f6chte abheben und fliegen und kriecht stattdessen mit gestutzten Fl\u00fcgeln und bis zur Ersch\u00f6pfung lediglich am Boden entlang. Diese Diskrepanz ist oftmals darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass man in der Theorie viele Dinge l\u00e4ngst verstanden und verinnerlicht hat, die praktische \u00dcbung und Erfahrung, beziehungsweise die 1:1 Gegen\u00fcberstellung, mit dem leiblichen Ich jedoch allzu divergiert. Das Begriffene in eigene Worte, durch sich selber neu zu sagen oder auszudr\u00fccken, ist nicht auf Anhieb m\u00f6glich, blo\u00df weil es sich im Geist kongruent anf\u00fchlt. Der Ausdruck will auch hier gelernt sein. Hat man lediglich mit solchen Vorbildern zu tun, die einzig auf kognitivem Weg zu begegnen sind, wird der praktische Anteil kleiner ausfallen, und eine solche Entt\u00e4uschung h\u00e4lt sich dann entsprechend in Grenzen. Doch gerade bei vollf\u00fchrenden Sachverhalten wie bei Musikern, Sportlern usw. wird die Einordnung zum Vorbild hin ohne die Praxis nicht gehen und bedeutet im Normalfall einen l\u00e4ngeren Weg, der von Niederlagen und stufenweisen Erfolgen gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt nahe, dass sich bei solchen Versuchen und Bestrebungen auch Frust einschleichen kann. Weil sich das einst zu erreichen Angedachte in der praktischen Anwendung zun\u00e4chst als unerreichbar herausstellt. Daher wenden sich einige bald von ihrem Vorbild insofern wieder ab, als sie das Vorbild auf wenige Attribute reduzieren und sich f\u00fcr die scheinbar unerreichbaren Aspekte neue Vorbilder suchen, in welchen sie die Erreichbarkeit eher erkennen k\u00f6nnen. Dies ist gewisserma\u00dfen Schutzmechanismus und nicht falsch, sofern man erkannt hat, dass das urspr\u00fcngliche Vorbild tats\u00e4chlich nicht zu 100 Prozent das richtige war. Statt sich seines richtigen UrVorbilds g\u00e4nzlich zu entledigen, ist man allerdings noch besser beraten, gelegentlich wieder zu ihm zur\u00fcckzukehren. Dar\u00fcber ist es mehr als plausibel, dass sich die eigenen Bestrebungen und Vorstellungen m\u00fcheloser in verschiedenen Personen zu kleinen Anteilen wiederfinden als dass sie gesamthaft in einem einzigen Individuum vereinigt w\u00e4ren. Jedoch sollte die Umorientierung besser \u00e4hnlich profund und stimmig sein wie die erste und sich nicht als blo\u00dfe Ablenkungsstrategie herausstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der oftmals lebenslangen Beziehung zum Vorbild wird man auch den Blick f\u00fcr das AntiVorbild nie g\u00e4nzlich los und man wird sich, zum Beispiel in Zeiten, wo man keinen Schritt weiterzukommen glaubt, gelegentlich am AntiVorbild \u201eorientieren\u201c, respektive wird man in der Lage sein, dank dieses Negativs, Anstrengungen gut \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. Das Anti-Vorbild kann faktisch das widerspiegeln, was man ohnehin bereits innehat und l\u00e4ngst dar\u00fcber hinausgewachsen ist oder aufzeigen, welchen Weg man um nichts in der Welt h\u00e4tte genommen haben wollen, so hart der derzeitige Stand gerade sein mag. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass viele Anti-Vorbilder Best\u00e4tigung und Beweihr\u00e4ucherung bedeuten k\u00f6nnen und tempor\u00e4re Selbstzweifel tilgen. Sie machen \u00fcberdies eine Messung erkennbar und lenken von vielleicht zu hoch angelegten Messlatten ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im optimalen Fall passt das Vorbild in ein unbewusst festgelegtes inneres Modell, eine Art Rahmen, in das sich dem Vorbild zugewandte Ich f\u00fcgt und diese Reflexion nach Reflexion, \u00dcbung nach \u00dcbung, Werkzeug nach Werkzeug ausf\u00fcllt. Die Entwicklung setzt beim Ich einen gro\u00dfen Willen zum klaren Bewusstsein, also zur Aufrichtigkeit, voraus. Ohne das ehrliche Spiegelbild in Konversation mit dem Vorbild, w\u00fcrde das Bild mit der Zeit nur verzerrt, was nicht Sinn der \u00dcbung sein sollte, wenn man ernsthaft vorhat sich am Vorbild zu orientieren. Deformationen treten jedoch, selbst wenn man ehrlich ist, auf. Falsche Selbsteinsch\u00e4tzungen, die fehlende Distanz, ein unsystematisches, un\u00fcberlegtes oder zu durchdachtes Herangehen sind an der Tagesordnung. Das Ich w\u00e4gt sich in falscher Sicherheit oder Unsicherheit, findet sich auf irrigen F\u00e4hrten wieder, weil es ungeduldig ist oder das Potenzial nicht aussch\u00f6pft. Oder weil es zu wenig auf kleine Erfolge vertraut, das Temperament mit dem Zielgedanken unn\u00f6tig mengt. Je nach Tagesverfassung und Konstellation schie\u00dft das Ich auch mal \u00fcber seine Grenzen hinaus, ist in der Lage \u00fcber sich selber zu wachsen, selbst wenn dies manchmal unkontrolliert und losgel\u00f6st von Ideal und Anspruch geschieht. Dies verf\u00fchrt zum Gedanken, dass man das Vorbild nun erreicht hat und sich nunmehr abwenden k\u00f6nnte. Das kann manchmal zutreffen, doch wird man meistens den etappenweise erreichten Grad konstant nicht halten k\u00f6nnen. Nach einem H\u00f6henflug wird die grobe Kluft zwischen Ich und Vorbild vermindert, doch umso kleinere Unterschiede machen sich alsbald bemerkbar. Oftmals sind aber genau die sehr minimalen Unterschiede von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung als die groben und erfordern mehr (oder die eigentliche) Kraft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nach dieser Erkenntnis wird man von au\u00dfen gesehen auf der n\u00e4chsten Stufe stehen, von innen wird es sich nicht viel anders anf\u00fchlen als bisher. Denn durch die Auff\u00e4cherung der Nuancen beginnt die Reise zum Vorbild von Neuem. Diese Erlebnisse sind trotz gewisser Entt\u00e4uschung von enormer Wichtigkeit. Denn die kurzerhand hergestellte und erlebte Hoffnung, wird auf realistische Parameter wieder heruntergebrochen. Zugleich wird sie Antrieb f\u00fcr die Weiterentwicklung sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kampf mit und um das Vorbild ist das Ich voller Hoffnung und Gewissheit, dass durch Flei\u00df, W\u00fcrdigung, Erkenntnis oder Hingabe, ein gewisser Abglanz vom Vorbild auf ihn selber abf\u00e4llt. Dies wird kaum geschehen, denn Unterschiede wird es bei aller Pr\u00e4zision und Wunschdenken immer geben, doch wird sich die Beziehung zum Vorbild vertiefen und etwas Drittes wird aus dieser Vertrautheit herausgehen. Durch die stete Adaption der Potentiale wird das Ich wie bei einem Puzzlespiel fehlende Steine entdecken und versuchen sie entweder bei sich oder beim Vorbild zu suchen. Hat das Ich dabei den Blick stur auf sein Ziel gerichtet, wird es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter an den Punkt kommen, an dem es keine Puzzlesteine mehr zu finden gibt. Das Vorbild mutiert wieder zur reinen Projektionsfl\u00e4che. Das Ich wird daran scheitern, eine gewisse gleichbleibende Distanz zum Vorbild zu \u00fcberbr\u00fccken. Diese Feststellung wird das Ich l\u00e4hmen oder es an den Punkt zur\u00fcckversetzen, an dem die blo\u00dfe Faszination und Bewunderung Vorrang hatte. Wird das Ich jedoch erfinderisch und flexibel denken und handeln, mit dem prim\u00e4ren Ziel n\u00e4mlich aktiv zu bleiben, wird das Vorbild relativiert und f\u00fcr die eigenen Zwecke angepasst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Agil beweglich zu bleiben zu einem relativ starren, da zu einer gewissen H\u00f6he erhobenen Vorbild-Status scheint zun\u00e4chst ein Widerspruch in sich zu sein. Praktisch bedeutet es, dass das Ich nicht nur seine eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten w\u00e4hrend des Prozesses eingesteht, sondern auf das Vorbild bezogen ebenso Zugest\u00e4ndnisse macht. Es geht dabei darum, das Blendwerk zu entfernen und den Sockel, auf dem das Vorbild steht so zu kupieren, dass das Ich auf selber Augenh\u00f6he mit dem Vorbild stehen kann. Das Ich wird im Entwicklungsverlauf auch lernen m\u00fcssen, dass das Vorbild nichts Eindeutiges verk\u00f6rpert und selbst die pr\u00e4ziseste Erkenntnis lediglich Teil einer Konstellation ist und daher nur dann wirklich Aufschluss wird geben k\u00f6nnen, wenn dieses uneindeutige St\u00fcck als ein Puzzlestein herausgehoben und aufrichtig mit des Ichs Vorstellungen verglichen wird. Gelegentlich ist dieser Puzzlestein zu gro\u00df und kann kurzerhand zurechtgefeilt werden. Ist der Stein g\u00e4nzlich unpassend, so muss er zur Seite gelegt werden bis das Ich eines Tages m\u00f6glicherweise jene Vorlage bietet, mit der der\u00a0 Stein \u00fcbereinstimmt. Manchmal wird dieser Zustand nie erreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bedeutet daher f\u00fcr das Ich, bereits mit nur wenigen \u00dcbereinstimmungen hochzufrieden zu sein und die F\u00e4higkeit zu entwickeln einzig aus gewissen Ans\u00e4tzen Grundlegendes sch\u00f6pfen zu k\u00f6nnen. Es geht darum, Verwandtschaften zu finden, Merkmale zu entschl\u00fcsseln und ins Eigene zu \u00fcbersetzen, ohne jedoch jemals in diesem Entwicklungsgang die parallel erfolgende Laufbahn des Ichs zu beeintr\u00e4chtigen. Wenige, doch verinnerlichte Entsprechungen werden am Ende deswegen mehr wert sein als oberfl\u00e4chlich kopierte Umrisse, weil das Ich aus der \u00dcbereinstimmung heraus Kraft wird sch\u00f6pfen k\u00f6nnen f\u00fcr Dinge, die vorher noch nicht da waren, aber in Form und Vorgang genau der Haltung entsprechen, die zweifelsohne auch aus des Vorbilds Welt h\u00e4tte entspringen und aus dieser heraus h\u00e4tte geschaffen werden k\u00f6nnen. Das Vorbild zu \u00fcberwinden, hei\u00dft nicht, es zu verwerfen und in eine h\u00f6here Kategorie einzusteigen, sondern das Vorbild so weit zu verinnerlichen, dass trotz Mangel an effektiver Kongruenz etwas Verwandtes aus eigenem Kraftkern besteht und in seinem Wirken weder auf die Quelle des Ichs noch auf jene des Vorbilds zur\u00fcckgreifen muss, sondern aus sich selber heraussch\u00f6pft, gleichwohl stets im Bezug zum Ich, respektive zum Vorbild steht. Das Ziel soll nicht sein das Vorbild bis aufs Letzte zu kopieren und damit zum Imitator zu werden, der sein Ich f\u00fcr das Vorbild aufgegeben hat, sondern durch die Beziehung zum Vorbild zu sich selbst zu finden und die Eigenst\u00e4ndigkeit des Ichs mithilfe des Vorbildes zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wie gesagt nicht unerheblich, dass man von vornherein ein Vorbild mit \u00c4hnlichkeiten ausw\u00e4hlt, im Bewusstsein, dass die Ann\u00e4herung an das Vorbild ein Kennenlernprozess ist, dennoch am Ende das Vorbild nur in Teilst\u00fccken erfassbar sein kann, so wie die Wege dorthin auch nur unter Beherrschung gewisser Werkzeuge beschritten werden k\u00f6nnen. In dieser Entwicklung gibt es Flug und Fall, Stufenerklingung, das Aufflackern eines Ganzen und Vollkommenen, die Feststellung, dass das Ich Ich bleibt und das Vorbild Vorbild, und eben nicht jene langsame Vereinnahmung, respektive die einst erhoffte Wesenseinheit stattfindet. Im Querschnitt des Moments wird somit immer ein Fragment, eine Spielrolle, ein Spiegel des Ichs bleiben, aus welchem man nicht heraustreten kann, unabh\u00e4ngig davon, an wem man sich misst, was man dabei erreicht oder verfehlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover-220x300.jpg 220w\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642\">Der Faden im Kopf<\/a>&#8222;. Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Geht man vom Wortgebilde Individuum aus, besagt dieses, dass das Individuum nicht teilbar ist. Das Anstreben der Teilung ist per definitionem also ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Doch Begriffsbildung hin, Philosophie her, die Praxis zeigt uns deutlich, dass wir das&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/29\/vorbilder\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":149,"featured_media":100429,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1803],"class_list":["post-92274","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92274","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/149"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92274"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92274\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100587,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92274\/revisions\/100587"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100429"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}