{"id":92063,"date":"2023-02-12T00:01:08","date_gmt":"2023-02-11T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92063"},"modified":"2022-02-25T11:13:29","modified_gmt":"2022-02-25T10:13:29","slug":"die-erotik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/12\/die-erotik\/","title":{"rendered":"Die Erotik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mag das Problem des Erotischen anfassen wo man will, stets beh\u00e4lt man die Empfindung, es h\u00f6chst einseitig getan zu haben. Am allermeisten aber wohl dann, wenn es mit Mitteln der Logik versucht wurde: also von seiner Au\u00dfenseite her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedeutet das an sich ja schon: so lange und so viel unmittelbare Lebendigkeit der Eindr\u00fccke abziehn, bis man sich in bequemster \u00dcbereinstimmung mit einer m\u00f6glichst gro\u00dfen Gesellschaft befindet. Oder anders ausgedr\u00fcckt: die Dinge gen\u00fcgend unsubjektiv, gen\u00fcgend fremd von uns selber vorstellen, um anstatt der Ganzheit, Unzerst\u00fccktheit einer Lebens\u00e4u\u00dferung, ein auseinanderlegliches St\u00fcckwerk zu erlangen, das sich eben hierdurch im Wort fest fixieren, praktisch sicher handhaben, einseitig-total \u00fcberblicken l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun mu\u00df aber diese n\u00e4mliche Darstellungsmethode, diese notgedrungen alles verstofflichende, entseelende, auch auf das angewandt werden, was uns im n\u00e4hern nur subjektiv bekannt, nur individuell zu erleben m\u00f6glich ist, was wir deshalb gew\u00f6hnt sind als die \u201egeistigen\u201c oder \u201eseelischen\u201c Eindr\u00fccke von den Dingen zu bezeichnen, d. h. einfach: die Eindr\u00fccke sofern und soweit sie sich grade ihr prinzipiell entziehen. Um der \u00dcbereinstimmung willen, die dabei erzielt werden soll, k\u00f6nnen wir auch solchen andersartigen Wirkungen immer nur wieder auf Grund dieser einen Wirkung erkl\u00e4rend beikommen, w\u00e4hrend alles Sonstige, was von ihnen ausgesagt werden k\u00f6nnte, nur gelten darf als Erg\u00e4nzung im schildernden Sinn, \u2013 die, wie sie sich der logischen \u00dcbereinstimmbarkeit im \u00fcbrigen auch anpasse, doch selbst mit deren formaler Hilfe nur mehr oder weniger subjektiv \u00fcberzeugen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Problem des Erotischen aber ist diese widerspruchsvolle Halbheit, Halbierung, noch besonders typisch insofern, als es selber schon am unbestimmbarsten zwischen leiblich und geistig zu schwanken scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nicht durch eine Verwischung oder Vermischung der verschiedenen Methoden miteinander mildert sich dieser Widerspruch, im Gegenteil nur durch ihr immer sch\u00e4rferes Herausarbeiten, immer strengeres Handhaben; man k\u00f6nnte sagen: dadurch, da\u00df wir etwas in immer zuverl\u00e4ssigerer Beschr\u00e4nkung, als St\u00fcck und Stoff, ganz in die Hand bekommen, best\u00e4tigt und bewahrheitet sich uns erst ganz der dar\u00fcber hinausreichende Umfang unserer selbst. Wir \u00fcberschauen damit nicht nur die Einseitigkeit des betrachteten Dinges, sondern auch die der Methode: den Weg nach zwei Seiten gleichsam, auf dem allein sich uns Leben erschlie\u00dft, und den nur eine Augent\u00e4uschung f\u00fcr uns in einen Punkt zusammenr\u00fcckte. Denn je weiter wir in etwas eingehn, nur um desto tiefer tut es sich uns auf nach beiden Richtungen, so, wie die Horizontlinie immer h\u00f6her auffliegt mit jedem Schritt an sie heran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein St\u00fcck Weges noch weiter aber, beginnt die exakte Betrachtungsweise der Dinge sich selbst als einseitig zu betrachten. \u00dcberall da n\u00e4mlich, wo das eigene Material sich ihr \u00fcber Sinne und Verstand hinaus ins Unkontrollierbare entzieht, w\u00e4hrend sie es doch auch noch da als existent in ihrem Sinn feststellen, oder sogar noch praktisch einsch\u00e4tzen kann. Von jenseits der kurzen Kontrollstrecke, die unsrer Beaufsichtigung allein zug\u00e4nglich ist, ergibt sich f\u00fcr das innerhalb ihrer gelegene ein ver\u00e4nderter Ma\u00dfstab hinsichtlich \u201eWahrheit\u201c und \u201eWirklichkeit\u201c. Auch das am stofflichsten Greifbare, auch das logisch Begreifbarste wird, daran gemessen, zu einer menschlich sanktionierten Konvention, zu einem Wegweiser f\u00fcr praktische Orientierungszwecke, \u2013 dar\u00fcber hinaus sich verfl\u00fcchtigend in den gleichen blo\u00dfen Symbolwert, wie das von uns als \u201egeistig\u201c oder \u201eseelisch\u201c Erfa\u00dfte. Und an <i>beiden<\/i> Enden unsres Weges erhebt sich damit so un\u00fcbertretbar das Gebot: \u201eDu <i>sollst<\/i> dir ein Bild und ein Gleichnis machen!\u201c da\u00df auch das Sinnbildhafte, nur in Zeichen und Vergleichen Beredte, worauf alle Geistesschilderung angewiesen bleibt, sich mit aufgenommen sieht in den Grundwert menschlicher Erkenntnisweise. Wie in jenem Horizontstrich, von Schritt zu Schritt vor uns zur\u00fcckweichend, schlie\u00dft sich dennoch auch immer wieder \u201eHimmel und Erde\u201c f\u00fcr uns zusammen zu <i>einem<\/i> Bilde: die uranf\u00e4ngliche Augent\u00e4uschung, \u2013 und zugleich das letzte Symbol.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">BASIS<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche letzte Gleichbewertung, weit entfernt, den Au\u00dfencharakter der Dinge zu untersch\u00e4tzen, betont ihn vielmehr noch einmal neu in seiner Unabh\u00e4ngigkeit zwischen den ihm sonst zukommenden Erg\u00e4nzungen. Sie erst lehrt ganz die vorurteilslose Einsicht in alle Verh\u00e4ltnisse des \u201eStofflichsten\u201c, des Leiblichsten noch, \u2013 die sachliche Ehrfurcht ihnen gegen\u00fcber. Ehrfurcht in einer Bedeutung, f\u00fcr die wir immer noch l\u00e4ngst nicht einfach und hingebend genug geworden sind: ohne alle Seitenblicke auf ethische, \u00e4sthetische, religi\u00f6se oder sonstige Nebenbedeutungen, \u2013 allein gerichtet auf den Sinn des Physischen selbst. Auf ihn gerichtet als auf die f\u00fcr uns anschaulich gewordene Seite unausdenkbar langer Erfahrungen, gleichsam Auskundschaftungen im Bereich des f\u00fcr uns Daseienden, die \u00fcberall noch davon ablesbar ist, wie an Kampfesnarben oder Siegeszeichen. Als ob an solchem uralt, praktisch urweise Gewordenen, das unserer Pr\u00fcfung ganz anders als das Geistige standh\u00e4lt, stillh\u00e4lt, die Lebensbewegung uns zu erstarren scheine zu festeren Z\u00fcgen und Formen, so da\u00df unser Intellekt selbst, dieser zusp\u00e4test Nachgeborene in der Welt des Physischen, als ein kleines, zartes und noch t\u00f6richtes Kn\u00e4blein mit tastenden Fingern an ihm herumklettern darf wie auf Urahns Scho\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In bezug auf die Basis des Erotischen, die Geschlechtlichkeit, bedeutet dies deren immer eingehendere Feststellung im physiologischen Sinn. Die Sexualit\u00e4t als eine Form der Notdurft gleich Hunger, Durst oder sonstigen \u00c4u\u00dferungen unsres K\u00f6rperlebens, wird auch f\u00fcr die Einsicht in ihr weiteres Wesen und Wirken erst zug\u00e4nglich auf solcher Grundlage. Und wie \u00fcber unsre Nahrungs- oder andern Leibesbed\u00fcrfnisse nur sorgsame Einzelerforschung und Tatsachenpr\u00fcfung orientieren kann, so hat auch hier keine andre Richtschnur G\u00fcltigkeit als nur die eine, die wir auf ethischem Gebiet gern als die h\u00f6chste zu feiern pflegen: der das Kleinste, Geringste, am niedrigsten Befundene, um nichts weniger beachtensw\u00fcrdig erscheint als das mit allen menschlichen W\u00fcrden Ausgestattete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausschlaggebend daf\u00fcr erscheint die, durch keinerlei unsachliche R\u00fccksichten voreingenommene Absch\u00e4tzung \u00fcberhaupt, der sexuellen Bet\u00e4tigung wie Abstinenz. Wenn sie nach manchen Seiten immer noch unter die offenen Fragen geh\u00f6rt, so mag es unter anderm damit zusammenh\u00e4ngen, da\u00df uns \u00fcber die innern Sekretionen der Blutdr\u00fcsen sowie deren Verwandtschaft untereinander (die m\u00f6glicherweise stellvertretender wirken kann als wir wissen) nicht im entferntesten so Genaues bekannt ist wie \u00fcber die geschlechtlichen Au\u00dfensekretionen; so da\u00df wir nicht wirklich \u00fcbersehn k\u00f6nnen, welchen Einfl\u00fcssen von ihnen her wir unterstellt sein m\u00f6gen auch da, wo die sexuelle Bet\u00e4tigung nach au\u00dfen fortf\u00e4llt (wie, im \u00fcblichsten Beispiel, bei Entfernung nur von Mutter oder Glied, nicht auch von Eierst\u00f6cken und Hodens\u00e4cken, die sekund\u00e4ren Geschlechtscharaktere nicht beeinflu\u00dft werden). Denkbar bliebe es ja, da\u00df von diesem oder jenem andern \u00e4hnlichen Punkt aus, sich f\u00fcr die sexuelle Enthaltsamkeit einmal Schl\u00fcsse ergeben, die sie nicht blo\u00df gesundheitlich statthaft, sondern wertvoll, \u2013 im Sinne des kraftsteigernden, weil kraftresorbierenden und \u2013 umsetzenden Wertes, \u2013 erscheinen lassen. Und viele Frauen werden es dann sein, die mit einem heimlichen L\u00e4cheln f\u00fchlen werden, da\u00df sie davon l\u00e4ngst etwas wu\u00dften, \u2013 sie, in denen die zwingende sexuelle Zucht aller christlichen Jahrhunderte, in manchen Schichten wenigstens, zu einer nat\u00fcrlichen Unabh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber der nackten Notdurft des Triebhaften geworden ist, \u2013 sie, die es sich heute deshalb noch dreimal, nein: zehntausendmal \u00fcberlegen sollten, ehe sie eine ihnen pers\u00f6nlich schon fast m\u00fchelos in den Scho\u00df fallende Frucht langen, harten Kulturringens, sich wieder entgleiten lassen f\u00fcr modernere Liebesfreiheit, denn sehr viel wenigere Generationen gen\u00fcgen zur Beraubung als zur Erwerbung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch ganz gleicher weise unbefangen gilt es sich zu den andern M\u00f6glichkeiten zu stellen, die vor zu sorgloser Hintenansetzung des Geschlechtlichen warnen k\u00f6nnen. Zu den F\u00e4llen, die den Geschlechtsreiz erkennen lassen als den naturgem\u00e4\u00dfen Ersatz f\u00fcr die ungeheuren Stimulantien, \u00fcber die der wachsende kindliche K\u00f6rper durch die ihm noch so neuen starken Au\u00dfenreize im gesamten \u00fcbrigen Sinnenleben verf\u00fcgte. Zu den F\u00e4llen, die von jungen krankenden Menschen erz\u00e4hlen, denen das Erleben des Sexuellen, sogar ohne jeden eignen Antrieb dazu, zur Genesung wurde, oder von an\u00e4mischen M\u00e4dchen, die selbst in unbegehrter Ehe aufbl\u00fchten, und erstarkten unter dem Einflusse des ver\u00e4nderten Gewebstonus und Stoffwechsels. Zu allen F\u00e4llen, wo die Gefahr evident wird, da\u00df die innerste Lebenskraft zwischen Jugend und Alter durch ihre Aufstauung nicht wirksam w\u00fcrde zu fruchtbaren Umsetzungen, sondern, Leben hemmend und aufhaltend, sich zu einer Art von Giftwirkung konzentrierte. Und lassen sich selbst solchen Anzeichen auch andersgeartete gegen\u00fcberstellen, so mu\u00df man doch dran festhalten, wie oft die leibliche Hemmung den Menschen an seiner geistigen Leistungsf\u00e4higkeit, ja an seinem individuellsten Menschenwert Einbu\u00dfen erleiden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesen Gr\u00fcnden mu\u00df jegliches, was zur n\u00fcchternsten Pr\u00fcfung solcher Fragen beitragen kann, willkommen sein, und mu\u00df sie behandeln k\u00f6nnen <i>als ein Problem ganz f\u00fcr sich<\/i>, ohne sich dabei dreinreden zu lassen, sei es von einem Vorwegidealisieren der leiblichen Notst\u00e4nde, wie es manchmal als modernisiertes \u201eGriechentum\u201c auf den Plan tritt, sei es von Anspr\u00fcchen der Erotik im engern Sinne. Denn auch dies ist zu betonen, wie wenig das heutige Streben nach Verfeinerung und Individualisierung der Liebesgef\u00fchle der artige Fragen durch sich selbst l\u00f6sen kann. Darum bleibt es doch nicht minder anerkennenswert, und jede reine Kraft, die es f\u00f6rdern hilft, ein hoher Gewinn. Allein das steigend Subtile der Liebeswahl steigert zun\u00e4chst nat\u00fcrlich nur noch die Schwierigkeiten ihrer eigenen Erf\u00fcllung. Unsere physiologische Reife wird ja nur h\u00f6chst selten mit so ausnahmsweisen Seelenverfassungen zusammenfallen, und alle beide \u00fcbrigens auch wieder fast ebenso selten mit der Geistes- und Charakterreife eines sich dauernd binden sollenden Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt erweist sich die Vermischung aller m\u00f6glichen praktischen Gesichtspunkte \u2013 hygienisch-romantisch-p\u00e4dagogisch-utilitaristischer Art, \u2013 insofern mi\u00dflich, als das rein Sachliche dabei stets vom einen an den andern ausgeliefert erscheint, ehe es noch recht zu Wort kommen konnte. So sieht sich etwa die physiologische Angelegenheit verfr\u00fcht spruchreif durch robuste K\u00f6rperkultur-Ideale, oder umgekehrt durch zarte diskreditiert, diese wiederum, aus Furcht mit ihren robustem Kollegen verwechselt zu werden, sehn sich schnell in ein beschleunigtes Eheverfahren hineingeduckt, das nun seinerseits mit so vielen erleichternden Konzessionen bedacht werden mu\u00df, bis es selber sich recht verd\u00e4chtig physiologisch begr\u00fcndet ausnimmt: womit es dann am Ausgangspunkt wieder gl\u00fccklich angelangt w\u00e4re. Und so wird, um weder in einen frivolen noch in einen traditionellen Ton zu verfallen, wechselweise ein freier, schw\u00e4rmerischer oder etwas muffig-philistr\u00f6ser angeschlagen; ungef\u00e4hr wie in Vorzeiten abgesetzte Gottheiten zu D\u00e4monen degradiert werden, und niemand auf den Einfall kommen kann, soeben noch habe man an sie geglaubt: bis skeptischere Forschung herausfindet, da\u00df auch in ihren Nachfolgern nur sie wieder auflebten. \u2013 Weshalb vielleicht einiges Absehn von ihrem jeweiligen Rang, sowie von s\u00e4mtlichen Reformausblicken oder Kampfesr\u00fcckblicken f\u00fcr eine unbefangene Betrachtung der Dinge ersprie\u00dflich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">EIN DOPPELTES ist f\u00fcr das Problem des Erotischen kennzeichnend:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, da\u00df es als Sonderfall innerhalb der physischen, psychischen, sozialen Beziehungen \u00fcberhaupt betrachtet werden mu\u00df, und nicht nur so selbstherrlich f\u00fcr sich, wie es \u00f6fters geschieht. Sodann aber, da\u00df es alle drei Arten dieser Beziehungen in sich noch einmal <i>aufeinander bezieht<\/i>, und sie damit zu einer einzigen, und zu <i>seinem<\/i> Problem, zusammenschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon dem Untergrund allen Daseins eingewurzelt, w\u00e4chst es dadurch aus immer dem gleichen reichen, starken Boden, bis zu welcher H\u00f6he es sich auch erstrecken, zu einem wie machtvollen, den Raum raubenden Wunderbaum es sich auch entfalten mag, \u2013 um selbst da, wo ihm der Boden total verbaut wird, mit seiner dunklen, erdigen Wurzelkraft dennoch darunter zu beharren. Eben dies ist sein gewaltiger Lebenswert, da\u00df, wie f\u00e4hig es auch sei, breite Alleingeltung zu erlangen, oder hohe Ideale zu verk\u00f6rpern, es doch darauf nicht angewiesen bleibt, sondern sich noch aus jeglichem Erdreich Kraftzuwachs saugen kann, jeglichen Umst\u00e4nden sich lebendienend anpa\u00dft. So finden wir es bereits den fast rein vegetativ ablaufenden Vorg\u00e4ngen unsrer K\u00f6rperlichkeit beigesellt, sich ihnen eng einend, und wenn es auch nicht, wie diese Funktionen, f\u00fcr das Dasein schlechthin bedingend wird, so doch auch auf sie noch den st\u00e4rksten Einflu\u00df \u00fcbend. Daher bleibt ihm auch in seinen eignen h\u00f6hern Stadien und Arten, ja auf der Spitze kompliziertester Liebesentz\u00fcckungen noch, etwas von diesem tiefen, einfachen Ursprung unvertilgbar gewahrt: etwas von dieser guten Fr\u00f6hlichkeit, die das K\u00f6rperliche im unmittelbaren Sinn seiner Befriedigung als immer wieder neues, junges Erleben, gleichsam als Leben in seinem Ursinn, empfindet. Wie jeder gesunde Mensch sein Erwachen oder t\u00e4gliches Brot, oder einen Gang durch die Frische der Luft, immer von neuem lust vollgenie\u00dft, als mit jedem Tage junggeboren, und wie man mit Recht beginnende Nervenzerr\u00fcttungen manchmal daran erkennt, da\u00df sich in diese Allt\u00e4glichkeiten, Urnotwendigkeiten, pl\u00f6tzlich die Begriffe von \u201elangweilig\u201c, \u201eeint\u00f6nig\u201c, \u00fcberdru\u00dferweckend hineinmengen, so ist auch im Liebesleben hinter und unter seinen sonstigen Begl\u00fcckungen, immer die eine mitenthalten, die, unsensationell und untaxierbar, der Mensch mit allem teilt, was mit ihm atmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Animalisch-Erotische ist schon nicht mehr darauf allein beschr\u00e4nkt, indem das h\u00f6here Tier seine geschlechtliche Handlung durch einen Gehirnaffekt begleitet, der seine nerv\u00f6se Materie in eine exaltierte Erregung bringt: das Sexuelle wird der Sensation, endlich der Romantik, entgegengesto\u00dfen, bis hinauf in deren feinst verzweigte Spitzen und Aufgipfelungen im Bereich des menschlich Individuellsten, was es gibt. Aber diese steigende Liebesentwicklung findet von vorn herein statt auf einer steigend schwankenden Grundlage: anstatt des Ewiggleichbleibenden und -Gleichgeltenden, nun auf Grund jenes Gesetzes alles Animalischen, wonach die Reizst\u00e4rke abnimmt mit ihrer Wiederholung. Das W\u00e4hlerischere in bezug auf den Gegenstand und den Moment, \u2013 so sehr ein h\u00f6herer Liebesbeweis, \u2013 wird bezahlt mit der Erm\u00fcdung an dem um so viel heftiger Begehrten, \u2013 mit der Begierde also nach dem Unwiederholten, nach der noch ungeschw\u00e4chten Reizst\u00e4rke: nach dem <i>Wechsel<\/i>. Man kann sagen: das nat\u00fcrliche Liebesleben in allen seinen Entwicklungen, und in den individualisiertesten vielleicht am allermeisten, ist aufgebaut auf dem Prinzip der Untreue. Denn die Gew\u00f6hnung, soweit sie das Gegenteil, eine dem entgegenwirkende Macht, darstellt, f\u00e4llt, wenigstens ihrem groben Sinn nach, ihrerseits noch unter die Wirkungen der mehr vegetativ bedingten, wechselfeindlichen K\u00f6rperbed\u00fcrfnisse in uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist jedoch das durchaus geistigere, will sagen: lebenskompliziertere, Prinzip, das zur \u00c4nderung und zu w\u00e4hlerischem Aufbrauch der Reize dr\u00e4ngt, \u2013 es ist das sinnvoll gesteigerte Verhalten, das eben darum nichts wei\u00df von jener Altersstetigkeit, Stabilit\u00e4t, der primitivem Prozesse, die diese f\u00fcr uns in manchen Beziehungen zu einer Basis machen von beinahe dem Anorganischen \u00e4hnlicher Sicherheit, \u2013 fast wie soliden Erd- oder Felsgrund. So ist es weder Schw\u00e4che noch Minderwertigkeit des Erotischen, wenn es seiner Art nach auf gespanntem Fu\u00df mit der Treue steht, vielmehr bedeutet es an ihm das Abzeichen seines Aufstiegs zu noch weitern Lebenszusammenh\u00e4ngen. Und darum mu\u00df auch da, wo es in solche schon weiter einbezogen wird, ihm von dieser ungen\u00fcgsamen Sensibilit\u00e4t vieles erhalten bleiben, grade so, wie es seinerseits sich nur begr\u00fcndet auf den urspr\u00fcnglichsten Vorg\u00e4ngen des Organlebens. Ja, wenn schon diese, das \u201eAllerleiblichste\u201c in uns, nicht anders als mit ehrf\u00fcrchtiger Unbefangenheit betrachtet werden sollen, so geb\u00fchrt wahrhaftig eine gleiche Hochachtungsbezeugung auch dem Erotischen noch in seinen draufg\u00e4ngerischen Windbeuteleien: trotzdem man an ihnen nur das zu sehen gewohnt ist, was sie zum S\u00fcndenbock f\u00fcr jegliche Liebestrag\u00f6die gemacht hat.<span id=\"Seite_15\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derjenige Zusammenhang, worin das Erotische, zum mindesten im g\u00fcnstigen Fall, seine schlimmsten Unarten ablegt, ist in unserm geistigen Verhalten gegeben. Wo wir etwas in unsre Einsicht und Bewu\u00dftheit aufnehmen, anstatt nur in unser physisches oder seelisches Verlangen, da erleben wir es auch nicht blo\u00df in der abnehmenden Reizst\u00e4rke der S\u00e4ttigung dieses Verlangens, sondern im steigenden Interesse des Verstehens, also in seiner Einzigkeit und menschlichen Unwiederholbarkeit. Daraus erst ergibt sich der volle Sinn dessen, was in der Liebe den Menschen zum Menschen dr\u00e4ngt, als zum Zweiten, zum andern unwiederholbaren Ich, um in der Wechselwirkung mit ihm als Selbstzweck, nicht als Liebesmittel, sich erst zu erf\u00fcllen. Tritt erst damit die Liebe nun auch in ihre soziale Bedeutung ein, so ist doch klar, da\u00df dies nicht f\u00fcr die Au\u00dfenseite der Sache gilt: denn ihre Abfindung mit deren \u00e4u\u00dferen Konsequenzen, ihr unumg\u00e4ngliches Verkn\u00fcpftsein mit dem Interessenkreis der Allgemeinheit, enth\u00e4lt ihre soziale Kehrseite auch schon auf ihren fr\u00fcheren Stufen. Hier aber liegt ihr innerster Lebenssinn frei: der geistige Grad von Lebendigkeit, dem gegen\u00fcber selbst der Trieb nach Wechsel noch als ein Mangel an innerer Beweglichkeit erscheint, da er solcher Anst\u00f6\u00dfe von au\u00dfen bedarf, um frisch ins Rollen zu kommen, w\u00e4hrend sie hier viel eher st\u00f6ren, ja aufhalten w\u00fcrden. Damit gewinnen Treue und Stetigkeit einen ver\u00e4nderten Hintergrund: in dieser \u00dcberlegenheit des Lebensvollsten, Lebenserschlie\u00dfendsten, liegen neue organisatorische M\u00f6glichkeiten nach au\u00dfen vor, \u2013 eine Welt des Beharrendem wird wieder realisierbar, ein erneuter sichrerer Boden f\u00fcr alles Werden des Lebens, \u2013 analog unserer physischen Basis und dem, was unser Organismus als das leibhafte Liebesendziel aus sich herausstellt im Kinde.<span id=\"Seite_16\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seinen drei Stadien an sich ist jedoch das Wesen des Erotischen noch nicht vollst\u00e4ndig umschrieben, sondern erst mit der Tatsache ihres gegenseitigen <i>Aufeinanderbezogenseins<\/i>. Aus diesem Grunde lassen sich Rangordnungen in seinem Bereich nur \u00fcberaus schwer abgrenzen, und nicht als der klare Stufenbau, der sich theoretisch draus herstellen l\u00e4\u00dft, erscheint es, sondern als die immer wieder in sich gerundete, lebendig unzerteilbare Ganzheit. M\u00f6gen wir sie jeweils als gr\u00f6\u00dfer oder kleiner absch\u00e4tzen, wissen wir dennoch von Fall zu Fall nie, ob sie nicht auch da ihren vollen Gehalt umschlie\u00dft, wo er ihr selber nicht einmal bewu\u00dft werden kann: etwa wie physiologisch das Kind dem vollen Liebeszweck entspricht auch da, wo noch dumpfe Unbewu\u00dftheit der Urzeiten es statt dem Sexualvorgang den fremdartigsten D\u00e4monenursachen zuspricht. So mu\u00df hier die bisherige Er\u00f6rterung insofern erg\u00e4nzt werden, als auch das physische Moment im Erotischen, bis zuletzt alles beeinflussend, schon ebenfalls seinerseits von vornherein beeinflu\u00dft ist von den weiteren Momenten, die sich exakten Feststellungen entziehn: erst mit der <i>Totalergriffenheit<\/i> des Wesens ist das Problem gekennzeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">DER SEXUELLE VORGANG<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">IN DER WELT der \u2013 sehr verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u2013 undifferenziertesten Lebewesen vollzieht sich der Begattungsakt durch eine an sich selber so ungegliederte, runde kleine Ganzheit, da\u00df sie fast ein Sinnbild f\u00fcr diesen Tatbestand abgeben kann. In der Konjugation der Einzeller (die auch deren Selbstvermehrung noch von Zeit zu Zeit zugrunde zu liegen scheint) verschmelzen die beiden Zellkerne, das Neuwesen bildend, total miteinander, und nur Unwesentliches an der Peripherie der alten Zelle l\u00f6st sich absterbend dabei auf: Zeugung, Kind, Tod und Unsterblichkeit fallen noch in eins zusammen. Noch l\u00e4\u00dft sich das Kind f\u00fcr sein Elterntier nehmen, das N\u00e4chstfolgende f\u00fcr das Vorhergehende, ungef\u00e4hr wie ein St\u00fcck f\u00fcr ein anderes im Bereich dessen, was wir das \u201eUnbelebte\u201c nennen. Sobald mit dem Fortschritt der Organgliederung die Konjugation ihre Totalit\u00e4t einb\u00fc\u00dft und nur noch partiell zustande kommen kann, klafft der Widerspruch aber in seiner ganzen Sch\u00e4rfe auf: was das Leben erh\u00e4lt, bedingt zugleich den Tod. \u00d6fters so unmittelbar, da\u00df beide Vorg\u00e4nge doch noch wie ein und derselbe erscheinen, wenn auch sich vollziehend an zwei Wesen als an zwei Generationen. Wo endlich die Differenzierung im Einzelwesen noch unwiederholbarer weit geht, und die Erzeuger also keineswegs in ihrem Zeugungsprodukt tats\u00e4chlich \u00fcberleben, scheidet der Tod aus dem unmittelbaren Bunde aus, indem das Tier sich nur noch indirekt mit seiner eigenen entwickelten Leiblichkeit am Geschlechtsvorgang beteiligt. Das hei\u00dft, indem es nur dasjenige von sich drangibt, was es selber schon erblich empfangen und nicht in seine Einzelentwickelung aufgesogen hat: das Geschlecht wird sozusagen unter dem Tisch weitergegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit w\u00e4re der Proze\u00df am m\u00f6glichst entgegengesetzten Ende seines Ausgangs angelangt, und der ganze Selbsterhaltungstrieb, der urspr\u00fcnglich das Zellkernchen so zeugerisch-erfinderisch erscheinen l\u00e4\u00dft, h\u00e4tte sich, gewisserma\u00dfen fast pervers, emanzipiert aus dem, was, urspr\u00fcnglich ein anspruchlos Unwesentliches geblieben, an der Zellperipherie wegstarb. Aber von den Geschlechtszellen selber werden all diese gro\u00dfen Umw\u00e4lzungen von Urzeiten her einfach ignoriert, grade als beherrschten sie nach wie vor das gesamte Lebensreich, und nicht nur eine kleinste und immer noch mehr verkleinerte Einzelprovinz darin. Denn indem sich in ihnen alles zusammenfindet, woraus auch ein Individuum von dieser gro\u00dfen Differenziertheit sich wieder aufbauen kann, tragen sie nicht nur an sich selber noch unver\u00e4ndert den gleichen Totalit\u00e4tcharakter, sondern pr\u00e4gen ihn auch ihrer tempor\u00e4ren Einwirkung auf den K\u00f6rper auf, der sie in sich beherbergt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus solchen Einfl\u00fcssen mag es wohl stammen, wenn grade die primitivste Verbindungsart zwischen Lebewesen, die Totalverschmelzung der Einzelligen, so wunderlich gleichnishaft dem entspricht, was sich in den h\u00f6chsten Liebestr\u00e4umen der Geist unter vollem Liebesgl\u00fcck vorstellen m\u00f6chte. Und deshalb wohl f\u00fchlt Liebe sich so leicht umschwebt von einem Sehnen und Todesbangen, die sich voneinander kaum ganz klar unterscheiden lassen, \u2013 von etwas, wie einem Ur-Traum gleichsam: darin das eigene Selbst, der geliebte Mensch, und beider Kind noch eins sein k\u00f6nnen, und drei Namen nur f\u00fcr dieselbe Unsterblichkeit. Andrerseits liegt hier der Grund f\u00fcr den Kontrast zwischen dem Gr\u00f6bsten und dem Verkl\u00e4rtesten, der den Liebesdingen eignet, und bereits an Tieren humoristisch auffallen kann, wenn sie ihre sexuelle Notdurft zu verbinden imstande sind mit der empfindsamsten Hypnose. In der Menschenwelt bleibt es nicht immer beim Humor der Sache in diesen Schwankungen von derb zu \u00fcbergef\u00fchlvoll. Ein dunkles Begreifen hiervon bedingt auch die spontane, tief instinktive Scham, die ganz junge unschuldige Menschen der geschlechtlichen Verbindung gegen\u00fcber f\u00fchlen k\u00f6nnen: einer Scham, die weder ihrer Unerfahrenheit noch gut gemeinten Moralreden verdankt wird, sondern dem Umstand, da\u00df sie mit ihrem Liebesdrang die Ganzheit ihrer selbst meinten, und der \u00dcbergang von da zu einer k\u00f6rperlichen Teilhandlung sie verwirrt, \u2013 fast wie vor der heimlichen Anwesenheit eines Dritten, Fremden: eben des K\u00f6rpers als einer Teilperson f\u00fcr sich, \u2013 so, als seien sie einander kurz zuvor noch, in der hilflosen Sprache ihrer Sehnsucht noch, beinahe n\u00e4her, totaler, unvermittelter, nahe gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sexuelle selbst strebt indessen Kontraste und Widerspr\u00fcche m\u00f6glichst in sich aufzul\u00f6sen, mit denen es durch die Arbeitsteilung der Funktionen beirrt wird. Rastlos vergesellschaftet es sich allen Trieben, deren es irgend habhaft werden kann. Anf\u00e4nglich vielleicht dem Fre\u00dftrieb am verwandtesten, der als ein fr\u00fchest herausgebildeter sich ebenfalls noch auf alles bezog, l\u00e4\u00dft es ihn bald als schon zu spezialisierten hinter sich. Wenn heute noch Liebende versichern, da\u00df sie einander vor Liebe auffressen m\u00f6chten, oder wenn arge weibliche Spinnen es mit ihrem bedauernswerten kleinen Spinnerich noch wirklich tun, so findet ein so be\u00e4ngstigender \u00dcbergriff nicht vom Fressen aufs Lieben, sondern umgekehrt statt: das geschlechtliche Verlangen als die <i>Totalkundgebung<\/i> ist es, die alle gesonderten Organe in seine Aufregung mit hineinrei\u00dft. Das gelingt ihm auch ganz leicht. Stammen sie doch s\u00e4mtlich, sozusagen, aus der gleichen Kinderstube wie die Bewohner der Sexualorgane, h\u00e4tte doch schlie\u00dflich jedes von ihnen \u201eGeschlechtszellchen\u201c spielen k\u00f6nnen, wenn nicht der Hochmutsteufel sie in eine so weitgehende Differenzierung hinein verstrickt h\u00e4tte. Drum klingt die Erinnerung, womit das Sexuelle sich ihnen aufzudr\u00e4ngen wei\u00df, m\u00e4chtig in ihnen an, sie vergessen, wie herrlich weit sie es inzwischen gebracht, und h\u00e4ngen, mehr als es f\u00fcr ein richtiges, gebildetes Organ der h\u00f6hern Tiergattungen statthaft ist, einer unvermuteten Sehnsucht nach der guten alten Zeit der ersten Bildungen und Scheidungen im Mutterei nach.<span id=\"Seite_20\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einer solchen \u2013 auf menschlichem Gebiet w\u00fcrde man sagen: sentimentalen \u2013 Anwandlung von R\u00fcckst\u00e4ndigkeit beruht die unendliche Allgemein-Erregung des Gesch\u00f6pfes, die der geschlechtliche Vorgang ausl\u00f6st. Und je mehr er selber im Laufe der Entwicklung gleichsam in die Ecke gedr\u00fcckt, zu einem Sondervorgang wird, desto st\u00e4rker nur w\u00e4chst im selben Grade die Bedeutung seines Gesamteinflusses auf das \u00fcbrige, denn was da stattfindet: das Ineinanderflie\u00dfen zweier Wesen im erotischen Rausch, das ist nicht die einzige, und vielleicht nicht einmal die eigentliche Vereinigung dabei. Vor allem sind wir es selber, in denen alle Sonderleben Leibes und der Seele wieder einmal in gemeinsam empfundener Sehnsucht ineinanderflammen, anstatt so interesselos, gegenseitig kaum Notiz nehmend, f\u00fcr sich hinzuleben, wie Glieder einer gro\u00dfen Familie, die nur an Gedenktagen noch wissen, da\u00df sie \u201eEin Fleisch und Blut\u201c sind. Zu je komplizierter geartetem Organismen wir aufsteigen, desto gr\u00f6\u00dfere Fest- und Jubeltage werden solche Erlebnisse naturgem\u00e4\u00df sein, die unter dem Einflu\u00df und Aufwand des Keimolasma, wie eines Gro\u00dfonkels aus Amerika, auf einmal alles allarmieren bis in die verborgensten Extrawinkel unseres Seins, zu einer prunkvollen Herkunfts- und Geschlechterfeier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sagt man auch mit gewissem Recht: Liebe begl\u00fccke immer, auch die ungl\u00fcckliche \u2013 wenn man nur diesen Ausspruch gen\u00fcgend unsentimental fa\u00dft, n\u00e4mlich ohne Ber\u00fccksichtigung des Partners. Denn obgleich wir von ihm sehr erf\u00fcllt zu sein scheinen, sind wir es doch namentlich von unserm eignen Zustand, der uns, als ein typisch berauschter, garnicht recht f\u00e4hig macht, uns, mit was es auch sei, sachlich zu befassen. Nur erregender Anla\u00df ist der geliebte Gegenstand dabei: nur so, wie ein Klang oder Duft von au\u00dfen, ganze Welten wirkend, sich in einen n\u00e4chtlichen Traum verfangen kann. Liebende sch\u00e4tzen ihre Zusammengeh\u00f6rigkeit auch ganz instinktiv nach diesem Einen ab: dem gegenseitigen geistigleiblichen Produktivwerden in sich selbst, das sie aneinander konzentriert und entlastet in gleicher Weise, wie es im Liebesakt von K\u00f6rper zu K\u00f6rper geschieht. Werden sie statt dessen den verd\u00e4chtigen Lobpreisungen des andern allzu sachlich zug\u00e4nglich, so gibt es schnell den bekannten unsanften Sturz aus den Wolken der Verhimmelung, den jeder erfahrenere Mensch f\u00fcr alle Verliebten kopfsch\u00fcttelnd vorauszusagen pflegt, und wobei die arme Liebestorheit, soeben noch mit Goldflittern zur Prinzessin herausgeschm\u00fcckt, sich als Aschenbr\u00f6del wiederfindet. Im Flitterkleid verga\u00df sie, da\u00df nur die Dankbarkeit f\u00fcr des andern eigene Wesenbeseligung es ihr umhing, ja da\u00df vielleicht, unbewu\u00dft, sogar immer etwas dran h\u00e4ngt von \u00fcberreichlichem Gutmachenwollen jener erotischen Selbstsucht, die nur sich selbst darin feierte. Und die dazu zwischen sich und den andern, wie einen goldnen Schatten, das unfa\u00dfbare Geistergebilde stellte, das erst den Mittler darstellt von ihr zu ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">DAS EROTISCHE WAHNGEBILDE<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">NUN IST es interessant zu sehn, wie grade an diesem Punkt das Thema des Erotischen am stiefm\u00fctterlichsten behandelt wird. Allerdings enth\u00e4lt diese Geistesbeteiligung am Liebesrausch so viel \u2013 Rausch, so deutliche Symptome der Trunkenheit, da\u00df kein Ausweg zu bleiben scheint, als sie auf romantisches Terrain abzuschieben, oder als einigerma\u00dfen pathologisch zu beargw\u00f6hnen. Dieser wunde Punkt an der ganzen Geschichte wird meistens nur so ber\u00fchrt, wie wenn die Narrenkappe, die unser Verstand hier zeitweilig aufsetzt, davon abhielte, seinen Zustand selber ernst zu nehmen. Im allgemeinen begn\u00fcgt man sich damit, die Sexualit\u00e4t unter die Lupe zu halten wie sie lokalisiert erscheint in den niedern Hirnzentren, und dann ihr das Gef\u00fchlsmaterial unerotischer Art anzugliedern, das, Gott sei Lob und Dank, sich allm\u00e4hlich ja auch mit ihr zusammentut, wie etwa Wohlwollen, G\u00fcte, Freundschaft, Pflichtbewu\u00dftsein und \u00e4hnliches, Diese alle werden durch die ins Kraut schie\u00dfende berauschte \u00dcbersch\u00e4tzung nicht einmal gef\u00f6rdert, im Gegenteil steht sie der Liebe als einer sozialen Nutzpflanze zun\u00e4chst nur hinderlich im Wege.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber etwas Menschlichstes am sexuellen Erleben geht leer aus, wenn die menschliche Verr\u00fccktheit dabei gar zu sehr als quantit\u00e9 n\u00e9gligeable abgetan wird. An den urteilstollsten Erg\u00fcssen von Liebenden aller Zeiten und V\u00f6lker erg\u00e4nzt sich uns erst das volle Material dessen, was der Mensch kraft seines mitfiebernden Intellekts aus dem Sexus gemacht hat: und erst dann, wenn wir es weder selber romantisch betrachten, noch auch mit halbwegs medizinischem Interesse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn es enth\u00e4lt ja die geistige Sprache dessen, was seit Urweltstagen das Geschlecht auszudr\u00fccken bem\u00fcht gewesen ist in k\u00f6rperlicher Deutlichkeit als seinen einzigen Sinn: da\u00df es das Ganze nimmt und gibt. Die Revolution der Geschlechtszellen, die diese allm\u00e4hlich nur noch allein ganz Mitbeteiligten in der \u00fcbrigen Physis anrichten, der Aufstand dieser R\u00fcckst\u00e4ndigen, Freigeborenen, \u2013 gleichsam unsres Ur-Adels, \u2013 im wohlgeordneten K\u00f6rperstaat, kommt darin dem Geist zu Geh\u00f6r. In ihm, als dem Obersten, dem zusammenfassenden Organe \u00fcber der Vielf\u00e4ltigkeit der andern, kann ihr selbst herrlicher Wille seinen Wiederklang finden, \u2013 ja, das blo\u00dfe Dasein des Geistes schon verwirklicht in etwas ihre anspruchsvollen W\u00fcnsche, insofern sie von ihm aus erst wieder als einheitliche Macht auf alles zur\u00fcckstrahlen, und sei es auch einstweilen nur als ein Scheinfeuerwerk: als Illusion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begreift sich, warum sogar noch Schopenhauer einen tiefen Griff in seinen metaphysischen Sack tat, um diese Liebesillusion als eine der verschmitztesten Mausefallen seines \u201eWillens zum Leben\u201c zu verfehmen, mitsamt ihrem blendenden K\u00f6der darin: man f\u00fchlt f\u00f6rmlich die Wut aller D\u00fcpierten heraus. Denn allerdings, von dem Augenblick an, wo das Geschlechtliche einfach eingereiht ist als ein Einzelproze\u00df unter die vielen sonstigen im hochorganisierten K\u00f6rper, mu\u00df die brennend eifrige Gesamtergriffenheit gewisserma\u00dfen ins Leere ausschwingen. Sie kann nur noch Luxussache sein um die geschlechtlichen Tatsachen herum, sozusagen Lock- und Verf\u00fchrungsarbeit, die das Notwendige und Wirkliche dran umkleidet und schm\u00fcckt mit einem vergeuderischen \u00dcberflu\u00df, den ihr keine Wirklichkeit je zur\u00fcckzahlt. Und dennoch unterliegt sie damit nicht lediglich einer Selbstbetr\u00fcgerei, wie viele andre sie auch unwillk\u00fcrlich mitbetr\u00fcgen mag: sie versucht nur zum erstenmal mit rein geistigen Mitteln sich einen eigenen Weg, einen Geistesweg, durch die k\u00f6rperlichen Bedr\u00e4ngnisse zu bahnen bis in irgend ein verlornes Paradies. Darum erleben wir sie um so gewisser, je echter eine Liebe in uns ist, und mischt sich erst unsre ganze Hirnkraft helfend ein, dann nur um so verr\u00fcckter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht selten liegt im ganzen Verhalten von Liebenden gegeneinander ein wenig von dieser Ahnung ausgedr\u00fcckt, dem andern doch nur verkl\u00e4rt, verh\u00fcllt, sichtbar zu sein, und \u2013 ohne jede Pose oder Absicht \u2013 ein gleichsam davon gebanntes Eingehen auf sein Traumbild. Gewisse Dinge, die sch\u00f6nsten, lassen sich eben, sozusagen, nur stilisiert, nicht rein realistisch, in ihrem vollen Sein erleben, wie wenn in ihnen eine ungeheuer dichterische F\u00fclle nur mit Hilfe einer um so gehaltenem Form aufgenommen werden k\u00f6nnte: von ehrf\u00fcrchtiger Sch\u00f6nheitssehnsucht angeordnet, worin man mit mehr Zur\u00fcckhaltung als je, mehr R\u00fcckhaltlosigkeit als je, in einer ganz neuen Wesensmischung also, sich gibt. In dieser wahnvermittelten Wirkung doch von bindenderm Einflu\u00df aufeinander als alle tats\u00e4chliche Abh\u00e4ngigkeit je zustande br\u00e4chte; denn bleibt der andere damit f\u00fcr uns auch \u201edrau\u00dfen\u201c, au\u00dferhalb von uns, \u2013 nur eben unsern Wesensumkreis fruchtbar anr\u00fchrend, \u2013 so geht doch von solchem Punkt aus erst die ganze \u00fcbrige Welt uns auf, er wird uns zum eigentlichen Verm\u00e4hlungspunkt mit dem Leben, diesem sonst nie ganz innerlich einbeziehbaren Au\u00dfen der Dinge: er wird das Medium, wodurch das Leben f\u00fcr uns beredt ist, die grade unsre Seele treffenden Laute und Akzente findet. Lieben hei\u00dft im ernstesten Sinn: Jemanden wissen, dessen Farbe die Dinge annehmen m\u00fcssen, wenn sie bis ganz zu uns gelangen wollen, so da\u00df sie aufh\u00f6ren gleichg\u00fcltig oder schrecklich, kalt oder hohl zu sein, und selbst die drohendsten unter ihnen, wie b\u00f6se Tiere beim Eintritt in den Garten Eden, sich bes\u00e4nftigt uns zu F\u00fc\u00dfen strecken. In den sch\u00f6nsten Liebesliedern lebt etwas von dieser m\u00e4chtigen Empfindung, als sei das Geliebte gar nicht nur es selbst, sondern auch das Blatt noch, das am Baume zittert, der Strahl noch, der auf dem Wasser ergl\u00e4nzt, \u2013 verwandelt in alle Dinge und Verwandlerin der Dinge: ein Bild, zersprengt in die Unendlichkeit des Alls, damit, wo wir auch wandeln m\u00f6gen, es in unsrer Heimat geschehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb f\u00fcrchtet man so berechtigt eines Liebesrausches Ende durch das allzu gr\u00fcndliche Sichkennenlernen, deshalb beginnt jeder echte Rausch mit etwas wie einem sch\u00f6pferischen Ruck, der Sinne und Geist in Schwingung versetzt. Deshalb eine bei aller Besch\u00e4ftigung mit dem andern doch nur geringe Neugier, wie er wohl eigentlich \u201eist\u201c, und selbst bei weit \u00fcbertroffenen Erwartungen, die einen Bund nach allen Seiten gefestigt und vertieft haben, unter Umst\u00e4nden doch eine starke Entt\u00e4uschung blo\u00df deshalb, weil der Spielraum nicht mehr vorhanden ist, um sich zum andern schaffend dichtend, \u201espielend\u201c zu verhalten. Ganz kleine Reizbarkeiten heften sich damit oft an eben dieselben kleinen Z\u00fcge, die ehemals dazu im besondern anregten und drum besonders entz\u00fcckten: da\u00df sie uns nun hinterher nicht wenigstens gleichg\u00fcltig lassen k\u00f6nnen, vielmehr irritieren, erinnert noch an die Tatsache, einer wie fremden Welt unsre Nerven damals entgegenzitterten, \u2013 einer wie fremdgebliebenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">EROTIK UND KUNST<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AM MEISTEN erkennen wir von den letzten, eigentlichen Antrieben des Erotischen, sobald wir es in Vergleich ziehn mit andern starken Phantasieentbindungen, insbesondere den kunstsch\u00f6pferischen. Sicherlich liegt hier eine tiefe Verwandtschaft vor, \u2013 man m\u00f6chte fast sagen, eine Blutsverwandtschaft, dadurch, da\u00df auch im k\u00fcnstlerischen Verhalten \u00e4ltere Kr\u00e4fte mitwirksam werden und sich unter den individuell erworbenen mit einer leidenschaftlichen Erregung durchsetzen: beide Male geheimnisvolle Synthesen von Einst und Jetzt enthaltend als das Grunderlebnis, beide Male den Rausch ihrer heimlichen Wechselwirkung. Auf diesen dunklen Grenzgebieten ist die Rolle, die auch in diesem zweiten Fall das Keimplasma selber spielen mag, noch wenig, fast gar nicht, erforscht; da\u00df aber Kunsttrieb und Geschlechtstrieb so weitgehende Analogien bieten, da\u00df \u00e4sthetisches Entz\u00fccken so unmerklich in erotisches \u00fcbergleitet, die erotische Sehnsucht so unwillk\u00fcrlich nach dem \u00c4sthetischen, dem Schmuck, greift (der Tierheit m\u00f6glicherweise direkt leibessch\u00f6pferisch ihren Schmuck anschuf), das scheint ein Zeichen geschwisterlichen Wachstums aus der gleichen Wurzel. Es scheint das n\u00e4mliche Emporsteigen zu bedeuten unausgegebenen Urlebens bis in alles Pers\u00f6nlichste, die gleiche Heimkehr gewisserma\u00dfen der zerstreuten Sonderkr\u00e4fte in die erdwarmen Tiefen zur\u00fcck, worauf alles Sch\u00f6pferische \u00fcberhaupt beruht und wodurch das Geschaffene als lebendige Ganzheit geboren zu werden vermag. Und l\u00e4\u00dft sich schon das Sexuelle eine Wiedererweckung von Ur\u00e4ltestem nennen, von dessen leiblichem Ged\u00e4chtnis, so wird es f\u00fcr den k\u00fcnstlerisch Schaffenden ebenso wahr, da\u00df gleichsam Erbweisheit in ihm pers\u00f6nlichste Erinnerung werden mu\u00df, Assoziation mit seinem Gegenw\u00e4rtigsten, Eigensten, eine Art Weckruf aus dem Schlafe des Gewesenen durch den Aufruhr der Stunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim k\u00fcnstlerischen Vorgang aber hat in diesem Aufruhr die physische Erregung in der Gesamtergriffenheit nur den Zweck eines Begleitmoments, indem das Resultat selber als ein Gehirnprodukt allerindividuellster Verkn\u00fcpfung heraustritt; beim Sexuellen dagegen lassen umgekehrt die physischen Vorg\u00e4nge die geistige Exaltation nur als ein Nebenher mitschwingen, \u2013 um kein anderes \u201eWerk\u201c, als um eines Kindes leibliche Existenz bem\u00fcht. Aus diesem Grunde bringt das Erotische so weit mehr als das K\u00fcnstlerische seinen Rausch in blo\u00dfen Wahnbildern, in so viel \u201eunwahrem\u201c, zum Ausdruck. Auch im K\u00fcnstler bricht wohl sein besonderer Zustand jeweils durch den der Norm hindurch, wie eine Anomalie, eine Vergewaltigung des Gegenw\u00e4rtigen, festgeordnet Gegebenen, durch das erregende Ineinanderwirken von Vergangenheits- und Zukunftsanspr\u00fcchen in ihm. Allein dieses \u201einwendige Liebesverhalten\u201c, das auch <i>sein<\/i> K\u00f6stlichstes ist, findet sowohl seine letzte Erkl\u00e4rung wie seine schlie\u00dfliche Erf\u00fcllung auf geistigem Boden, sammelt und erledigt sich mehr oder minder restlos in seinem Werk, w\u00e4hrend der erotische Geisteszustand, weil dieser rechtfertigende Abschlu\u00df ihm fehlt, als eine besondere Art von Verschrobenheit, jedenfalls als Unnormalit\u00e4t, in das Getriebe des \u00fcbrigen Lebens eingereiht bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obgleich deshalb der K\u00fcnstler viel ungebundener phantasieren kann als der Liebende, nicht eingeengt durch dessen Lebensbeziehungen zu einer praktisch sich aufdr\u00e4ngenden Wirklichkeit am Geliebten, so unterstellt tats\u00e4chlich doch nur er, der Schaffende, seine Phantasien einer solchen: erschafft nur er das Neuwirkliche aus dem Vorhandenen, w\u00e4hrend der Liebende es nur machtlos mit seinen Erfindungen beschenkt. Anstatt an der erreichten Harmonie des herausgestellten Werks ausruhen zu k\u00f6nnen, wie die K\u00fcnstlerphantasie es darf, geht deshalb die Dichtung der Liebe unvollendet durch das ganze Leben, suchend und schenkend, und in ihrem Au\u00dfenwerk tragisch insofern, als sie sich von der physischen Gegebenheit ihres Gegenstandes in ihrem Denken weder freimachen, noch auch sich darin begrenzen kann. Die Liebe wird dadurch das Leiblichste wie auch das scheinbar Spiritualistischeste, Geistergl\u00e4ubigste, was in uns spukt; sie h\u00e4lt sich ganz und gar an den K\u00f6rper, aber ganz und gar an ihn als Symbol, als leibliche Zeichenschrift f\u00fcr alles, was sich durch die Pforte der Sinne in unsre Seele einschleichen m\u00f6chte, um sie zu wecken zu ihren vermessensten Tr\u00e4umen: \u00fcberall infolge davon dem Besitz die Ahnung von Unerreichbarem beimischend, \u00fcberall Erf\u00fcllung und Entsagung verschwisternd als nur dem Grade nach unterschieden. Da\u00df Liebe uns sch\u00f6pferisch macht \u00fcber unser Verm\u00f6gen hinaus, das macht sie zu einer solchen Gestalt der Sehnsucht nicht nur zwischen uns und dem von uns erotisch Ersehnten, sondern allem Hohen noch, dem wir darin entgegentr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend noch im Kunstsch\u00f6pferischen die k\u00f6rperliche Miterregung beim Geistesschaffen als ein belangloses Nebenher ohne weiteres abklingt, verh\u00e4lt es sich im Erotischen, im Leibessch\u00f6pferischen deshalb nicht mehr ebenso. Der geistige nebenherschwingende \u00dcberschu\u00df f\u00e4llt gleichsam in einen neu angeschlagenen Grundton ein, indem er allen Sehns\u00fcchten nach dem unklar Unaussprechlichen das Wort redet. Es ist, als ob etwas schon einfach dadurch, da\u00df es sich bis zur Geistigkeit individualisiert hat, sein Merkmal daran erhielte, sich nicht l\u00e4nger als blo\u00dfes Nebenwerkzeug oder Begleitmittel abtun zu lassen, sondern nunmehr von sich aus immer wieder organisierend vorgehn zu m\u00fcssen, und gelte es selbst die noch unsichtbarste, unvorhandenste Welt mit seinem Atem zu beleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">IDEALISATION<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DIE FRAGE l\u00e4\u00dft sich hier aufwerfen, welche Bewandtnis es eigentlich hat mit diesem ganzen Idealisationsdrang, der so zu tiefst zu stecken scheint grade in den sch\u00f6pferischen Vorg\u00e4ngen. Und ob er nicht in der Tat ein wesentliches Moment ihrer Verwirklichungen bildet, sofern sie als Synthese anzusehen waren von au\u00dfen und innen, Entferntestem mit N\u00e4chstem, Weltinhalt und Selbstgehalt, Urgrund und Gipfelung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wo es sich nicht um solche ausnahmsweisern Vorg\u00e4nge handelt, sondern um unsre Alltagsexistenz, beruht die blo\u00dfe menschliche Tatsache unsrer Bewu\u00dftheit auf einer \u00e4hnlichen Unterlage: dem gleichen Zusammenfassenm\u00fcssen einer Gegen\u00fcberstellung von Welt und Selbst, au\u00dfen und innen, die darin bereits mitgegeben ist. Die Spannweite dieses Zusammenfassens allein unterscheidet das menschlich Erreichbare von dem des Tieres. Soweit sich das Lebensbewu\u00dftsein steigert, tut es gleicherweise dieser Proze\u00df: entsprechend Tiefergelegenes, Fernwirkenderes umgreifend, und angen\u00e4hert damit dem von uns im engeren Wortsinn sch\u00f6pferisch genannten Verhalten. Bis dann ein Gegen\u00fcber von so durchschlagender Bedeutung \u00fcberwunden, bis es zu so fruchtbarer Einheit entladen wird, als w\u00fcrden gewisserma\u00dfen noch einmal Weltwerden und Ichgeburt erfahren, durchlebt, \u2013 was allein dem von uns Geschaffenen seinen eigenlebenden Kern einsenkt, anstatt blo\u00df abgeleiteten Scheindaseins und Oberfl\u00e4chenwesens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In demselben Ma\u00dfe nun, als dergleichen geschieht, bemerken wir die idealisierende T\u00e4tigkeit in vollem Gange. Der Liebende wie der Schaffende, der im Kinde wie im Geisteswerk Sch\u00f6pferische, sind kenntlich an ihren naiven, sachlich ganz untaxierbaren Entz\u00fcckungen. Das erw\u00e4hnte Gegen\u00fcber, um je Bedeutsameres es vertritt um desto mehr, kann sich sichtlich nur infolge einer solchen gegenseitigen Erh\u00f6hung auf gemeinsamem Boden finden, nur auf so gesteigertem Niveau seine Anspr\u00fcche und Fremdheiten ausgleichen, und die Veranlassung: das erh\u00f6hte Lebensgef\u00fchl selber, bedingt ein solches Vorgehn auch schon ganz unmittelbar. Es ist, als m\u00fc\u00dfte dadurch eine Art Zuweihung stattfinden, dessen, worin beide Parteien zum B\u00fcndnis zueinandertreten, so da\u00df sie, geeint, dazustehn scheinen, wie auf \u201eheiligem Grund\u201c. Als w\u00e4re, was wir \u201eIdealisieren\u201c nennen, sozusagen ein prim\u00e4rster Sch\u00f6pfungsakt der Gesch\u00f6pfe, etwas von ihrer allerersten selbst\u00e4ndigen Wiederholung, Fortsetzung allen Lebens, \u2013 und auch daher nur so fr\u00fch, sogar im k\u00f6rperlichen Paarungstrieb schon, vorauswirkend mit den ersten Spuren von Hirnt\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt. Und als entstiege um deswillen daraus der gro\u00dfe Jubelrausch des Daseins, wie Vogel jubelstimmen am Morgen, wenn die Sonne aufgehn will \u00fcber einem neuen Sch\u00f6pfungstag, \u2013 denn keine drei Dinge weiter auf Erden gibt es, die so tief miteinander zu tun h\u00e4tten wie diese drei: Schaffen, Anbetung und Freude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tastet man sich an das Dunkel der menschlichen Urspr\u00fcnge heran und der Menschheit Vorzeit, dann st\u00f6\u00dft man als auf die letzten erkennbaren Punkte auf religi\u00f6se \u00c4u\u00dferungen. Das, worin ihr soeben erwachtes Bewu\u00dftsein, pl\u00f6tzlich einer Au\u00dfenwelt gegen\u00fcbergestellt, sich mit dieser zusammenschlie\u00dft, ist immer in irgend einer Form der Gott. Er ist es, der die Einheit von neuem gew\u00e4hrleistet, aus der sich dann die unterschiedlichen Bestrebungen der beginnenden Kultur erst ergeben k\u00f6nnen. Das Bewu\u00dftwerden an sich aber ist, gegen\u00fcber der mangelhaft geweckten blo\u00df-tierischen Selbstbesinnung, eine derma\u00dfen hohe Lebenssteigerung, da\u00df man begreift, wie es aus allen, sich damit pl\u00f6tzlich auftuenden N\u00f6ten und Hilflosigkeiten, dennoch als erste menschliche Ursch\u00f6pfung eine gotthafte hob. Denn das bedeutet nichts Geringeres, als da\u00df die entscheidende Waffe im Lebenskampf nicht mehr lediglich die rein stoffliche der vielfach an Kraft so \u00fcberlegenen Tierheit war, sondern <i>ein Phantasieakt<\/i>. Nicht zwar als entwaffnende Untersch\u00e4tzung des faktisch gegebenen Fremdfeindlichen, eher als seine \u00dcbersch\u00e4tzung ins Ungreifbare zauberstarker Wirkungen, \u2013 aber doch nur, insofern gleichzeitig auch die menschliche Kraft vertiefter sich bewu\u00dft werden f\u00fchlt: sich f\u00fchlt, als nicht gleichdeutig mit der blo\u00dfen Stofflichkeit des Sichtbaren. Und deshalb, in allem Drang der Gegnerschaft, ist der Kampf nicht mehr nur das momentane Beutesuchen, sondern, damit zugleich, auch ein Erfassen der Einheit mit dem Umlebenden, darin das Tier noch ohne weiteres wurzelt; \u2013 ein Versuch, diese Einheit im Gotthaften, Zaubererh\u00f6hten zu erfahren. Ja, noch im Blut, das vergossen, im Fleisch, das verschlungen wird, schlie\u00dft der Mensch, Kr\u00e4fte tauschend mit dem Feinde, etwas von einem solchen Bund, von einer religi\u00f6sen Verm\u00e4hlung; indem er Tatsachen als vorhanden voraussetzt, doch eben damit sie als seine Zukunft setzt, feiert er, zum erstenmal hungernd und d\u00fcrstend auf eine neue Weise, das Abendmahl seiner geistigen Erl\u00f6sung vorweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur weil dieser innere Zwang die Dinge zu steigern, zu idealisieren, schon im primitivsten Sinn: \u201esch\u00f6pferisch sich verhalten\u201c bedeutet, nur deshalb finden wir ihn auf den Gipfelpunkten menschlicher Bet\u00e4tigungen \u00fcberall wieder zur\u00fcck, auslaufend schlie\u00dflich in die feinsten Spitzen menschlichen Erlebens. Aus diesem Grunde tr\u00e4gt unsre h\u00f6chste Produktivit\u00e4t den eigent\u00fcmlichen Charakter, da\u00df sie sich fast mehr wie Empf\u00e4ngnis anf\u00fchlt, als wie die letzte Zuspitzung unserer Selbstt\u00e4tigkeit, und da\u00df unsern \u00e4u\u00dfersten Leistungen ein Hingegebensein innewohnt an Werte \u00fcber uns hinaus. Wo wir ganz Herrscher \u00fcber das Leben sind wie niemals sonst, sind wir am allern\u00e4chsten einer Weihestimmung und Andacht: denn dies sind nicht so sehr Arten eines besondern Erlebens, als letzte Akzente seiner Intensit\u00e4t an sich. So, als w\u00fcrde, auf dem Weg zu immer fruchtbarerer Entladung, immer schaffenderm Sein, unser Selbst steril, wenn es sich nicht auf seinen Gipfelpunkten geheimnisvoll von neuem geteilt f\u00fchlte in die urspr\u00fcngliche Zweiheit seiner Basis, die allein seine Einheit verb\u00fcrgte. So, als ob etwas von den Sinnbildern uranf\u00e4nglicher Gottheit, unter tausend wechselnden Verkleidungen und Verfeinerungen, hindurch ginge durch alles noch, Weggenosse allen Menschen und Zeiten: als ob die Sch\u00f6pferkraft selber nur sei die Kehrseite einer Anbetung, \u2013 und das letzte Bild f\u00fcr alles Geschehen eine verm\u00e4hlende Befruchtung und Empf\u00e4ngnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">EROTIK UND RELIGION<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DASS RELIGION zu demjenigen geh\u00f6rt, was am verschiedenartigsten definiert, dessen Wesen von jeher auf die widersprechendsten Weisen erkl\u00e4rt wird, mag wohl an diesem Grade liegen, worin sie ihrem Grundaffekt nach eins ist mit unsern intimsten Lebensaffekten \u00fcberhaupt, \u2013 mit solchen innern Tatsachen, durch die wir selber stehn und fallen: die ebendeshalb nicht die Distanz zu sich freizugeben scheinen, welche theoretische Feststellungen erst erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist auch das Erotische dem Religi\u00f6sen zun\u00e4chst unmittelbar einverleibt und dieses ihm, auf Grund jener Lebenssteigerung an sich schon, der Innen und Au\u00dfen fruchtbar erregend zum Bewu\u00dftsein gelangen, \u2013 wobei sich diese verm\u00e4hlende Kraft, diese erh\u00f6hte Lust des Lebens, Wollens, zur engern leiblichen oder geistigen Wollust spezialisiert hat. Der Zusammenhang zwischen ihnen w\u00e4re demnach der gleiche wie mit allen sonstigen menschlichen Bet\u00e4tigungen, an denen die Umf\u00e4rbung des Religi\u00f6sen nur an deren Basis oder deren Gipfel noch die urspr\u00fcngliche Grundfarbe erkennen l\u00e4\u00dft. Besonders eng verkn\u00fcpft erscheint das Sexuelle den religi\u00f6sen Ph\u00e4nomenen aber insofern, als das Sch\u00f6pferische seines Vorgangs so fr\u00fch, im Leiblichzeugerischen, sich schon durchsetzt, und dadurch dem rein k\u00f6rperlichen Taumel bereits seinen Charakter einer Allgemeinsteigerung gibt: etwas wie eine vorweggew\u00e4hrte Geistigkeit. Und hat so, zum sexuell Affektiven, der Geist seine Gehirnreize herzuleihn, so sind andrerseits in der religi\u00f6sen Inbrunst, wie in jedweder starken psychischen T\u00e4tigkeit, die tonischen Reize des K\u00f6rpers mitwirksam: zwischen beiden liegt die gesamte menschliche Entwickelung ausgebreitet, dennoch klafft nichts, \u2013 ihre Vielheit schlie\u00dft sich von Einheit zu Einheit, und Anfang und Ende umfassen einander darin. Denn auch religi\u00f6se Inbrunst existierte nicht, ohne die sie tragende Ahnung, da\u00df das H\u00f6chste, was wir tr\u00e4umen, aus unserm irdischesten Erdboden hervorkeimen kann. Deshalb verbindet der Religionskult der Vorzeit sich dem Sexualleben noch so viel l\u00e4nger und tiefer, als den \u00fcbrigen Lebens\u00e4u\u00dferungen, und selbst in den sogenannten Geistesreligionen (\u201eStifterreligionen\u201c) \u00fcberlebt dieser Zusammenhang stets noch irgendwo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein religi\u00f6se und erotische Inbrunst laufen au\u00dferdem noch in einer besondern Art parallel, an der aller beider Wesen sich ziemlich weitgehend verdeutlicht: und zwar nach Seite ihrer gedanklichen Auslassungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie vom Erhabenen zum L\u00e4cherlichen nur ein Schritt ist, so k\u00f6nnte man, mit allem schuldigen Respekt und Staunen vor den Gedankenleistungen der gro\u00dfen Religi\u00f6sen, finden, da\u00df der n\u00fcchternen Beobachtung der Wirklichkeit gegen\u00fcber, die Denkwelt im religi\u00f6s Affizierten nach einer Richtung hin eine verh\u00e4ngnisvolle \u00c4hnlichkeit aufweist mit den \u00fcberschw\u00e4nglichen Vorstellungen in der Phantasie des Liebenden: sowohl ihrer Schaffensmethode wie ihrem wunschhaften Inhalt nach. Mit dem, ihrem Gegenstand angemessenen, ungeheuren Unterschied allerdings in der Wertung davon: denn auch die feurigste Liebe verlangt und erwartet nicht vom unbeteiligten Blick aller, da\u00df er nur mit ihren eigenen, den hellseherisch-blinden, Augen sehen soll, w\u00e4hrend der religi\u00f6se Glaube auf die \u00fcberw\u00e4ltigende Wahrheit seines Gottesbildes f\u00fcr alle den vollen Nachdruck legt. Nicht etwa, wie man gern h\u00f6rt, aus purer engherziger Unduldsamkeit, sondern aus der innersten N\u00f6tigung und dem alleinigen Sinn seines Wesens selber. Und zwar ist es der Fall trotz des zweiten Unterschiedes: trotzdem er aus noch viel ungehemmterer Subjektivit\u00e4t die Umrisse seines Bildes entwirft. Wo der Liebestrieb doch immer noch mit seiner Illusionsbildung gefesselt bleibt an einen Gegenstand der Wirklichkeit, oder wo im K\u00fcnstlerschaffen etwa, auch noch die freierfundensten Gebilde zugleich doch einen Ma\u00dfstab abgeben m\u00fcssen ihrer eigenen Verwirklichung, \u2013 da projiziert der Religi\u00f6se seine Vorstellungen, ohne sie weder im Ursprung noch im Ziel positiv \u201ebewahrheiten\u201c zu m\u00fcssen, mit unbehinderter Seelengewalt aus sich heraus, und damit so \u00fcberlebensgro\u00df wirkend an alle Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Infolgedessen kehrt sich bei diesem Gef\u00fchlserf\u00fcllten, bei dem man es als am wenigsten angemessen empfindet, am allermeisten grade die theoretische Seite seiner Glaubensunterstellungen so stark in den Vordergrund, ganz besonders weithin sichtbar, ganz besonders anspruchsvoll. Seine ver<span id=\"Seite_35\" class=\"PageNumber\"><\/span>schiedenen Annahmen, unkorrigierbarer als irgendwelche andren, weil unassozierbarer irgend etwas anderm, m\u00fcssen sich zuletzt immer starrer ausbauen zu einer Welt v\u00f6llig au\u00dferhalb aller \u00fcbrigen Dinge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein es liegt doch nur ein scheinbarer Widerspruch darin: um sich so souver\u00e4n auszusprechen, mu\u00df das Religi\u00f6se seine Denkwelt freilich so von allem isolieren; \u2013 dennoch ist diese seine Souver\u00e4nit\u00e4t selber doch nur ein Reflex jener Allseitigkeit und Urspr\u00fcnglichkeit seiner praktischen Bedeutung f\u00fcr alles, wonach nichts ohne sie ist, und sie selber gleichsam mitwirkend in jedem, jegliches in der Tiefe begr\u00fcndend, in der H\u00f6he des Erreichten kr\u00f6nend. Das scheinbar Widerspruchsvolle ergibt nichts, als nur die Tatsache, wie wenig Leben sich in seiner eignen Theoretisierung einfangen l\u00e4\u00dft, wie am allerschiefsten, allerverzeichnetesten es grade in dem Bilde herauskommen mu\u00df, dem es in seiner h\u00f6chsten Lebendigkeit zu Modell gesessen hat. Der Glaube hat daf\u00fcr die tiefsinnige Formel, da\u00df Gott nur erkannt werden k\u00f6nne im unmittelbaren Erleben seiner selbst, und ein Wahrheitsgrad, wie er ihm etwa anderweitig zugesprochen w\u00fcrde, ihn um nichts \u201ewahrer\u201c f\u00fcr uns zu machen imstande sei. Ist im Grunde schon jegliches, was der Gedankenabtastung stillh\u00e4lt, eben insofern bereits dem Leblosen vergesellschaftet (wie am vollst\u00e4ndigsten im wissenschaftlich sezierbaren Objekt), so wird das quellennaheste Leben am unerfa\u00dfbarsten durch die engsten Gedankenmaschen noch hindurchrinnen. Was immer wieder neu ist, neu da ist, mu\u00df alles Fixierte immer wieder hinter sich zur\u00fccklassen, es von sich selber sondernd: nicht nur, weil es ihm nur noch teilweise entspricht, sondern weil es von vornherein abgefallene H\u00fclse, \u00fcberlebte Schlacke, gleichsam Petrefakt schon im Entstehen ist.<span id=\"Seite_36\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum ist der Wahncharakter der Vorstellungen, wie beim Religi\u00f6sen, so auch im Erotischen, an sich kein zu vertilgender Fehler dran, vielmehr ein Ausweis f\u00fcr den echten Lebens-Charakter selbst. Nur da\u00df der physisch bedingte \u00dcberschwang des Liebenden gewisserma\u00dfen dem vollen geistigen Erleben seine Bilder vorauswirft: bizarr, drollig, r\u00fchrend, erhebend, eine nebelhaft fl\u00fcchtige Wiederspiegelung, \u2013 w\u00e4hrend der Fromme, \u00e4u\u00dferstes Geisteserleben formen wollend, in das minder Geistige zur\u00fcckgreifen mu\u00df, und dadurch immer das Ewig-Vergangene greift. Wahrlich, eine gewaltige, granitne Welt, von der ungeheuren Lebendigkeit der innern Anl\u00e4sse in das tot Beharrende hinausschleudert! Und deshalb auch ein so dauerndes Obdach Denen, die in des Daseins Unbill nach Schirm und Schutz suchen. Denn dieser Doppelcharakter bleibt freilich aller Religion: da\u00df sie ein anderes ist in der Glut des Erlebenden wie in der Bed\u00fcrftigkeit der F\u00fcr-wahr-haltenden, ein anderes als Fl\u00fcgel wie als Kr\u00fccke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich des Denkmoments im Ablauf ihrer Vorg\u00e4nge enthalten, verm\u00f6chten Religion und Liebe so wenig, wie irgend etwas im Bereich unsres menschlichen Erlebens dessen entraten kann: denn nichts geschieht, was nicht Innenereignis w\u00e4re und Au\u00dfensymbol zugleich. Doch die Formen dieser Symbole haben genau in dem Ma\u00dfe was zu besagen, als sie weniger pr\u00e4tendieren: am meisten also grade da, wo sie nicht beanspruchen, spontanste Ekstasen oder unanr\u00fchrbare Allg\u00fcltigkeit zu verk\u00f6rpern, sondern im Gegenteil in m\u00f6glichst vielfache, nachpr\u00fcfbare Zusammenh\u00e4nge untereinander treten, sich gegenseitig so st\u00fctzend und bedingend, da\u00df sie fast ohne merkliche innere Beteiligung unsrerseits fortw\u00e4hrend sich selbst best\u00e4tigen k\u00f6nnen, \u2013 oder, wie wir es zu nennen pflegen: die \u00e4u\u00dfere Wirklichkeit darstellen.<span id=\"Seite_37\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies aber ist die gro\u00dfe Lehre, die f\u00fcr das religi\u00f6se wie f\u00fcr das erotische Erleben daraus folgt: da\u00df sein Weg hier umzubiegen hat in das Leben selbst zur\u00fcck. Da\u00df dem Lebendigsten der andere Weg, der in die gedanklichen Bewahrheitungen und Best\u00e4tigungen, nach einer kurzen Zwischenstrecke verbaut ist, hoffnungslos zugerammelt, weil nur Leben das Leben voll wiederspiegeln kann. Das bedeutet f\u00fcr das religi\u00f6se Verhalten schrankenloses Eingehen in alles was ist, \u2013 denn was g\u00e4be es, das ihm nicht zum Thron und zum Schemel seiner F\u00fc\u00dfe w\u00fcrde, wie das Weltall dem Gott! F\u00fcr die Liebe bedeutet es ihre Erf\u00fcllung im Sozialen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">EROTISCH UND SOZIAL<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DAS EROTISCHE nimmt eine Zwischenstellung ein innerhalb der beiden gro\u00dfen Gef\u00fchlsgruppen des Egoistischen und Altruistischen, \u2013 unmi\u00dfverst\u00e4ndlicher: der Verengerung, Zusammenziehung unseres Einzelwillens von der Gleichg\u00fcltigkeit an bis zur Fremdheit, Feindlichkeit, oder seinem Weitwerden bis zum Einbegreifen des andern, des ihm Gegen\u00fcberstehenden, als eines Teiles seiner selbst. Beide Gruppen \u00e4ndern im Verlauf der Zeiten auch ihre Stellung zueinander und ihre menschliche Bewertung fortw\u00e4hrend, und auf welche Weise sie ihren Zwist zum Ausgleich bringen, davon wird der Charakter einer Zeitepoche bedingt. Immer bedarf jede Gruppe der andern zu ihrer Erg\u00e4nzung, jeder hat an ihnen beiden seinen Anteil und m\u00fc\u00dfte durch zu weitgehende Einseitigkeit darin sich auf das \u00c4u\u00dferste gef\u00e4hrden, denn um sich hinzugeben, mu\u00df man sich besitzen k\u00f6nnen, und um zu besitzen, mu\u00df man erst den Dingen und Menschen entnehmen k\u00f6nnen, was sich nicht rauben, was sich nur mit offener Seele geschenkt erhalten l\u00e4\u00dft. Die zwei Gegens\u00e4tze stehen eben, an der Oberfl\u00e4che unvereinbar auseinander, wachsend, in der Wurzel in tiefster wechselwirkender Zusammengeh\u00f6rigkeit, und das sich verschwendende: \u201eich will alles sein!\u201c wie das geizig-gierende: \u201eich will alles haben!\u201c ergeben, auf ein h\u00f6chstes umfassendes Verlangen gebracht, den gleichen Sinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser ihnen noch gemeinsamen Mutterwurzel scheint sich die dritte Gruppe von Gef\u00fchlsbeziehungen, die des Erotischen, abzuspalten als eine Mittelform, vielleicht die Urform, zwischen dem Einzeltier und dem Bruderwesen: beider Bestandteile seltsam, und um ihre Widerspr\u00fcche unbek\u00fcmmert, in sich bindend, wodurch sie sich gegenseitig steigern zu g\u00e4renderer Triebkraft. So sind es in der ganzen Natur gerade die <i>differenten<\/i> Protoplasmak\u00f6rperchen, die sich zeugerisch suchen, allm\u00e4hlich die Geschlechtsunterschiede aus sich entwickeln, die Spezialisierung zum immer Mannigfaltigem erm\u00f6glichen. Und so beh\u00e4lt unter Menschen wie Tieren der alte Gemeinplatz recht, nach welchem die Liebe der Geschlechter ein Kampf der Geschlechter sei, und nichts so leicht ineinander \u00fcberschlage wie Liebe und Ha\u00df. Denn erweitert die Selbstsucht in der Sexualit\u00e4t sich, so versch\u00e4rft sie sich doch zugleich darin zu ihren heftigsten Eigenw\u00fcnschen, und geht sie in selbsts\u00fcchtigem Angriff vor, so doch wiederum nur, um das alles Eroberte auf den Thron, ja hoch \u00fcber sich selbst zu setzen: \u00fcberall durch ihre physische Bedingtheit an einer einseitig klaren Herausarbeitung ihrer seelischen Absichten behindert, \u2013 und doch tiefer als alles andere mit ihnen deutend auf das All-Eine das wir in uns selber sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb darf man aus dieser ihrer Gebundenheit nicht schlie\u00dfen, da\u00df ihr die geistigem Egoismen des Menschen, oder sogar auch nur die Geistesverbr\u00fcderung aller mit allen, an sich schon \u00fcberlegen sein m\u00fc\u00dften, und sie im Grunde nicht viel mehr als eine Vorstufe darstelle zu solchen klarern Entwicklungsstadien. Im Gegenteil durchmi\u00dft sie innerhalb ihres Bereichs alle Stadien von den primitivsten bis zu den kompliziertesten, von den leiblich begrenztesten bis zu den geistesbefreitesten, auf ihrem eignen Boden. Wo die Vorkommnisse des Lebens anderweitig erwachsene Beziehungen ihr aufpfropfen, seien sie freundschaftlich oder barmherzig gearteter Natur, da veredelt sie sich nicht weiter daran, sondern gef\u00e4hrdet ebenso oft dadurch die von viel tiefer ihr zustr\u00f6menden Triebkr\u00e4fte ihres Wesens. In sich selber voll von sch\u00f6pferischen Elementen egoistischer wie altruistischer Art, gibt sie sich auch selbst\u00e4ndig aus nach beiden Richtungen. Und so wie sie sich, im vorhergehenden, in geflissentlicher Einseitigkeit, betrachten lie\u00df nach Seite ihres eigenen Freudenrausches, ihrer Verm\u00e4hlung aller Kr\u00e4fte, die zun\u00e4chst nur f\u00fcr sie selber eine volle, illusionslose Wahrheit geworden war, ihres Egoismus also: so kann man sie auch altruistisch-produktiv ansehn; man kann den andern, den Partner, bisher nur Anla\u00df ihrer \u00dcberschw\u00e4nglichkeiten, Erreger dankbarer Illusionen, zur Wahrheit und zum Lebensereignis f\u00fcr sie werden sehn. Allerdings erscheint auch der \u201eEgoismus zu Zweien\u201c stark des Egoismus verd\u00e4chtig, und erst im Verh\u00e4ltnis zum Kinde \u00fcberwunden, \u2013 also erst in dem Punkt, wo Geschlechterliebe und soziale vers\u00f6hnt aufeinandertreffen, sich gegenseitig erg\u00e4nzend. Aber f\u00fcr die Geschlechterliebe, die ihr \u201esoziales\u201c Werk im leiblichen Sinn vollbringt, ist es bezeichnend, da\u00df diese physische Bet\u00e4tigung ihrer selbst schon alles mitenth\u00e4lt, was sie auch geistig weiterentwickelt. Zwar l\u00e4\u00dft sich mit Recht sagen, alle Liebe erschaffe zwei Menschen, \u2013 neben dem in der Vereinigung leiblich gezeugten, auch noch einen erdichteten: jedoch eben dieser leiblich geschaffene, pflegt es zuerst zu sein, was aus der blo\u00dfen Liebesbenommenheit hinausf\u00fchrt. Wenigstens soweit es mit dem Naturleben primitiv und von selbst sich ergibt, sozialisiert sich die Brunst in der Brut, die Liebe im Kinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">MUTTERSCHAFT<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ES IST interessant, da\u00df im Weib, das meist den \u00fcbertriebensten Idealisationen des Liebeslebens am geneigtesten ist, auch dieser Ansatz zum Sozialen am st\u00e4rksten wirksam heraustritt. An der Mutterliebe, daf\u00fcr gepriesen und, neuerdings, auch etwas daf\u00fcr gering gesch\u00e4tzt, da\u00df sie so ganz zwanghaft und wahllos liebe, ohne alle Vorbehalte bez\u00fcglich der Beschaffenheit ihres Gegenstandes, findet n\u00e4mlich beides seinen Zusammenhang. Einerseits l\u00e4\u00dft allerdings Mutterliebe sich von keinerlei Wirklichkeit st\u00f6ren, beeintr\u00e4chtigen in ihrem z\u00e4rtlichen Gef\u00fchlsvorurteil, so, als sei ihr das kleine Gesch\u00f6pf in der Tat nur eine Wunsch-Unterlage daf\u00fcr. Andrerseits jedoch ist dies ja nur deshalb der Fall, weil Mutterliebe an sich selber gar nichts anders ist, als eine Art von <i>Brutkraft<\/i>, von <i>weiter fortgesetzter Zeugung<\/i> gleichsam; nichts als eine \u00fcber <i>den Keim gesenkte W\u00e4rme<\/i>, eine seine M\u00f6glichkeiten verwirklichende W\u00e4rme, die ihn als ein Versprechen nimmt, \u2013 ein Versprechen, da\u00df sie sich selbst mit ihm gibt! Um deswillen ist ihr Idealisieren so dicht und echt dem Sch\u00f6pferischen verschwistert, wie es seiner urspr\u00fcnglichsten und h\u00f6chsten Bedeutung entspricht; um deswillen sind <i>Taten<\/i> und <i>Gebete<\/i> selbst in den kleinen Kosenamen noch, mit denen sie ihr Kind von einem Tag zum andern tiefer hinein in das Leben ruft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Grunde redet auch schon dem Manne gegen\u00fcber bereits etwas andres aus ihrem \u00dcberschwang, als nur das Gehirnfeuerwerk unbesch\u00e4ftigten Sexual\u00fcberschusses. Wie sie an ihrem Kinde mit allen sorglosen Verherrlichungen eigentlich nur die eine, die wundervolle Tatsache seines kleinen Lebens feiert, so steht hinter dem Strahlenmantel von Illusionen, die ihr den geliebten Mann zum Einzigen machen, auch immer zugleich das Menschenkind selber, das, w\u00e4re es so ungeschm\u00fcckt und voller Fehl, nackt und blo\u00df, wie es wolle, ihrem tiefsten Leben eingeboren ist. Mit allen Idealbildern, die sie, scheinbar so anspruchsvoll-demutvoll, ihm entgegenschickt, erschlie\u00dft sie ihm doch nur die ungeheure W\u00e4rme, darin einmal gerastet zu haben die Ureinsamkeit des Einzelnen aufhebt, als ob er wieder vom Allm\u00fctterlichen umfangen w\u00fcrde, das ihn umfing, ehe er war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stellt ihn damit f\u00fcr Augenblicke gleichsam wie in den Weltmittelpunkt zur\u00fcck, in jener Einzigkeit, die, jeglichem zu eigen, eben insofern f\u00fcr keinen einzigen ber\u00fccksichtigt werden kann, und doch in jedem Gesch\u00f6pf weiterlebt als das Gef\u00fchl, da\u00df selbst dem Geringsten noch, richtig verstanden, allein eine Liebe: \u201evon ganzem Herzen und aus allen Kr\u00e4ften\u201c gerechterweise nur grade genug tun k\u00f6nne. Sie schafft ihm damit diese Art h\u00f6herer Gerechtigkeit neben der sozial oder sachlich abw\u00e4genden, \u2013 niemanden verk\u00fcrzend, weil es ihm nur gilt in ihrem Himmel, der andern nichts w\u00e4re als ein wenig Blau \u00fcber dem Erdenrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur niemanden verk\u00fcrzend, sondern zum Menschen als solchem hinleitend dadurch, da\u00df sie aus dem blo\u00dfen, etwas l\u00e4cherlichen, erotischen Wahnbild ein anderes, ein menschlich tiefes Wahrbild aufzurichten wei\u00df, geltend f\u00fcr alle. Bis alle Illusionen dran ihr selber letzten Endes nichts mehr bedeuten k\u00f6nnen, als kleine blitzende Springfontainen \u00fcber einer gro\u00dfen, klaren Flut, daraus sie kamen, dahin sie gehen, und bis auch ihrer Frauenliebe noch Menschenliebe sich unterbreitet ohne R\u00fcckhalt oder Grenzen. So da\u00df die Verbohrtheit in das Einzige, wie wenn mit solchem winzigen Bruchst\u00e4ubchen das gesamte All eingeheimst und allem sonstigen unzug\u00e4nglich gemacht worden sei, sich unmittelbar weitet im Gef\u00fchl, als ob auf eine neue Weise jegliches zu ihr rede mit der Stimme seines Lebens, \u2013 angefangen von dem, was dem Herzen Nachbar ist, bis zu dem letzten Tier auf dem Felde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Umdeutung der Affekte vollzieht sich immer unwillk\u00fcrlicher durch den Verlauf der Elternschaft. Indem im Elterntum sich auch wieder die gleiche Tragik kundgibt, wonach die Gesch\u00f6pfe, je differenzierter sie sind, desto gewisser, nur in Teilprozessen sich weitergeben k\u00f6nnen: denn wie im k\u00f6rperlichen Liebesakt nur punktuell eine Verschmelzung Zweier stattfindet, so auch im Kinde lediglich eine \u00dcbertragung dessen, was die Liebenden selber schon von den Voreltern \u00fcbernommen. Der schwerste und kostbarste Erwerb, der pers\u00f6nlich errungene, bleibt au\u00dferhalb des Vorgangs stehen, und damit die Individualit\u00e4t in ihrer unwiederholbaren Ganzheit, des Lebens Lebendigstem: Verwalterin ist sie nur, eine bessere oder schlechtere, dem geschlechtlichen Erbst\u00fcck. Wieder also \u00f6ffnet sich auch hier der gro\u00dfe ratlose \u00dcberschu\u00df, der in keine Einheit mehr hin\u00fcbergenommen wird, der nur hinterher, von innen her, auf eigene Faust und nach selbsterfundenen Methoden sozusagen, dem mangelhaften Tatbestand abzuhelfen, ihn zu erg\u00e4nzen suchen mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb ist Mutterschaft ein lebensl\u00e4nglicher Akt, nicht zu Ende mit der Versorgung der Brut des Tierweibchens, sondern ein Versuch, ihre Seele hinzugeben, wie sie den K\u00f6rper gab. Und deshalb entwickeln sich dann von hier aus die animalen Instinkte zu noch weiterer Geistigkeit, gerade wie es in der sexuellen Liebe zwischen Mann und Weib geschieht: sie gelangen dazu, sich nicht nur selbst daran zu berauschen und zu feiern unter dem Vorwand eines andern, \u2013 des andern gleichsam als eines leibhaften St\u00fcckes von sich, \u2013 sondern in ihn, in sein Eigenleben einzugehn, als in das des wirklich \u201eandern\u201c. Nicht um im Kinde selber physisch fortzuleben, nicht einmal mehr um es psychisch zu pr\u00e4gen nach dem Selbstbildnis, gibt sich die Mutter endlich dem von ihr geborenen Menschenleben hin, \u2013 sie gewinnt zuletzt jene feinste und letzte Hingebung, die sich gern davon ihrerseits beschenken, bereichern, gr\u00f6\u00dfer machen lassen m\u00f6chte. Die ihm als einer Totalit\u00e4t, als einer unantastbaren Ganzheit f\u00fcr sich, Ehre erweist, als etwas, dem man sich nicht mehr einen kann, es sei denn grade infolge der ausgesprochenen Zweiheit, d. h. auf Grund eines ganz neuartigen B\u00fcndnisses. Die Kr\u00f6nung der Mutterschaft vollzieht sich erst in dieser bewu\u00dften Hinausstellung des Eigensten von sich, als eines Fremden f\u00fcr sich; \u2013 in einer letzten schmerzhaften Freiwilligkeit, einem h\u00f6chsten Selbstloswerden daran, hat sie ihre Frucht erst ganz zur Welt geboren, hat sie von ihren Zweigen sinken lassen, und darf herbsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein dieser Herbst wandelt sich zum Beginn ungez\u00e4hlter Fr\u00fchlinge f\u00fcr die daran erst ganz m\u00fctterlich Gewordene: sie dem Leben einend mit der W\u00e4rme dessen, der es nicht nur liebte, der es aus sich gebar, es vom Herzen l\u00f6send in seiner Vollwirklichkeit, und der es darum immer wieder <i>neu<\/i>, als Welt, an sich selber erlebt. Unter allen menschlichen Verh\u00e4ltnissen ist es darum nur die Mutterschaft, der es gestattet ist, eine Beziehung vom tiefsten Ursprungsquell bis zum letzten H\u00f6hepunkt voll zu verwirklichen: vom eignen Fleisch und Blut an bis zum fremden geistigen Selbst, das ihr wiederum zum Weltbeginn wird. Denn wie keine sonstige Beziehung diesen urspr\u00fcnglichsten Ausgangspunkt haben kann, so kann auch keine sich in diesem Sinn vollenden: endet sie nicht gewaltsamen verfr\u00fchten Todes, so bleibt sie gewisserma\u00dfen ewig unterwegs, endlos, ziellos, worin der menschliche Begriff der \u201eTreue\u201c sich zusammenfa\u00dft. Keiner totalen Einheit entsprungen, m\u00fcndet sie auch nicht in die M\u00f6glichkeit immer erneuter Zweiheit, \u2013 in diese Vollst\u00e4ndigkeit des Abschlusses, des Absterbens, die fast nur wie ein andrer Name ist f\u00fcr Neubeginn, Lebensaufschlu\u00df, Unsterblichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">DAS WEIB <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DAS M\u00dcTTERLICHE ist nicht das einzige, woran sich offenbart, wie grade im Physiologischen des Weibes die Keime liegen zu dessen \u00fcberlegenster Entwicklung \u00fcber das blo\u00df Erotische hinaus in das Menschlichallgemeinere. Ein zweiter Typus, worin ebenfalls im scheinbar \u00fcbererotischen Charakter das h\u00f6chste Liebessymbol gefeiert wird, ist festgehalten unter dem Bilde der Madonna. Wenn auch die Besitznahme der Jungfrau durch den Gott in Urzeiten, sp\u00e4ter zu den Machenschaften der Priesterhierarchie geh\u00f6ren mochte, so ist doch kein Zweifel, da\u00df sie dem Bed\u00fcrfnis entstammt ist, das Sexuelle dem religi\u00f6s Sanktionierten zu unterstellen, \u2013 selbst, wo sich die orgiastischesten Kulte daran anschlossen, es als geheiligt \u00fcber die Notdurft des Einzelnen hinauszuheben. Allerdings erscheint diese uranf\u00e4ngliche Madonnenauffassung unserer heutigen Dirnenauffassung angen\u00e4hert: der Hingabe ohne Wahl, selbst ohne Wollust noch, d. h. der Hingabe zu au\u00dfererotischen Grundzwecken. Dirnen- und Madonnentypus \u00e4hneln sich darin ungef\u00e4hr wie Fratze und Urbild, ber\u00fchren sich im Extremen; was sie jedoch beide erm\u00f6glicht, ist schon das n\u00e4mliche, was das Weib zum tragenden, zum Muttertier bestimmt: ihr Leib als Tr\u00e4ger der Kindesfrucht, als Tempel des Gottes, als Tummelplatz und Vermietlokal der Geschlechtlichkeit, wird zum verk\u00f6rperten Ausdruck, zum Sinnbild, jener Passivit\u00e4t, die sie gleicherweise bef\u00e4higt, das Sexuelle zu degradieren wie zu verkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber im M\u00fctterlichen das st\u00e4rkste Passivwerden des Weibes in dessen \u00e4u\u00dferste Schaffenskraft sich verkehrt, so lie\u00dfe sich nicht mit Unrecht auch der Madonnenbegriff in das aktiv Bedeutungsvollste vergeistigen. Denn nicht nur eine Negation bedeutet er, nicht nur die von L\u00fcsternheit freie Frau, sondern die mit allen, auch au\u00dfererotischen, Kr\u00e4ften dem Empf\u00e4ngniszweck Zugeweihte. Je tiefer ein Weib in der Liebe wurzelt, zu je Pers\u00f6nlicherm sie darin geworden ist, desto mehr verkehrt sich die passive Ausschaltung des blo\u00df Genu\u00dfm\u00e4\u00dfigen am Sexuellen in ein Tun, eine lebendige Erf\u00fcllung und Wirkung. Sinnlichkeit und Keuschheit, Erbl\u00fchen und Sichheiligen fallen in eins zusammen: in jeder h\u00f6chsten Stunde der Frau ist der Mann nur der Zimmermann Marias neben einem Gott. Man k\u00f6nnte sagen: insofern Mannesliebe so entgegengesetzt, aktiver und partieller und ihrer eignen Entlastung bed\u00fcrftiger ist, l\u00e4\u00dft sie ihn innerhalb ihrer selbst weit h\u00fclfloser werden als das Weib, das, totaler und passiver liebend, in Leib und Seele nach Raumerf\u00fcllung dr\u00e4ngt, und einen ganzen Lebensinhalt zum Aufbl\u00fchen, Aufgl\u00fchen bringt, um ihn hineinzuwerfen. Charakteristisch wie es ist, da\u00df es im M\u00e4nnlichen keinen Namen f\u00fcr Dirne gibt, f\u00fcr den rein passiven Sexualmi\u00dfbrauch, so auch keinen f\u00fcr den Madonnentypus: f\u00fcr die positiv Geheiligte; der Mann kann \u201eHeiliger\u201c immer nur geschlechtlich negativ, im Sinn der Askese, sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gr\u00f6\u00dfere Konzentrationskraft auf dem Liebesgebiet, diese zusammenhaltende Gesamtbeziehung auf ein Einziges, die der Mann eher auf andern Gebieten wettmacht, stellt das Weib sicherlich in einem Punkt von gewaltigstem Lebenswert oft hoch \u00fcber ihn. Allein es ist doch notwendig, das: richtig abzusch\u00e4tzen als ein nat\u00fcrliches Produkt ihrer geringern Differenzierung. So k\u00f6nnte man z. B. finden, da\u00df der Umstand allzu preisend betont wird, wie h\u00e4ufig ein weibliches Wesen grade deshalb ins Ungl\u00fcck st\u00fcrze, weil selbst nach fl\u00fcchtigem, sinnlichem Momentrausch die seelische Anh\u00e4nglichkeit bei ihr nachfolge. Es ist aber doch nicht abzusehn, was sie ethisch vor dem leichtfertigen Mann dadurch voraushat, da\u00df sie, hinterher den Schaden besehend, zu eignem Schrecken ihre Leichtfertigkeit verstrickt findet in allerlei tiefere Affekte. Man kann diese schwerere L\u00f6slichkeit der leiblich-geistigen Triebmasse sympathisch nennen, doch mit Unrecht setzt man es dem Mann ins Unrecht, nur, weil in einer Frau so vieles sich mit verf\u00fchren lie\u00df, was sie gar nicht mit gemeint hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df Frauen sich um jeden Preis, mit allen Mitteln, weiter differenzieren m\u00f6chten, und dabei doch Liebende non plus ultra bleiben, ja immer noch mehr werden, in Madonnen- und Mutterhoheit, das ist nicht ganz, konsequent. Wohl aber w\u00e4re es denkbar, da\u00df klare Erkenntnis sie der eigenen Leiblichkeit etwas anders gegen\u00fcberstellte als fr\u00fcher. Eine neue, feine Scham lie\u00dfe sich denken, die nicht der leiblichen Hingegebenheit so pr\u00fcde mehr gilt, wie die traditionelle Erziehung es zur zweiten Natur machte, sondern eher im Gegenteil grade deshalb zu jeder Selbstzucht sich erzieht, <i>weil<\/i> die physiologische Genu\u00dffreude seelischen Vorg\u00e4ngen T\u00fcr und Tor \u00f6ffnen m\u00fc\u00dfte: die Pforte zu dem innersten Selbst, das sich nicht preisgeben will, zu jenen kostbarsten Geschenken von Mensch zu Mensch, die, einmal vergeudet, sich nie wieder ganz zur\u00fccknehmen lassen, weil sie wir selber sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird im weiblichen erotischen Affekt so viel Psychisches sogar wider Willen in die Physis mit hineingerissen, so gewahrt man aus den gleichen Ursachen das entgegengesetzte Schauspiel bei geistigen Erkrankungen. In seinem Werk \u201eDie sexuelle Frage\u201c er\u00f6rtert Forel diese Tatsache, da\u00df die Sexualit\u00e4t, bei den M\u00e4nnern die niedern Hirnzentren affizierend, beim Weibe im Gro\u00dfhirn lokalisiert erscheine, \u201edem Sitz der Geistesst\u00f6rungen\u201c. \u201eWenn man, selbst in weiblicher Begleitung, durch die M\u00e4nnerabteilung der Irrenanstalt geht, ist man \u00fcber die bl\u00f6de Gleichg\u00fcltigkeit und sexuelle Indifferenz fast aller geisteskranken M\u00e4nner erstaunt,\u201c sagt er, und von den Frauen: \u201eselbst die sittsamsten und sexuell k\u00fchlsten Frauen k\u00f6nnen, wenn sie geistig erkranken, dem wildesten Erotismus verfallen, und zeitweilig sich wie Prostituierte auff\u00fchren.\u201c So wird selbst das letzte Wort, selbst das geistiger Zerst\u00f6rung, selbst das des tragisch ungewollt Dirnenhaften im Weibe, noch zur Best\u00e4tigung f\u00fcr das All-eine, das ihr die Liebe ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wesenbestimmendere des Sexualcharakters f\u00fcr das Weib l\u00e4\u00dft die Entwicklung auch des gesundesten in einer gewissen Zickzacklinie schwanken zwischen dem Geschlechts- und individuellen Leben; sei es, da\u00df Frauen und M\u00fctter ihre individuellen Anlagen verk\u00fcmmern f\u00fchlen, sei es, da\u00df sie sie entwickeln m\u00fcssen auf Kosten des Frauen- oder Muttertums. Trotz der vielen Rezepte, die in dem Punkt empfohlen werden, als handle es sich um eine aufhebbare St\u00f6rung, gibt es nicht eine allgemeing\u00fcltige L\u00f6sung f\u00fcr diesen Konflikt und kann es keine geben. Aber anstatt in ihm eine Tragik zu bejammern, die damit dem weiblichen Gesch\u00f6pf anhafte, w\u00e4re es besser, des unendlich Lebendigen sich zu freuen, in das die Frau dadurch hineingestellt ist, indem sie ihre Entwicklung nicht in grader Linie abschreiten kann, sondern die Widerspr\u00fcche ihrer Sachlage sich nur von Fall zu Fall, in h\u00f6chst pers\u00f6nlicher Tat, schlichten lassen. Denn es ist etwas, was selbst dem kleinsten Frauenschicksal eine gro\u00dfe Bedeutsamkeit zu geben vermag, da\u00df es jedesmal von neuem sich so urspr\u00fcnglich mit dem innern Leben auseinanderzusetzen hat und es bew\u00e4ltigen mu\u00df in eigenster Initiative, und nichts Geringeres ist es, als was der Mann in seinen K\u00e4mpfen mit dem Dasein \u201edrau\u00dfen\u201c ausgefochten hat, von den Zeiten der Urwildnis an. Ist er darum, auch jetzt noch, nur gerecht zu beurteilen im Zusammenhang mit seinen Au\u00dfenleistungen, so liegt f\u00fcr das Weib alles in dem Einen beschlossen, wie sie das Daseinsr\u00e4tsel in sich selbst zum Austrag brachte, und dies ist der Grund, warum Anmut auch noch im h\u00f6chsten Sinn das Wertma\u00df ihr gegen\u00fcber bleibt, wie es schon ihre leibliche, nat\u00fcrliche Bewertung bildet. Da\u00df \u201eethisch\u201c und \u201esch\u00f6n\u201c auf eine feine Weise das Gleiche bedeuten k\u00f6nnen, wie \u201egeheiligt\u201c und \u201esexuell\u201c: darin dr\u00fcckt sich Vorrecht wie Grenze des weiblichen Geschlechts f\u00fcr immer aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast als Entgelt f\u00fcr solche einseitig-allseitig getragene Geschlechtsbetonung, \u00dcberbetonung, sollte es wirken, wenn fr\u00fcher als beim Mann in dem Weibe die Sexualit\u00e4t im physiologischen Sinn au\u00dfer T\u00e4tigkeit tritt: wenn vor dem Eintritt in eigentliches Greisenalter dies ein Sich-Ausbl\u00fchn all dessen gew\u00e4hrt, was das Leben an Liebe zu k\u00f6stlichem Wachstum gro\u00dfgezogen hat. Denn \u2013 anders wiederum als beim Mann \u2013 kennzeichnet es auch hier nicht ein Negatives nur, nicht den Mangel gegen\u00fcber Neu-Ausgaben, sondern der Wert gesammelter Einnahmen gelangt daran zu seiner Sichtbarkeit, \u2013 hat sich mit seiner F\u00fclle erst dran auszuweisen, gleich einem Hamsterbau vor beginnendem Winter. So liegt eine feinste Liebesnachwirkung grade \u00fcber diesem Reinmenschlichsten, Geschlechtslosesten des Weibtums noch, etwas, worin des Daseins Inhalt zu so feierlicher Ganzheit sich abrunden soll, wie sie nur dem Blick von Kind und Greis sich auftun k\u00f6nnte, w\u00fcrde er nicht durch Unreife oder Tod beirrt. \u00c4hnlich wie nur in der Mutterschaft eine menschliche Beziehung voll, in ihrer Ganzheit, ausgelebt werden kann und eben deshalb in ewig-neuem Beginn, so gilt dies dadurch dem Weibe auch vom Leben selbst, in einer dem Mann unwiederholbaren Weise. Und um so mehr gilt es, um so gr\u00f6\u00dfer ist ein Weib als Weib, in je gr\u00f6\u00dfern Dimensionen ihr dies m\u00f6glich ist, \u2013 je breitere M\u00f6glichkeiten, je st\u00e4rkere Kr\u00e4fte sie darin umgriff, ihrem Gesamtwesen organisch einzugliedern wu\u00dfte, wie fern sie ihr als Weib auch gelegen haben, wie entgegengesetzt sie ihr gewesen sein mochten. Nie und nirgends in Einzelz\u00fcgen oder Sonderrichtungen, mag man sie dem Inhalt nach noch so laut als spezifisch \u201eweiblich\u201c ausrufen, unterscheidet sie sich vom Manneswesen: lediglich in dieser Aufeinanderbeziehung ihrer aller zum Lebensinbegriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierauf beruht wohl die Hoffnungslosigkeit und Endlosigkeit von Diskussionen, in denen, ziemlich gleichberechtigt, bald die ganze Sch\u00e4rfe des Weibgegensatzes zum Mann geltend gemacht wird, bald grade die \u00dcberwindung davon als Fortschritt gepriesen; in denen dem Weibe hintereinander so ziemlich alle Eigenschaften, die es gibt, zu- und abgesprochen werden, so da\u00df sie, immer mit ungef\u00e4hr gleichem Recht, als Leichtsinn und Ernst, Tollheit und N\u00fcchternheit, Unruhe und Harmonie, Laune und Tiefsinn, Klugheit und Dummheit, Zartheit und Derbheit, Erdgeist und Engel, darin auftritt. Denn in der Tat, unter den Weibbegriff fallen, aufs Einzelne besehn, ohne weiteres die unvereinbarsten Eigenschaften, \u2013 das Weib ist immer der Widerspruch selber: insofern, ihrem sch\u00f6pferischen Tun nach, das Lebendige selber in ihr an seinem Werke ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">M\u00c4NNLICH UND WEIBLICH<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ETWAS Ordentliches, T\u00fcchtiges im Mann entr\u00fcstet sich zeitweise \u00fcber diese ganze Weibesart, auch Liebesart, die abwechselnd ihn verwirrt, ihm imponiert oder ihn als ver\u00e4chtlich ber\u00fchrt. So sehr man beider \u00dcbereinstimmung in Dingen der Liebe auch w\u00fcnschen mu\u00df, l\u00e4\u00dft es sich dennoch wohl begreifen, da\u00df der Mann, erf\u00fcllt von seinen eignen Leistungsanspr\u00fcchen, dem retardierenden \u00dcberschwang der Frau mit einigerma\u00dfen ungeduldiger Geb\u00e4rde gegen\u00fcberstehn kann. Sicherlich gab es ja in ganzen Zeitepochen, und gibt es auch noch in der Gegenwart, genug Beispiele von Frauenanbetung, dennoch w\u00e4re es immerhin ertr\u00e4glicher, wenn das K\u00e4thchen-Vorbild f\u00fcr extremste Weiblichkeit charakteristisch w\u00fcrde, als der Toggenburger f\u00fcr den Mann. Denn ohne Zweifel spricht sich eine h\u00f6chst bezeichnende \u00dcbertreibung unsrer Zeit darin aus, allein im Herausarbeiten des Liebesideals in seiner, alles in sich einbeziehenden, Vollkommenheit schlechthin das Wichtigste zu erblicken, die Harmonisierung des Menschentums, das \u201eEine, das not tut\u201c. Es ist eine weibliche, f\u00fcr M\u00e4nner-Idealbegriffe etwas weibische, \u00dcbertreibung, die \u00fcbersehn l\u00e4\u00dft, wie sehr unsre Kr\u00e4fte \u00fcberhaupt nur auf wechselseitige Kosten zur Entwicklung kommen, wie h\u00f6chstm\u00f6gliche Leistungen den Verzicht schon einschlie\u00dfen auf alle m\u00f6gliche, leibliche oder geistige, Harmonie, wie vorw\u00e4rts suchende Selbststeigerung durch vielerlei Selbstverst\u00fcmmelung geht, und da\u00df es nur Ruhepausen sind, die Raststunden der m\u00e4nnlich-lebendigsten Beweglichkeit, worin sie feiernd oder liebend, zur Sch\u00f6nheit sich zusammenfa\u00dft. Und wenn dies zu tun Frauen gem\u00e4\u00dfer ist als M\u00e4nnern, so legt es den Gedanken recht nahe, ob nicht daf\u00fcr der Mann, jeder einzelnen seiner Anlagen nach, eben der st\u00e4rker Veranlagte sei, \u2013 in jeder einzelnen sein Wesen weiter erstreckend, den Trieben nach sowohl wie auch dem Geiste. Seine erotischen und egoistischen Affekte sozialisieren sich dadurch anders, er steckt ihnen ihre Grenzen ab nach andern Seiten allgemein-menschlicher T\u00e4tigkeiten; der Durchbruch des Gattungshaften, dieser geheimnisreiche Einflu\u00df des Keimplasma auf die ganze Pers\u00f6nlichkeit, wird deshalb h\u00e4ufig grade beim tiefbesch\u00e4ftigten, t\u00fcchtigen oder bedeutenden Mann eher vorkommen als ziemlich akut wirkende Anomalie, als ein zu Kopf steigender Rausch, wie als die neue Normierung, die im Weib Leib und Seele mitschwingen lehrt in den Rhythmen des Alllebens, ihre Einzelentwicklung damit immer wieder in Frage stellend. Um deswillen liebt er das Weib grade am besten, am st\u00e4rksten, da\u00df sie f\u00fcr ihn gleichsam Gestalt geworden ist dessen, woraus er selber wurde, woraus seine Kinder werden, \u2013 liebt das, was im einzelnen das Weib unausgepr\u00e4gter erh\u00e4lt, ja sogar ihren K\u00f6rper unausgepr\u00e4gter weich, ihre Stimme jung erh\u00e4lt: die Erbschaft von Mensch zu Mensch, \u2013 den Menschen als das in allem Seienden Mutter-Ewige, als das Kind-Ewige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschlechtsdifferenz wird gegenw\u00e4rtig f\u00fcr so tief begr\u00fcndet angesehn, da\u00df sie, von keinerlei Entwicklung \u00fcberholbar, \u00fcberall auf Urgrund zu sto\u00dfen scheint. Allein eben hier liegt jedenfalls auch ihre Erg\u00e4nzung durch sich selbst: denn je tiefer hergeleitet, desto gewisser m\u00fcssen ihre Linien sich innerhalb des Umrisses von Mann und Weib an irgend einem Punkte kreuzen, \u2013 mu\u00df Leben, f\u00fcr sich fortwirkende Totalit\u00e4t, gleichsam doppelt gezeugt sein, wie jeder von uns abstammt von Vater und Mutter. In je tiefere Schichten wir in uns hinabsteigen, um so tiefer nur tut sich dieses zeugerische Ineinander von Zweiheit als Einheit, und Einheit als Zweiheit auf; am meisten deshalb bei den geistessch\u00f6pferischen T\u00e4tigkeiten: als ob sie, wie aus Urfernen der Generationen, heraufholen m\u00fc\u00dften, was sie zu solcher Zweiheit befruchten kann, um selbsteigen Lebendes aus sich zu entlassen. In \u00dcbereinstimmung damit wird gern aufmerksam gemacht auf die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gegengeschlechtlichen Z\u00fcge an K\u00fcnstlern, an der Genialit\u00e4t \u00fcberhaupt: als eines, sozusagen, station\u00e4r gewordenen Zeugungszustandes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo wir uns dagegen liebend verhalten, d. h. wo unsre sch\u00f6pferische Erregung zu einem leiblichen Au\u00dfenwerk ihrer erg\u00e4nzenden H\u00e4lfte <i>von au\u00dfen<\/i> bedarf, da mildert sich deshalb der Geschlechtergegensatz nicht nur nicht, sondern spitzt sich daran erst zu seiner vollen Sch\u00e4rfe zu. Alles, was sich in uns selber unter dem Einflu\u00df des erotischen Affekts zusammen fa\u00dft, bindet, miteinander verm\u00e4hlt, scheint dies nur zu so einseitigstem Zweck zu tun; ja die Einzelperson erscheint f\u00f6rmlich \u00fcberladen als Tr\u00e4gerin ihres Geschlechts: nur als die Erg\u00e4nzung, die \u201eandere\u201c Welt, erhebt sie sich zum geliebten Ein und Alles. Und tats\u00e4chlich l\u00e4\u00dft sich der entscheidende Charakter dieser Zust\u00e4nde und Vorg\u00e4nge auch nur n\u00e4her darstellen, feststellen, innerhalb einer solchen gewissen \u00dcbertreibung, indem der ganze Begriffsinhalt von \u201em\u00e4nnlich\u201c oder \u201eweiblich\u201c jedesmal unverk\u00fcrzt aufgeh\u00e4uft wird auf den einzeln gegebenen Mann, die einzelne Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern mu\u00df eine dadurch unber\u00fccksichtigter gebliebene Seite der Sache nachbetont werden, die diese erst aus dem allzu Fl\u00e4chenhaften der Gedanklichkeit ins mehrseitig Beleuchtete, Vollwirklichere r\u00fcckt: n\u00e4mlich der Umstand, da\u00df auch in Bezug auf die Einzelpersonen das Erlebnis der Liebe einen Doppeleinflu\u00df aus\u00fcben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beruht schon alle Liebe auf der F\u00e4higkeit, das Andersartige mitempfindend in sich zu erleben, und l\u00e4\u00dft sich von ihren st\u00e4rkeren \u00c4u\u00dferungen geradezu sagen, beider Liebenden Erlebnis sei infolgedessen identisch, so tr\u00e4gt sie bereits damit ein doppelmenschliches Antlitz: umf\u00e4ngt, ungef\u00e4hr wie leiblich in der Empf\u00e4ngnis, das Geschlecht des andern in ihrem Gef\u00fchlsausdruck. Das bef\u00e4higt sie, ungeachtet der Versch\u00e4rfung des Geschlechtscharakters, dennoch daneben Z\u00fcge zu gewinnen, in denen sie ihren eignen Geschlechtsgegensatz gleichsam wiederstrahlt.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup><span id=\"Seite_54\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wurde in den leiblichen Vorg\u00e4ngen das Keimplasma zur Ursache, die das am latentesten in uns Gebliebene steigernd auf alles zur\u00fcckwirken l\u00e4\u00dft, so wird hier die geistig eingehendste Liebe der gleiche Anla\u00df, in uns <i>das<\/i> lebenwirkend zu l\u00f6sen, was in unsrer eignen Entwicklung nicht mitvorgesehn war. Der Affektrausch, den der physische Erregungsgrund entband, erscheint darin fast v\u00f6llig aufgebraucht zu solchem positiven Schaffen neuer seelischer Tatbest\u00e4nde. Und durch nichts beweist er, der urspr\u00fcnglich wahnbildende, sich so als <i>Leben<\/i>, wie da\u00df er auch dabei noch nicht stehn bleiben mu\u00dfte, zwei Menschen zu einen in sich und im Kind, sondern in jedem von ihnen sogar wiederum jene Zweiheit hervortreibt, die allem Werden sch\u00f6pferisch eingesenkt ist, auf da\u00df es \u00fcber sich hinaus wachse. Zum ersten Mal erstrebt er hier selbst\u00e4ndig seine geistige Gegenleistung f\u00fcr dieses \u201e\u00fcber sich hinaus\u201c, f\u00fcr das Kind. Darum, wenn schon physische Liebesekstase, durch ihre alles in uns einigende Kraft, ein Gl\u00fccksempfinden in sich selber tr\u00e4gt, so kann dies letzte, seltenste Liebeserleben sich innerlich nur als Gl\u00fcck und Erf\u00fcllung herausstellen. Ein richtiger Instinkt l\u00e4\u00dft uns ahnen, da\u00df Liebe, ihrem urspr\u00fcnglichsten, wie ihrem vollendetesten Sinne nach, ohne weiteres lebenschaffend und begl\u00fcckend wirke; da\u00df da, wo ihr Au\u00dfenschicksal sie anstatt dessen in Not und Tod verkehrt, es nicht ihre eigene St\u00e4rke ist, die dies so un\u00fcberwindlich macht, sondern im Gegenteil etwas Unvollendetes an ihr, das sie im Gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen, Leidenden, und einer halb eingebildeten Zusammengeh\u00f6rigkeit stecken l\u00e4\u00dft. Denn grade hier, wo die Liebenden noch einmal, \u2013 wie im Anfang fast, \u2013 ganz in ihren eignen Innenvorg\u00e4ngen ihr Schicksal tragen, erscheinen sie nun erst ganz fest einander verbunden: in einem Zusammenhang zwar, der sich nicht mehr beschr\u00e4nkt auf die engste Erg\u00e4nzung zweier H\u00e4lften, \u2013 und noch weniger diese Gegens\u00e4tze abzuschw\u00e4chen sucht durch Hinzuf\u00fcgung erg\u00e4nzender Fremdbestandteile zur Liebe. Der vielmehr, in einer jener Paradoxien, wie sie nur das sch\u00f6pferische Walten aller Dinge selbst ersinnen kann, zwei Menschen, Mann und Weib, eben dadurch ineinander aufl\u00f6st zu \u00fcberpersonaler Einheit, da\u00df er jeden von ihnen heraushebt zu seiner tiefsten Unabh\u00e4ngigkeit in sich, \u2013 seiner all-ewigen Selbstheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><b>WERTMASSE UND GRENZEN<\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">WAS SICH so an einem Einzelteil herausstellen kann: da\u00df grade das Lebendigste, die Lebensspitze dran, nicht eindeutig fixiert werden konnte, sondern der scheinbar widersprechenden Nachtragungen bedarf, das macht sich auch fortw\u00e4hrend hinter der Gesamter\u00f6rterung einer Sache geltend. Es macht beinah den Anspruch, die Ma\u00dfst\u00e4be und Abgrenzungen f\u00fcr sie von Zeit zu Zeit auch wieder zusammengeschoben und auf den Kopf gestellt zu sehn, das urspr\u00fcngliche Durcheinander hergestellt, worin sie noch nicht sch\u00f6n klar und \u00fcbersichtlich war, aber daf\u00fcr wirklichkeitsbunter. Insbesondre erscheint es notwendig, sich zu erinnern, wie sehr es sich speziell bei dem vorliegenden Thema um eine unl\u00f6sbare Gesamtheit von Ph\u00e4nomenen handelt, von denen jeder einzelne Zug auf alle \u00fcbrigen mitbezogen ist, und auch die obersten Resultate immer wieder an das unterste ankn\u00fcpfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So darf man auch nicht vor dem Letzten, H\u00f6chsten stehn, was sich daran schildern l\u00e4\u00dft, ohne ihm ein sehr heiliges Recht zuzugestehn: sich niederzuneigen bis immer wieder zum Anf\u00e4nglichsten noch zur\u00fcck, \u2013 und um so tiefer nur, je h\u00f6her es selber stieg. Als gliche es dem indischen Feigenbaum darin, der Erde Wunderbaum, dessen Astwerk seine h\u00e4ngenden Zweige zu Luftwurzeln umbildet, damit er, stets von neuem in ihnen den Boden ber\u00fchrend, lebende Tempel auf Tempel aufeinanderzugliedern vermag, an denen jede einzelne Abzweigung wieder das n\u00e4chsth\u00f6here Astwerk s\u00e4ulenartig st\u00fctzen mu\u00df, w\u00e4hrend \u00fcber allem die Krone des Mutterstammes, des Stammes aus Einer Wurzel, im Sonnenlicht rauscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in der Tierwelt durchschauen wir fast nichts an den Erscheinungen, die sich uns auch in ihren seelischen \u00c4u\u00dferungen nur so physisch darbieten, und doch waltet im tiefen, kaum belichteten Dunkel dieser f\u00fcr uns untersten Naturtempel ein Leben, dem unsern vergleichbar. Nicht zuf\u00e4llig sto\u00dfen wir ja dort schon auf Entz\u00fcckungen der Geschlechtsliebe bis zu den zartesten \u00e4sthetischen \u00c4u\u00dferungen neben den brutalsten, nicht zuf\u00e4llig auf die opfermutigste F\u00fcrsorge f\u00fcreinander und f\u00fcr die Brut. Sind uns doch sogar Papageien- und Affenarten (leider sollen es gerade die weniger menschen\u00e4hnlichen sein!) in ihrer monogamischen Veranlagung ganz gr\u00fcndlich \u201e\u00fcber\u201c, und m\u00fcssen uns doch sowohl Bienen wie Ameisen ebenso verdrie\u00dfend wie besch\u00e4mend zu Musterbildern sozialen Instinkts werden, die wir nie auch nur im entferntesten erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einigerma\u00dfen \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich auch schon mit den stehngebliebenen Rassen, die zeitweise als Paradiesesmenschen angesehn, dann wieder als Antikulturelle mi\u00dfachtet, trotz Roheit oder Grausamkeit ihrer oft ritual bedingten Sitten, uns daneben dennoch an mancher nat\u00fcrlichen Reinheit, G\u00fcte oder Treue \u00fcbertreffen m\u00f6gen. Wandelt doch gerade das sexuelle Erleben im wesentlichen das ab, was das primitive Gesch\u00f6pf gleich uns ausmacht; ist doch, was am Menschen geliebt werden kann, Tiermaterial, unter dem Einflu\u00df sich steigernden Intellekts, und \u00e4u\u00dfert dieser sich doch \u00fcberall in zwei sehr verschieden wirkenden Richtungen: das gegebene Triebleben sublimierend oder \u2013 ruinierend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ruinieren, w\u00fcrde hier hei\u00dfen, das Sexuale unter hirnbegabten Wesen nicht ihnen entsprechend erleben, \u2013 nicht so, da\u00df das Hirn der schlie\u00dfliche unwillk\u00fcrliche Empf\u00e4nger immer zusammenfassenderer Erregung ist, sondern selber ein k\u00fcnstlich mi\u00dfbrauchender Erreger k\u00f6rperlicher Teilgen\u00fcsse. Die immer freiere Beweglichkeit des Instinktlebens, endlich die Sprengung der noch tierisch geregelten Brunstzeiten, w\u00fcrde von ihm benutzt, um es desto beliebiger zu zerst\u00fccken, zu vereinzelnen, es sozusagen wieder dem minder Belebten, oder Leblosen, anzu\u00e4hnlichen, das sich zu St\u00fcckwerk aufbrauchen l\u00e4\u00dft, anstatt immer voller empfundener Lebenseinheit, verst\u00e4rkten, verm\u00e4hlenden Mitf\u00fchlens, er h\u00f6hter Gesamtbeteiligung. Der raffiniert gewordene Verstand, mit des Lebens Leben hantierend wie mit ihm unterstelltem totem Material, illustriert den Triebruin und die Geschlechtss\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Entgegengesetzte geschieht dem Intellekt im Sublimieren des Sexuellen: da \u00fcbertreibt er die Steigerung des immer Belebtem vor sich selbst, indem er ihm bereits seine eignen geistigen Ma\u00dfst\u00e4be aufdr\u00fcckt, die noch nirgends hin passen und ihn ins Illusion\u00e4re verf\u00fchren. F\u00fcr das praktische Verhalten entwickelt sich daraus ein betr\u00e4chtlicher Leichtsinn. Denn in Wirklichkeit sind ja die Sexualtriebe den selben Gesetzen des Begehrens und der S\u00e4ttigung, der abnehmenden Reizst\u00e4rke durch Wiederholung, des draus folgenden Verlangens nach Wechsel, unterworfen, wie der ganze Bereich des Animalischen \u00fcberhaupt. Man wende nicht ein, da\u00df Individualisieren und Verfeinern der Triebe dies \u00e4ndere: es individualisiert und verfeinert lediglich den Ablauf. Wo etwa vor Zeiten ein Eheherr auf Reisen ohne weiteres ein Ersatzweib f\u00fcr das seine schon dadurch fand, da\u00df es der gleichen Sorte von Braunen oder Blonden, D\u00fcnnen oder Dicken glich, da unterscheiden wir jetzt oft bis auf das haarspaltend \u00c4u\u00dferste: aber daf\u00fcr sind wir so viel st\u00e4ndiger mit irgend etwas von uns \u201eauf Reisen\u201c, abwesend, einsam, suchend! Grade die Differenzierung erh\u00f6ht das Bed\u00fcrfnis nach so Verschiedenem in verschiedenen Zeiten und Menschen, und l\u00e4\u00dft den Variabilit\u00e4tsdrang dadurch ebensowohl an- wie absteigen. Man soll deshalb der Erotik ruhig zugestehn, was sie sch\u00f6n und gefahrvoll macht! Ihr rasch ablaufendes, rasch erf\u00fcllbares Wunschleben hat mit Dauer selbst da nicht <i>naturnotwendig<\/i> zu tun, wo es von Intellekt und Seele noch so reich, stark und fein zu einem Fest des ganzen Menschen ausgestaltet worden ist: wohl aber geht ihre eigene Meinung naturnotwendig jedesmal dahin, da\u00df es von diesem Fest nie ein Erwachen geben werde. Und hierin allein liegt, was ihren Leichtsinn erhebt, ja ihn unter Umst\u00e4nden jeder Gr\u00f6\u00dfe beigesellen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zust\u00e4nden, die hoch \u00fcber das Mittelma\u00df hinausreichen, entschwindet das Zeitbewu\u00dftsein, die Vorstellung eines noch m\u00f6glichen Nacheinander, infolge ihrer alles einheitlich und ungeheuer konzentrierenden Kraft; grade solche, sich an ihrer eignen Heftigkeit am allerraschesten verbrauchenden, deshalb verg\u00e4nglichsten, Zust\u00e4nde sind infolgedessen wie von tiefer Ewigkeit umgeben, \u2013 und erst dieser von ihnen unabtrennbare, fast mystisch unter all dem \u00fcbrigen wirkende, Akzent l\u00e4\u00dft ihr Gl\u00fcck selig, ihr Weh tragisch erscheinen. Zwei Menschen, die vollen Ernst machen mit diesem Verg\u00e4nglich-Ewigsten, es als einzigen Ma\u00dfstab an ihr Tun anlegen, keine Treue wollen als die ihres Seligseins aneinander, leben einer anbetungsw\u00fcrdigen Tollheit: wenn auch menschlich-sch\u00f6ner oft, als manche lange, echte Treue aussieht, die, unbewu\u00dft vielleicht, doch nur einer Verlustfurcht oder Lebensfurcht, einer Habgier oder Schw\u00e4che, entstammte. Sie bringen es mit allem Aufwand ihrer gl\u00fchenden Farben zu einer halbfertigen Liebesskizze nur, aber mehr tiefstes K\u00f6nnen und Vollenden kann sich darin aussprechen als in manchem ausgef\u00fchrten Lebensgem\u00e4lde. In solchen F\u00e4llen ist es geradezu, als sammle sich um den echten Liebesleichtsinn, angezogen von seinem k\u00fchnen Glauben, oft alles Gro\u00dfe auch, jede Gesinnung der Zartheit und der Aufrichtigkeit, \u2013 die nur mehr eins noch f\u00fcrchtet: ihre ureigene Ethik zu verletzen, weil alles, was au\u00dfer ihr ist, unter ihr ist.<span id=\"Seite_60\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tragik aber, da\u00df der erotische Affekt sich wahnhaft \u00fcberlebensgro\u00dfen Gesetzen unterstellt, \u00e4u\u00dfert sich nicht blo\u00df an seinem Verg\u00e4nglichsein, sondern auch, sozusagen, am Zerrbild seines Ewigseinwollens. Denn wo sein Affekt- und Illusionscharakter nicht nachl\u00e4\u00dft, \u2013 oder vielmehr, wo es zu sp\u00e4t geschieht, \u2013 da wandelt er sich zu einer Krankheit der \u00dcberspannung dessen, was dem Wesen nach auf das nur Tempor\u00e4re eingerichtet ist. Zu einer Art von Giftwirkung kondensiert, in den treibenden Kr\u00e4ften des Organismus isoliert, mit seinen Exzitantien gleichsam mechanisch, nicht mehr lebendig steigernd, wird er ein Gewaltstoff, Fremdstoff, den der Gesunde auszuscheiden sich bem\u00fcht, und sei es in dauerndem Fieber des Kampfes. F\u00fcr das Affektive des Erotischen hei\u00dft die nat\u00fcrliche Fortentwicklung eben nicht: sich erhalten und retten quand m\u00eame, vielmehr: sich aufgeben, sich zur\u00fcckgeben an den Kreislauf und Wechsel flie\u00dfenden Lebens, dem es entstammt, \u2013 an das, wodurch es bis zum letzten Unkenntlichwerden aufgel\u00f6st wird, anonym mitverarbeitet zu souver\u00e4nen Zwecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie das erotische Einanderbed\u00fcrfen nur ins Seelisch-Sterile gesteigert w\u00fcrde durch weitere gegenseitige Vergottung, w\u00e4hrend es durch das Kind, im Dienst am ganz Primitiven, erst zum wirklichen Eingehn in das \u201eandere\u201c gelangen mu\u00df, und damit in das Leben: so verh\u00e4lt es sich auch dem Ganzen nach. Von den H\u00f6hen des Affekts aus, mu\u00df die Entwicklung, um weiterzugehen, wieder ganz unten einsetzen: in dem ihm scheinbar Entgegengesetztesten, von ihm Ablenkendsten, Absteigendsten, \u2013 im gemeinsamen Werktag am allt\u00e4glichen Leben.<span id=\"Seite_61\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">LEBENSBUND<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DASS ABER unsere Liebestr\u00e4ume uns nur so hoch entr\u00fccken, um, wie von einem Sprungbrett, diesen Sprung zu tun von ihrem Himmel auf die Erde hinab, das bekommt ihnen desto besser, je machtvoller sie als Tr\u00e4ume waren. Denn als urspr\u00fcnglich blo\u00dfe Begleiterscheinungen, \u00dcbersch\u00fcsse, an den leiblich bedingten Vorg\u00e4ngen, und dadurch ins Wahnhafte verfl\u00fcchtigt, sind sie ja schon ihre eignen Wirklichkeitsvorl\u00e4ufer, Lebensverlanger, Zukunftszeichen, Versprechen; ihr Lebensinstinkt mu\u00df in die ganze Breite des \u201eWirklichen\u201c, Simplen, Grobgegebenen greifen, wie ein ins Gespensterhafte Verzauberter nach seinem Leibe greift, und war es die unscheinbarste Leibhaftigkeit, um daran zu sich selbst zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es ist nicht unverst\u00e4ndlich, warum Leute im Liebesrausch, und mit ihnen Sensitive jeder Art, den Kontakt mit dem Au\u00dfendasein dennoch als Entt\u00e4uschung empfinden k\u00f6nnen: und nicht allein eine mi\u00dfratene Verwirklichung ihrer Tr\u00e4ume, sondern auch die bestgeratene schon, \u2013 ihr Sich-einlassenm\u00fcssen mit dem groben Material an sich. Ist doch, was ins Leben tritt, damit gleichsam ein Sterbeakt dessen, was es war, \u2013 als Tod um so f\u00fchlbarer, je mehr es eine geistig gegebene Einheit war, \u2013 \u00e4u\u00dfert es sich doch in einem Auseinanderfallen in Teilungen, Vermischungen, an denen die Erstgestalt so sicher zerbricht, wie der Keim im Mutterleibe unter dem lebenverm\u00e4hlenden Ansto\u00df, der ihn furcht und gliedert. So ist auch zuzugeben, da\u00df Liebesrausch und Lebensbund einander nicht \u00e4hnlich bleiben, da\u00df der Hohn nicht total unrecht hat, der von ihnen behauptet, das eine finge ungef\u00e4hr da an, wo das andre aufh\u00f6rte, \u2013 und da\u00df es auch hier nicht nur an einem mangelhaften Gelingen liegt, vielmehr bereits enthalten ist in zwei grundverschiedenen Methoden des Erlebens der Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn der erotische Affekt vollendet sich darin in der Tat nur in dem Sinn, wie der Flu\u00df im Meer, und sieht damit seine besondere Art von Gef\u00fchlsethik, \u2013 wonach er allein eine Gemeinsamkeit adelte oder aufhob, \u2013 zunichte werden, \u2013 von breitern au\u00dfererotischen Zusammenh\u00e4ngen miteinbegriffen werden. Ein Lebensbund ist erst in <i>dem<\/i> geschlossen, was das Hinschwinden eines fr\u00fchern Affekts, das Hinzukommen eines sp\u00e4tem zu \u00fcberdauern den Willen hat, \u2013 was sich wertvoll genug wei\u00df, um auch auf solche Opfer einzugehn: weil ein Leben darin ausgetragen werden will, das der gleichen Sicherung und Schonung, des gleichen Opferwillens bedarf, wie die leiblich gezeugte Frucht. Im Grunde ist das zwar nichts andres, und auch um nichts mehr, als was man ohne weiteres von jedem erwartet, der sich einem Dienst, einer Sache, auf jedeGefahr hin verpflichtet hat, und sich grade da am meisten sch\u00e4men w\u00fcrde, an ihr zum \u00dcberl\u00e4ufer zu werden, wo er selbst sie in Gefahr gebracht h\u00e4tte. Dieser m\u00e4nnlichere Begriff der Treue mu\u00df dem gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen, oder dem auf weiblich-instinkthaftem Triebzusammenhang beruhenden, hinzugef\u00fcgt werden: das rein pers\u00f6nliche Belieben, das manchmal auslangt, aber letzten Endes alles auf eine Temperamentsfrage basiert, mu\u00df darin \u00fcberwunden sein. Erst das Hinaussein \u00fcber das Subjektive allein (als wie \u201esittlich empfunden\u201c es sich auch gab), \u2013 ja, wenn man so will, erst das Einbegreifen eines asketischen Moments, unterscheidet Liebesrausch und Lebensbund, und es unterscheidet sie prinzipiell. Wie es eine altvaterische \u00c4u\u00dferlichkeit w\u00e4re, sich dabei nach der b\u00fcrgerlichen oder kirchlichen Sanktion zu richten, so bleibt es eine moderne Weichlichkeit, diese innere Sanktion und Bindung m\u00f6glichst ins Unklare ger\u00fcckt zu lassen, und sich vor dem Wort \u201eAskese\u201c zu bekreuzigen, als ob irgend ein \u00fcbersubjektiver Zweck \u00fcberhaupt erreichbar sei, ohne prinzipielles Zugest\u00e4ndnis an sie als Mittel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wo es auf das Entscheidendste erotische Liebe war, was den Lebensbund begr\u00fcndete, lernt sie doch darin erst sich so zu verhalten, wie es ihrem intermittierenden Charakter eigentlich in h\u00f6herm Sinn entspricht: n\u00e4mlich <i>raumgebend<\/i>. Denn der Geist, der sie ja selber emporgehoben hatte aus blo\u00dfem Sexualtrieb zu einem Fest und Glanz der Seele, bleibt ihr auch da, wo er sie seinem Arbeitstag einordnet, seinem ihr abgewendetesten Tun, doch der ihr einzig m\u00f6gliche Erf\u00fcller. Und Schutzherr auch: indem die Treue ihr gegen\u00fcber, nun nicht mehr das \u00fcbersch\u00e4tzte Einzige, daf\u00fcr gleichsam verkn\u00fcpft erscheint allen Treuen im Lebensverhalten, und indem deren Bruch aus einer blo\u00dfen Liebeskr\u00e4nkung zu einem Antasten des Lebendigen wird, woran zwei gemeinsam schufen, zu einer Art von Vergehen wider keimendes Leben. W\u00e4re deshalb der Liebesrausch auch vor dem eingegangenen Bunde schon ein ganzer Bl\u00fctenbaum gewesen, der lange bl\u00fcht, ehe er welkt, so w\u00fcrde er diesem Boden doch ganz neu eingesenkt zu einem ganz neuen Wachstum. Aus dem, was sein Bl\u00fchen bestimmte, der Sensation, w\u00e4re er herausgehoben, und in das, was ihn zu verwelken pflegte, die <i>Gew\u00f6hnung<\/i>, eingepflanzt: denn f\u00fcr die Lebendigkeit der vollen, in allem gleichbet\u00e4tigten Gemeinsamkeit ist das Aufreizende und Aufr\u00fcttelnde im Kommen und Gehen der Sensationen nicht mehr ma\u00dfgebend. Liegt in solchem Auf und Ab der physiologischen Funktionen, und der von ihnen bedingten Affekte, direkt einer ihrer Lebenswerte ausgedr\u00fcckt \u2013 scheint das Dasein uns daraus zuzurufen: \u201ehalte dich nicht wie an einem Endziele auf! Hier mu\u00dft du <i>hindurch<\/i>!\u201c so verlangt der Geist, weil bei sich selber am Ziel, ein Dienstbarwerden des Vor\u00fcbergehenden, den <i>Bestand<\/i>. Wo deshalb das Erotische sich so konzentriert ausgibt, als gelte es, sich in diese Momentewigkeit zu retten, um die Verg\u00e4nglichkeit dennoch zu \u00fcbertrumpfen, an die es gefesselt ist, \u2013 da breitet der Geist es wieder ins Zeitliche aus, in das Nacheinander der Dinge, an denen er zur Tat wird. Denn w\u00e4hrend in der aufdringlich zusammengefa\u00dften Vollendung das Affektive \u2013 wenn auch sozusagen mit geistigen All\u00fcren, \u2013 es noch dem Physischen nachmacht, dessen Einzeldinge sich uns einmalig f\u00fcr allemal in ihrer gr\u00f6bern Wahrheit vor Augen stellen, bewahrheiten geistige Vorg\u00e4nge sich entgegengesetzt: nur als ein fortgesetztes Sich-zur-Tat-erneuern, das angelegt erscheint auf endlose Zeit und unersch\u00f6pfliches Material. Das Geistige, als die lebendigste Steigerung, kann eben ihrerseits ihre Ganzheit garnicht mehr anders darstellen, als <i>indirekt<\/i>, sinnbildlich, als Initiative, als fruchtbare Zergliederung in die gegebenen Einzelheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Grunde ist ein gewisses immer wieder Hineinf\u00fchren in das noch zu Vollendende allem geistigen Verhalten eigen, und ist das, was der Geist ber\u00fchrt hat, ungeachtet seiner Steigerung, von au\u00dfen am unfertigsten anzuschauen. Auch f\u00fcr den Lebensbund der Geschlechter wird dies stets bezeichnend sein, und, gerade in den idealsten F\u00e4llen, wird drin H\u00f6chstes mit Trivialstem so durcheinandergehn d\u00fcrfen, da\u00df nichts mehr sich vornehm davon zur\u00fcckhalten kann, sich erneuern zu lassen bis zur Unkenntlichkeit seiner ehe maligen selbstgen\u00fcgsamen Vollendung. Dieser Mischmaschcharakter, den man mit gro\u00dfem Unrecht aller Ehe zum Vorwurf macht, ist ihr keineswegs nur aus \u00e4u\u00dferlich naheliegenden Gr\u00fcnden aufgepr\u00e4gt, vielmehr der innere Gesichtspunkt von dem aus sich alles in ihr umorganisierte, ergibt diese gleichm\u00e4\u00dfigere Bewertung, den verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Wert selbst noch des simpelsten oder spr\u00f6desten Materials. Wenn es in jeder Eheformel irgendwie hei\u00dft: \u201efor better and worse\u201c, so liegt darin nicht nur ausgedr\u00fcckt, auch im Ertragen des minder Angenehmen m\u00fcsse sich die Liebe beweisen: es darf tats\u00e4chlich besagen, da\u00df ganz anders als im Liebesrausch Gutes wie Schlimmes wertvoll geworden sei, verwendbar, f\u00fcr den Endzweck der vollen Lebensgemeinsamkeit. Und so gilt es auch f\u00fcr die Beziehung der zwei Menschen zueinander, da\u00df sie gewisserma\u00dfen alles umfa\u00dft. Fast k\u00f6nnte man meinen: wiederum, wie in der erotischen Verhimmelung, f\u00e4nden sie sich gegenseitig in jede Gestalt, jede Wirkung hinein, die der Wunsch phantastisch eingab. Nur ist der Sinn nicht mehr derselbe, weil herausgeboren diesmal aus dem tiefsten Eingehn in die Bed\u00fcrftigkeit des Wirklichen; nicht auf eine Sch\u00f6nf\u00e4rberei am andern geht er, sondern auf eine Arbeit an sich selbst, die mit ungeahnten Kr\u00e4ften begabt und wandelt, wo es gilt, ihm hinzuhalten, wessen er bed\u00fcrftig ist, \u2013 und, je nach dem Ma\u00df der Liebe, gibt es keine letzte Grenze da. Gatten einander sein, das kann gleichzeitig hei\u00dfen: Liebende, Geschwister, Zufluchten, Ziele, Hehler, Richter, Engel, Freunde, Kinder, \u2013 mehr noch: voreinander stehen d\u00fcrfen in der ganzen Nacktheit und Notdurft der Kreatur.<span id=\"Seite_66\" class=\"PageNumber\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">SCHLUSS<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">INNERHALB des Lebensb\u00fcndnisses scheint auf diese Weise sich beinah \u2013 wie in einer Rekapitulation \u2013 noch einmal alles ebenso untaxierbar gleichwertig ineinander zu verbinden, wie es f\u00fcr das Ganze des Liebesproblems selber charakteristisch ist. Und \u00e4hnlich wie man den primitivsten Sexualvorgang schon, \u2013 die Totaleinigung zweier Zellen, \u2013 gewisserma\u00dfen als ein Bild vorwegnehmen konnte f\u00fcr die feurigsten Liebestr\u00e4ume, so scheint auch hier ein Bild nahezuliegen, \u2013 eine Umschreibung der Lebensgemeinschaft, ebenfalls als reines Symbol erst, ohne Inhalt noch: in den \u00e4u\u00dfern Formen ihrer Sanktion als Ehe. Und geht jenes einfachste Sexualereignis nach eigenen Gesetzen zu immer reichern Zusammenh\u00e4ngen \u00fcber, deren innere Bewertung sich immer mehr uns entzieht, so lassen sich auch hier zwischen der leeren Formgebung und dem Gehalt des innern Erlebens darin, nirgends die Werte messen, nur ratend ablesen von den verschlossenen Au\u00dfenzeichen. Wie aber das Geschlechtsleben nicht erst durch seine h\u00f6hern Kundgebungen zug\u00e4nglich wird und \u00fcberall seinen Grundboden unter sich beh\u00e4lt, so \u00f6ffnet sich auch die sozial anerkannte Gemeinschaft jedem Paar und seinem Kinde, gleichviel wie wenig tief es von diesem Au\u00dfen in das Innere des Verh\u00e4ltnisses zueinander eingehen mag. Auf beiden Gebieten, leiblichem wie geistigem, affektivem wie sozialem, wird der unbegrenzte Reichtum der Dinge immer nur von einigen ganz zu erfassen sein, und im Lieben, wie in allem, bleibt das H\u00f6chste das seltene Werk der dazu geborenen Ausnahmemenschen. Was indessen deren Genialit\u00e4t darin verk\u00f6rpert, das hat immer wieder das Wegweisende darzustellen, die Hilfe und Hoffnung f\u00fcr alle, die auf den tausend Wegen gehen von unten hinan, wie von au\u00dfen hinein in das Reich des Geschlechterbundes. Denn nicht das ist das H\u00f6chste und Seltenste, das Niedagewesene zu finden, das Unerh\u00f6rte zu k\u00fcnden, sondern das allt\u00e4glich Gewordene, das allen Gegebene, aufzutun zur ganzen F\u00fclle seiner M\u00f6glichkeiten im Menschengeist. So, wie wir im Morgennebel jedesmal meinen, in Flachland dahinzuwandern, bis die Sonne ihn ber\u00fchrt, und Bergesgipfel darin aufgl\u00e4nzen l\u00e4\u00dft, oft von unserm Erdboden so nebelgetrennte, da\u00df sie gleich Phantasmagorien wirken, \u2013 immer h\u00f6here noch, immer fernere, \u2013 und doch auch die unerreichbarsten <i>unser<\/i> noch, in unser Leben mit hinein geh\u00f6rig: unsere Landschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derjenige Liebes- und Lebensmut jedoch, der sich zu neuen Tr\u00e4umen in uns erhebt durch den Blick auf solche Gipfel, und unsern Schritt befl\u00fcgelt, l\u00e4\u00dft sich nicht mehr in das Spezialisierte und in das Wort hinein weiter verfolgen; au\u00dferhalb einer gewissen Vergr\u00f6berung und tag-scharfen (auch banal-scharfen) Belichtung der Dinge, werden sie nur in so schemenhaften Allgemeinheiten f\u00fcr uns noch deutbar, so sehr ohne sich ins Bestimmte zu teilen und zu sondern, wie man etwa an einer Engelschar nur helle Schwingen und Gesichte unterschieden d\u00e4chte, und w\u00fc\u00dfte ihrer Namen keinen. Ist wirklich auch noch diese verschwiegenste, kraftbeanspruchendste Innenarbeit ebenfalls ein Erleben geworden zu Zweien, so ist sie schon wie eine Religion zu zweit: der Versuch, sich und einander in Beziehung zu setzen zum H\u00f6chsten, was man noch eben mit dem Blick erreichen kann, um es zu wandeln zu einem Erlebnis des T\u00e4glichen. Damit aber ist es auch gleichzeitig ganz und gar ein Werkschaffen geworden, und nur als ein solches zug\u00e4nglich: und so in einer viel tiefern Heimlichkeit stehend, unbefugten Augen noch viel sicherer entr\u00fcckt, als selbst die heimlichsten Geheimnisse der Liebe. Denn w\u00e4hrend diese sich entweder absichtsvoll verstecken, d. h. sich hinter Fremdes stellen mu\u00df, oder sich laut, d. h. pathetisch, \u00e4u\u00dfern mu\u00df entsprechend ihrer \u00fcbersch\u00fcssigen Gef\u00fchlsf\u00fclle, ist hier gleichsam kein Gef\u00fchl mehr ledig, sondern verk\u00f6rpert in seinen selbsteignen Handlungen und Gedanken: garnicht mehr als Gef\u00fchl unterwegs, sondern seinerseits allen Dingen in sich Obdach gebend, \u2013 ja nun grade in allem ganz, und auch im Geringsten anwesend, wie der ganze Gott noch durch den brennenden Busch spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gewi\u00df, wie sich die leeren Formen, H\u00fclsen und Sanktionen der Lebensgemeinschaft un\u00fcberf\u00fchrbar mit einem Inhalt br\u00fcsten k\u00f6nnen, der gar nicht in sie eingegangen sein mag, so gewi\u00df, umgekehrt, versinnbildlicht er sich fortw\u00e4hrend in Lebensergebnissen, denen wir ihn um ihres Alltagscharakters willen nicht ansehn k\u00f6nnen. Und tausendmal wohl, gehn wir auf diese Weise unter dem grob Sichtbarsten, banal \u201eWirklichsten\u201c wie unter den Au\u00dfensymbolen darin schlafender Tr\u00e4ume, verzauberter Innerlichkeiten, umher, ohne zu ahnen, da\u00df wir in der Gesellschaft von Erlauchten sind, und dem Lebensvollsten am unmittelbarsten nahe. Denn alles Leben <i>ist<\/i> nur, als das Wunder, das sich fort und fort seines Wunders begibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte selber, mit ihrem notgedrungenen Oberfl\u00e4chengriff, verm\u00f6gen nur, an einem Innenvorgang herumzutasten wie an einem sehr groben Au\u00dfending, hoffend, da\u00df darunter dennoch, symbolhaft, etwas von dem anklinge, was in ihm ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Erotik<\/strong>, von Lou Andreas-Salom\u00e9, R\u00fctten &amp; Loening, Frankfurt am Main 1910<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-92067 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-765x1024.jpg 765w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-768x1028.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-560x750.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-260x348.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910-160x214.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Die_Erotik_1910.jpg 1071w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a>Lou Andreas-Salom\u00e9s oft ger\u00fchmte pers\u00f6nliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen und ihre unkonventionelle Lebensf\u00fchrung sicherten ihr einen Platz in der deutschen Kulturgeschichte. Ihr Leben war und ist Gegenstand von Biographien, Romanliteratur, Musiktheater (der Oper <em>Lou Salom\u00e9<\/em> von Giuseppe Sinopoli (Libretto: Karl Dietrich Gr\u00e4we) zum Beispiel, die 1981 in M\u00fcnchen uraufgef\u00fchrt wurde) und anderen Texten, in denen ihre Kontakte zu Ber\u00fchmtheiten der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verglichen damit fand ihr eigenes schriftstellerisches Werk seither wenig Beachtung \u2013 es verschwand hinter der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte ihres Lebens, dem will KUNO abhelfen. Als renommierte Autorin hatte sie an der Entwicklung der Positionen der Moderne um 1900 lebhaft mitgewirkt. In Romanen, Erz\u00e4hlungen, Essays, Theaterkritiken, zahlreichen Texten \u00fcber Philosophie und Psychoanalyse, einem weitl\u00e4ufigen Briefwechsel beteiligte sie sich an den Diskussionen \u00fcber grundlegende Fragen der Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man mag das Problem des Erotischen anfassen wo man will, stets beh\u00e4lt man die Empfindung, es h\u00f6chst einseitig getan zu haben. 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