{"id":92072,"date":"2014-11-12T00:01:09","date_gmt":"2014-11-11T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92072"},"modified":"2024-11-04T14:07:18","modified_gmt":"2024-11-04T13:07:18","slug":"ein-meisterwerk-des-trash","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/12\/ein-meisterwerk-des-trash\/","title":{"rendered":"Ein Meisterwerk des Trash"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div class=\"cite\" style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">In einer optisch reichen, originellen und bizarren Bilderwelt angelegtes, vielschichtiges Science-Fiction-M\u00e4rchen. Seine soziale, \u00f6kologische und religi\u00f6se Aussage verliert durch eine wirre Dramaturgie und die nicht immer konsequente Aufl\u00f6sung des literarischen Stoffes in Filmsprache an Tiefe und Sinnf\u00e4lligkeit. F\u00fcr Fantasy- und Science-Fiction-Freunde trotz einiger L\u00e4ngen von Interesse.<\/span><\/em><\/div>\n<div class=\"cite\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><span class=\"Person\">Lexikon des internationalen Films<\/span><\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann dieses krude Elaborat als Roman nicht ernstnehmen, er spielt im elften Jahrtausend, ist ein unver\u00addau\u00adli\u00adcher Brei aus Pseudophilosophie, Reli\u00adgi\u00adons\u00adsur\u00adro\u00adgaten und New-Age-Mytho\u00adlo\u00adgien, \u00f6kolo\u00adgisch ange\u00adhaucht, von F\u00fchrer\u00adstaat-Phan\u00adta\u00adsien durchdrungen und die Hauptfigur entstammt einem Eugenikzuchtprogramm. Das Kr\u00fcmmen des Raumes erm\u00f6glicht der exzessive Konsum der Droge <em>Spice<\/em> und die Menschheit macht das, was sie im SF zu bewerksteeligen hat, sie besiedelt das Weltall, verfeindete Adelsh\u00e4user streiten um die Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ernsthaft, &#8222;Adelsh\u00e4user&#8220;?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">David Lynch ist das wahrscheinlich bereits sehr fr\u00fch aufgefallen, daher hat er einen psychodelischen Experimentalfilm draus gemacht und die Produktionskosten von 45 Millionen vor die Wand gefahren. Lynch strebte eine Filml\u00e4nge von drei bis dreieinhalb Stunden an, De Laurentiis k\u00fcrzte auf zwei Stunden 17 Minuten. Durch Voice-over-Passagen versuchte man die entstandenen Logikl\u00f6cher zu stopfen, es entstand eine absurde Wirkung mit hohem Trashfaktor. W\u00e4hrend Produzent Dino De Laurentiis sich einen Blockbuster nach Star-Wars-Manier erhofft hatte, schuf der einzige <em>auteur <\/em>im Mainstream\u00a0 einen barock ausstaffierten Kunstfilm, beide Entw\u00fcrfe wirken im Resultat wie <em>Das Eismeer<\/em> des K\u00fcnstlers Caspar David Friedrich, es zeigt eine arktische Landschaft mit sich auft\u00fcrmenden Eisschollen, unter denen auf der rechten Seite ein gekentertes Segelschiff begraben liegt. Hier sehen wir ein Raumschiff, da\u00df vom Winde verweht wurde. Manchmal wirkt es so, als h\u00e4tte er eine Parodie auf Lawrence von Arabien gedreht, es ist ein Meisterwerk des Trash, so schlecht, da\u00df er schon wieder gut ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Man merkt der Vorlage an, da\u00df sie aus den drogenaffizierten 1960er Jahren kommt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man weis nicht genau, wieviel Portionen <em>Spice<\/em> Frank Herbert geschnupft hat, jedenfalls ist die Handlung seiner Vorlage hinreichend schwachsinnig: Herzog Leto Atreides wird von Imperator Shaddam IV. mit dem W\u00fcstenplaneten Arrakis belehnt. Einzig auf diesem \u00f6den Planeten existiert das \u201eSpice\u201c, das mit Hilfe von riesigen Erntemaschinen abgebaut wird. Das Spice ist eine bewu\u00dftseinserweiternde Droge, die den \u201eNavigatoren\u201c der Gilde die interstellare Raumfahrt mit \u00dcberlichtgeschwindigkeit erm\u00f6glicht und die eine alterungshemmende Wirkung hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wieder ein Auserw\u00e4hlter, quasi ein Lawrence von Arrakis<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzog Leto begibt sich zusammen mit seinem Sohn Paul und seiner Konkubine Jessica, die dem Frauenorden der Bene Gesserit angeh\u00f6rt, von seinem Heimatplaneten Caladan nach Arrakis, um sein Lehen in Besitz zu nehmen. Der sadistische und entstellte Baron Vladimir Harkonnen, dessen Haus seit langem mit den Atreides verfeindet ist und zuvor 80 Jahre lang Arrakis zum Lehen hatte, beabsichtigt Leto und seine Familie zu vernichten und die Herrschaft \u00fcber Arrakis zur\u00fcckzugewinnen. Hierf\u00fcr sichert er sich die Unterst\u00fctzung des Imperators, der den wachsenden Einfluss Herzog Letos im Rat der Planeten sowie die immense Kampfkraft der Atreiden-Armee, beg\u00fcnstigt durch deren revolution\u00e4re Schallwaffen, f\u00fcrchtet. Harkonnen gelingt es, den Leibarzt Letos, Dr. Yueh, zum Verrat zu zwingen. Yueh sabotiert den Schutzschild der herzoglichen Burg und zerst\u00f6rt die Schallmodule, so dass die Burg der Atreiden dem Angriff Harkonnens wehrlos ausgesetzt ist. Die Harkonnen \u00fcberrennen mit einer riesigen Armee die Verteidigung der Atreides auf Arrakis und bringen den Planeten wieder unter ihre Kontrolle. Wie schon sein Sohn Paul und seine Konkubine Jessica wird Herzog Leto von Yueh bet\u00e4ubt und so au\u00dfer Gefecht gesetzt. Er setzt ihm jedoch einen k\u00fcnstlichen Giftgas-Zahn ein, mit dem er Baron Harkonnen, wenn dieser sich ihm n\u00e4hert, t\u00f6ten soll. Als Leto dieses Vorhaben umsetzen will, verwechselt er, noch halb bet\u00e4ubt, den Baron mit dessen Berater Piter De Vries, so dass das Giftgas nur diesen t\u00f6tet. Baron Harkonnen \u00fcberlebt den Anschlag, Leto selbst stirbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Manchmal ist es nicht klar, ob wir uns auf Tatooine oder auf Arrakis befinden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl der Invasionsplan des Barons Erfolg hatte und der Herzog tot ist, k\u00f6nnen Paul und Jessica, die ebenfalls von den Harkonnen gefangen genommen worden waren, in die Wildnis von Arrakis fliehen. Hierbei werden sie durch Vorkehrungen von Yueh beg\u00fcnstigt, der ihnen die f\u00fcr die W\u00fcste erforderliche Ausr\u00fcstung mitgegeben hat. In ihrem Gep\u00e4ck entdecken sie auch den Bauplan der Schallmodule und den Siegelring des Herzogs. Nachdem sie bei den r\u00e4tselhaften Fremen, den Bewohnern der W\u00fcste, ein neues Zuhause gefunden haben, w\u00e4chst der junge Herzogssohn zu einem m\u00e4chtigen Gegner f\u00fcr die Harkonnen und den Imperator heran. Er reitet den gigantischen Sandwurm <i>Shai-Hulud<\/i>, trinkt das \u201eWasser des Lebens\u201c, f\u00fcr einen gew\u00f6hnlichen Menschen t\u00f6dlich, erlangt dadurch absolute Erkenntnis, die Macht \u00fcber die Sandw\u00fcrmer und das Spice, er wird danach von den Fremen als Anf\u00fchrer anerkannt. Als Fremen-Namen w\u00e4hlt er <i>Paul Muad\u2019Dib<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Denn vierzig <em>Tage<\/em> und N\u00e4chte war Jesus in der <em>W\u00fcste<\/em>, bevor er sich aufgemacht hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Atreides und seine Mutter unterrichten die Fremen in den K\u00fcnsten der Bene Gesserit, trainieren sie im Umgang mit den Schallmodulen und bauen sie so zu einer kampfstarken Armee aus. Mit \u00dcberraschungsangriffen und Anschl\u00e4gen auf die Erntemaschinen f\u00fcr die Spice-Gewinnung bringen sie die Spice-Produktion zum Erliegen und setzen damit die Harkonnen und den Imperator unter Druck. Nebenbei erf\u00e4hrt Paul, dass der Baron Harkonnen sein leiblicher Gro\u00dfvater ist, der Vater von Jessica (bisher hatten die Bene Gesserit dem Baron allerdings verschwiegen, dass er ein Kind hatte).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Akt von Staatsterrorismus?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gilde verlangt vom Imperator, die Kontrolle \u00fcber die Spice-Produktion zur\u00fcckzugewinnen, andernfalls m\u00fcsse er mit ernsten Konsequenzen rechnen. Der Imperator ruft die gro\u00dfen H\u00e4user auf Arrakis zusammen, um die Wiedergewinnung der Kontrolle \u00fcber die Spice-Produktion zu organisieren. In diesem Moment bl\u00e4st Paul Muad\u2019Dib, der mittlerweile als der langerwartete Fremen-Messias <i>Kwisatz Haderach<\/i> gilt, zum Angriff: Mit Dutzenden von Sandw\u00fcrmern erst\u00fcrmt er die Hauptstadt Arrakeen. Seine \u00fcbernat\u00fcrlich begabte kleine Schwester Alia dringt zu ihrem Gro\u00dfvater, dem Baron Harkonnen, vor und rei\u00dft ihm die Steuerungskabel aus der Brust, \u00fcber die er seinen Anti-Gravitationsg\u00fcrtel bedient. Unkontrolliert fliegt der Baron aus dem Raum, direkt in den Rachen eines der Sandw\u00fcrmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Feyd Harkonnen, grandios fehlbesetzt mit dem Popstar Sting<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul setzt den Imperator fest und fordert mit Unterst\u00fctzung der Fremen den Thron. Nach einem siegreichen Duell mit Feyd Harkonnen, dem niedertr\u00e4chtigen Neffen des Barons, legen die Fremen ihm den Mantel der Herrschaft an. Paul, der \u2013 wie seine Schwester Alia richtig erkannt hat \u2013 wirklich der gottgleiche <i>Kwisatz Haderach<\/i> ist, l\u00e4sst unter den erstaunten Augen aller Anwesenden ein Wunder geschehen: Gewitterwolken ziehen sich am Himmel \u00fcber dem W\u00fcstenplaneten zusammen, und str\u00f6mender Regen setzt ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Insofern sagt &#8218;Der W\u00fcsten\u00adplanet&#8216; zwar nichts \u00fcber die Zukunft, aber alles \u00fcber die gegen\u00adw\u00e4r\u00adtige Verfas\u00adsung der Film\u00adin\u00addus\u00adtrie.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Bodo Fr\u00fcndt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein vom Lesen dieser Handlung f\u00fchlt man sich, als h\u00e4tte man mit Baron Harkonnen in der Cantina von Tatooine eine Kiste Weizenbier geleert (die Lokalrunde geht \u00fcbrigens an Georg Lucas). Man beginnt zu schweben, als h\u00e4tte man sich zugleich dem Spice ausgesetzt. N\u00fcchtern ist die Romanvorlage von Frank Herbert nicht zu ertragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dune<\/strong>, Regisseur David Lynch, USA 1984<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Dune.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-92075 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Dune-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Dune-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Dune-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Dune-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Dune.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <em>Trash<\/em> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer optisch reichen, originellen und bizarren Bilderwelt angelegtes, vielschichtiges Science-Fiction-M\u00e4rchen. Seine soziale, \u00f6kologische und religi\u00f6se Aussage verliert durch eine wirre Dramaturgie und die nicht immer konsequente Aufl\u00f6sung des literarischen Stoffes in Filmsprache an Tiefe und Sinnf\u00e4lligkeit. 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