{"id":92269,"date":"2023-01-31T00:01:57","date_gmt":"2023-01-30T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92269"},"modified":"2022-02-25T10:02:37","modified_gmt":"2022-02-25T09:02:37","slug":"ein-strich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/31\/ein-strich\/","title":{"rendered":"Ein Strich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er geht mir gelegentlich durch den Kopf. Dieser Strich, der nie gezeichnet wurde. Ich male ihn mir horizontal aus, mit einem Schwung, der aber subtile Spuren des Z\u00f6gerns in sich hat. Ein Strich, der nicht so daher gezeichnet ist, sondern der einer ans Zeichnen gewohnten Hand entspringt, die zudem jemanden geh\u00f6rt, der eine Haltung hat. Eine Haltung an sich, aber auch eine Haltung zu diesem Strich. Manchmal, wenn ich eine leere Seite sehe und darin verweile, holt mich dieser bestimmte Strich ein. Er zeichnet sich dann auf die leere Seite. Ich denke \u00fcber ihn nach, w\u00e4hrend er sich durch die leere Seite zur oberen Kante zieht. Ich werde missmutig, wenn ich einen solchen Strich irgendwo entdecke, auf einem Kunstwerk zum Beispiel oder an einer rissigen Mauer, an der ich zuf\u00e4llig vorbeikomme. Dann muss ich an meinen Strich denken, denjenigen, der h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, der aber nie gezeichnet wurde und der mein Strich gewesen w\u00e4re. Ich war nah dran. Damals, als ich f\u00fcr das Buch verantwortlich war und wir im Lektorat \u00fcber die Umschl\u00e4ge stritten. Wir waren zu dritt und jeder hatte einen anderen Favoriten. So kamen wir nicht weiter. Ich war fest \u00fcberzeugt, dass ein Strich als Motiv perfekt sein w\u00fcrde, aber ich verbalisierte diesen Vorschlag nicht. Zu albern. Zu einfach. Zu sehr einer Erkl\u00e4rungskette geschuldet. Wir waren schlie\u00dflich alle souver\u00e4n. Es galt, mit allen Mitteln unsere eigenen Vorlieben zur\u00fcckzuhalten und darum, einen objektiven, professionellen Abstand zu wahren. Es ging um das erfolgsversprechende Buch, um die breite Leserschaft, um den zartbesaiteten Autor, vielleicht um den Verlag als Unternehmen, aber nie sollte es um uns selbst gehen. M\u00f6glicherweise war mir unbewusst klar, dass mein Strich dem Buchinhalt h\u00e4tte standhalten m\u00fcssen oder umgekehrt: der Inhalt dem Strich. Ich dachte nach. So objektiv es nur ging. Ich verglich den Strich mit dem Text und ich verlor mich in Kriterien, die zu allen Seiten ausscherten. Ich schwankte hin und her zwischen F\u00fcr und Wider und rang mit der Antwort, warum ein Strich so viele Emotionen in mir auszul\u00f6sen vermochte. Ich musste an G. denken, der diesen Strich h\u00e4tte zeichnen sollen. Er oder sonst keiner. Er w\u00fcrde mich sofort verstehen, wenn ich gesagt h\u00e4tte: Du, da w\u00e4re noch eine Sache mit einem Strich. Es geht darum, dass du ihn mir bitte zeichnest. Ein Strich muss es sein, ansonsten hast du alle k\u00fcnstlerischen Freiheiten. Ich traute mich nicht, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Die Zeit zog geschwind an unserem hektischen Lektorat vorbei. Wir einigten uns schlie\u00dflich vermeintlich einstimmig auf ein Buchcover, das nichts mit einem Strich gemein hatte. Es sollte ein Umschlag mit einem floralen Design werden. Meine j\u00fcngere Kollegin wollte noch ein neckisches Katzenohrpaar auf dem Buchr\u00fccken durchsetzen wegen der einen Katzengeschichte im Buch, die ihr so gefallen hatte und die bereits rezensiert war. Ich war gegen die Katzenohren und argumentierte zun\u00e4chst damit, dass die Katzengeschichte mit den Ohren darin doch blo\u00df eine Metapher war f\u00fcr etwas ganz anderes. Doch das stimmte gar nicht. Es waren tats\u00e4chlich Katzenohren gemeint gewesen, genau genommen handelte es sich um r\u00f6tliche Katzenohren und es war etwas kindisch von mir, mit diesem erotischen Hintergrundhumbug daherzukommen und meine Kollegin mit meiner intellektuell und h\u00f6chst komplizierten Art irrezuleiten. Aber nachdem die Metapher-Sache vom Tisch war und ich log, dass ich das nun mal so gelesen hatte und wir den Lesern die Freiheit lassen sollten es ebenso zu tun, da begann die Kollegin erneut auf den Katzenohren aufzubauen und diese noch mehr zu verteidigen. Ich sah schlie\u00dflich keine andere M\u00f6glichkeit als die, unfair zu werden. Ich habe die Kollegin zugegebenerma\u00dfen beleidigt und das Manuskript auf den Tisch geknallt. Und alle Katzen gleich mit. Beim Autor hielt ich mich zur\u00fcck. Am Ende gab es keine Katzenohren. Ich bestand darauf, w\u00e4hrend ich schon in der T\u00fcr stand, und so beendeten wir dann auch das Gespr\u00e4ch. Statt Auf Wiedersehen, meinte sie: Keine Katzenohren. Ich erwiderte mit Bestimmtheit: Keine Katzenohren. Es gab nichts zu lachen an diesem Abend, so wie es auch keinen Strich gab im Buch. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn G. da gewesen w\u00e4re. Die ganze Diskussion, Satz f\u00fcr Satz, Argument um Argument h\u00e4tte mit G. nichts als eine Albernheit bedeutet. Mit jedem neuen Wort w\u00fcrden wir das Gespr\u00e4ch ins Kolorit der ironischen Welt einf\u00e4rben, bis alles nur noch eine Groteske, Dada gewesen w\u00e4re. Ich hatte G. zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gesehen. Doch wegen dem Strich alleine wollte ich ihn nicht aufbieten. Ich konnte ihm au\u00dferdem kein Honorar f\u00fcr den Strich zahlen und damit tr\u00f6stete ich mich. Es w\u00e4re ein reiner Freundschaftsstrich gewesen. Mehr nicht. Ich h\u00e4tte G. nicht viel erkl\u00e4ren m\u00fcssen, aber ihn anrufen, nur des Strichs wegen? Das war G. nicht w\u00fcrdig. Ich sah ihn selten genug. Ein Strich von G. jedoch, das w\u00e4re allemal etwas ganz Besonderes gewesen, das denke ich gerade heute. Ich h\u00e4tte es mit seinem Strich gehalten wie mit jedem anderen beliebigen Buchumschlag: Keine unn\u00f6tigen Worte verlieren, auf der Umschlagsinnenseite den Standardhinweis anbringen: \u201eUmschlaggestaltung mit einer Zeichnung von G.K. Genehmigung durch den K\u00fcnstler erhalten. Die Abdruckrechte verbleiben beim K\u00fcnstler. Alle Rechte vorbehalten.\u201c Ich h\u00e4tte ihn nicht namentlich erw\u00e4hnt, au\u00dfer wenn G. darauf bestanden h\u00e4tte. Das wollte er aber bestimmt nicht. Ich hatte nicht im Sinn G. etwa auf diesen Strich zu reduzieren und wollte ihm in seinen k\u00fcnstlerischen Bestrebungen w\u00f6rtlich keinen Strich durch seine Rechnungen machen. G. war schon damals gr\u00f6\u00dfer als so ein l\u00e4ppischer Strich in einem Kleinverlag, welcher sich auf literarische Nischen spezialisiert hatte und dessen Autoren eher in Vergessenheit, denn in die Geschichte eingehen w\u00fcrden. G. wei\u00df bis heute nichts von meinem, respektive von seinem Strich und auch nicht, dass ich damals bereits feinstes B\u00fcttenpapier gekauft hatte. Selbst die schwarze Tusche lag mit Pinsel bereit, sollte sich G. spontan zu Besuch anmelden. Darauf habe ich insgeheim gehofft und unbewusst wohl gewartet, dass G. pl\u00f6tzlich vor meiner T\u00fcre stehen w\u00fcrde mit einer Flasche Wein in der Hand. Schief w\u00fcrde er da stehen wie es seine Art ist und mit dieser gespielten Verlegenheit, die dennoch so authentisch daherkommt, dass es mich stets von Neuem fasziniert, wenn er so schief dasteht und einen mustert. Wochenlang lag das Papier, der dunkle Tuschbeh\u00e4lter, der r\u00f6tliche Pinsel auf einem ovalen, japanischen Lackteller drapiert wie ein Stillleben. Das Ensemble regte sich gelegentlich und malte einen imagin\u00e4ren Strich durch meine Gedanken. Ich wachte auf und sah den Strich, ich ging zu Bett mit dem Strich. Beinah war der Strich fast schon Realit\u00e4t und ich lebte gut mit ihm. Durch Zufall lernte ich in jener Zeit obendrein eine K\u00fcnstlerin kennen, die sich auf Strichzeichnungen spezialisiert hatte. Sie malte als Dankbarkeit f\u00fcr jeden Tag, an dem sie aufwachte, just einen solchen Strich auf ihren langen braunen Papierbogen. Sie malte ihn seit vier Jahren und die Grazie der innig gezeichneten Linien war entr\u00fcckend sch\u00f6n. Man musste sich zur\u00fcckhalten, ja nicht zu viel zu fragen, um den Fluss ihres Werks nicht zu st\u00f6ren. Sie um einen Strich zu bitten, h\u00e4tte auf der Hand gelegen, k\u00f6nnte man meinen, doch im Grunde genommen war es das Gegenteil. Es w\u00e4re nichts als plump gewesen sie anzusprechen. Das h\u00e4tte nicht funktioniert. Ich bin ja keine h\u00f6lzerne Person, die eine sensible junge K\u00fcnstlerin mit einer Anfrage aus ihrem k\u00fcnstlerischen Konzept h\u00e4tte bringen wollen. Mir war schon durch die Art wie sie auf ihren marokkanischen Pantoletten lief, die aussahen wie l\u00e4ngliche Peperoni, und wie sie sich die Haare aus dem Gesicht strich, aufgefallen, wie feinsinnig sie sein musste und wie sie an jedem einzelnen Wort von mir hing, wenn ich mit ihr sprach. Wohl genauso wie sie sich an jeden ihrer einzelnen Striche klammerte wie an d\u00fcnnen F\u00e4den, die sie im Innern zusammenzuhalten schienen und ihr die Ausstrahlung einer Marionette aus Porzellan verliehen. Nein, diese blasse K\u00fcnstlerin h\u00e4tte zu viele, zu offene Fragen zum Strich gestellt. H\u00e4tte sie am Ende einen Strich geliefert, er w\u00e4re nicht \u00fcber einen Auftragsstrich hinaus gegangen. Und ich w\u00e4re entt\u00e4uscht, weil ich ja eh w\u00fcsste, dass Wesen wie sie nicht Nein sagten, wenn man ihnen einen Pinsel anvertraute. Zudem h\u00e4tte dieser eine Strich alle ihre bisherigen und kommenden Striche in ein verh\u00e4ngnisvolles Ungleichgewicht gebracht, war die Motivation hier doch eine \u00e4u\u00dfere und ohne jegliche Verbindung zu ihren eigenen Arbeiten. Mir w\u00e4re das Herz gebrochen, h\u00e4tte ich derma\u00dfen in ein kontinuierliches Oeuvre eingegriffen, blo\u00df um einen Strich zu ergattern, der mir da vage in meiner Vorstellung vorschwebte. H\u00e4tte ich stattdessen selbst einen Strich malen sollen? Vielleicht. Ich kokettierte lange damit, jedoch nur f\u00fcr mich. Ich hatte M\u00fche mich dabei ernst zu nehmen und den Strich erst recht. Ich h\u00e4tte wahrscheinlich drei\u00dfig, f\u00fcnfzig Striche zeichnen m\u00fcssen, so am Sonntag bei Regenwetter beispielsweise. Aber keiner von ihnen h\u00e4tte mir gefallen. Auch ohne die gezeichneten Striche, sah ich schon die Gesichter aus dem Lektorat vor mir und wie sie Grimassen schneiden w\u00fcrden, h\u00e4tte ich sie eines Tages mit meinen Strichen konfrontiert und sie aufgefordert den allerbesten aus den f\u00fcnfzig Strichen auszuw\u00e4hlen. Auf dem gro\u00dfen Tisch im Besprechungszimmer h\u00e4tte es genau f\u00fcr zweiundvierzig B\u00f6gen DIN A4 Seiten Platz gehabt, das habe ich mal ausgerechnet, beziehungsweise mit leeren Bl\u00e4ttern ausprobiert. Wir w\u00e4ren so vorgegangen wie immer: zun\u00e4chst alles entnehmen, was nicht gut ist, bis wir eine Anzahl h\u00e4tten, die \u00fcberschaubar gewesen w\u00e4re. \u00dcber diesen letzten Strichen h\u00e4tten wir sehr lange gebr\u00fctet und am allerl\u00e4ngsten verweilten wir bei den letzten drei. Wir h\u00e4tten drei Striche, drei Argumente und eine Unzahl von Fragen, vermischt mit einem Grundgef\u00fchl des Unverst\u00e4ndnisses. Nein, meine Glaubw\u00fcrdigkeit wollte ich mir durch einen kaprizi\u00f6sen Strich und einem, der mir niemals gefallen w\u00fcrde, weil er von mir und nicht von G. sein w\u00fcrde, nicht aufs Spiel setzen. Als das Buch gerade in Druck war, sah ich G. nach langer Zeit wieder. Wehm\u00fctig war das f\u00fcr mich, und nichts von dieser kleinen Melancholie drang bis zu G. hindurch. Er erz\u00e4hlte an diesem Abend viel. Es ginge mit ihm aufw\u00e4rts und er l\u00e4chelte oft in sich hinein. Mehrere gr\u00f6\u00dfere Anfragen, erste Museumsank\u00e4ufe seiner Werke. Ich staunte sehr und freute mich f\u00fcr ihn und die institutionelle Anerkennung. Aber irgendwie war ich sauer und f\u00fchlte mich betrogen. Nicht von G. selbst, aber von diesen Leuten, die so ambiti\u00f6s an seiner Karriere schraubten. G. war niemals von sich aus derart ehrgeizig wie sich seine Geschichten anh\u00f6rten. Das war nicht stimmig f\u00fcr mich. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es doch gewesen, wenn wir zu diesem Zeitpunkt den Strich schon hinter uns gehabt h\u00e4tten, dachte ich, w\u00e4hrend G. erz\u00e4hlte und die H\u00f6hepunkte sich immer mehr \u00fcberschlugen. Ich war an diesem Abend nicht zu beeindrucken. Denn ich war in meinen Gedanken bei meinem Strich. H\u00e4tte ich ihn schon gehabt, von G. gezeichnet, er w\u00e4re jetzt nicht mehr der Rede wert gewesen und ich h\u00e4tte mich frei mit G. unterhalten k\u00f6nnen. Ein Strich, der in die Vergangenheit geh\u00f6rte und der existent war, so wie ich h\u00e4tte in der Gegenwart zugegen sein k\u00f6nnen bei G. Was er wohl sonst alles gesagt hatte an diesem Abend? Ich schweifte st\u00e4ndig ab zum Strich. Ich dachte daran, wie sch\u00f6n es w\u00e4re ich h\u00e4tte diesen, G.\u2018s Strich bereits, dann w\u00fcrde ich bereits bestens mit diesem Strich leben und dank ihm ein neues kleines Kapitel aufschlagen k\u00f6nnen: Der Strich und ich. Das dachte ich und G. plauderte unbeirrt weiter. Ich h\u00e4tte G. erz\u00e4hlen k\u00f6nnen wie sich der Strich entwickelte und wie es sich mit seiner Existenz so lebte. W\u00e4re der Strich da, dann hie\u00dfe das auch, ich h\u00e4tte mich durchgesetzt. Eine Flause von mir w\u00e4re zu einer Idee herangereift. Sie w\u00e4re sodann zur Wirklichkeit avanciert und h\u00e4tte \u00fcber meine Eitelkeit gesiegt. Der Strich h\u00e4tte Erfolg verhei\u00dfen und ein Mythos werden k\u00f6nnen. Oder vielleicht eine Aussage, ein Statement. Er w\u00e4re Teil von mir und ich w\u00fcrde G. deswegen nie mehr anzugehen brauchen. Stattdessen w\u00fcrde ich eine schelmische Freude gegen\u00fcber allen Neugierigen entwickeln k\u00f6nnen, wenn sie mehr h\u00e4tten wissen wollen: Dieser Strich auf dem Umschlag? Ach, das interessiert Sie wirklich? Zu dumm, aber das ist eine lange Geschichte und die Zeit reicht heute leider nicht mehr. Vielleicht aber ein andermal? Soviel sei jedenfalls gesagt: Es hat den Strich ein gro\u00dfer K\u00fcnstler gemalt. Ich beschloss meinen Strich zu kompensieren durch viele Striche. Zun\u00e4chst als Striche auf Mauern. Ich sah immer mehr davon, je mehr ich mich auf sie achtete. Die Striche verfolgten mich. Ich begann sie zu fotografieren, wollte ich doch diesen einen extraordin\u00e4ren Strich finden, der perfekt sein w\u00fcrde und sich \u00fcber alle anderen Striche erheben sollte. Es wurden jedoch zu viele, ohne, dass ich f\u00fcndig wurde. Kein Strich stellte mich zufrieden. Und die Unzahl nahm mir den Atem. Im Winter, als das Licht schlechter wurde, die Striche nicht mehr wie Striche, sondern wie Risse aussahen, die sie nun mal waren, verloren sie ihre Wirkung ganz. Ich brach ab. Ich dachte mich geheilt. Doch dann holten sie mich wieder ein und ich beschloss die Striche von anderen zeichnen zu lassen. Es wurden Striche, die meine G\u00e4ste umzusetzen hatten. Als wortlosen Eintrag in meinem G\u00e4stebuch, das nun eine Leinwand war. Ich dachte wohl, wenn ich schon G.\u2019s Strich nicht haben konnte und wenn meine Mauerstriche nicht wirken wollten, dann sollten mich wenigstens die Striche meiner Freunde f\u00fcr meinen unerf\u00fcllt gebliebenen Wunsch entsch\u00e4digen. Mit gro\u00dfer Zuversicht kaufte ich eine bestens aufgespannte, naturalistische Leinwand, in der sich sch\u00f6ne Stoffkn\u00f6tchen vorfanden. Ich sah schon die Striche \u00fcber diese Kn\u00f6tchen wandern und wie sie spielerisch miteinander interagierten. Ich wollte es meinen G\u00e4sten leicht machen und ich sagte nicht viel, als ich ihnen die Leinwand reichte. Mal mir bitte einen horizontalen Strich, von links begonnen und nacheinander. Worum es geht? Mal mir einfach einen Strich, dann verrate ich es dir. Einen Strich soll ich? Was meinst du mit Strich? Die Leute stellten h\u00f6chst bl\u00f6de Fragen. Ich blieb hartn\u00e4ckig wortkarg und ermutigte sie zu malen und zu schweigen. Ich machte es ihnen einfach, weil die Leinwand doch so sch\u00f6n war und der Stift, den ich w\u00e4hlte, sich haptisch gut anf\u00fchlte in der Hand. Vielleicht zu gut. Vielleicht war er zu nah an gew\u00f6hnlichen Kugelschreibern dran, die jeder fast t\u00e4glich in der Hand hielt und die er ohne Hemmungen benutzte, ja, als wertlosen Alltagsgegenstand ohne jegliche Distanz ansehen musste. Ich denke manchmal, ich h\u00e4tte es ihnen hinderlicher machen sollen mit einem Material, mit dem sich meine G\u00e4ste innerhalb ihrer zeichnerischen T\u00e4tigkeit nicht h\u00e4tten so rasch anfreunden k\u00f6nnen. Vielleicht w\u00e4ren Striche entstanden, die zittrig, aber bedacht gewesen w\u00e4ren oder solche, in denen die Angst vor dem Scheitern sichtbar sein w\u00fcrde, da sie ja so nah zugegen gewesen w\u00e4re und diese Achtung bis in den Strich hineinwirkte. Authentizit\u00e4t durch die Reinheit, die der mit Respekt erf\u00fcllte Augenblick gebiert. Vielleicht h\u00e4tte ich meine Karten auf den Tisch legen und erstmals von meiner besonderen Verbundenheit zu Strichen erz\u00e4hlen sollen. Verst\u00e4ndnis aufbauen. Mich erst entbl\u00f6\u00dfen, bevor ich etwas forderte. Erst geben, dann nehmen. Aber mir war zugleich allzu klar, dass ich einen ganz reinen Strich wollte, einen, der frei von \u00e4u\u00dferen Beeinflussungen war. Denn ein Strich, welchen man in einer anderen Intention oder aus anderer Motivation heraus zeichnet, ist nicht mehr der Strich, den man zeichnet, wenn man ihn einfach nur als reinen Strich fertigt. Es ist kein existenzieller Strich mehr, wenn man eine Geschichte in ihn legt, die \u00fcber den Strich hinausgeht, sich nicht aber aus ihm selbst ergibt. Das w\u00fcrde man unter Umst\u00e4nden nicht mit dem blo\u00dfen Auge sehen beim Resultat, aber ich bin mir gewiss, man w\u00fcrde einen solchen Strich anders wahrnehmen. Auf alle F\u00e4lle h\u00e4tte ich mir selbst hier nichts vormachen k\u00f6nnen. Ich war auf wahrhaftige Striche aus. Meine G\u00e4ste sahen das anders. Die ersten drei hielten sich an meine Vorgabe und zeichneten bescheiden und brav ihren Strich. Ich war zufrieden und erz\u00e4hlte im Anschluss nicht etwa von G., geschweige denn von der K\u00fcnstlerin, sondern davon, dass dies schlichtweg mein neues G\u00e4stebuch war. Mehr mochte ich nicht erkl\u00e4ren. Beim vierten Strich geschah etwas. Ich h\u00e4tte es voraussehen m\u00fcssen, als mein Gast wiederholt nachfragte: Einen Strich? Also ich darf einen Strich zeichnen, ja? So wie ich ihn sehe, ja? Ich lie\u00df ihn alleine und als ich zur\u00fcckkam, fand ich einen Strich vor, an dem sich mein Gast offensichtlich regelrecht ausgetobt hatte. Ich mag an dieser Stelle das Wort k\u00fcnstlerisch nicht in den Mund nehmen. Sagen wir so: er hat sich ausgedr\u00fcckt und den Strich mit Ornamenten und Verzierungen versehen, sodass mir fast die Tr\u00e4nen kamen. Ich musste es jedoch erdulden und um nicht \u00fcbelgelaunt zu werden, entschied ich mich f\u00fcr Mitleid. Diese arme Kreatur, ansonsten wenig sch\u00f6pferisch in ihrem Leben, wusste es offenbar nicht besser, als sich auf meiner Leinwand besonders ausgelassen zu verewigen und h\u00f6chst verschwenderisch Phantasiezierrat in die Zeichnung und in den zeichnerischen Akt zu legen. Mir war nicht bewusst, dass dieser erste unsagbar einfallsreiche Strich eine neue Vorgabe sein w\u00fcrde, eine Art Messlatte und sich meine folgenden G\u00e4ste in ihrer Ausdruckskraft fortan nur noch an diesem Strich abarbeiten und vorhatten, ihn mittels ihrer absonderlichen Einf\u00e4lle zu \u00fcbertreffen. Keiner wollte sich mehr mit einem gen\u00fcgsamen Strich zufriedengeben. Ein Strich? Ich bin doch kein Kind mehr, ich kann da schon etwas mehr bieten! Na warte nur! Und was mein Vorg\u00e4ngerkollege hier geboten hat, das geht allemal besser! Ich konnte diese kuriosen Krakeleien, in denen ein Strich in meiner Wahrnehmung gar nicht mehr stattfand, nicht mehr ertragen und stellte meinen Versuch ein mit der Erkenntnis, dass die Striche mehr \u00fcber meine G\u00e4ste erz\u00e4hlten als ich h\u00f6ren wollte. Mir wurde bewusst wie wenig Durchsetzungskraft ich in das Wort Strich zu legen imstande war. Mein Strich betrog mich, so wie ihn meine G\u00e4ste hintergingen. Denn jede neue St\u00fcmperei auf meiner Leinwand hatte die Wirkung eines Radiergummis, hinter der mein distinguierter Strich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck verschwand. Ich lernte zudem, dass mein \u00e4sthetischer Anspruch an einen Strich und eine freundliche Ansage nicht gen\u00fcgten und vor allem nicht vereinbar waren mit der Lust eines Individuums, das insgeheim auf einen kreativen Impuls nur so lauert, und der sich dann unvermittelt und ungest\u00fcm entl\u00e4dt, wenn man ihm einen Stift in die Hand dr\u00fcckt und sagt: Einen Strich bitte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover-220x300.jpg 220w\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642\">Der Faden im Kopf<\/a>&#8222;. Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er geht mir gelegentlich durch den Kopf. Dieser Strich, der nie gezeichnet wurde. Ich male ihn mir horizontal aus, mit einem Schwung, der aber subtile Spuren des Z\u00f6gerns in sich hat. 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