{"id":92089,"date":"2022-11-02T00:01:05","date_gmt":"2022-11-01T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92089"},"modified":"2021-09-13T05:57:32","modified_gmt":"2021-09-13T03:57:32","slug":"die-graupenballaden-auszug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/02\/die-graupenballaden-auszug\/","title":{"rendered":"Die Graupenballaden (Auszug)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1 <\/strong>von vorne bitte nicht so hastig. hastiges Leben.<\/p>\n<p>man zeigt nicht mit dem Finger auf heute und morgen ist bald!<\/p>\n<p>nun ko\u0308nnte der Zeitstrahl sozusagen um Punkte betteln:<br \/>\nwie mu\u0308hsam es wa\u0308re im Sitzen die to\u0308richten Schlachten zu fu\u0308hren Genuss zu lo\u0308schen zu schlu\u0308rfen die wa\u0308chsern getraute Wahrheit. es hei\u00dft doch manches Rosshaar klebe am selben Fleck<br \/>\ndem Schmutz resistentesten weil so dreckig und mir geheuer.<\/p>\n<p>(da keimt meine Ahnung schu\u0308chtern vor lauter lauter Menschen&#8230;)<\/p>\n<p>betont beku\u0308mmert darf man sich regelhaft ausposaunen<br \/>\nder Seltsamkeit aufspielen wu\u0308rdevoller Todesverachtung<br \/>\nden Garaus machen trotz Zwickmu\u0308hlen die plo\u0308tzlich Mehl produzieren.<\/p>\n<p>begonnen hat es \u2013 und immer hat es beginnen mu\u0308ssen<br \/>\ndas Dasein nie hat es sich weich in Weltakkorde geschlichen gestochene Artikulation des erlahmenden Wachstums \u2013<br \/>\nbegonnen hat es mit einem u\u0308beraus skeptischen<br \/>\nVerha\u0308ltnis zur Nahrung zu meiner verfluchten Nichtentscheidung.<\/p>\n<p>ich bei\u00dfe den Lo\u0308ffel ab bis der fluorstrotzende Zahnschmelz sich niedergestreckt sieht kaue die knackende Henkersmahlzeit recht gut durch und ru\u0308mpfe Nasen u\u0308ber das Ausgespuckte zermalmter Lagen Verbleib und bin ich nicht geschickt.<\/p>\n<p>man hat mir das Gluck einer kristallinen Lo\u0308sung behutsam<br \/>\nin mein fontano\u0308ses Weichei das hirnverbrannte Gelage<br \/>\ndrei Sonnen und Na\u0308chte lang infundiert. dann wu\u0308rgte ich besser die anderen Feten vorwiegend aber auch manchmal mein Bein.<\/p>\n<p>ein bisschen erwachsen sind wir doch alle meine Gequa\u0308lten<br \/>\ndie habe ich jedenfalls anstandslos noch ein wenig gequa\u0308lt.<br \/>\nals Trumpf die Menschlichkeit persiflierende Hinterlist<br \/>\ngehorchte uns flei\u00dfig und so hatte ich mich ausgerenkt<br \/>\nsehr pu\u0308nktlich zum neuntel Geburtstag bekam ich es wieder mit mir zu tun \u2013 rede ich rede ich nicht ein LOHENGRINS.<\/p>\n<p>und so in etwa verblieb irgendwann im Fru\u0308hling ihr Lieben mein tupfengleicher Kopf an dem weiten Herrenmantel der lila Erinnerung jener niemals verdauten Graupe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2 <\/strong>wann habe ich fremde Suppen so nachtragend ausgelo\u0308ffelt? und immer stu\u0308tzt das zornige auf Verantwortungs Ru\u0308cken gebu\u0308ndelte Urkind einer geengelten Strafe gleich<br \/>\nden modifizierten Schaffenswahn \u2013 unbegreiflicher.<\/p>\n<p>denn krampft der Weltschmerz nicht epileptisch? tatsa\u0308chlich das Leben ist scho\u0308n dieser zellenschlagende Film ist keine Absicht.<\/p>\n<p>so sage mir einmal du Tierchen du mein fauchendes Beispiel: vergisst man noch? verho\u0308hnst du schon das Kriegsverbrechen? es ist vollbracht aus Langeweile an der friedlichen Zeit.<\/p>\n<p>ich kriege nicht genug nie mehr nie wieder das hat<br \/>\nder Tumor mir eingeredet weil er so fu\u0308rstlich hasste.<br \/>\nund welchen Kanal verbo\u0308te mir Gegenwart heischender Gleichmut? verdammt und dann dreimal beschworen sei krampfhaft gewa\u0308hrte Haltung!<\/p>\n<p>ein Stieresprit braucht den Toreador und schwirrende Mu\u0308cken (ich prangere an) die Ruhe an sich und schwinge den Scha\u0308del<br \/>\nder zieht mich dann in den Staub da Hinkelbeine nur hu\u0308pfen und u\u0308berhaupt nicht stemmen wo Na\u0308hrboden Widerstand leistet. bewahre mich Gott dieses Manko der Ungeist er weht u\u0308berall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4 <\/strong>was machen wie helfen! die halben Gebete reichen nicht<br \/>\nja fallen sie doch auf das Fu\u0308rgebotene zuru\u0308ck<br \/>\ndes heiligen Esaus blutiger Pelz als Wu\u0308stensand.<br \/>\ntriefende Neugierde wird man gewiss nicht verscharren ko\u0308nnen sie sickert tro\u0308pfelt und sucht sich die Werksta\u0308tten laufender Nasen.<\/p>\n<p>beschattet uns! im chaotischen Gleichschritt kru\u0308melt das menschlich eindeutige Wirken weder aufgebahrte Vernunft noch<br \/>\nvernu\u0308nftige Fassung die es zu spielen gilt bestehen<br \/>\nund pickende Tauben werden dem nahrhaften Mitgefu\u0308hl folgen.<\/p>\n<p>das kommt auch schwerlich von ungefa\u0308hr. ich habe die vielen Todkranken sterben sehen und unbeirrt Sterbende kranktot verwaisen lassen bin weiter durch die Klinik rotiert \u2013<br \/>\nKreisel der Krankheit im Viereck der Hoffnung sto\u0308\u00dft an und flieht wirkt leichtfu\u0308\u00dfig auf einzelner Zehenspitze verdankt<\/p>\n<p>sein Schlingern letztendlich dem hauchdu\u0308nnen Zittern und fa\u0308llt auf sich selbst.<\/p>\n<p>zu merken: ein unter die Alltagsra\u0308der geratenes Ta\u0308ubchen hat sich noch im Antlitz des Chefarztes ahnungslos in Schale geworfen als dieser sie dem miteingetretenen Schnitter empfahl. ich wei\u00df das muss einen doppelten Boden haben.<\/p>\n<p>das hat es aber nicht. der Brustkrebs aber hat<br \/>\nzehn Zentimeter und einen unscharf begrenzten Rand.<\/p>\n<p>die bru\u0308nstige Frage Ultimaten stelle man sich<br \/>\nbis Schuld noch Su\u0308hne und Su\u0308hne dienlicher Fehler hei\u00dft. in Reue das Angesicht erloschen wie ausgezehrt<br \/>\nvon Pol zu Hu\u0308llmembran mit aufgeplatztem Kern<br \/>\ndas ist die genetische Bu\u0308chse der Pandora einer Erzeugerin Todesmutter der schwellenden Samen Leib nur mir gegeben erbrochen gezu\u0308ckt das sa\u0308ubernde Elend.<\/p>\n<p>ich mo\u0308chte Krankheit nicht als Benediktion begreifen.<br \/>\nin dieser Zweisa\u0308tzigkeit fehlt ja die Zufallsvariable<br \/>\nein waschechter Logarithmus der sich auch zur Basis bekennt<br \/>\nsich ungern der schweifenden Lust hingibt wie das Weltenflattern<br \/>\n(es kann) kein Krampf das beruhigend was niemals in Abha\u0308ngigkeit sich begibt Struktur in der Nichtreserve von Freiheit findend<br \/>\nund doch und gerade deshalb hervorbringt und schu\u0308tzt und vernichtet. als Sinnbild des Lebendigen kann kein Ma\u00dfstab gelten.<br \/>\ndies durfte ich abarbeiten mit Hammer Sichel und Schlange.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5 <\/strong>zu einer Angespanntheit passt nimmermehr tosende Weite<br \/>\nund nach dem Gewitter kommt die Zeit der schu\u0308chternen Stu\u0308rme: verbogener Wille leere Bedu\u0308rfnislosigkeit<br \/>\nvon fabulierenden Kla\u0308ngen erweitert und bedroht<br \/>\nich horchte schrieb und schrieb ich doch ungern eigene Worte sogar mit chronischer Musik am Scheitel rhythmisch<br \/>\nnur monologisierend fand ich den Absprung nicht.<br \/>\nam liebsten pfeife ich unvera\u0308ndert die traurigen Walzer<br \/>\nund schu\u0308tte sie u\u0308ber Texten aus diesen heimlichen Lu\u0308gnern. im Andante natu\u0308rlich der Sinneswechsel symphonischer Ma\u00dfstab mehr u\u0308ber Regungskosmen gebietend als reine Schikane.<\/p>\n<p>wie treibe ich mich viersa\u0308tzig als Keil in die heile Welt! \u2013<br \/>\nder Aufschrei ku\u0308ndigt sich in aller Regel an.<br \/>\nnachdem ich klingendes Etwas das Lehmbrocken na\u0308ssende Fluid zum abertausendsten Mal zu Ende geho\u0308rt und doch<\/p>\n<p>nicht anna\u0308hernd verortet habe von wo von wo<br \/>\nes schallt entfliehe ich dieser meiner bru\u0308chigen Skala besa\u0308nftigende Profanita\u0308ten einfordernd anders&#8230;<\/p>\n<p>zuru\u0308ck bleibt ein trockenes Spielen des andauernd Verspielten mich um Griffe versa\u0308umter Allakkorde bemu\u0308hend jene<\/p>\n<p>in Sternen geha\u0308rtete Melodie gla\u0308nzend flu\u0308chtige.<br \/>\nsooft ich mich winde naht das Dro\u0308hnen war schon da Gewaltschwingung welcher ich anda\u0308chtig lausche oder sie mir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Graupenballaden, <\/strong>Gedichte von Jakob Leiner. edition offenes feld 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-92092 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-300x300.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-150x150.jpeg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-768x768.jpeg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-560x560.jpeg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-260x260.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover-160x160.jpeg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Graupenballaden_Cover.jpeg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; 1 von vorne bitte nicht so hastig. hastiges Leben. man zeigt nicht mit dem Finger auf heute und morgen ist bald! 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