{"id":92008,"date":"2022-02-05T00:01:43","date_gmt":"2022-02-04T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=92008"},"modified":"2022-02-17T21:34:07","modified_gmt":"2022-02-17T20:34:07","slug":"eine-ausschweifung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/05\/eine-ausschweifung\/","title":{"rendered":"Eine Ausschweifung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch sein, \u2013 denn von s\u00e4mtlichen M\u00e4nnern, die ich gekannt, geh\u00f6rst du am engsten und intimsten in alles das hinein, was mich als K\u00fcnstlerin angeht: mehr vielleicht noch, wie wenn du selbst aus\u00fcbender K\u00fcnstler w\u00e4rst. Wenigstens kommt es mir immer vor, als \u00fcbte ich mit Kunstmitteln das ein wenig aus, was du mit dem ganzen Leben lebst, in deiner reichen Art, die Dinge voll und ganz zu nehmen und ihnen zu lebendiger Sch\u00f6nheit zu verhelfen. F\u00fcr solch ein volles, ganzes Ding nahmst du auch mich, und liebtest darum mich vor allen andern, \u2013 ich wei\u00df es wohl. In meinen Bildern und Skizzen, denen niemand so fein nachgegangen ist wie du, schien dir mein ganzes Ich enthalten zu sein, und dahinter \u2013 ach dahinter lag nur eine alte Jugendschw\u00e4rmerei, die kaum von der Wirklichkeit ber\u00fchrt worden ist. Du hast darin ja auch recht. Und doch \u2013 und doch\u00a0\u2013? Warum trennten wir uns dann bis auf weiteres, warum gehst du jetzt umher mit z\u00f6gernder, halb schon versagender Hoffnung auf unsre Zukunft, \u2013 und ich, anstatt in fr\u00f6hlicher Arbeit vor meiner Staffelei zu stehn, warum sitze ich hier am Tisch geb\u00fcckt, tief geb\u00fcckt, und schreibe und schreibe, in allen Nerven gebannt vom R\u00fcckblick in meine Vergangenheit? Oder warum dann dein Argwohn, und mein Eingest\u00e4ndnis, da\u00df ich nicht mehr kann, was ich so hei\u00df m\u00f6chte, \u2013 nicht mehr mit voller Kraft und Hingebung lieben kann, grade als ob ich ein aufgegebener, ersch\u00f6pfter Mensch w\u00e4re?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Handelte es sich um \u00dcberwindung von Vorurteilen, um zu vergebenden Leichtsinn und Fehl im \u00fcblichen Sinn, \u2013 o handelte es sich doch darum! Du, so ohne Bedenklichkeit zweiten Ranges, du, der jegliches versteht und mitf\u00fchlt, w\u00fcrdest mir dadurch nicht verlorengehn. Aber das ist es nicht, und dennoch ist es so: mich hat eine lange Ausschweifung zu ernster und voller Liebe unf\u00e4hig gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt, wo ich mir das klarzumachen versuche, kommt der Gedanke voll Erstaunen \u00fcber mich: wieviel weniger unser Leben von dem abh\u00e4ngt, was wir bewu\u00dft erfahren und treiben, als von <a id=\"page72\" title=\"Elaira\/th\" name=\"page72\"><\/a> heimlichen, unkontrollierbaren Nerveneindr\u00fccken, die mit unsrer individuellen Entwicklung schlechterdings nichts zu schaffen haben. Seit ich \u00fcberhaupt denken kann, seit ich von eigenen W\u00fcnschen und Hoffnungen bewegt werde, bin ich der Kunst entgegengegangen, habe ich mich an ihr entz\u00fcckt oder um sie gelitten, und lange noch ehe ich mich ihr wirklich widmen durfte, in irgendeinem Sinne schon im Umkreis der ihr verwandten Sensationen gelebt. Und trotzdem w\u00fcrde jetzt, wollte ich dir mein Leben erz\u00e4hlen, von der Kunst kaum die Rede sein, und kaum w\u00fcrde sie \u00e4rmlichsten Raum finden, riesengro\u00df aber m\u00fc\u00dfte in den Vordergrund treten, was doch in meinem individuellen Bewu\u00dftsein kaum existiert und was mir selbst immer schattenhaft undeutlich geblieben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem hei\u00dfen Sommertag, weit hinten an der deutschgalizischen Grenze, wo mein Vater damals in Garnison stand, sa\u00df ich einst als ganz kleines M\u00e4dchen auf dem Arm meiner fr\u00fcheren Amme und sah zu, wie sie von ihrem Mann \u00fcber den Nacken geschlagen wurde, w\u00e4hrend ihre Augen in verliebter Demut an ihm hingen. Der kraftvolle gebr\u00e4unte Nacken, den sie der Hitze wegen offen trug, behielt einen tiefroten Striemen, doch als ich im Schrecken dar\u00fcber zu weinen anfing, da lachte meine galizische Amme mir so gl\u00fcckselig ins Gesicht, da\u00df mein Kinderherz meinen mu\u00dfte, dieser brutale Schlag geh\u00f6re zweifellos zu den besondern Annehmlichkeiten ihres Lebens. Und vielleicht war es in der Tat ein wenig der Fall, denn weil sie sich, mit der fast h\u00fcndischen Anh\u00e4nglichkeit mancher slawischen Weiber, geweigert hatte, unser Haus zu verlassen, nachdem sie mich neun Monate lang mit ihrer Muttermilch gen\u00e4hrt, f\u00fcrchtete sie nun immer, ihr Mann m\u00f6chte einmal aufh\u00f6ren, zu ihr zu kommen, und weder Liebe noch Zorn f\u00fcr sie \u00fcbrigbehalten. Jedenfalls pr\u00fcgelte er sie oft, wenn er kam, und niemals t\u00f6nten ihr die Volkslieder heller von den Lippen als nach solch einem festlichen Wiedersehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele fr\u00fcheste Kindheitserinnerungen vorher und nachher, \u2013 ja selbst noch jahrelang nachher, \u2013 sind mir spurlos verblichen. Aber etwas von der fast wollustweichen Demut im Ausdruck der Blicke und Geb\u00e4rden meiner Amme in jenem Augenblick ist mir sp\u00e4ter oft noch im Ged\u00e4chtnis wieder aufgetaucht, immer zugleich mit dem gl\u00fcckseligen Klang ihres ged\u00e4mpften Lachens und mit dem Eindruck <a id=\"page73\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page73\"><\/a> der br\u00fctenden Sonnenw\u00e4rme um uns. Wer will abw\u00e4gen, wie unendlich zuf\u00e4llig, wie rein \u00e4u\u00dferlich bedingt es vielleicht ist, wenn mir bei dieser Erinnerung zum erstenmal ein wunderlicher Schauer \u00fcber den R\u00fccken gelaufen sein mag? Sind es aber nicht tausendfach Zuf\u00e4lle, die unser verborgenstes Leben mit heimlicher Gewaltt\u00e4tigkeit durch das pr\u00e4gen, was sie fr\u00fch, ganz fr\u00fch, durch unsre Nerven und durch unsre Tr\u00e4ume hindurchzittern lassen? Oder liegt es vielleicht noch weiter zur\u00fcck, und zwitschert uns, schon w\u00e4hrend wir noch in der Wiege schlummern, ein V\u00f6gelchen in unsern Schlaf hinein, was wir werden m\u00fcssen und woran wir leiden sollen? Ich wei\u00df es nicht, \u2013 vielleicht ist es auch weder eines Zufalls noch eines Wunderv\u00f6gelchens Stimme, die es uns zuraunt, sondern l\u00e4ngst vergangener Jahrhunderte Gewohnheiten, l\u00e4ngst verstorbener Frauen Sklavenseligkeiten raunen und fl\u00fcstern dabei in uns selber nach: in einer Sprache, die nicht mehr die unsre ist und die wir nur in einem Traum, einem Schauer, einem Nervenzittern noch verstehn\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Eltern sah ich immer nur in wahrhaft musterhafter Ehe, \u2013 in einer jener Ehen, die gewi\u00df selten genug vorkommen, wo das heranwachsende Kind in seiner intimen Umgebung fast nichts wahrnimmt als wohltuende Harmonie ohne Erregungen. Mit dieser Harmonie verhielt es sich aber so: mein liebes M\u00fctterchen tat alles, was mein Vater wollte, er aber alles, was ich wollte. Seiner urspr\u00fcnglichen Abstammung nach vielleicht wendischen Blutes, war er von beiden der Temperamentvollere, Gl\u00e4nzendere, voll von k\u00fcnstlerischen, wenn auch vernachl\u00e4ssigten Anlagen und der unsinnigsten Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr das einzige Kind, das auffallend seiner eignen Familie mit ihrem dunklen Ton und ihrer fast s\u00fcdlichen Bl\u00e4sse nachschlug. Er gab mir mit Enthusiasmus den ersten Zeichenunterricht und dispensierte mich von allen b\u00fcrgerlichen Kleinm\u00e4dchenbesch\u00e4ftigungen. Meine gute Mutter sch\u00fcttelte wohl manchmal \u00fcber uns beide den Kopf, doch da ich an Heftigkeit des Temperaments und der W\u00fcnsche dem Vater am meisten glich, so liebte sie mich am hingehendsten grade in dem, worin ich ihr am fremdesten war, und hie\u00df alles gut. Ich aber ging inzwischen umher und diente gl\u00fcckselig jedem leisesten Wink dieser Eltern, deren Liebe in mir zusammenlief und alles nach ihrem Willen aus mir h\u00e4tte formen k\u00f6nnen wie aus erw\u00e4rmtem Wachs, das dem zartesten Druck nachgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem siebzehnten Jahre wurden wir von der galizischen <a id=\"page74\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page74\"><\/a> Grenze nach Brieg in Schlesien versetzt und bezogen dort die sch\u00f6ne Obristenwohnung im Villenviertel unten am Flu\u00df. Von Brieg aus sollte ich noch weiter fort, ich sollte nun endlich unter der Leitung eines t\u00fcchtigen Lehrers der ersehnten Kunst zugef\u00fchrt werden. Von diesem Plan tr\u00e4umten mein Vater und ich auf das ernstlichste, doch kam es ganz anders, weil er zu kr\u00e4nkeln anfing, so da\u00df keine Rede davon sein konnte, ihn zu verlassen. Ich aber, \u2013 ich verliebte mich \u00fcber Hals und Kopf in meinen Vetter Benno Frensdorff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Benno hatte ich seit meiner Kindheit viel im Hause sprechen h\u00f6ren, und immer im Tone au\u00dfergew\u00f6hnlicher Achtung. Er war, fr\u00fch verwaist, mit Hilfe meiner Eltern erzogen worden und fiel schon als Knabe durch den unheimlichen Flei\u00df auf, womit er, immer um bezahlte Nachhilfestunden bem\u00fcht, das Gymnasium absolvierte. Dann studierte er Medizin und befand sich jetzt als Hilfsarzt in der Kreisirrenanstalt von Brieg, wo ich ihn zum erstenmal kennenlernte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorz\u00fcglichen Eigenschaften, die man an ihm r\u00fchmte, hatten mir nur einen ganz vagen Eindruck gemacht. Aber eine andre seiner Eigenschaften tat es mir augenblicklich an: Benno war sch\u00f6n. Sch\u00f6ne Menschen sind immer mein ganzes Entz\u00fccken gewesen, und wenn auch mein k\u00fcnstlerischer Geschmack heute etwas andres darunter versteht als damals, so mu\u00df ich doch Benno auch heute noch zugeben, da\u00df er in seiner jungen M\u00e4nnlichkeit, mit dem ernsten blonden Kopf und dem hohen J\u00fcnglingswuchs, wie man ihn nicht oft findet, ganz auffallend gut aussah. Wenigstens stach er genugsam von den geschniegelten Referendaren und Lieutenants ab, die auf der Eisbahn und in den Kaffeekr\u00e4nzchen uns jungen M\u00e4dchen den Hof machten, und es gab ihm schon etwas Apartes, da\u00df er durchaus keine Zeit fand, mit uns Schlittschuh zu laufen und Kaffeekr\u00e4nzchen zu besuchen, sondern schweigsam beiseite stand und durch seine Brillengl\u00e4ser jeden daraufhin zu beobachten schien, ob er nicht auch in sein Narrenhaus geh\u00f6re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Benno bin ich in einem erotischen und \u00e4sthetischen Rausch zum Weibe erwacht; meine Neigung zu ihm war so zutraulich und leidenschaftlich zugleich, da\u00df in mir, die ja auch nur Liebe gekannt hatte, nie der geringste Zweifel an seiner Gegenneigung entstand, obgleich Benno mich nicht stark beachtete. Er hat mir sp\u00e4ter gesagt, eine Werbung um mich sei ihm bei seinen geringen Zukunftsaussichten <a id=\"page75\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page75\"><\/a> und bei seiner scheuen Dankbarkeit gegen meine Eltern stets ganz toll und undenkbar erschienen. So kam es denn, da\u00df im Grunde ich um ihn warb; mit berauschter Zuversichtlichkeit ging ich ihm entgegen, n\u00e4her, immer n\u00e4her, und in kurzem war ich seine Braut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich so zu verlieben h\u00e4tte wohl auch einer andern passieren k\u00f6nnen, selbst mit anderm Temperament als meines. Da\u00df diese Liebe erwidert wurde und zur Verlobung f\u00fchrte, ist ein ungl\u00fccklicher Zufall; h\u00e4tten wir uns nun rasch heiraten k\u00f6nnen, so w\u00e4re wohl f\u00fcr mich die Entt\u00e4uschung auf dem Fu\u00dfe gefolgt, oder aber es w\u00fcrde die Mutterschaft mich vielleicht in meinem ganzen Wesen stark verwandelt haben. Von alledem trat nichts ein, wir konnten noch nicht bald heiraten, und unter den gef\u00e4hrlichen Liebkosungen des Brautstandes steigerte sich mein junger Liebesrausch zu einer Sehnsucht und Gem\u00fctsspannung, die das ganze \u00fcbrige Leben f\u00f6rmlich entf\u00e4rbte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diese Zeit starb mein Vater, indem er mit tiefem Vertrauen meiner Mutter und mir Benno zum H\u00fcter und Berater bestellte. Monate voll schwerer Trauer folgten; meine Mutter und ich, die beiden unselbst\u00e4ndigen, verw\u00f6hnten Frauen, warfen alle unsre Hoffnung auf Benno allein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst wurde die Wohnung im Villenviertel ger\u00e4umt und ein Haus bezogen, das neben der Irrenanstalt stand, wo Benno sein Dienstzimmer hatte. Es war ein altmodisch gebautes Haus, in dessen Erdgescho\u00df au\u00dfer uns einer der angestellten \u00c4rzte wohnte, \u00fcber uns aber der Rendant der Irrenanstalt mit seiner Frau und zwei T\u00f6chtern. Als wir dorthin umzogen, kam es mir vor wie eine \u00dcbersiedelung nach einem ganz fremden Ort, obwohl dieses Brieger Viertel gar nicht weit vom \u00e4ltesten Mittelpunkt der Stadt, vom Rathaus und von den Gartenanlagen auf dem ehemaligen Wallgraben, entfernt ist und ich oft genug den m\u00e4chtigsten Geb\u00e4udekomplex, den Brieg besitzt, zum Himmel hatte aufragen sehen: die Kreisirrenanstalt und das Zuchthaus. Aber erst jetzt sah ich sie wirklich: das erste auf zwei Seiten von sch\u00f6nem Park umgeben, das andre von einer haushohen Mauer umschlossen, die einen Kranz spitziger Eisenstacheln trug und an deren Fu\u00df Haufen schneidender Glasscherben lagen. Trotz dieser Verschiedenheit aber glichen sie einander im d\u00fcstern Gesamteindruck, den sie machten, beides <a id=\"page76\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page76\"><\/a> Gef\u00e4ngnisse leidender Menschheit, von denen die ganze Stra\u00dfe einen eigent\u00fcmlich schwerm\u00fctigen Anstrich erhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsre Vorderfenster sahen gradezu auf das hohe Mauerwerk mit den Eisenstacheln, durch die Seitenfenster des Wohnzimmers aber erblickte man, \u00fcber den parkumstandenen Hof des Irrenhauses hinweg, die vergitterten Scheiben der Abteilung f\u00fcr Tobs\u00fcchtige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend nach unserm Einzug, w\u00e4hrend die alten zierlichen Barockm\u00f6bel mit ihren Goldleisten und geschweiften Beinen noch ziemlich ratlos umherstanden und nicht recht wu\u00dften, wo in diesen langen, niedrigen Stuben unterzukommen, erfa\u00dfte mich ein Ausbruch wilder Verzweiflung. Meine arme Mutter war so erschrocken, da\u00df sie am liebsten gleich wieder fortgezogen w\u00e4re. Sie erwog in aller Geschwindigkeit ganz im Ernst schon einen solchen Plan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDenn wir m\u00fcssen ja nicht notwendig hier wohnen, \u2013 nicht wahr, Benno? wir k\u00f6nnen es ja schlie\u00dflich auch in einer andern Stra\u00dfe\u00ab, meinte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno hatte sich kurz nach ihr umgewandt, er antwortete aber nichts, sondern ging nerv\u00f6s im Zimmer auf und ab. Erst als meine Mutter hinausgegangen war, um f\u00fcr das Abendbrot zu sorgen, hielt er inne, kam auf mich zu und umfa\u00dfte mich rasch und heftig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAdine!\u00ab fl\u00fcsterte er hei\u00df an meinem Ohr, \u00bb\u2013\u00a0wenn ich nun hier, grade hier mit allen meinen Zukunftsaussichten Fu\u00df fasse\u00a0\u2013? Und ich erhoffe das f\u00fcr uns! Wirst du mich dann auch allein hier am Irrenhause wohnen lassen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah ihn zaghaft an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 K\u00f6nnte das sein? wird es \u2013 wird&#8217;s so sein?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er nickte nur leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schwieg, und dr\u00fcckte mein Gesicht gegen seine Schulter und umschlang fester seinen Nacken. Ich war schon besiegt, als er mich nur in die Arme nahm. Nat\u00fcrlich blieb ich auch jetzt schon, wo er war, nat\u00fcrlich wollte ich, was er wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr die Zukunft. Aber unser gemeinsamer Zukunftstraum, der sich nun hier verwirklichen sollte, und etwas wie eine unverstandene Angst flossen seltsam ineinander \u00fcber in einem schwachen Gruseln, womit ich mich leidenschaftlicher, banger an seine Brust schmiegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter trat herein, und als sie uns so zusammenstehen sah, seufzte sie erleichtert auf. <a id=\"page77\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page77\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun ist wohl alles wieder gut?\u00ab bemerkte sie fragend, und sah Benno an wie einen, der f\u00fcr alles Rat wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno lie\u00df mich los und antwortete voll Heiterkeit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon Rechts wegen und meinen W\u00fcnschen nach m\u00fc\u00dfte Adine in goldenem K\u00f6nigspalast wohnen. Aber sie h\u00e4tte mich ja nicht lieb, bliebe sie nicht hier.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die n\u00e4chsten Tage ging ich umher und beobachtete unausgesetzt ein jedes Ding in meiner neuen Umgebung. Meine tiefste Aufmerksamkeit erregte das Zuchthaus uns gegen\u00fcber. Bisweilen konnte man zu einer bestimmten Morgenzeit einige Zuchth\u00e4usler sehen, die gefesselt schr\u00e4g \u00fcber unsere Stra\u00dfe zu irgendwelcher Arbeit in einen der Gef\u00e4ngnish\u00f6fe hin\u00fcbergef\u00fchrt wurden. Seitdem ich das bemerkt hatte, stand ich stundenlang mit m\u00fc\u00dfig niederh\u00e4ngenden Armen am Fenster und wartete auf diesen Anblick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno traf mich dabei an und sch\u00fcttelte unzufrieden den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist ein kleiner Faulpelz geworden, Adine\u00ab, sagte er, \u00bbich kann nicht begreifen, was dir dran liegt, die Burschen anzusehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, sieh nur hin\u00ab, versetzte ich gequ\u00e4lt, \u00bbsieh nur, wie sie vor\u00fcbergehn, ohne jemals den Blick zu heben. Ich habe versucht, sie zu gr\u00fc\u00dfen. Wir w\u00fcrden sie doch so herzlich gern gr\u00fc\u00dfen, nicht wahr? Aber sie sehen es gar nicht, sie wollen es vielleicht gar nicht sehen, \u2013\u00a0\u2013 vielleicht hassen sie uns im stillen? \u2013\u00a0\u2013 und leben doch so dicht bei uns, \u2013 so dicht, \u2013 bis sie sterben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu mu\u00dft eine vern\u00fcnftige Besch\u00e4ftigung haben\u00ab, antwortete Benno darauf, \u00bbdu wirst doch keine krankhafte und sentimentale Pflanze werden, Adine? Das kommt nur vom M\u00fc\u00dfiggang.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte mehr recht, als er wu\u00dfte: Jahre nachher ist ein Str\u00e4flingskopf mein erster k\u00fcnstlerischer Erfolg gewesen. Die M\u00f6glichkeit, mich k\u00fcnstlerisch in strenger Arbeit zu entwickeln und mich auf diesem mir einzig nat\u00fcrlichen Wege von allen neuen Eindr\u00fccken zu entlasten, w\u00fcrde mich bald wieder froh gemacht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Besch\u00e4ftigung, die Benno f\u00fcr mich im Sinne hatte, f\u00fchrte mich in die K\u00fcche und an die N\u00e4hmaschine. Meiner Mutter leuchtete das vollkommen ein, es war ja auch die n\u00e4chstliegende Vorbereitung f\u00fcr mein zuk\u00fcnftiges Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Kochherd und bei der N\u00e4hmaschine befreundete ich mich mit der \u00e4ltesten Tochter des Irrenhausrendanten, der \u00fcber uns wohnte, mit Gabriele, einem lang aufgeschossenen, rothaarigen, <a id=\"page78\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page78\"><\/a> sommersprossigen Backfisch. Sie hatte unendlich viel im Hausstand und f\u00fcr die kleine Schwester zu tun; obgleich sie aber zwei Jahre j\u00fcnger war als ich, erledigte sie alles immer au\u00dferordentlich rasch und gut. Deswegen bewunderte ich Gabriele, w\u00e4hrend sie mich, trotz einer gewissen Liebe, etwas verachtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Abends, als wir bei einer N\u00e4herei in meiner Stube sa\u00dfen, sprach sie es ganz offenherzig aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist albern, da\u00df du dich so m\u00fchst, da du ja viel lieber malen und zeichnen m\u00f6chtest\u00ab, sagte sie, \u00bbich will dir nur sagen, da\u00df mir diese Arbeiten ganz ebenso verha\u00dft sind wie dir.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDir?! Aber Gabriele, dann machst du es ja grade wie ich!\u00ab bemerkte ich voll Sympathie mit dem unerwarteten Leidensgef\u00e4hrten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch tu&#8217;s f\u00fcr ein Versprechen: da\u00df ich dann sp\u00e4ter zum Oberlehrerinnenexamen lernen darf \u2013 in Berlin\u00ab, versetzte sie, und konnte ein L\u00e4cheln der Genugtuung nicht zur\u00fcckhalten. \u00bbManchmal lerne ich jetzt schon heimlich des Nachts daf\u00fcr vor \u2013 oder in Freistunden. Siehst du, das hat einen Sinn! Aber du \u2013 du willst ja nur heiraten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBin ja verlobt, Gabriele\u00ab, sagte ich leise und selig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan soll nicht verlobt sein\u00ab, meinte Gabriele geringsch\u00e4tzig und betrachtete ihre langen r\u00f6tlichen H\u00e4nde, \u00bb\u2013\u00a0ein Mann, huh! ich k\u00f6nnte davonlaufen. Warum du nur alles tust, was er will?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte gern ganz so werden, wie er will\u00ab, entgegnete ich unruhig und f\u00fchlte pl\u00f6tzlich deutlich, da\u00df ich gar nicht so war, wie er wollte, und da\u00df Gabriele mir gewaltig imponierte. Sie tat ja nur zum Schein Frondienste, in Wirklichkeit hatte sie ihr eignes Ziel dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriele bemerkte halblaut und dringend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMal du doch auch heimlich! Zeichne heimlich. Hat er&#8217;s verboten?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, nein!\u00ab rief ich heftig, \u00bber hat mir sogar vorgeschlagen, Stunden zu nehmen. Aber ich\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun?\u00ab unterbrach Gabriele mich gespannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Ich glaube, ich liebe die ganze Kunst nicht mehr, \u2013 nur ihn\u00ab, sagte ich, fast zitternd w\u00e4hrend ich es aussprach, aber im geheimsten Herzen war es doch nur Furcht, die mich von meiner geliebten <a id=\"page79\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page79\"><\/a> Kunst hinwegscheuchte, Furcht wie vor der gro\u00dfen Verf\u00fchrung, der nichts widersteht: Ich f\u00fchlte, da\u00df sie mich losrei\u00dfen w\u00fcrde von allem, was Benno wollte und was ich also selbst wollte, und mich ihm ganz fremd machen w\u00fcrde\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte Gabriele nicht einmal um ihre sichere Kampfesfreude gegen ihre ganze Umgebung beneiden, denn ich war ja so leidenschaftlich bereit zu unterliegen, und sollte ich selbst dar\u00fcber in tausend St\u00fccke gehn. Das Ideal einer kleinen Brieger Hausfrau, das ihr nur l\u00e4stig und l\u00e4cherlich erschien und das sie deshalb nur so nebenher, mit halber Kraft, verwirklichte, trug f\u00fcr mich geheimnisvolle M\u00e4rtyrer- und Asketenz\u00fcge; ich ging einen Weg der gewaltsamen Selbstkasteiung aus lauter hilfloser Liebessehnsucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Folgen blieben nicht aus. Ich wurde bla\u00df und mager, und von immer krankhafterer Unsicherheit und Reizbarkeit. Benno, der ohnehin die Grenzen des Normalen allzu eng steckte und bei all seinen eingeheimsten Kenntnissen doch noch wenig Lebenserfahrung besa\u00df, schien besorgt, meine Mutter fing an ratlos zu trauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00e4rztliche Ausdruck, der zuweilen in Bennos ohnehin so ernstem Gesicht vorherrschte, machte mich noch scheuer; ich war ja jetzt seiner Liebe keineswegs mehr so naiv sicher wie einst: je untauglicher ich mir selbst f\u00fcr alles vorkam, was er mit mir vorhatte, desto unfehlbarer und autoritativer kam er mir vor, und seine Liebe als etwas nur durch Selbst\u00fcberwindung sicher zu Erringendes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch diese gewaltsame Unterordnung unter ihn vermischte sich in meiner Leidenschaft das S\u00fc\u00dfeste mit dem Schmerzlichsten, fast mit dem Grauen. Das ist ja gewi\u00df nicht der Fall, wo ein Weib schon an sich viel untergeordneter ist als der Mann. Sonst aber kann es zu einer furchtbaren W\u00fcrze der Liebe werden, zu einer so ungeheuren Aufpeitschung der Nerven, da\u00df das seelische Gleichgewicht notwendig verlorengehen mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft wenn ich abends schon zur Ruhe gegangen war, h\u00f6rte ich an den ged\u00e4mpften Stimmen, die bis zu mir her\u00fcbert\u00f6nten, wie Benno und meine Mutter noch lange im Zwiegespr\u00e4ch beieinanderblieben. Ich ahnte nicht, was sie miteinander berieten. Ich erfuhr es erst, als geschah, was endlich geschehen mu\u00dfte: als Benno unsre Verlobung aufl\u00f6ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seltsamerweise habe ich von diesem entscheidenden Vorgang <a id=\"page80\" title=\"Elaira\/th\" name=\"page80\"><\/a> keine bis in die Einzelheiten pr\u00e4zise Erinnerung behalten. Kaum wei\u00df ich noch, was er mir sagte, \u2013 nur meine eigne Stimme h\u00f6re ich noch, und wie ich aufschrie in Schmerz und Entsetzen, wie ich niederst\u00fcrzte vor ihm und die H\u00e4nde zu ihm aufhob\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von jener Stunde aber ging zwingend eine Macht aus, die in meiner Phantasie Bennos Bild \u00fcbertrieb und f\u00e4lschte, die ihn hart und grausam, streng und stark bis zur \u00dcberlebensgr\u00f6\u00dfe erscheinen lie\u00df. Konnte es anders sein? W\u00e4re er sonst dazu imstande gewesen, mich trotz aller meiner dem\u00fctigen Bem\u00fchungen unw\u00fcrdig zu befinden und hinwegzusto\u00dfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter weinte viel, gab ihm jedoch in allen St\u00fccken recht und reiste mit mir ins Ausland, wo ich mich erst erholen, dann aber ganz meinen alten W\u00fcnschen gem\u00e4\u00df entwickeln sollte. Als ich von Benno fortkam, meinte ich, da\u00df er mich zu lauter j\u00e4mmerlichen Scherben zertreten habe. Lange Zeit litt ich halb besinnungslos. Dann aber siegte das Gl\u00fcck, meiner Kunst leben zu d\u00fcrfen, und erwies sich als st\u00e4rker als die alte Jugendleidenschaft. Einem Traum gleich, den man beim vollen Erwachen nicht mehr festzuhalten vermag, sank sie ins Schattenhafte hinab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter zog sp\u00e4ter wieder zu Benno nach Brieg, und nur im Sommer sah ich sie auf Wochen oder auch auf Monate bei mir. Ich selbst verbrachte etwa sechs Jahre in t\u00fcchtiger Arbeit, bei manchen Entbehrungen und Anstrengungen, dann richtete ich mir hier in Paris mein kleines Atelier ein, \u2013 und das war eine sch\u00f6ne Zeit: eigentlich die erste ganz sorgenfreie, ganz erfolgreiche Zeit. Zum erstenmal atmete ich auf und nahm das Leben endlich auch wieder von seiner heiteren Genu\u00dfseite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, \u2013 vor einem Jahr ungef\u00e4hr, es war gegen Weihnachten, \u2013 entschlo\u00df ich mich pl\u00f6tzlich zu einer kurzen Heimfahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter hatte schon in ihren Briefen dringend darum gebeten, aber den Ausschlag gab ein Brief von Benno selbst. Ich empfing ihn w\u00e4hrend eines kleinen Einweihungsschmauses in meinem Atelier und konnte ihn nur rasch, in Gegenwart von andern, durchlesen. Dennoch machte der Anblick der altvertrauten Handschrift mit ihren festgef\u00fcgten runden Buchstaben einen ganz seltsam aufregenden Eindruck auf mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno schrieb unter dem Vorwand, den Wunsch meiner Mutter auch seinerseits noch zu unterst\u00fctzen. In Wirklichkeit trieb ihn <a id=\"page81\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page81\"><\/a> jedoch etwas andres zu diesem Brief: Auf Grund von allerlei umlaufenden Ger\u00fcchten schien er beunruhigt \u00fcber meine \u00bballzufreie\u00ab Lebensgestaltung, wie er sie nannte, und hielt sich f\u00fcr verpflichtet, mich vor Verleumdungen zu warnen, \u2013 oder auch vor mir selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz klar war es nicht, was von beidem er meinte. Seine Worte enthielten viele philistr\u00f6se Bedenklichkeiten, \u00fcber die ich l\u00e4cheln mu\u00dfte, auch viel Unkenntnis des Provinzlers und Fachmenschen hinsichtlich des Lebens in Weltst\u00e4dten und unter K\u00fcnstlern. Ja, das wu\u00dfte ich ja nun l\u00e4ngst: Benno verk\u00f6rperte nicht gerade den Begriff eines unfehlbaren Idealhelden, sondern mochte das Prachtexemplar eines eingefleischten Pedanten und Moralisten sein. Ungef\u00e4hr das Gegenteil von all dem, was jetzt meine leicht gefesselte Phantasie entz\u00fccken und verf\u00fchren konnte. Aber da\u00df er sich erdreistete, so zu schreiben, da\u00df er sich f\u00fcr verpflichtet hielt, so zu kontrollieren, was ich tun durfte und nicht tun durfte, \u2013 er, der mich ja nicht einmal geliebt, \u2013 nein, geliebt hatte er mich nicht, sondern fortgesto\u00dfen\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte \u00fcber eine unerkl\u00e4rliche Erregung nicht Herr werden, w\u00e4hrend ich unter meinen G\u00e4sten umherging, und lachte und scherzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblick fiel mein Blick auf eine aufgeschlagene Mappe, worin ich einige wertvolle Kunstbl\u00e4tter aufbewahrte und die eben von einer jungen Malerin besehen wurde. Obenauflag die bekannte Radierung Klingers \u00bbDie Zeit den Ruhm vernichtend\u00ab. Wie manchesmal schon hatte ich den gepanzerten J\u00fcngling angeschaut, der, eherne Allmacht im Antlitz, dem vor ihm niedergeworfenen Weibe erbarmungslos mit dem Fu\u00df in die Lende tritt \u2013\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich weckte er irgendeine Ideenassoziation in mir, pl\u00f6tzlich r\u00fchrte er an irgend etwas, \u2013 und eine lang, lang vergessene, eine tote Sensation meines eignen Lebens regte sich dunkel\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann mit Worten nicht deutlich schildern, wie es war. Ich glaube nicht, da\u00df ich dabei an eine bestimmte Situation gedacht habe, zum Beispiel an Bennos brutale L\u00f6sung unsrer Beziehungen, oder daran, da\u00df ich mich damals von ihm \u00bbzertreten\u00ab f\u00fchlte, oder \u00fcberhaupt an seine Person, \u2013 aber doch hing es mit ihm zusammen, als mir ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken ging, \u2013 ein Schauer von so <a id=\"page82\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page82\"><\/a> l\u00e4hmend intensiver Ersch\u00fctterung, da\u00df ich unwillk\u00fcrlich vor dem Bilde die Augen schlo\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm nur noch mechanisch an der Unterhaltung teil, innerlich blieb ich tief benommen, denn mir war, als starrte ich durch meine ganze Umgebung hindurch auf etwas, das sich nur lange verborgen gehalten hatte, aber doch immer dagewesen sein mu\u00dfte, gleich schattenhaftem Hintergrund, \u2013 oder als s\u00e4nke mein ganzes gl\u00fcckliches gegenw\u00e4rtiges Leben langsam zu meinen F\u00fc\u00dfen nieder, wie ein d\u00fcnner blumengestickter Schleier, und dahinter st\u00e4nde hoch aufgerichtet das Wirkliche, Wesenhafte,\u2013\u00a0\u2013 ja was? etwas wie die Silhouette eines gepanzerten Mannes? oder Benno selbst, der mich in den Armen hielt und mich den ersten Liebesrausch lehrte und das erste Grauen vor der Abh\u00e4ngigkeit der Liebe? \u2013\u00a0\u2013 oder lag es nicht vielleicht weit, weit zur\u00fcck in jener fernsten Kindheit, wo ich noch auf dem Arm meiner galizischen Amme sa\u00df, und die Sommersonne hei\u00df um uns br\u00fctete, und wo von der erhobenen harten Hand des Mannes ein feuerroter Striemen auf dem demutsvoll geneigten Frauennacken blieb\u00a0\u2013?\u00a0\u2013\u00a0\u2013<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Einige Tage sp\u00e4ter befand ich mich auf der Reise nach Brieg. W\u00e4hrend der langen Eisenbahnfahrt erz\u00e4hlte ich es mir selber wohl hundertmal, wie wunderlich eng und klein mir alles in der Heimat vorkommen werde, aber zugleich freute ich mich all dieses Engen und Kleinen, als des heimatlich Vertrauten, was ich nun wiedersehen sollte; es durfte sich nicht weiterentwickelt haben, sondern mu\u00dfte, um zu wirken, genauso geblieben sein, wie es war, grade wie eine alte Kinderfibel, die ohne ihre naiven Lehren und Verschen auch nicht mehr ein Erinnerungsbuch w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es reute mich nicht mehr, Paris verlassen zu haben, trotzdem ich grade jetzt dort den Winter hatte genie\u00dfen wollen, \u2013 und doch lag in der Stimmung, worin ich diese Reise unternahm, mir unbewu\u00dft, ein tieferer Leichtsinn, der von dunkeln Sensationen tr\u00e4umte, als in allen Gen\u00fcssen, zu denen ich mich dort h\u00e4tte verleiten lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Brieg langte ich am Abend nach neun Uhr an. Den Tag meines <a id=\"page83\" title=\"mabarosa\/gary\" name=\"page83\"><\/a> Eintreffens hatte ich absichtlich nicht gemeldet, ich lie\u00df mein Gep\u00e4ck am Bahnhof und ging langsam \u00fcber den Wallgraben unsrer Steinstra\u00dfe zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es schneite. Ein m\u00e4chtiger Wind, von Norden daherfahrend, fegte \u00fcber die Oderniederungen und die schlesische Ebene hin, das kleine Brieg lag f\u00f6rmlich eingesargt im tiefen wei\u00dfen Winterschnee. Bei diesem Wetter waren die winkligen Gassen trotz der Weihnachtszeit noch stiller, noch menschenleerer als sonst, und in den H\u00e4usern brannten die Lampen hinter fest zugezogenen Vorh\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man konnte in dem von Schneeflocken umtanzten Laternenschein nicht gerade viel erkennen, aber das sah ich doch mit lebhaftem Bedauern, bis zu welchem Grade die alte charakteristische Stadtphysiognomie sich im Lauf der Jahre verj\u00fcngt zu haben schien. Schon vermi\u00dfte ich an den schmalen alten H\u00e4usern hier und da das k\u00f6stlichste Giebelwerk, und \u00fcberall hatte die schlechte Gl\u00e4tte billiger Modernisierung begonnen, die verfallende Sch\u00f6nheit zu ersetzen. Auch Brieg ging also vorw\u00e4rts! es war nicht mehr ganz das alte, vertraute St\u00e4dtchen, auf dessen winklige Enge ich mich gefreut hatte. Der Fortschritt des Lebens mit seinen praktischen Anforderungen, der h\u00e4ufig das Banale n\u00fctzlicher findet als das Seltene, hatte auch hier manches Sch\u00f6ne als Hindernis aus dem Wege ger\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich bei unsern gro\u00dfen, einf\u00f6rmigen Anstaltsgeb\u00e4uden anlangte, sah ich ganz nah am Eingang unsers Hauses einen Mann stehn, im weiten Mantel und eine Fellm\u00fctze auf dem Kopfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand ganz regungslos da und blickte mir entgegen, w\u00e4hrend ich mich am Parkgitter des Irrenhauses entlang ihm mehr und mehr n\u00e4herte. Der Laternenschein fiel ihm in den R\u00fccken, so da\u00df seine Z\u00fcge im Dunkeln blieben, aber ich wu\u00dfte doch sofort, da\u00df es Benno war. Mich ergriff eine kindische Freude, so gro\u00df, wie ich sie nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, zugleich mit dem Verlangen stehnzubleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das erlaubte der Sturm nicht; er blies mich von hinten an, als wehe er mich ihm einfach entgegen. Ich konnte merken, wie an meinem Reisehut der zur\u00fcckgenommene Schleier zerrte und flog, gleich einem ungeduldig aufflatternden gefesselten Vogel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt kam Benno mir langsam entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDina!\u00ab rief er mit unterdr\u00fcckter Stimme, noch eh ich bei ihm war. <a id=\"page84\" title=\"Elaira\/gary\" name=\"page84\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDa bist du ja!\u00ab sagte ich froh, lie\u00df achtlos meine kleine Reisetasche auf den Schneeboden gleiten und streckte ihm beide H\u00e4nde entgegen, \u00bb\u2013\u00a0hast du mich denn erkannt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAdine! so unerwartet und unangemeldet, \u2013 von niemand empfangen!\u00ab \u00e4u\u00dferte er wie in tiefem Staunen, und dann: \u00bbErkannt \u2013 ja, erkannt, noch eh ich wu\u00dfte, da\u00df du es sein k\u00f6nntest. An deinem Gang. Nur grade am Gang. Dies sorglos wiegende Schlendern, \u2013 nur du gehst so, \u2013 es sieht aus, als ob es auf der Welt nur lauter geebnete Wege g\u00e4be, oder als schritte ein unsichtbares Wesen vor dir her, das sie dir ebnet. \u2013\u00a0\u2013 Und du kommst im Schnee \u2013\u00a0\u2013 zu Fu\u00df?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa freilich, zu Fu\u00df, von Stein zu Stein, \u00fcber das bekannte alte Pflaster. Es war ja noch fr\u00fch. Sch\u00f6n war&#8217;s. Der Schnee, der fiel so dicht; \u2013 das alte Brieg! wie es aussah im Schneesturm!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei blies uns der Wind immerzu die breiten Flocken ins Gesicht, w\u00e4hrend wir dastanden und sprachen, wie wenn ich bereits zu Hause w\u00e4re, wie wenn ich dazu nicht erst einzutreten brauchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno hob meine Reisetasche vom Boden auf und bemerkte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDeine Mutter, Tante Lisette, wird ganz au\u00dfer sich vor Freude sein. Sie konnte es kaum noch erwarten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch gehe leise zu ihr hinein, \u2013 gib mir den Schl\u00fcssel\u00ab, sagte ich und trat neben ihm ans Haus, \u00bb\u2013\u00a0oder kommst du mit?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sch\u00fcttelte den Kopf und wies nach der Irrenanstalt hin\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch mu\u00df noch dorthin, \u2013 stets um diese Stunde noch einmal inspizieren\u00a0\u2013. Also auf morgen. Schlaf gut daheim.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gab ihm beim Eintreten noch einmal die Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf morgen!\u00ab wiederholte ich heiter, \u00bbda seh ich dich also eigentlich wieder. Denn heut haben wir uns ja noch keineswegs wiedergesehen. Zwei Stimmen im Dunkeln! Zwei Stimmen, die dem Wiedersehen vorausgelaufen sind. \u2013\u00a0\u2013 Und die nun aufh\u00f6ren m\u00fcssen zu schwatzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGute Nacht, Adine. Nimm die Hand fort, du klemmst dich\u00ab, sagte er beim Schlie\u00dfen der T\u00fcr. Das klang so n\u00fcchtern und \u00e4ngstlich, da\u00df ich unwillk\u00fcrlich noch einmal zwei Finger in die T\u00fcrspalte steckte. Ich rief hinaus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00df dir noch sagen: Es ist sch\u00f6n, da\u00df wir uns getroffen haben \u2013 im Schneegest\u00f6ber am Hause. Es ist ja nur ein Zufall, aber grade darum ist&#8217;s sch\u00f6n.\u00ab <a id=\"page85\" title=\"mabarosa\/th\" name=\"page85\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcr fiel ins Schlo\u00df. Einen Augenblick lang schien Benno drau\u00dfen noch still zu stehn, wie wenn er lauschte, \u2013 dann knisterte der Schnee unter den langsam sich entfernenden Schritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ich, drinnen im schwach erhellten Hausflur, stand noch und horchte, \u2013 ich horchte noch auf die beiden verklungenen Stimmen im Dunkeln, als ob sie mir ein langes M\u00e4rchen erz\u00e4hlten, und eigentlich ein neues M\u00e4rchen, \u2013 meine frohe, fast \u00fcberm\u00fctige Stimme, die weit heller als die seine, und dann seine ged\u00e4mpfte, z\u00f6gernde Stimme, aus der so vieles \u2013 so seltsam vieles unter den allt\u00e4glichen Worten hervorsprach, und die Worte f\u00f6rmlich leer und sinnlos machte durch diesen Unterklang\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tage wurde ich durch einen langgezogenen schrillen Glockenton geweckt, der aus einem der Arbeitsh\u00f6fe des Zuchthauses her\u00fcberschallte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter, im gro\u00dfen Ehebett an der gegen\u00fcberliegenden L\u00e4ngswand, schlief noch, oder tat so, um mich nicht zu st\u00f6ren. Durch das Fenster schimmerte hellgrau das Morgenlicht \u00fcber die ausgeblichenen Cretonnevorh\u00e4nge mit ihren lustigen gr\u00fcnen Blumen und V\u00f6geln, und jedes einzelne der alten M\u00f6belst\u00fccke sah mich vertraut und gr\u00fc\u00dfend an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich dehnte mich voll Behagen in meinen Kissen. In dieser s\u00fc\u00dfen Indolenz der Stimmung war es herrlich, sich hier ein wenig pflegen und verziehen zu lassen. Bald genug kam ich ja wieder in mein eignes Leben drau\u00dfen zur\u00fcck, in mein eignes Schaffen und Genie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Blick fiel auf das liebe faltige Gesicht im wei\u00dfen Nachth\u00e4ubchen, das \u00fcber der verbla\u00dften gr\u00fcnseidenen Steppdecke herausschaute. Ohne diese gute Mutter mit ihren bereitwilligen Liebesopfern h\u00e4tt ich mir nie meine freie, gl\u00fcckliche K\u00fcnstlerexistenz erringen k\u00f6nnen. Damit mir das gelingen m\u00f6chte, sa\u00df sie nun hier so geduldig und einsam ohne Tochter, und m\u00fchte sich heimlich damit ab, sich f\u00fcr Malerei zu interessieren, was doch so ganz hoffnungslos war. Der Offizierskreis in Brieg, ihr einstiger alter Gesellschaftskreis, \u00e4u\u00dferte sich ziemlich tadelnd \u00fcber diese fernlebende Tochter, und ich wu\u00dfte wohl, da\u00df meine Mutter mich dann verteidigte wie eine L\u00f6win ihr Junges und da\u00df die Leute sich des Todes verwunderten, bis zu welchen modernen Anschauungen sie <a id=\"page86\" title=\"Elaira\/th\" name=\"page86\"><\/a> sich dabei zuweilen verstieg. Aber in Wirklichkeit war sie weder eine L\u00f6win noch ein moderner Bahnbrecher, sondern ganz einfach eine einsame alte Frau, deren Lebensauffassung himmelweit von der ihres Kindes entfernt war\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glitt ger\u00e4uschlos aus dem Bett, kam auf nackten Sohlen zur Halbschlummernden und umhalste sie st\u00fcrmisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMama, meine liebe Mama! wie bin ich froh, bei dir zu sein, und wie dank ich dir f\u00fcr alle diese sch\u00f6nen \u2013 sch\u00f6nen Jahre! Jetzt auf einmal f\u00e4llt es mir aufs Herz, wieviel du mir geschenkt hast, \u2013 immerfort geschenkt, und nichts daf\u00fcr bekommen, du liebste aller M\u00fctter du!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter streichelte mich beschwichtigend \u00fcber den blo\u00dfen Arm, und \u00f6ffnete ihre blassen blauen Augen mit einem Ausdruck voll z\u00e4rtlichen Gl\u00fccks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wurde schon ganz m\u00fcde vom Liegenbleiben, du Langschl\u00e4ferin\u00ab, sagte sie, sich ermunternd, \u00bbich glaube wirklich, mir sind die Glieder eingeschlafen. Jetzt la\u00df mich rasch in die Kleider kommen, Kind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo steckt denn eigentlich Benno am Morgen?\u00ab fragte ich, und fuhr in die Str\u00fcmpfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe ihn nebenan im Wohnzimmer geh\u00f6rt, ehe du wach wurdest. Er wollte dich wohl schon begr\u00fc\u00dfen. Jetzt aber k\u00f6nntest du zu ihm gehn, w\u00e4hrend er seinen zweiten Tee bei sich im Zimmer nimmt, \u2013 das ist bald. Es w\u00e4re freundlich von dir, \u2013 du mu\u00dft gut gegen ihn sein, h\u00f6rst du? Er ist ein so vortrefflicher Mensch, Adine. Du mu\u00dft dich nicht dran sto\u00dfen, wenn er dir einmal ein wenig schroff vorkommt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDran sto\u00dfen? ach nein, Mama, im Gegenteil. Das geh\u00f6rt ja so unab\u00e4nderlich zu ihm. Ohne das w\u00fcrde es gar kein Wiedersehen sein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist es nicht gewohnt. Bist verw\u00f6hnt, mein Kind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEben darum, Mama\u00ab, bemerkte ich, und kam vor den Spiegel, um mein Haar aufzuflechten. Unwillk\u00fcrlich ri\u00df ich an den dunkeln Str\u00e4hnen, die sich eigenwillig unter dem Kamm lockten, denn ich hatte, was ich eigentlich nie habe: Eile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter sa\u00df halb angekleidet, mit im Scho\u00df gefalteten H\u00e4nden, daneben und betrachtete mich mit besorgter Z\u00e4rtlichkeit im Gesicht. <a id=\"page87\" title=\"mabarosa\/th\" name=\"page87\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013\u00a0War es sch\u00f6n, \u2013 der Einweihungsschmaus in deinem Atelier?\u00ab fragte sie zerstreut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, sch\u00f6n \u2013 und lustig! Sp\u00e4ter erz\u00e4hl ich dir\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber lieber nur mir allein, Adine, denn Benno\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, was ist mit Benno?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, stell dir vor, er macht sich so leicht Gedanken deinetwegen, \u2013 weil du so frei f\u00fcr dich lebst, und weil du so viel mit dem Tomasi bist, der Atelier an Atelier mit dir wohnt, \u2013 und \u00fcberhaupt\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo. Tut Benno das?\u00ab bemerkte ich, und f\u00fchlte, wie eine Blutwelle mir ins Gesicht scho\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa. Aber warum err\u00f6test du denn dar\u00fcber? Du bist ja ganz rot geworden, \u2013 wirklich, Adine. Was ist es mit dem Tomasi?\u00ab fragte die Mutter \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber nichts! Du kennst ihn ja. Wir sind eben Kollegen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, sage mir nur eins: du glaubst doch nicht, da\u00df du dich in jemand verliebt haben k\u00f6nntest in dieser Zeit?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas kann ich wirklich nicht so genau wissen, Mama.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber Jesus, Kind! So etwas wei\u00df man doch! \u2013\u00a0\u2013 Nun, \u00fcbrigens, dann ist es auch nichts\u00ab, sagte die Mutter beruhigt, und griff nach ihrem Kleide.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lie\u00df den Kamm sinken und betrachtete im Spiegel nachdenklich mein eignes Bild. Mir fuhr der Gedanke durch den Kopf, da\u00df ich Benno auf seinen eigent\u00fcmlichen Brief ziemlich wahrheitsgem\u00e4\u00df h\u00e4tte antworten k\u00f6nnen: \u00bbWenn die Ger\u00fcchte unrecht haben, und du mit deinen geheimen Zweifeln auch, so ist das nur dein eignes Verdienst. Du hast mich vielleicht auf lange Zeit f\u00fcr mancherlei untauglich gemacht durch den allzustark gew\u00fcrzten Wein, den ich bei dir getrunken habe. Dagegen f\u00e4llt jeder andre Rausch ab.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut sagte ich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin \u00fcbrigens ganz unschuldig dran, da\u00df ich mich nicht einmal geh\u00f6rig verliebe. Es ist sonderbar genug.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas kommt, weil du malst, mein Kind\u00ab, bemerkte die Mutter so resigniert, da\u00df ich anfing zu lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun ja, wenn du nicht maltest, so w\u00fcrdest du wohl verheiratet sein, \u2013 und ich w\u00fcrde einen kleinen Enkel haben!\u00ab f\u00fcgte sie etwas verdrie\u00dflich hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm sie beim Kopf und k\u00fc\u00dfte sie. <a id=\"page88\" title=\"Elaira\/grp\" name=\"page88\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, beim Malen ist man eigentlich immer etwas verliebt. \u2013\u00a0\u2013 Man malt immer irgend etwas Verliebtes aus sich heraus, scheint mir. \u2013\u00a0\u2013 Aber all das ist so fein und fl\u00fcchtig und wunderlich, und heiraten l\u00e4\u00dft es sich nicht. Wie schaff ich dir also einen kleinen Enkel?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter hatte brummend ihren Kopf freigemacht, sie seufzte nur und sah schweigend nach dem Kaffeetisch. In ihrem heimlichen Innern war sie so froh, da\u00df wir wieder zusammen dasa\u00dfen und unsern Morgenkaffee tranken, da\u00df ihr kein Unsinn, den ich sprach, etwas anhaben konnte. Manchmal mochte sie allerdings ein wenig verwirrt werden \u00fcber das viele, was ich ihr schon vorgeredet hatte und was von ihrer Mutterseele ganz friedlich neben ihren eignen Ansichten und Auffassungen beherbergt und verarbeitet wurde. Mutterboden mag wohl ein fruchtbarer Boden sein, worauf die verschiedensten Dinge durcheinander wachsen und gedeihen k\u00f6nnen, aber M\u00fche mocht es ihr wohl bisweilen machen, sich in diesem z\u00e4rtlichen Krautgarten zurechtzufinden, \u00fcber dem, alles segnend, eine so gro\u00dfe Sonne der Liebe schien\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem ich mein Fr\u00fchst\u00fcck beendet hatte, ging ich sofort zu Benno hin\u00fcber. Seine Zimmer waren von denen meiner Mutter durch den weiten, ganz primitiv mit roten Ziegelsteinen ausgelegten Hausflur getrennt und wurden fr\u00fcher von einem andern der Hilfs\u00e4rzte bewohnt. Seit l\u00e4ngerer Zeit bekleidete Benno eine sehr angesehene Stellung an der Irrenanstalt, als eine Art von Bevollm\u00e4chtigtem des Direktors, der alt und kr\u00e4nklich war und ihn zu seinem Nachfolger vorgeschlagen hatte. Die Briefe meiner Mutter erz\u00e4hlten mir stets Wunderdinge von Bennos T\u00fcchtigkeit und fieberhaftem Berufsflei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich pochte leise an die T\u00fcr seines Studierzimmers, doch niemand antwortete darauf. Ich \u00f6ffnete sie und blickte hinein. Niemand war anwesend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Kaminofen, worin ein helles Feuer brannte, stand zwischen zwei Sesseln ein Metalltischchen, worauf alles zum Teetrinken vorbereitet war. Ein blankes Kesselchen dampfte \u00fcber einer Spiritusmaschine. Jedenfalls war Benno schon hier gewesen und wieder abgerufen worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich setzte mich in einen der Sessel und schaute mich um. Sehr viel behaglicher sah es hier aus als in dem h\u00e4\u00dflichen, kahlen Dienstzimmer, <a id=\"page89\" title=\"mabarosa\/grp\" name=\"page89\"><\/a> das Benno ehemals im Irrenhause innegehabt und das ich immer nur mit Grausen besucht hatte, denn jedes Ger\u00e4usch dort und jeder Anblick entsetzten mich. Und dennoch tat es mir jetzt fast leid, da\u00df ich ihn hier wiedersehen sollte, und nicht in dem Rahmen, der dort zu ihm geh\u00f6rte. Ich behandelte ihn in dieser piet\u00e4tvollen Regung unwillk\u00fcrlich ganz als Bild\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ging die gegen\u00fcberliegende T\u00fcr auf, und Benno trat aus seinem Wartezimmer herein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGr\u00fc\u00df dich Gott!\u00ab sagte er mit seiner verhaltenen Stimme und kam, fast etwas ungeschickt, mit ausgestreckter Hand auf mich zu. Als ich meine Hand hineinlegte, hielt er sie einige Sekunden lang fest und hinderte mich dadurch, mich aus meiner halbruhenden Lage aufzurichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBleib sitzen! grade so, wie du gesessen hast, aber den Kopf hebe, und gegen das Licht; ich mu\u00df dich doch deutlich wiedersehen\u00ab, sagte er wie entschuldigend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fand keine Entgegnung und gehorchte nur, den Kopf zur\u00fccklehnend und den Blick zu ihm hebend, w\u00e4hrend ich f\u00fchlte, da\u00df ich unter dem seinen err\u00f6tete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie gesund und hell und gl\u00fccklich du ausschaust, \u2013\u00a0\u2013 und wie sch\u00f6n!\u00ab sagte er treuherzig. Aber zugleich wurde er befangen und trat etwas zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00fcberflog seine ganze Gestalt und sein Gesicht. Das Gesicht erschien mir zu sehr gealtert in diesen sechs Jahren. Die unausgesetzte, nervenaufreibende T\u00e4tigkeit hatte verfr\u00fchte Falten in seine Stirn gezogen und das weiche aschblonde Haar an den Schl\u00e4fen ein wenig gelichtet. Ob er wohl noch die interessanten, furchterweckenden Irrenarztaugen hat? dachte ich und suchte seinen Blick. Aber auf den Gl\u00e4sern der Brille blitzte und glitzerte das Morgenlicht, und mir kam der Gedanke, wieviel \u00f6fter ich \u00fcberhaupt dieses alles verdeckende Brillenfunkeln gesehen h\u00e4tte, als den dahinter vermuteten Augenausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wasser im Kesselchen zwischen uns brodelte heftig, und um das Schweigen zu brechen, bemerkte ich heiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin zu deinem Fr\u00fchst\u00fcck hergekommen, wie du siehst. Wirst du mir auch zu trinken geben?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er deutete auf eine zweite Tasse, die bereitstand, und \u00e4u\u00dferte z\u00f6gernd: <a id=\"page90\" title=\"mabarosa\/grp\" name=\"page90\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch hoffte, du w\u00fcrdest kommen. \u2013\u00a0\u2013 Willst du nicht, \u2013\u00a0\u2013 wenn es dir nicht l\u00e4stig ist, \u2013\u00a0\u2013 willst du mir nicht die Freude machen, uns den Tee zu bereiten?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erhob mich und griff nach dem Teetopf. Aber w\u00e4hrend ich mit dem Geschirr hantierte, trat wieder das Schweigen ein, und ich f\u00fchlte mit Verlegenheit, wie Benno, der stumm dasa\u00df und rauchte, den Blick nicht von meinen H\u00e4nden lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war etwas so ganz andres, sich im vollen, n\u00fcchternen Tageslicht wiederzusehen, als am Abend vorher in der Schneenacht. Man scheut sich unwillk\u00fcrlich vor all den leise mitfl\u00fcsternden Erinnerungen, die schwer sind von alten Tr\u00e4umen und die sich in der hellen Wirklichkeit des Tages nicht zurechtfinden k\u00f6nnen, sondern allem unversehens phantastische Lichter aufsetzen, \u2013 blasse, mystische Lichtlein\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs geht nicht an, da\u00df wir hier stumm dasitzen\u00ab, dachte ich unruhig und sagte schlie\u00dflich hoffnungslos, nur um irgendein lautes Wort zu finden, scherzend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu willst wohl aufpassen, ob ich bei meinem Farbenkleckserberuf noch zur geringsten weiblichen, h\u00e4uslichen Arbeit tauglich geblieben bin.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch nein\u00ab, versetzte er so ernsthaft erstaunt, da\u00df man seiner Stimme anh\u00f6rte, von wie weit er eben herkam, \u00bb\u2013\u00a0du bist ja, \u2013 du hast ja andres zu tun gehabt. Jedenfalls Interessanteres. Besonders Paris ist ja die gro\u00dfe Stadt aller Gen\u00fcsse.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist sie gewi\u00df, aber die gro\u00dfe Stadt der Arbeit ist sie auch, des rastlosen Weiterarbeitens\u00ab, versetzte ich und schob ihm sein Glas Tee zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er r\u00fchrte mit dem L\u00f6ffel darin herum, dann fragte er unvermittelt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Der Tomasi, \u2013 wie ist denn der?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte ein L\u00e4cheln nicht unterdr\u00fccken \u00fcber die unbeholfene Art, wie der Pedant und Moralist aus ihm herausr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon meinen Kollegen ist er mir der liebste Genosse\u00ab, gab ich zu, \u00bbich danke ihm viel Anregung und Freundschaft. Als ich mir den linken Arm verstaucht hatte und der Ausstellung wegen so eilen mu\u00dfte, um doch noch fertig zu werden, da hat mir der Tomasi die besten hellen Morgenstunden geopfert und mir den Arm untergeschoben und mir die Palette gehalten. Das kann n\u00e4mlich nur ein sehr lieber Freund tun.\u00ab <a id=\"page91\" title=\"mabarosa\/grp\" name=\"page91\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDen Arm so ausdauernd unterschieben, \u2013 das glaub ich\u00ab, meinte Benno, und rauchte so stark und unausgesetzt, da\u00df eine Wolke um ihn stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lachte, ganz lebhaft geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, aber die Palette halten\u00ab, verbesserte ich, \u00bbdenn der linke Arm mit der Palette arbeitet mit, mu\u00dft du wissen, er mu\u00df lebendig zu einem selbst geh\u00f6ren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno stie\u00df gewaltsam die Asche, die sich kaum noch an seiner Zigarre angesetzt hatte, am Glasteller ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLebendig zu einem selbst. So kann nat\u00fcrlich nur ein K\u00fcnstler zu dir geh\u00f6ren\u00ab, bemerkte er und stand unmotiviert auf, ohne mich anzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei sah ich pl\u00f6tzlich das Finstre, Gequ\u00e4lte in seinem Gesicht. Mitten aus der Plauderei heraus, wobei ich f\u00fcr den Augenblick gar nicht mehr an ihn gedacht hatte, sah ich ihn pl\u00f6tzlich so, wie ihm wirklich zu Mute war: in m\u00fchsam verhaltener Erregung, \u2013 in zorniger Eifersucht\u00a0\u2013. Daher also sein Brief! Das war nicht pedantische Moralisterei gewesen, \u2013 nein, \u2013 Liebe\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kam ganz unerwartet \u00fcber mich, ein Blutstrom, der rasch und hei\u00df zum Herzen quillt, und ein Erschrecken. Ja, eigentlich ein nachtr\u00e4gliches Erschrecken: Denn wenn ich das geahnt h\u00e4tte in der ersten Zeit unsrer Trennung, \u2013 geahnt, da\u00df auch er leide und da\u00df er mich liebe, \u2013 ich w\u00e4re ja besinnungslos zur\u00fcckgest\u00fcrzt zu ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt freilich konnte ich das nicht mehr wollen. Aber auch er sollte es nicht wollen. Nein, auch er soll es nicht, dachte ich, und mein Herz schlug zum Zerspringen. Denn ihm, seinem Willen, diesem harten, engen, bewu\u00dften Willen, bin ich schon einmal erlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erinnerung daran durchrieselte mich hei\u00df und beinah l\u00e4hmend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno blickte mich staunend und ungl\u00e4ubig an. In meinem Mienenspiel mochte sich etwas von dem verraten, was in mir vorging. Eine M\u00f6glichkeit mochte in ihm aufd\u00e4mmern, mich wieder zu fassen. Wenigstens schien es mir so, \u2013 und da schien es mir gradezu, als k\u00e4me er mit einer Riesenkeule bewaffnet auf mich zu, um mich niederzustrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Benno \u2013!\u00ab sagte ich schwach, erschrocken, wie jemand, der sich wehren soll und nicht kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schwache Ausruf durchzitterte ihn f\u00f6rmlich. Mein Gebaren <a id=\"page92\" title=\"steinlausforscher\/grp\" name=\"page92\"><\/a> mu\u00dfte ihn in eine Zeit zur\u00fcckversetzen, wo mir dieses furchtsame Gesicht und diese furchtsame Stimme ihm gegen\u00fcber nat\u00fcrlich waren. Unwillk\u00fcrlich, wortlos, fast ohne zu atmen, beugte er sich \u00fcber mich\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da streckte ich angstvoll meine Hand gegen ihn aus, sie mit einer unsichern Bewegung zwischen seine und meine Augen schiebend, als m\u00fc\u00dfte sie ihm meinen Blick verdecken und mich seinem Blick entziehen, wie einer unkontrollierbaren Macht, die noch einmal mich mir selber rauben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Nein \u2013 nein! \u2013 nicht! zu sp\u00e4t!\u00ab murmelte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er richtete sich auf und legte die Hand \u00fcber die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne ein Wort der Erwiderung verlie\u00df er das Zimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich starrte ihm nach. Ich wei\u00df nicht, wie lange ich da noch sitzen blieb, in seinem Zimmer, in seinem Sessel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war ja heimgekommen, um Reminiszenzen zu feiern. Um in ein paar alte Erinnerungen niederzutauchen. Ich wollte mich sogar an all dem freuen, was an ihnen meinem jetzigen Geschmack widerstand, \u2013 denn all das geh\u00f6rte ja zu ihnen, und auf mein wirkliches Leben hatte es keinen Einflu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies da aber war keine Erinnerungsgewalt gewesen. Nein, dies da war eine Lebensgewalt, eine Wirklichkeitsgewalt, die mich selber bedrohte. Konnte ich nicht fort? konnte ich denn nicht fliehen? kannte ich denn nicht die Folgen, den Zusammenbruch von allem, ja von allem, was meinem Wesen und meinem Leben Wert gab?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, das alles wu\u00dfte ich. Ich wu\u00dfte auch, da\u00df sich mein Leben niemals wahrhaft mit Benno verkn\u00fcpfen lie\u00df, \u2013 und da\u00df es keine Liebe zu ihm war, die mich hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Liebe, \u2013 etwas Dunkleres, Triebhafteres, Unheimlicheres\u00a0\u2013\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Blitz, \u2013 Warnung und Symbol zugleich, \u2013 glitt an meiner Seele das Bild der Klingerschen Radierung vor\u00fcber\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, \u2013 ich konnte nicht fort. <a id=\"page93\" title=\"cal\/grp\" name=\"page93\"><\/a><\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag besann ich mich darauf, da\u00df ich seit meiner Ankunft Gabriele noch nicht begr\u00fc\u00dft hatte, und stieg die Treppe zur Rendantenwohnung hinauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast gleichzeitig betrat Gabriele von der Stra\u00dfe her den Hausflur unten, am Arm ein Marktnetz, aus dem sich allerlei Gem\u00fcsesorten hervordr\u00e4ngten. Sie lief rasch ein paar Stufen aufw\u00e4rts, ehe sie mich aber oben stehn sehen konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit durch Benno abgezogen, der grade \u00fcber den Flur schritt, um aus seinen Wohnr\u00e4umen zu meiner Mutter hin\u00fcberzugehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriele beugte sich \u00fcber die Treppenbr\u00fcstung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGuten Abend, Herr Doktor!\u00ab rief sie ihn an, \u00bbich bin ganz b\u00f6se auf Sie. Gestern und vorgestern nacht brannte ja wieder so sp\u00e4t Licht in Ihrer Studierstube. Ich kann den Schein sehr gut von oben bemerken! Sie arbeiten aber wirklich zu sp\u00e4t.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch mu\u00df wohl, Fr\u00e4ulein Gabriele\u00ab, antwortete Benno, \u00bb\u00fcbrigens geben Sie mir gewi\u00df an Flei\u00df nichts nach. Aber ich verspreche Ihnen, heut abend fr\u00fcher auszul\u00f6schen und mich brav schlafen zu legen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ja ein drolliges Versprechen! dachte ich, innerlich belustigt, als Gabriele aufschaute, mich bemerkte und mir nun eilig die Treppe nachsprang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGott, wie lieb von dir, zu kommen!\u00ab rief sie atemlos und umarmte mich mit der alten M\u00e4dchenherzlichkeit, \u00bbich w\u00e4re schon selbst bei dir gewesen, mochte euch nur nicht gleich st\u00f6ren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie h\u00fcbsch du geworden bist!\u00ab sagte ich und betrachtete sie voller Freude. Gabriele glich gar nicht mehr dem langen, rothaarigen Backfisch von ehedem; ihr r\u00f6tliches, sehr feines und krauses Haar umspr\u00fchte f\u00f6rmlich leuchtend ein Gesicht von den zartesten wei\u00dfroten Farben, und von den Sommersprossen schienen nur ein paar ganz pikant wirkende Tupfe \u00fcber der Nasenwurzel \u00fcbrig zu sein. Gr\u00f6\u00dfer als ich, auch von derbem Knochenbau, bot sie ein Bild bl\u00fchender Kraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte die T\u00fcr aufgeschlossen und f\u00fchrte mich in das wohlbekannte E\u00dfzimmer mit der karierten Wachstuchdecke auf dem langen Tisch und dem N\u00e4htisch am Fenster. An diesem Fenster, das <a id=\"page94\" title=\"cal\/grp\" name=\"page94\"><\/a> von der starken Zimmerw\u00e4rme leicht beschlagen war, lehnte ihre j\u00fcngere Schwester Mathilde, Mutchen genannt, zwischen den wei\u00dfen Mullvorh\u00e4ngen und malte mit dem Zeigefinger mystische Buchstaben auf die Scheibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMit dem bi\u00dfchen Ordnen der Tischw\u00e4sche h\u00e4ttest du auch fertig werden k\u00f6nnen, scheint mir\u00ab, bemerkte Gabriele verdrie\u00dflich und warf einen Blick \u00fcber die St\u00f6\u00dfe von Servietten, die neben einem halbgeleerten W\u00e4schekorb auf den St\u00fchlen umherlagen, \u00bbes gibt ohnehin vor Weihnachten noch viel zu tun.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutchen fuhr bei unserm Eintritt ein wenig zusammen und drehte sich so geschwind herum, da\u00df der kurze Mozartzopf in ihrem Nacken mitflog. Sie war eine ganz allerliebste kleine Person von etwa achtzehn Jahren, und der heiterste \u00dcbermut blitzte aus ihren h\u00fcbschen Augen. Als ich sie herzlich begr\u00fc\u00dfte und sie fragte, ob sie sich meiner auch noch erinnere, da sah sie mich mit gro\u00dfen, listigen Augen an und atmete tief auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO ja!\u00ab sagte sie, \u00bbaber damals waren Sie anders\u00a0\u2013. O, so wie Sie, \u2013 ja, so m\u00f6chte ich aussehen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber warum denn, Mutchen? was ist denn mit mir?\u00ab fragte ich verwundert \u00fcber diesen Ton.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie flog auf mich zu, k\u00fc\u00dfte mich und fl\u00fcsterte lachend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch meine nur, weil Sie so aussehen, da\u00df jedermann \u2013 jeder Mann \u2013 Sie gern haben mu\u00df.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWirst du aufh\u00f6ren, mit solchen Dingen zu t\u00e4ndeln!\u00ab rief Gabriele aufgebracht, die eben ihre Sachen abgelegt und nur die letzten Worte recht geh\u00f6rt hatte, \u00bbdu bist das unn\u00fctzeste Gesch\u00f6pf auf der Welt. Es ist nicht das geringste Vern\u00fcnftige mit ihr aufzustellen\u00ab, f\u00fcgte sie unwillig, zu mir gewandt, hinzu, w\u00e4hrend Mutchen tr\u00e4llernd entfloh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann mir denken, da\u00df sie dir auch jetzt noch zu tun gibt\u00ab, sagte ich, \u00bb\u00fcberhaupt hab ich dich innig nach dem Tode eurer Mutter bedauert. Denn nun bist du nat\u00fcrlich hier gebundener als je. Und du hattest doch ganz andre Pl\u00e4ne.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe sie noch \u2013 f\u00fcr einen gewissen Fall, wenn der eintritt\u00ab, antwortete Gabriele und setzte sich zu mir, \u00bbaber es ist mir einstweilen recht, hier zu sein und den Hausstand weiterzuf\u00fchren. Das kann ich dir nicht erkl\u00e4ren. Doch sei gewi\u00df, gegen meinen Willen t\u00e4t ich&#8217;s nicht.\u00ab <a id=\"page95\" title=\"cal\/grp\" name=\"page95\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schaute sie nicht ganz ohne die alte unwillk\u00fcrliche Verwunderung an, wie sie das so fest und ruhig aussprach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas glaub ich von dir\u00ab, erwiderte ich, \u00bbmir w\u00e4r&#8217;s unm\u00f6glich, etwas so gegen meine intimste Umgebung durchzusetzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDir\u00a0\u2013?!\u00ab Gabriele lachte; \u00bbdu hast ja grade dein Ziel gegen deine ganze Umgebung durchgesetzt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDurchgesetzt? \u2013 nein, nichts. Alles nur geschenkt bekommen\u00ab, bemerkte ich leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zuckte die Achseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bekommst es eben geschenkt, \u2013 wir andern m\u00fcssen es erobern. \u2013\u00a0\u2013 Aber nur eine t\u00f6richte Heirat h\u00e4tte dich aus dem Geleise werfen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas k\u00f6nnte auch dir noch passieren, Gabriele.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wurde sehr rot und entgegnete heftig:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu meinst doch nicht etwa, da\u00df die Brieger Herren daf\u00fcr in Betracht k\u00e4men? Die sind heute noch genauso schlimm, wie sie damals waren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie denn: schlimm?\u00ab fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNoch ebenso anma\u00dfend und d\u00fcnkelhaft und zur\u00fcckgeblieben in ihren Anschauungen, angefangen vom kleinsten Beamten bis hinauf in die Offizierskreise. Nur die Form ist je nach ihrem Stande verschieden, das Wesen ist dasselbe. Glaubst du, auch nur einer von ihnen ahnte etwas davon, da\u00df wir doch nicht mehr denken wie unsre M\u00fctter und Gro\u00dfm\u00fctter? Da\u00df wir nicht mehr lauter K\u00e4thchen sind, die wimmern: \u203aMein hoher Herr!\u2039 sondern da\u00df wir unser eigner Herr geworden sind? \u2013 kurz, da\u00df wir mit den alten knechtischen Vorstellungen aufr\u00e4umen\u00a0\u2013.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, tun wir das wirklich?\u00ab fragte ich ganz erstaunt, \u00bbnein, denke nur! wer tut denn das eigentlich?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas wei\u00dft du nicht? Adine, du scherzest wohl! Du, die so weit herumgekommen ist, du, die sich so frei entwickelt hat, \u2013 ja, was hast du denn die ganze Zeit getan?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch? ich habe ja gemalt!\u00ab sagte ich ganz betreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun ja, gemalt! Aber w\u00e4hrend man malt, denkt man doch an etwas! Hast du denn dabei nie \u00fcber Liebe und Ehe nachgedacht, und wie die sich zu unsern pers\u00f6nlichen Rechten verh\u00e4lt? Das ist sehr unrecht von dir. Und dir lag das doch nah genug: denn eigentlich ist doch deine Verlobung daran gescheitert. Nur daran: Denn wenn <a id=\"page96\" title=\"Muerei\/grp\" name=\"page96\"><\/a> irgend ein Mann dazu imstande gewesen ist, sich in diesem Punkt vern\u00fcnftig erziehen zu lassen, so jedenfalls Doktor Frensdorff.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sch\u00fcttelte verwundert den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDarin irrst du dich, Gabriele. Seine zauberhafteste Wirkung war seine Tyrannei. Und so ist es wohl meistens.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriele warf einen forschenden Blick auf mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu redest wie deine eigne Urgro\u00dfmutter!\u00ab bemerkte sie kurz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnsre armen Urgro\u00dfm\u00fctter!\u00ab sagte ich l\u00e4chelnd, \u00bbdie wu\u00dften freilich rein gar nichts von solchen Neuerungen. Die einzige Form ihrer Liebe war wohl Unterordnung, \u2013 in dies Gef\u00e4\u00df sch\u00fctteten sie alle ihre Z\u00e4rtlichkeit. Sollte nicht auch in uns was davon \u00fcbrig sein? was machen wir dann mit solchem ererbten kostbaren alten Gef\u00e4\u00df?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir stellen es meinetwegen in den Nippesschrank zu andern Kuriosit\u00e4ten, wenn es nicht schon so l\u00f6cherig ist, da\u00df wir es hinauswerfen m\u00fcssen\u00ab, antwortete Gabriele und stand unruhig auf, \u00bbich hasse alten Plunder! er pa\u00dft doch nicht zu den Anforderungen des praktischen Lebens.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht nicht. Aber er kann den praktischen Ger\u00e4tschaften so unendlich \u00fcberlegen sein durch seine Sch\u00f6nheit\u00ab, bemerkte ich, stand aber gleichfalls auf, um nicht all das zu sagen, was mir auf dem Herzen lag. \u00bbWir reden dar\u00fcber heute nicht zu Ende, Gabriele, aber ganz au\u00dferordentlich fortgeschritten seid ihr ja hier in Brieg!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriele k\u00e4mpfte mit etwas, was ihr nicht \u00fcber die Zunge wollte. Sie \u00e4u\u00dferte nur noch z\u00f6gernd:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist eben eine K\u00fcnstlerin, Adine. Ich sage ja nicht, da\u00df du mit Gef\u00fchlen spielen w\u00fcrdest, aber ihre Tauglichkeit f\u00fcrs Leben ist dir doch nicht alles, \u2013 wenn sie dich irgendwie k\u00fcnstlerisch anregen. Aber \u2013\u00a0\u2013 du kannst damit leicht Menschen ungl\u00fccklich machen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie err\u00f6tete, ihre Stimme wurde unsicher, und sie ging schnell zu allt\u00e4glichern Gespr\u00e4chsstoffen \u00fcber. W\u00e4hrend wir weiterplauderten, mied sie meinen Blick, und ich den ihren. Aber ich tat es ohne die geringste Ahnung von dem, was sich in ihrem Herzen an Bef\u00fcrchtungen regte: sie jedoch begriff aus meinem Schweigen alles.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich versp\u00e4tete mich bei Gabriele so sehr, da\u00df bei uns meine Mutter und Benno schon mit dem Abendbrot auf mich warteten, als ich herunterkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas tut mir leid; ich wu\u00dfte nicht, da\u00df ihr so genau die Minute <a id=\"page97\" title=\"Muerei\/grp\" name=\"page97\"><\/a> einhalten m\u00fc\u00dft\u00ab, bemerkte ich etwas erschrocken und nahm eilig meinen Platz am Tisch ein, \u00bbwie du siehst, bin ich noch immer unp\u00fcnktlich, Benno.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist nur an mir, mich zu entschuldigen\u00ab, versetzte er, ohne mich anzusehen, \u00bbdenn es ist sehr l\u00e4stig, da\u00df man um meinetwillen so genau sein mu\u00df. Das ist eben der Sklavendienst. Sklaverei von fr\u00fch bis sp\u00e4t, und keine M\u00f6glichkeit, einmal frei und menschenw\u00fcrdig aufzuatmen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter blickte mit Befriedigung vom einen zum andern, seelenfroh, da\u00df ihre beiden \u00bbKinder\u00ab sich in Liebensw\u00fcrdigkeiten \u00fcberboten. Sie hatte im stillen davor gezittert, da\u00df wir uns am Ende schlecht vertragen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah unverwandt Benno zu, wie er zerstreut und hastig a\u00df, was er grade auf dem Teller hatte. Endlich konnt ich mich nicht enthalten zu bemerken:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie seltsam, da\u00df du so von deinem Beruf sprichst, Benno. Grade als ob er dich zum Sklaven und nicht zum Herrn machte. Oder als ob du ebensogut einen ganz andern Beruf haben k\u00f6nntest, oder auch gar keinen Beruf, oder\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Und warum scheint es dir denn so ganz undenkbar, da\u00df ich einen andern Beruf ausf\u00fcllen k\u00f6nnte\u00ab, unterbrach mich Benno nerv\u00f6s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum? Das wei\u00df ich nicht. Ich kann es mir einfach nicht anders vorstellen, als da\u00df du Irrenarzt in Brieg, \u2013 oder sonstwo \u2013 bist. Ich meine, das ist kein Zufall, sondern ein Beweis, wie dein Beruf mit dir verschmolzen ist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er erwiderte gereizt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist vielmehr ein Beweis, wie sehr ein Mensch bei strenger, einseitiger Berufsarbeit verst\u00fcmmelt, in seiner vollen Entwicklung verk\u00fcrzt wird. Deshalb nehmt ihr so ohne weitres den Berufsmenschen in uns schon f\u00fcr den ganzen Menschen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerst\u00fcmmelt, verk\u00fcrzt?\u00ab wiederholte ich staunend, \u00bbaber Benno, entwickelt ihr euch denn nicht dabei so sehr, da\u00df schon die Frauenzimmer es euch neidisch nachtun wollen? Schlie\u00dflich w\u00e4hlt ihr ja den Beruf.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUm in ihm irgend ein paar F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten auszubilden, \u2013 ja\u00ab, fiel er ein, \u00bbum mehr als das zu tun, dazu geh\u00f6rt Zeit und Geld, also ist es nur f\u00fcr die wenigsten. Was meinst du wohl, <a id=\"page98\" title=\"Muerei\/grp\" name=\"page98\"><\/a> was von unserm ganzen nicht beruflichen Innenleben zur Entwicklung kommt, wenn man in solchem Zeitmangel lebt, wie etwa ich gelebt habe? Mir kommt es vor, solange ich zur\u00fcckdenken kann, schon von der Schulbank her, als h\u00e4tte ich niemals Zeit gehabt, und als w\u00e4ren daraus die schlimmsten Fehlgriffe entstanden, die ich je begangen habe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schwieg. Ich wu\u00dfte ja von seiner \u00fcberb\u00fcrdeten Studienzeit, seiner rastlosen Arbeit bei geringsten Mitteln, fast ohne Mu\u00dfe, und ich gab ihm recht. Aber da\u00df es Benno war, der so sprach, konnte ich nicht begreifen. Wann h\u00e4tte er sich je mit M\u00e4ngeln seiner Entwicklung herumgeschlagen? Wann sich je in seiner selbstbewu\u00dften Sicherheit beirren lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter fragte dazwischen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie ist es denn morgen mittag, Benno? i\u00dft du zu Hause?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWahrscheinlich nicht. Es ist weit \u00fcber Land, wo ich hin mu\u00df. Wir bringen den Kranken wohl gleich mit\u00ab, entgegnete er zerstreut, beendete etwas hastig sein Abendessen und stand auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu entschuldigst wohl, es wartet jemand auf mich\u00ab, bemerkte er zur Mutter, und dann, schon bei der T\u00fcr, wandte er sich noch einmal zu mir und sagte z\u00f6gernd:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wollte dich noch fragen, ob du nicht \u2013 ich wollte dich bitten, morgen vormittag, \u2013 nat\u00fcrlich falls du nichts andres vorhast, \u2013 ob du mir nicht wieder etwas Gesellschaft leisten willst. So wie heute. Es ist meine liebste Stunde.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei sah er eilig und besch\u00e4ftigt aus und sah niemand an, w\u00e4hrend er redete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGewi\u00df! ich will kommen\u00ab, sagte ich ein wenig leise. Dabei schlug auch ich die Augen nicht auf. Meine Glieder wurden mir bleischwer. Ich st\u00fctze die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf. \u00bbWenn ich doch aus dem Hause ginge und den Nachtzug nach Paris n\u00e4hme!\u00ab dachte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter hatte von Benno wieder auf mich geblickt; ihre Augen leuchteten, und wer kann wissen, welche Hoffnungen in ihr aufstiegen und welche Mutterw\u00fcnsche, w\u00e4hrend sie umherging und das Dienstm\u00e4dchen beaufsichtigte, das den Tisch abr\u00e4umte. Dieses war eine arme entlassene Insassin des Irrenhauses, wie meistens unser Gesinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Weile schien in einer Droschke Besuch vorzufahren. <a id=\"page99\" title=\"Muerei\/grp\" name=\"page99\"><\/a> Meine Mutter trat in den Flur hinaus und kam bald darauf mit einer kleingewachsenen jungen Dame zur\u00fcck, die an einem Kr\u00fcckstock ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Baronesse Daniela hatte gehofft, Benno anzutreffen\u00ab, bemerkte die Mutter, indem sie uns miteinander bekannt machte, \u00bbich habe sie gebeten, bei uns ein wenig zu warten, weil Benno nur vor\u00fcbergehend in Anspruch genommen ist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wollte Herrn Doktor Frensdorff nur einen Augenblick sprechen\u00ab, sagte die Baronesse mit einer h\u00f6chst wohllautenden sanften Stimme zu mir, \u00bbnur um zu h\u00f6ren, ob ich morgen kommen darf. Denn ich kann nicht immer von Hause fortkommen. \u2013 Aber vielleicht wissen Sie \u00fcberhaupt gar nicht, da\u00df ich seine Sch\u00fclerin bin?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein! Davon wu\u00dfte ich allerdings nichts\u00ab, versetzte ich, sie ins Wohnzimmer geleitend, wobei ich sehen konnte, wie stark sie in den Schultern und H\u00fcften verwachsen war, \u00bb\u2013\u00a0aber unm\u00f6glich studieren Sie Medizin?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Baronesse Daniela mu\u00dfte bei dieser Zumutung lachen, und ihr blasses, schmales, merkw\u00fcrdig altblickendes Gesicht verj\u00fcngte und versch\u00f6nte sich dabei. \u00bbNein, nein!\u00ab wehrte sie ab, und setzte sich m\u00fchselig hin, \u00bbrichtig studieren kann ich ja \u00fcberhaupt nicht. Aber Herr Doktor Frensdorff treibt viel Sch\u00f6nes mit mir, Literatur, Geschichte, sogar etwas Philosophie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas Tausend! Benno tut das?\u00ab unterbrach ich sie \u00fcberrascht, \u00bbaber wann kommt er denn dazu?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, er tut es aus G\u00fcte f\u00fcr mich. Ich bin n\u00e4mlich seine Patientin gewesen. Eh ich zu ihm kam, war ich ganz entsetzlich ungl\u00fccklich. Er aber hat mich gelehrt, gl\u00fccklich zu werden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIndem er Ihnen solche Studien erschlo\u00df?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den blonden Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein. Indem er mich dar\u00fcber aufkl\u00e4rte, da\u00df das, woran ich kranke, unheilbar ist und da\u00df ich mich damit abfinden mu\u00df. Unheilbar verwachsen bin ich, \u2013 nein, werden Sie nicht verlegen f\u00fcr mich!\u00ab f\u00fcgte sie sehr lieb im Ton hinzu, und legte ihr kleines blauge\u00e4dertes H\u00e4ndchen auf meine Hand. \u00bbSie sehen ja, ich kann so ganz ruhig davon sprechen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und als ich ihre Hand umfa\u00dft hielt und sie die stumme Anteilnahme, das gro\u00dfe lebhafte Interesse in meinen Augen lesen mochte, da fuhr sie vertrauensvoll fort: <a id=\"page100\" title=\"wedi\/grp\" name=\"page100\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMich haben die Menschen so sehr damit gepeinigt, da\u00df sie mir aus lauter Mitleid vorredeten, ich w\u00fcrde mich bis zum Erwachsenenalter gerade wachsen und werden wie andre auch. Aber je \u00e4lter ich wurde, \u2013 ich bin jetzt neunzehn, \u2013 desto besser begriff ich, da\u00df sie mich betrogen, und wagte doch nicht, es irgendwen merken zu lassen oder mich gegen irgendwen auszusprechen. Denn bemitleidet leben zu m\u00fcssen, das ist doch wie Tod, nicht wahr? \u00dcber diesem innern Zwang und erstickten Kummer wurde ich zuletzt schwerm\u00fctig. Und nun wurde Herr Doktor Frensdorff ins Haus gerufen. Er brauchte nicht lange, um die Sachlage zu durchschauen! Er fing damit an, mich die Wahrheit ertragen zu lehren. Ach, er hat es nicht leicht gehabt, das k\u00f6nnen Sie glauben! Ich habe bei ihm geweint und geschrien, und schlie\u00dflich lernte ich bei ihm wieder lachen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In mir wurde alles W\u00e4rme und Z\u00e4rtlichkeit, als ich so dem feinen, sympathischen Stimmchen zuh\u00f6rte. Das beseelte Gesicht da vor mir, mit seinem Ausdruck von Mut, Gl\u00fcck und Leiden, wirkte so stark auf meine durch alle Eindr\u00fccke leicht erregten Sinne, da\u00df ich die kleine Verwachsene am liebsten an mich gezogen und gek\u00fc\u00dft h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch gemalt und f\u00fcr mich behalten h\u00e4tte ich gern dies interessante kleine Gesicht. Dar\u00fcber achtete ich nur noch zerstreut auf ihre Worte. Um es nicht merken zu lassen, sagte ich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann mir sehr gut denken, da\u00df in dieser kleinen Provinzialstadt mit ihrem Mangel an geistigen Interessen Benno Ihnen durch sein Eingehn auf alles ein wahrer Halt und Trost ist. Aber wahrscheinlich sind Sie es ihm nicht minder.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, ich bin ihm wohl nichts\u00ab, sagte sie sehr ernsthaft, \u00bboder richtiger: Ich w\u00e4re ihm wohl nichts, wenn ich nicht ein Kr\u00fcppel w\u00e4re, der ihn braucht und ihm leid tut. Aber das ist ja gerade das Herrliche und Merkw\u00fcrdige: da\u00df es so gl\u00fccklich macht, sich ihm gegen\u00fcber klein und gering vorzukommen und nur sein Mitleid zu verdienen. Da\u00df er sich zu mir herabbeugen mu\u00df und da\u00df ich alles nur durch ihn habe, \u2013 das hab ich eben vor all den gl\u00fccklichen, gesunden, ansehnlicheren Menschen voraus, nicht wahr? Daf\u00fcr g\u00f6nne ich ihnen gern ihre Sch\u00f6nheit und Kraft und bin zufrieden mit meinem Gebrechen und meiner Schw\u00e4che. \u2013 Aber ich wei\u00df gar nicht, warum ich Ihnen das alles erz\u00e4hle\u00ab, f\u00fcgte sie <a id=\"page101\" title=\"wedi\/grp\" name=\"page101\"><\/a> l\u00e4chelnd hinzu, \u00bbSie sehen so gut aus: vielleicht lachen Sie nicht dar\u00fcber.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, ich lache nicht dar\u00fcber\u00ab, sagte ich aufs tiefste ergriffen und schlo\u00df die kleine Schw\u00e4rmerseele in die Arme, wie ein Schwesterchen, das ich bis auf den Grund ihrer seligen t\u00f6richten Romantik verstand. Ob sie wohl eine Ahnung davon hat, da\u00df sie ihn liebt? dachte ich mit furchtsamem Herzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da fuhr sie pl\u00f6tzlich in meinen Armen zusammen, so sehr, da\u00df ihr ganzer armer kleiner K\u00f6rper erzitterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist\u00a0\u2013?\u00ab fragte ich erschrocken und stand auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lauschte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Es ist sein Schritt!\u00ab sagte sie leise.<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Als ich am n\u00e4chsten Vormittag zu Benno hin\u00fcberging, war er schon da, aber ein Angestellter des Irrenhauses war noch bei ihm und stand wartend neben dem Schreibtisch, an dem Benno sa\u00df und einige Papiere ordnete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich z\u00fcndete den Spiritus unter dem Teekesselchen an und setzte mich auf eine breite mit Leder \u00fcberzogene Ottomane an der Hinterwand des Zimmers. Auf einem dicht herangeschobenen niedrigen Tisch lagen durcheinander allerlei B\u00fccher und broschierte Schriften. Nach dem gestrigen Gespr\u00e4ch mit der kleinen Baronesse wunderte ich mich nicht mehr, zwischen der Fachliteratur die verschiedensten andern Geisteswerke zu finden, von denen ich fr\u00fcher nie geglaubt h\u00e4tte, da\u00df sie sich bis zu Benno verirren w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos war diese Bereicherung und Vermehrung seiner Interessen ein vorteilhafter Wechsel; nur zu seiner ganzen Eigenart, von der Schroffheiten und Engen mir v\u00f6llig unabtrennbar schienen, wollte er nicht recht stimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdenklich langte ich einen abgegriffenen kleingedruckten Band hervor, der zu einer \u00e4lteren Schillerausgabe geh\u00f6rte; offenbar durchst\u00f6berte Benno den alten Familienschrank im Wohnzimmer, um sich literarisch zu bilden, und war jetzt also bei Schiller angelangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Bemerkung kam mir ohne allen Hohn, \u2013 ich freute mich <a id=\"page102\" title=\"mbechtel\/grp\" name=\"page102\"><\/a> dr\u00fcber, da\u00df er im Grunde doch noch ganz derselbe blieb, \u2013 Pedant und unmodern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWallensteins Tod\u00ab. Mitten im Band knisterte ein breites trockenes Efeublatt und lie\u00df das Buch sich dort von selbst \u00f6ffnen. Ein langer feiner Bleistiftstrich den ber\u00fchmten Monolog an Max entlang:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,<br \/>\nUnd kalt und farblos seh&#8216; ich&#8217;s vor mir liegen.<br \/>\nDenn <i>er<\/i> stand neben mir, wie meine Jugend,<br \/>\nEr machte mir das Wirkliche zum Traum,<br \/>\nUm die gemeine Deutlichkeit der Dinge<br \/>\nDen goldnen Duft der Morgenr\u00f6te webend \u2013<br \/>\nIm Feuer seines liebenden Gef\u00fchls<br \/>\nErhoben sich, mir selber zum Erstaunen,<br \/>\nDes Lebens flach allt\u00e4gliche Gestalten.<br \/>\n\u2013 Was ich mir ferner auch erstreben mag,<br \/>\nDas Sch\u00f6ne ist doch weg, das kommt nicht wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013\u00a0\u2013 Ich las es ganz arglos; mir fiel nicht ein, da\u00df jemand hier \u00bbsie\u00ab f\u00fcr \u00bber\u00ab gelesen haben k\u00f6nnte. Aber auch zu mir sprach es wie ein Liebesgedicht\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno war aufgestanden, er hatte den Mann abgefertigt und wandte sich mir zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch la\u00df das\u00ab, bemerkte er mit einem Anflug von Verlegenheit, als er mich mit dem Buch in der Hand sitzen sah, \u00bbhier gibt es nichts, was dich interessieren k\u00f6nnte. Wir redeten ja schon gestern davon, da\u00df man in allem unwissend und ein St\u00fcmper bleibt, was nicht zum Beruf geh\u00f6rt. Ich kann nur wieder sagen: leider! Denn auch in meinem Beruf w\u00e4re der T\u00fcchtigste, wer zugleich Welt und Leben mit umfassen k\u00f6nnte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich legte das Buch aus der Hand, besorgte den Tee und entgegnete z\u00f6gernd:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFr\u00fcher dachtest du doch ganz anders dar\u00fcber, Benno. Du urteiltest alles als Mediziner ab und lie\u00dfest keinen Einwand gelten. Wodurch ist denn das nur so gekommen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war an das Fenster getreten und blickte auf die verschneite Stra\u00dfe hinaus, die von den gegen\u00fcberliegenden Gef\u00e4ngnissen verdunkelt wurde. <a id=\"page103\" title=\"mbechtel\/wedi\" name=\"page103\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDadurch, da\u00df ich dich verlor!\u00ab sagte er halblaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wagte nichts zu erwidern. Ich verharrte regungslos. Aber ich dachte bei mir: \u00bbDas war ja durchaus dein eigner Wille, dieser Verlust.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne sich vom Fenster abzuwenden und ohne nach mir hinzusehen, fuhr er mit halber Stimme fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, dadurch allein. Sonst w\u00e4re ich wohl lebenslang so geblieben wie damals: f\u00fcr meine eigne Person gewi\u00df nicht anma\u00dfend, sondern voll Bescheidenheit, aber voll \u00dcbersch\u00e4tzung und D\u00fcnkel hinsichtlich meiner unfehlbaren Weisheit, als Fachmensch. Aber da erkannte ich allm\u00e4hlich, wodurch ich dich verloren hatte: durch den Mangel an Einsicht in das, was dir not tat, durch Mi\u00dfverstehen alles dessen, was kraftvoll und gesund in dir war, und nur deshalb krankhaft erschien, weil man deine Entwicklung unterband, weil man dich nicht in den Stand setzte, es k\u00fcnstlerisch aus dir herauszugeben\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Das war gut so\u00ab, unterbrach ich ihn mit Anstrengung, \u00bb\u2013\u00a0die Zukunft hat es bewiesen. Sie hat bewiesen, wo meine T\u00fcchtigkeit liegt. \u2013\u00a0\u2013 Nicht da, wo wir sie suchten\u00a0\u2013.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbScheinbar: ja\u00ab, versetzte er fast heftig in unterdr\u00fccktem, gequ\u00e4ltem Ton, \u00bbscheinbar hatt&#8216; ich ja recht, aber warum? Nur, einzig und allein nur, weil wir von vornherein einen entsetzlichen Fehler gemacht haben. Ich meine in deinem Verhalten zu mir. Anstatt dich durch die Grenzen und Schranken meiner Unerfahrenheit einzuengen, h\u00e4tt ich mich durch dein reicheres Wesen hinausleiten lassen sollen aus ihnen, \u2013 grade wie es mir ja durch dich w\u00e4hrend unsrer Trennung geschehen ist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, o Benno, nein!\u00ab fiel ich ein, \u00bbdann w\u00e4rst du ja gar nicht du selbst gewesen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch spreche dich ja bei diesem begangenen Fehler durchaus nicht von Mitschuld frei!\u00ab sagte er eindringlich, \u00bbnein, wie sehr, wie sehr warst du selbst schuld daran! Schuld durch deine Folgsamkeit und F\u00fcgsamkeit, schuld durch deine leidenschaftliche Selbstunterwerfung und den kritiklosen Glauben an meine t\u00f6richte Unfehlbarkeit. H\u00e4ttest du mich nur nicht \u00fcber dich gestellt, sondern neben dich, \u2013 ach, lieber noch unter dich, als so hoch hinauf.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann h\u00e4tt ich dich nicht geliebt\u00ab, sagte ich leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Kind\u00ab, versetzte er mit ged\u00e4mpfter Stimme und wendete <a id=\"page104\" title=\"mbechtel\/Ruktz\" name=\"page104\"><\/a> sich vom Fenster fort, \u00bb\u2013\u00a0warum liebte ich dich denn? mir selbst unbewu\u00dft doch um deswillen, worin du tats\u00e4chlich \u00fcber mir standest, etwas Selteneres, Feineres, Glanzvolleres warst als ich. Ich kam aus der D\u00fcrftigkeit, aus der Dunkelheit zu dir wie ins Licht. \u2013\u00a0\u2013 Sieh, warum soll das auch nicht sein? Es sind ja grade solche Frauen, die uns vor der Seelen\u00f6de retten, die unsre Berufsmonotonie erg\u00e4nzen\u00a0\u2013. Im Beruf, da m\u00f6gen wir ja die \u00dcberlegenen sein, m\u00f6gen bestimmen, befehlen, unterweisen, was uns unterstellt ist, \u2013 aber der Frau gegen\u00fcber, die wir lieben: Glaube mir, da f\u00e4llt dieser schlechte Ehrgeiz fort. Da werden wir wieder gut und einfach und Kinder, und wollen uns gern beschenken, uns gern die sch\u00f6nsten Tr\u00e4ume erz\u00e4hlen lassen, \u2013 mit unserm Kopf in eurem Scho\u00df.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mich in dem Sessel niedergelassen, die Arme aufgest\u00fctzt und das Gesicht in den Handfl\u00e4chen vergraben. Er sollte mir nicht in das Gesicht sehen, das nichts zu verschweigen verstand. Er sollte nicht sehen, wie seine Worte auf mich wirkten \u2013 gleich einem feinen, langen, schmerzenden Stich durch alle Nerven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine staunende und entt\u00e4uschte Traurigkeit legte sich \u00fcber mich, als er so von seiner Liebe sprach, \u2013 eine Traurigkeit, als gelte diese Liebe gar nicht mir, sondern als liebte er sozusagen an mir vorbei ins Leere hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich noch immer schwieg, kam Benno n\u00e4her, setzte sich mir gegen\u00fcber an das Kaminfeuer und sagte nach einer Pause:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSiehst du, von diesen innern Umw\u00e4lzungen ist auch meine \u00e4u\u00dfere Existenz beeinflu\u00dft worden. Du mu\u00dft nicht denken, da\u00df ich ewig hierbleiben will. Ich will nicht den Direktorposten hier, und habe Aussichten in einer gr\u00f6\u00dfern Stadt\u00a0\u2013\u00a0\u2013. Nun, davon ein andres Mal. Ich wollte dir nur sagen, weshalb ich hier so unsinnig viel gearbeitet habe, \u2013 du dachtest wohl, weil ich ganz darin aufgegangen w\u00e4re hier im Winkel. Aber das ist nicht so. Mit einem Ziel vor Augen, einem einzigen Ziel, hab ich wie verr\u00fcckt gearbeitet \u2013 und auch gespart und gegeizt, \u2013 der reine Hamster\u00a0\u2013.\u00ab Er b\u00fcckte den Kopf gegen das Feuer und l\u00e4chelte ein wenig: Es sah beinah kindlich froh aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte die H\u00e4nde sinken lassen und schaute auf ihn, und eine unaussprechliche Weichheit kam \u00fcber mich. Ich sah den blonden Kopf mit dem gelichteten Haar an den Schl\u00e4fen, dem nerv\u00f6sen Zug <a id=\"page105\" title=\"mbechtel\/wedi\" name=\"page105\"><\/a> um den Mund und mit dem etwas angestrengten, gespannten Ausdruck, der fast nie mehr von seinem Gesichte wich. Und ich sah vor mir die \u00d6de, durch die er gewandert war, die Summe von Arbeit und Einsamkeit, die hinter ihm lag. Wie ein neuer, zuvor nie in seiner Wirklichkeit von mir geschauter Mensch kam er mir vor; der \u00bbgepanzerte\u00ab Mann meiner Backfischromantik legte seine R\u00fcstung ab, und dahinter stand ein kindguter, liebebed\u00fcrftiger Mensch, der keinen, \u2013 nein keinen, mit hartem Fu\u00df niederzutreten verm\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUm den Hals fallen sollte man ihm, und ihm alles Liebe antun!\u00ab dachte ich weich und ersch\u00fcttert. Aber in meinem Herzen blieb dennoch dieselbe gro\u00dfe Traurigkeit und Entt\u00e4uschung, wie wenn er mir etwas Bitteres zuleid getan h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand in seiner Unruhe wieder auf und sagte befangen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas es mich damals gekostet hat, \u2013 nur deine Mutter wei\u00df es, was es mich gekostet hat, dich fortzulassen. Du durftest es ja nicht wissen. Und um deinetwillen mu\u00dfte es sein. Ich schuldete deinen Eltern so viel, \u2013 ich h\u00e4tte ja auch nie um dich zu werben gewagt, \u2013 ich konnte dich nicht kranken und verk\u00fcmmern lassen. Jetzt, \u2013 jetzt w\u00fcrde es anders sein, Adine.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Benno \u2013!\u00ab sagte ich leise, verwirrt, wie gestern, und auch in abwehrender Furcht wie gestern, vor den Worten, die nun kommen mu\u00dften. Aber es war doch nicht dieselbe Furcht, und nichts erzitterte in mir dabei in l\u00e4hmendem Unterliegen, und nichts durchschauerte mich, wie gestern. Ich dachte in diesem Augenblick \u00fcberhaupt nicht an mich, sondern allein an ihn, und alles, was ich f\u00fcrchtete, war, ihn leiden zu sehen, ihm weh tun zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nie, noch nie bin ich ihm menschlich, in menschlicher Anteilnahme, mitempfindend so nahe gewesen, \u2013 nie aber auch war ich gleichzeitig so fern von ihm, so weit, weit fort, \u2013 als Weib.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, vielleicht hast du recht!\u00ab sagte ich atemlos, \u00fcberst\u00fcrzt, und richtete mich auf, \u00bb\u2013\u00a0vielleicht h\u00e4tten wir von allem Anfang an anders miteinander verschmelzen k\u00f6nnen, ohne Kampf, ohne Hemmnis, auch ohne Unterordnung oder \u00dcberordnung des einen oder des andern! Einfach in der Freude und im Rausch unsrer frischen Jugend. Ja vielleicht! Vielleicht gibt es eine solche Liebe, und ist sie m\u00f6glich und ist sie sch\u00f6n\u00ab, \u2013 ich stockte, und ein Schmerz, den ich selbst nicht begriff, machte mir die Brust eng; ich <a id=\"page106\" title=\"mbechtel\/cal\" name=\"page106\"><\/a> f\u00fcgte m\u00fchsam hinzu: \u00bb\u2013\u00a0aber das ist verscherzt, das ist f\u00fcr mich zu sp\u00e4t\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, \u2013 nicht! bitte, sage nichts!\u00ab bat er hastig und durch meinen pl\u00f6tzlichen Ausbruch erschreckt, \u00bb\u2013\u00a0du sollst gar nicht so \u00fcbereilt \u2013 du sollst dir Zeit lassen, \u2013 pr\u00fcfen\u00a0\u2013; nur mir von der Seele sprechen mu\u00dft ich es gegen dich\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er brach ab, weil im ansto\u00dfenden Wartezimmer eine T\u00fcr knarrte; ein leichtes Ger\u00e4usch, wie von einem Stock, der den Boden ber\u00fchrte, wurde h\u00f6rbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno blickte unruhig auf die kleine Standuhr auf dem Kaminsims.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnm\u00f6glich kommt sie so fr\u00fch\u00ab, murmelte er verwirrt, \u00bbich habe ihr doch gestern abend die Stunde genannt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch schon pochte es leise, und er \u00f6ffnete die T\u00fcr ins Wartezimmer. Vor ihm, ganz hell vor Freude, Erwartung und Ungeduld, stand die kleine Baronesse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie begr\u00fc\u00dfte mich wie eine alte Bekannte, ohne irgend etwas von der Benommenheit zu merken, worin sie Benno und mich vorfand; sie war dazu selbst zu benommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir sind gestern schon ganz schnell die besten Freunde geworden\u00ab, erkl\u00e4rte ich Benno, der ihr den Kr\u00fcckstock aus der Hand nahm und ihr den bequemsten Sessel heranr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas wundert mich gar nicht\u00ab, erwiderte er mit der ruhigen und beruhigenden Stimme, die er als Arzt zur Verf\u00fcgung zu haben schien wie eine bereitliegende Maske, \u00bbdu w\u00fcrdest auch in ganz Brieg schwerlich einen zweiten Menschen finden, mit dem du so gut zusammenpa\u00dft, wie die Baronesse Daniela.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht in allem!\u00ab sagte die kleine Verwachsene l\u00e4chelnd, \u00bbman d\u00fcrfte uns zum Beispiel schon nicht zusammen auf der Stra\u00dfe sehen; wie sch\u00f6n w\u00fcrd ich da nachhumpeln m\u00fcssen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno warf ihr durch seine Brille einen forschenden Blick zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGrade deshalb!\u00ab bemerkte er, \u00bbdenn w\u00e4ren Sie so schlank gewachsen wie eine Tanne im Walde, so w\u00fcrden Sie in andrer Hinsicht schwerlich so hoch in die H\u00f6he gewachsen, sondern recht oberfl\u00e4chlich ausgefallen sein und unsrer Dina in allen St\u00fccken nachhumpeln m\u00fcssen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie strahlte ihn statt jeder Antwort mit ihren dankbaren, gl\u00fccklichen Augen an, und ich sah es ihr an, wie v\u00f6llig geborgen sie sich <a id=\"page107\" title=\"mbechtel\/cal\" name=\"page107\"><\/a> vorkam, \u2013 auf eine Stunde vor allem Ungemach geborgen, und mit ihm zu zweit allein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch gehe nun hin\u00fcber\u00ab, \u00e4u\u00dferte ich und gab ihr die Hand, \u00bbich denke aber, da\u00df wir bald wieder miteinander plaudern.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBald, ja!\u00ab versetzte sie zerstreut und blickte unversehens Benno an, statt mich, \u00bb\u2013\u00a0wenn man mich nur bald wieder herl\u00e4\u00dft. Jetzt gibt es so viele Abhaltungen vor Weihnachten. Deswegen mu\u00dfte ich heute schon so fr\u00fch kommen, \u2013 sp\u00e4ter kam ich nicht frei.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verlie\u00df das Zimmer fast mit einer wunderlichen Regung von Neid. Ja, ich beneidete beinah die kleine Verwachsene um die harmlose Romantik, womit sie da drinnen bei Benno ihren Anteil an Menschengl\u00fcck sich vorwegnahm. Sie konnte ihn hoch \u00fcber sich stellen, sich selbst dem\u00fctig unter ihn, ohne da\u00df diese halb ertr\u00e4umte Situation sich jemals zu \u00e4ndern brauchte, ohne da\u00df die Wirklichkeit des Lebens sie jemals in ihren Illusionen und Phantasien st\u00f6ren w\u00fcrde, \u2013 denn Leben und Wirklichkeit blieben ihr doch wohl immer fern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie setzte jetzt den Becher an die Lippen und nippte von derselben Sklavenseligkeit, woran ich mich einst Benno gegen\u00fcber so bis zur bewu\u00dftlosen Selbstvernichtung berauscht hatte, \u2013 und die es f\u00fcr mich ihm gegen\u00fcber nun nicht mehr gab. Und arglos hielt er ihr diesen bet\u00e4ubenden, gef\u00e4hrlichen Trank an die Lippen. Von mir aber, die damit bis in die letzten Nervenfasern vergiftet gewesen war, heischte er ebenso arglos, da\u00df ich, mit ern\u00fcchtertem Herzen und ern\u00fcchterten Augen, ihn lieben sollte\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei uns im Wohnzimmer traf ich Gabriele. Meine Mutter schien eben erst von Weihnachtsbesorgungen in der Stadt heimgekehrt zu sein; sie stand noch im Hut da und trug die einzelnen Ausgaben in ihr Notizb\u00fcchelchen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriele drehte sich rasch nach mir um und rief:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin nur da, um dich zu fragen, ob du nicht heute abend ein wenig zu uns heraufkommen willst? Es sind lauter alter Bekannte bei uns, die neugierig sind, dich wiederzusehen, wie du dir wohl denken kannst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, danke. Vielleicht. Nimm es lieber nicht als gewi\u00df\u00ab, entgegnete ich, von der Vorstellung erschreckt, den Abend gesellig verbringen zu sollen, und setzte mich an den Tisch, auf dem <a id=\"page108\" title=\"mbechtel\/cal\" name=\"page108\"><\/a> mehrere aufgeschn\u00fcrte Pakete mit blitzenden Anh\u00e4ngseln zum Christbaum lagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf mich mu\u00dft du keine R\u00fccksicht nehmen\u00ab, bemerkte die Mutter und legte ihr Notizbuch neben mich hin, \u00bbso fr\u00fch, wie ich&#8217;s gewohnt bin, kannst du dich ohnehin nicht zur Ruhe begeben. Aber ich wache nicht davon auf, wenn du sp\u00e4ter ins Schlafzimmer kommst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich langte nach dem kleinen abgenutzten Bleistift am Notizbuch und begann zerstreut, auf dem harten grauwei\u00dfen Paketumschlag zu zeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoktor Frensdorff kommt wohl sicher nicht mit herauf?\u00ab fragte Gabriele z\u00f6gernd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchwerlich\u00ab, versetzte die Mutter, \u00bber f\u00e4hrt mittags weit \u00fcber Land und kehrt erst sp\u00e4t zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso nicht!\u00ab bemerkte Gabriele in so merkw\u00fcrdig resigniertem Ton, da\u00df ich unwillk\u00fcrlich aufblickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vermochte in dem gesenkten Gesicht, das von feinem Kraushaar wie von einer leuchtenden Wolke umschattet wurde, nichts zu lesen. Aber jetzt nachtr\u00e4glich fiel mir Gabrielens fortw\u00e4hrendes Err\u00f6ten bei unserm gestrigen Gespr\u00e4ch und manches ihrer Worte auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast kam mir ein L\u00e4cheln. Wenn sie wirklich in Benno verliebt war, so mu\u00dfte man es humoristisch nennen, um wie verschiedener, ja einander ausschlie\u00dfender Eigenschaften willen wir drei uns f\u00fcr ihn interessiert hatten. Was ist nun ein Mensch wesentlich andres, als was wir uns aus ihm zurechtmachen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber von uns dreien traute ich Gabriele das beste Urteil \u00fcber ihn zu. Vermutlich hatte sie ganz recht damit, da\u00df sie eine passende Frau f\u00fcr Benno w\u00e4re, von der er sich dann sicher auch genau so erziehen lie\u00dfe, wie es sich nach Gabrielens Meinung f\u00fcr die Frau von heute schickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da bemerkte Gabriele:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoktor Frensdorff ist \u00fcberanstrengt und \u00fcberbesch\u00e4ftigt, daher geht er nirgends hin. Jemand sollte ihm das ausreden. Das solltest du tun, Adine.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr h\u00f6rt doch nicht drauf\u00ab, meinte die Mutter und ging hinaus, um ihren Hut abzulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf dich w\u00fcrd er wohl h\u00f6ren\u00ab, sagte Gabriele halblaut. <a id=\"page109\" title=\"mbechtel\/cal\" name=\"page109\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lie\u00df \u00fcberrascht den Bleistift fallen und sah sie an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00e4r es dir denn im Ernst angenehm, wenn ich mich drum k\u00fcmmerte oder ihn beeinflussen wollte?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa. Wenn es zu seinem Wohl dient\u00ab, versetzte Gabriele finster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas von meiner alten Bewunderung f\u00fcr sie regte sich in mir. Und eine warme Bereitwilligkeit, ihr zu helfen. Sie sollte wissen, da\u00df ich ihr nicht in den Weg treten w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMeine Sache ist das aber gar nicht\u00ab, sagte ich rasch und in leichtem Ton, w\u00e4hrend ich fortfuhr zu zeichnen, \u00bbdu wei\u00dft ja: Ich gerate lieber selbst unter jemandes Einflu\u00df. Ich will aber beides nicht. Es ist also besser, wenn dir das zugeh\u00f6rt, und niemand anders teil dran nimmt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriele stand auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch mu\u00df hinaufgehn, um nach unserm Mittag zu sehen, auf Mutchen ist kein Verla\u00df\u00ab, bemerkte sie ruhig, dann aber, als ich ihr die Hand gab, sah sie mir fest und fast etwas hochm\u00fctig in die Augen und f\u00fcgte ernst hinzu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas uns wahrhaft geh\u00f6rt, Adine, das nimmt niemand uns fort. Was uns wahrhaft geh\u00f6rt, das f\u00e4llt uns zu, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter. Daher sind alle kleinlichen Sorgen um Dein und Mein niedrig. Alles, was wir zu tun haben, ist, selber vorw\u00e4rts zu gehn; wer zu uns geh\u00f6rt, geht mit, wer das nicht tut\u00ab, \u2013 sie hielt inne und atmete tief auf, \u2013 \u00bbder \u2013 ja der darf uns auch nicht aufhalten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beugte mich, etwas verdutzt, \u00fcber mein Paketpapier. Leidenschaftslosigkeit und \u00dcberzeugungskraft sind gewi\u00df hohe Tugenden. Und ich\u00a0\u2013? Ach, ich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blickte erst wieder verwundert auf, als die Mutter wieder eintrat und mir \u00fcber die Schulter sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber das ist ja die kleine Baronesse!\u00ab rief die Mutter \u00fcberrascht, \u00bbnur gar so sch\u00f6n, wie du ihren Kopf gezeichnet hast, ist sie doch nicht, Kind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht sch\u00f6n\u00a0\u2013? \u2013 \u00dcbrigens ist es eigentlich auch nicht grade die Baronesse Daniela. Es ist nur das Gl\u00fcck, Mama.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Gl\u00fcck\u00a0\u2013?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa. So ungef\u00e4hr schaut es aus. Aus solchen Augen schaut es das Leben an.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbArme Daniela\u00ab, meinte die Mutter, \u00bbsie hat es schwer genug im Leben. Wei\u00dft du, da\u00df sie auch grade eine Majorstochter sein mu\u00df, <a id=\"page110\" title=\"mbechtel\/cal\" name=\"page110\"><\/a> wo so viel laute Geselligkeit im Hause herrscht\u00a0\u2013. Man m\u00f6chte ihr schon ein wenig Gl\u00fcck zu Weihnachten w\u00fcnschen, als Christgeschenk.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Mama, kein Mensch wei\u00df ja so recht, was der andre sich w\u00fcnscht. Ich k\u00f6nnte mir zum Beispiel Danielas Schicksal w\u00fcnschen. Oder einfach zu Weihnachten einen sch\u00f6n gew\u00f6lbten Buckel, Mama.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber Dienchen! so s\u00fcndhafte Scherze soll man nicht machen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Dienstm\u00e4dchen kam herein und brachte die eingelaufene Post. Sie \u00fcberreichte die paar Kartenbriefe mit einer W\u00fcrde auf dem Pr\u00e4sentierteller, als w\u00e4ren es mindestens hochwichtige Depeschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte wohl wissen, warum die Anna immer so feierlich tut\u00ab, bemerkte ich, nachdem sie wieder hinausgegangen war, \u00bbwenn sie abends die Lampe bringt, tr\u00e4gt sie sie auch vor sich her wie eine Gottesfackel.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie ist krank gewesen. Das ist ihr von der Krankheit verblieben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas \u2013 die Feierlichkeit?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Wahnvorstellung, als ob alles, was sie tut, die feierlichste Bedeutung h\u00e4tte. In ihrer Geisteskrankheit war sie n\u00e4mlich ganz gl\u00fcckselig. Da hat sie gemeint, beim Kaiser von China zu dienen. Das kann sie sich in ihren Manieren noch nicht recht abgew\u00f6hnen. Aber Benno meint, das schade nichts.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd das nennt man nun Wahnsinn!\u00ab sagte ich seufzend. \u00bbEine F\u00e4higkeit, so begl\u00fcckende Illusionen einfach festzuhalten. Ich glaube, Mama, ich w\u00fcnsche mir zu Weihnachten au\u00dfer dem Buckel auch noch einen ganz niedlichen kleinen Wahnsinn.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber, Kind! Du redest ja schon den reinen Wahnsinn!\u00ab meinte die Mutter unwillig und las ihre Kartenbriefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf. Der Kopf war mir so leer, und das Herz so schwer, wie nach einer Vergeudung und Ersch\u00f6pfung aller Kr\u00e4fte. Und dabei war der Morgen doch so idyllisch friedlich verlaufen. Ohne Not hatte ich mich vor den Morgenstunden bei Benno gebangt, als drohte mir in ihnen eine Gefahr, die heimlich anzieht wie Schwindel und Abgrund\u00a0\u2013. Da war gar kein Abgrund. Flache gr\u00fcne Wiese, eine Landschaft geschaffen zum Sch\u00e4feridyll\u00a0\u2013\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Sehnsucht und Entt\u00e4uschung und ein Widerwille gegen <a id=\"page111\" title=\"hella\/wedi\" name=\"page111\"><\/a> alles, was nicht Abgrund und Gefahr sein wollte, wachten in mir auf. In mir erwachte ganz dieselbe Gem\u00fctsstimmung und Gem\u00fctsspannung, in der ich mich damals von Benno losri\u00df, \u2013 weil mir der volle Becher zwischen den Lippen zerschellte.<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Ungern entschlo\u00df ich mich gegen Abend, zum Rendanten in die kleine Gesellschaft zu gehn. Aber es w\u00e4re mir ebenfalls schwergefallen, diesen Abend neben meiner Mutter im Wohnzimmer zu sitzen und mit ihr heiter und eingehend zu plaudern. So kleidete ich mich denn auf ihr Zureden um und schickte mich an hinaufzugehn, um Gabriele nicht zu kr\u00e4nken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich aus unsern Stuben in den Hausflur trat, fand ich seltsamerweise die T\u00fcr nach der Stra\u00dfe weit offen. Eh ich sie zumachte, blieb ich einen Augenblick lang auf der Schwelle stehn und schaute hinaus. Drau\u00dfen war es unwirtlich und h\u00e4\u00dflich. Der Frost zeigte Neigung, in Tauwetter \u00fcberzugehn; die Schneeschicht lag nur noch d\u00fcnn und klebrig auf der Stra\u00dfe, und ein feiner Winternebel verschleierte das gelbe Licht der Laternen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, wie aus der Erde gewachsen, ging ein junger Mann drau\u00dfen vor\u00fcber und gr\u00fc\u00dfte. Die Stra\u00dfe war er nicht herabgekommen, ich h\u00e4tte seinen Schritt durch den getauten Schnee h\u00f6ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schlo\u00df die T\u00fcr, von der feuchten K\u00e4lte durchschauert, als im selben Augenblick jemand von der Hofseite durch das Hinterpf\u00f6rtchen in den Flur huschte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wandte mich um und erkannte Mutchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutchen sah erschrocken aus; in einen Mantel geh\u00fcllt, aus dem das helle Gesellschaftskleidchen hervorleuchtete, stand sie wie verst\u00f6rt da und horchte nach oben, wo das Ger\u00e4usch herabkommender Schritte h\u00f6rbar wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann lief sie pl\u00f6tzlich auf mich zu, fa\u00dfte mich am Arm und fl\u00fcsterte hastig und \u00e4ngstlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, lassen Sie mich um Gottes willen zu Doktor Frensdorff hineinschl\u00fcpfen, \u2013 er ist nicht zu Hause, \u2013 bitte, bitte, ich erkl\u00e4re Ihnen gleich\u00a0\u2013\u00ab <a id=\"page112\" title=\"Eipi\/Antenne\" name=\"page112\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stie\u00df die T\u00fcr zu Bennos Wartezimmer auf und zog Mutchen dort hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist denn geschehen? vor wem f\u00fcrchtest du dich? wer bedroht dich?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube, das M\u00e4dchen geht nach Bier\u00ab, fl\u00fcsterte Mutchen atemlos; \u00bb\u2013\u00a0bitte, bitte, sagen Sie nur Papa oder gar Gabriele nichts, \u2013 nein? Sie haben&#8217;s ja gesehen, Sie standen ja an der Haust\u00fcr, als Doktor Gerold vor\u00fcber mu\u00dfte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoktor Gerold? war das der, der eben vor\u00fcberging? wer ist es denn? und wozu heimlich?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutchen schmiegte sich in der dunkeln Stube an mich und fl\u00fcsterte halb sch\u00fcchtern, halb schelmisch:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Wozu?! \u2013 ja, wie soll man denn anders? Haben Sie denn nie einen liebgehabt? Ich kann ihn doch nicht pl\u00f6tzlich da oben hinstellen zwischen Papa und die Tanten und Verwandten. Sie w\u00fcrden ja auf den Tod erschrecken. Abgesehen davon, da\u00df Gabriele mich \u2013 na!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIhr seid wohl heimlich verlobt, Doktor Gerold und du?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube\u00ab, sagte Mutchen z\u00f6gernd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu glaubst es nur?! Du wei\u00dft nicht, ob ihr verlobt seid?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, kann man denn das so ganz genau wissen?\u00ab Mutchens Stimme klang kl\u00e4glich, \u00bbwir sind noch so jung alle beide, er kann ja eigentlich noch gar nicht etwas so Festes \u2013\u00a0\u2013 ach du, kann man denn <i>daran<\/i> denken, wenn man jung ist und einen liebhat?\u00ab setzte Mutchen in raschem Stimmungswechsel resolut hinzu und merkte nicht einmal, da\u00df ihr das vertrauliche \u00bbDu\u00ab entschl\u00fcpft war. \u00bbLa\u00df mich jetzt schnell hinauf, ehe die Guste mit dem Bier wiederkommt. Und ich danke dir! Nicht wahr, \u2013 o nicht wahr, du verr\u00e4tst es nicht? Von dir glaub ich&#8217;s, eine andre w\u00fcrd ich nicht einmal erst drum bitten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum dann mich, Mutchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wei\u00df nicht. Du schaust so aus. So, als m\u00fc\u00dftest du&#8217;s verstehn.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, Mutchen, verraten werd ich dich nicht. Aber unter einer Bedingung, h\u00f6rst du? nur wenn du mir alles sagst, \u2013 wenn du mir morgen sagst, was eigentlich zwischen euch ist. Versprichst du mir das?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ja!\u00ab murmelte Mutchen, k\u00fc\u00dfte mich hastig und schl\u00fcpfte aus dem dunklen Zimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stand und sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin wirklich eine sch\u00f6ne Autorit\u00e4t f\u00fcr solchen Mutchen-Fall!\u00ab <a id=\"page113\" title=\"Wassermann\/wedi\" name=\"page113\"><\/a> dachte ich ratlos, \u00bbwas soll das n\u00fctzen, wenn sie mir auch alles erz\u00e4hlt? kann ich etwa entscheiden und eingreifen? Gewi\u00df tut sie unrecht mit diesen Heimlichkeiten. Gewi\u00df, \u2013 vielleicht. Vielleicht hat sie auch ganz recht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich tappte mich in die daneben gelegene Studierstube, wo die Z\u00fcndholzschachtel stets auf dem Rauchtischchen lag, und machte Licht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt, nach diesem Zwischenfall, mochte ich nicht, wenigstens nicht gleich, zu Gabriele hinaufgehn, \u2013 am liebsten h\u00e4tt ich es ganz gelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Kaminsims, zu beiden Seiten der kleinen Standuhr, standen zwei Bronzeleuchter mit dicken Wachskerzen, die durch die L\u00e4nge der Zeit f\u00f6rmlich von Staub vergraut waren. Ich z\u00fcndete eine davon an und sah in Gedanken versunken in die gelbe ruhige Flamme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch ein keckes, leichtbl\u00fctiges Ding dieses Mutchen mit ihren achtzehn Jahren sein mu\u00dfte! Ich selbst war anders gewesen zu dieser Zeit, trotzdem sie eben versichert hatte, ich schaute grade so aus, \u00bbals verst\u00e4nde ich das\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wer wei\u00df! vielleicht hatte es auch nur der Zufall so gef\u00fcgt. Der Zufall, der mich in eine rechte Schw\u00e4rmerei voll Traumromantik f\u00fchrte, weil er mich von rascher Erf\u00fcllung der Liebesw\u00fcnsche fernhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutchen aber war nicht in lebensfremden Tr\u00e4umen gro\u00df geworden, sie war ein rechtes Kind ihrer Zeit, das das Leben allzufr\u00fch so gesehen hatte, wie es ist, und sich nun mit heitern, listigen Augen einen Ausweg ersp\u00e4hte aus den sie beengenden strengen M\u00e4dchensitten. Heute liebte sie Doktor Gerold, wie sie behauptete; aber vielleicht hatte sie sich schon in der Tanzklasse heimlich mit halbw\u00fcchsigen Gymnasiasten eingelassen und sich auf die k\u00fcnftigen Liebesabenteuer gefreut wie auf ihr allersch\u00f6nstes Jugendvergn\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man konnte das bedauern. Man konnte in solchem Fall sie selbst bedauern, die ein kostbares Kapital unachtsam in kleiner M\u00fcnze verstreute. Aber warum bedauerte man dann nicht wenigstens auch den rasenden Gef\u00fchlsverbrauch, die erschlaffende Gef\u00fchlsausschweifung in den jugendlich romantischen Marlittiaden von uns andern? Verliefen die etwa harmloser als ein Leichtsinn wie der <a id=\"page114\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page114\"><\/a> Mutchens, nur weil man durch sie am Leibe keinen Schaden nimmt und weil ihre feinern und intimern Korruptionen des seelischen Lebens nach au\u00dfen unmerkbarer bleiben? In Wahrheit ist es vielleicht minder gefahrvoll, sich bei oberfl\u00e4chlichen Gen\u00fcssen zu zerstreuen, als hinabzusinken in allerlei schw\u00fcle, dunkle Tiefen alter Gef\u00fchlselemente, gegen deren \u00dcberreizung die gesunden warmen Reize des Lebens nicht aufkommen\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mich auf das Fu\u00dfende der Ottomane gesetzt und horchte unentschlossen nach oben, von wo das Gesumme durcheinanderredender Stimmen zu mir drang und wo jetzt gar ein lustiger Walzer auf dem Klavier gespielt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da trat jemand von drau\u00dfen in den Hausflur, man h\u00f6rte, wie er sich den lockern Schnee von den Stiefeln stampfte, ein M\u00e4nnerschritt n\u00e4herte sich, \u2013 dann wurde die T\u00fcr zur Studierstube ge\u00f6ffnet, und Benno stand auf der Schwelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wandte den Kopf nach ihm und sagte entschuldigend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch meinte, du k\u00e4mst erst sp\u00e4t heim. Verzeih, da\u00df ich hier sitze. Mama glaubt mich oben in der Gesellschaft. Ich soll auch hin. Zauderte aber hier, und blieb. Es war so sch\u00f6n still hier.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er antwortete nicht. Im T\u00fcrrahmen stand er still und schaute her\u00fcber zu mir. Seine Augen hingen an dem elfenbeinfarbenen Wollkleid, das ich angezogen hatte, und langsam stieg sein Blick daran herauf bis zu meinem Gesicht. Das seine erschien mir bla\u00df und seltsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von seinen Lippen kam ein Laut, \u2013 kein Wort, nur ein schwacher, kurzer Laut, \u2013 und eh ich es noch hindern, eh ich noch aufstehen konnte, lag er vor mir auf dem Teppich und umfa\u00dfte mich mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen, und bedeckte meine H\u00e4nde, meinen Hals, meinen Scho\u00df mit K\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er k\u00fc\u00dfte mich, ohne mich loszulassen, ohne in seinem Ungest\u00fcm nachzulassen, ohne mir Atem zu lassen. Er k\u00fc\u00dfte mit einer Gewaltsamkeit und Benommenheit, womit er mich fast brutalisierte, w\u00e4hrend er mich liebkoste. Er k\u00fc\u00dfte so, wie jemand trinkt, der, an der Stillung seines Durstes verzweifelnd, schon verschmachtend am Boden gelegen hat. Er k\u00fc\u00dfte mit der Sehnsucht, Inbrunst und Dankbarkeit jemandes, der sich mit unaussprechlicher Wonne vom Tode freik\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich regte mich nicht und wehrte ihm nicht. Ich gab leise seinen <a id=\"page115\" title=\"Wassermann\/ami\" name=\"page115\"><\/a> Bewegungen nach, ohne sie zu erwidern. Ich f\u00fchlte mit staunendem Mitleid diesen Ausbruch einer lange, lange und mit entsagender Kraft zur\u00fcckged\u00e4mmten Leidenschaft, die sich in diesem Augenblick blindlings s\u00e4ttigte. Und w\u00e4hrend ich seinen unsinnigen K\u00fcssen nachgab, regte sich in mir etwas Wunderliches, ganz Zartes und beinahe M\u00fctterliches, \u2013 die Hingebung einer Mutter, die einem weinenden Kinde l\u00e4chelnd ihre nahrungschwellende Brust \u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ruhte ich, fest von seinen Armen umschlossen, die Augen weit offen zur Decke emporgerichtet, und dabei ging es mir still und beinah ehrf\u00fcrchtig durch den Sinn, \u2013 wie keusch wohl das Leben dieses Mannes hingegangen sei\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno lie\u00df mich endlich frei, mit einem \u00e4chzenden Laut, als ob er sich eine Wunde zuf\u00fcgte. Zugleich sprang er zitternd vom Boden auf und sagte mit einem Ausdruck leidenschaftlicher Verz\u00fcckung auf seinem Gesicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch danke dir! Du mein einziger, geliebtester aller Menschen, ich danke dir! Ich w\u00e4re erstickt und zerbrochen, wenn du mich zur\u00fcckgesto\u00dfen h\u00e4ttest!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fiel ihm nicht ein, nicht einen einzigen Augenblick lang fiel es ihm ein, da\u00df ich vielleicht seinen Rausch nicht geteilt haben k\u00f6nnte. Um ins Mitempfinden des andern einzugehn, dazu geh\u00f6rt gewi\u00df Liebe, aber bei einem gewissen Grad der Liebesleidenschaft schl\u00e4gt sie zur\u00fcck in so besinnungslosen Egoismus, da\u00df sich daraus keine F\u00fchlf\u00e4den mehr in die \u00e4u\u00dfere Welt erstrecken, sei es auch die Gef\u00fchlswelt des geliebten Menschen, und da\u00df ein st\u00f6render Mi\u00dfton einfach dadurch unm\u00f6glich gemacht wird, da\u00df man ihn eben nicht aufnimmt und nicht vernimmt. Liebesleidenschaft ist wie die letzte und \u00e4u\u00dferste Einsamkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So befangen Benno noch heute morgen geschwankt und gezweifelt hatte, so siegessicher f\u00fchlte er sich jetzt. Alle \u00e4ngstliche \u00dcberlegung, alle Mutlosigkeit war von ihm genommen. Ich richtete mich langsam auf, ohne die Augen von ihm zu wenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonderbarerweise besch\u00e4ftigte mich dabei eine ganz gleichg\u00fcltige Kleinigkeit. Benno hatte, w\u00e4hrend er auf den Knien lag und mich k\u00fc\u00dfte, seine Brille verloren. Sie lag auf dem Teppich neben der Ottomane, und die Gl\u00e4ser, die sonst seinen Blick verdeckten, gl\u00e4nzten im Kerzenlicht. <a id=\"page116\" title=\"Wassermann\/ami\" name=\"page116\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da schauten mir nun seine Augen brillenlos entgegen, so wie sie in Wirklichkeit waren, \u2013 blau und treuherzig, mit dem etwas unsichern, etwas starren Blick derer, die sich immer scharfer Gl\u00e4ser bedienen\u00a0\u2013\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno machte eine gewaltige Willensanstrengung, um sich zu fassen und zu beruhigen, trat zur\u00fcck und sagte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerzeih mir. Ich wollte dir Zeit lassen, \u2013 ich h\u00e4tte es vielleicht sollen, aber ich konnte nicht l\u00e4nger, Adine. Sieh, den ganzen Tag, den ganzen schrecklichen Tag trug ich eine sinnlose, w\u00fcrgende Angst mit mir herum. Eine Angst, weil du heute fr\u00fch etwas gesagt hattest von \u203azu sp\u00e4t\u2039, oder \u2013 oder \u203averscherzt\u2039 hast du gesagt, \u2013 etwas \u00c4hnliches; \u2013 siehst du, der Zweifel brachte mich von Sinnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er griff hastig, wie um mich nun auch wirklich sich nicht entgehen zu lassen, nach meinen H\u00e4nden und setzte sich neben mich, dicht zu mir gebeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebste! \u2013 sag mir ein Wort\u00ab, bat er mit einem gl\u00fccklichen L\u00e4cheln, \u2013 und mein Blick mied scheu den seinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese leuchtenden treuherzigen blauen Augen, dieses ganze von Gl\u00fcckszuversicht verkl\u00e4rte Gesicht klagte mich laut an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich selbst klagte mich an, und erschrak \u00fcber das Geschehene. Und doch h\u00e4tt ich nicht anders zu handeln vermocht, auch wenn es gegolten h\u00e4tte, noch einmal zu handeln in den tollen vor\u00fcbergest\u00fcrmten Minuten seines Rausches. Besser, tadelloser war es zweifellos gewesen, ihm zu sagen: \u00bbK\u00fcsse mich nicht! t\u00e4usche dich nicht! ich liebe dich nicht!\u00ab Aber wie konnte ich ihn im Dursten und Darben zur\u00fccksto\u00dfen und sorgsam abw\u00e4gen, was das Richtigere, das Tadellosere war\u00a0\u2013?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht fehlt mir jeder Stolz! vielleicht jede Scham!\u00ab dachte ich, \u00bbund jetzt? und hinterher? was soll ich tun? wie ihn aufkl\u00e4ren und kr\u00e4nken? Ach, ich kann ihn nicht kr\u00e4nken! Kann ihn nicht durch Mitleid beleidigen. Ich bin ein feiges \u2013 ein ganz feiges Gesch\u00f6pf!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt fiel Benno doch meine Stummheit und innre Ratlosigkeit auf. Etwas wie eine dunkle Unruhe ging durch seine Augen und machte sie r\u00fchrend, wie erstaunte Kinderaugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAdine, \u2013 ich \u2013\u00a0\u2013 sprich zu mir!\u00ab rief er fast laut, \u00bbich halt&#8217;s nicht aus! Warum sprichst du nicht?\u00ab <a id=\"page117\" title=\"Wassermann\/ami\" name=\"page117\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLieber Gott!\u00ab dachte ich, \u00bbhilf mir doch! Gib mir ein, was ich tun soll. Niemals, niemals kann ich ihm die ganze Wahrheit sagen! niemals, niemals ihn vor mir dem\u00fctigen, \u2013 ihn, den ich einst, ach einst\u00a0\u2013! Lieber la\u00df mich klein und ver\u00e4chtlich werden in seinen Augen, da\u00df er selber mich nicht mehr will, nicht mehr liebt. La\u00df mich lieber ganz zunichte werden, \u2013 Staub zu seinen F\u00fc\u00dfen\u00a0\u2013.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDina \u2013!\u00ab sagte er mit erstickter Stimme, und man konnte sehen, wie ihn ein Schreckgef\u00fchl durchrieselte. Ich mochte ja vor ihm dasitzen wie ein Bild der Selbstanklage und Verwirrung. Und da mochten seine Zweifel pl\u00f6tzlich heraufsteigen, \u2013 Zweifel, die er mit sich herumgetragen, \u2013 Zweifel, die ihm erst vor einer Woche den Brief an mich diktiert hatten, \u2013 Zweifel an der Unber\u00fchrtheit meines M\u00e4dchenlebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Nein, nein!\u00ab entfuhr es ihm wild abwehrend, grade als widerspr\u00e4che er jemand, \u00bb\u2013\u00a0nein, es kann nicht sein! Nicht das kann es sein, \u2013 Adine, auf meinen Knien will ich es dir zuschw\u00f6ren, da\u00df du mir das H\u00f6chste, das Reinste bist, das, wovor ich knie, und das schon der leiseste Schatten eines Mi\u00dftrauens entstellen w\u00fcrde. Was liegt an der ganzen Welt! Wenn du nur bist, die du warst!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stie\u00df einen Seufzer aus, mir war wie einem Erstickenden, der Luft bekommt. Unwillk\u00fcrlich falteten sich meine H\u00e4nde. Ja, dies war ein Ausweg, \u2013 der Schatten von Mi\u00dftrauen, der Zweifel, der Brief, \u2013 wenn Benno an all das glaubte, dann war es ein Ausweg. Allzu hergebracht streng dachte er doch in diesem einen Punkt, und allzusehr hatte seine Phantasie mich verkl\u00e4rt, um dar\u00fcber mit seiner Liebe hinwegzukommen\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benno war aufgesprungen, er starrte mich an und atmete kurz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte nach der Lehne des zun\u00e4chststehenden Stuhles gegriffen und umfa\u00dfte sie gewaltsam mit beiden H\u00e4nden, als wollte er sie zerbrechen. Der ganze Mann zitterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit heiserer, rauh klingender Stimme brachte er hervor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn du \u2013\u00a0\u2013 hast du \u2013\u00a0\u2013 ist ein andrer\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und als ich noch immer schwieg, ging er langsam auf mich zu, und leise, ganz leise, als f\u00fcrchtete er sich vor seiner eignen Stimme, sagte er mit herzersch\u00fctterndem Ausdruck:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDina! \u2013 Dina! sage, da\u00df es nicht wahr ist! da\u00df du keine\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es durchfuhr mich in diesem Augenblick doch, wie von einem elektrischen Schlag. Ich h\u00f6rte nichts mehr und sah nichts mehr, ein <a id=\"page118\" title=\"Wassermann\/ami\" name=\"page118\"><\/a> seltsamer Schwindel schien mir alle Gegenst\u00e4nde und alle Gedanken zu verr\u00fccken und zu verwandeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbStaub zu seinen F\u00fc\u00dfen, \u2013 jetzt bin ich ihm das wirklich!\u00ab dachte ich nur noch dumpf, und irgendeine unklare Vorstellung d\u00e4mmerte dunkel in mir auf, da\u00df sich da soeben etwas Sonderbares beg\u00e4be: irgendeine wahnsinnige Selbsterniedrigung und Selbstunterwerfung, \u2013 irgendein sich zu Boden treten lassen wollen\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und doch l\u00f6ste sich dabei etwas in meiner innersten Seele, was sich bis zum \u00e4u\u00dfersten gestrafft und gespannt hatte wie ein Seelenkrampf, \u2013 und es \u00fcberflutete mich mit einer zitternden Glut, und es schrie auf und frohlockte\u00a0\u2013\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dennoch war diese ganze Situation kein wirkliches, kein wahrhaftes Erleben, sondern sie war von mir nur geschaffen, von Benno nur geglaubt, \u2013 sie war nur ein Schein, ein Bild, ein Traumerleben, \u2013 ein Nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, ob ich auf der niedrigen Ottomane sitzen blieb oder ob ich in die Knie sank und mein Gesicht in die H\u00e4nde dr\u00fcckte, \u2013 jedenfalls hab ich dies meinem innern Verhalten nach getan und habe so verharrt. Damit schlo\u00df f\u00fcr mich diese Szene; damit schlo\u00df meine Beziehung zu Benno.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem w\u00fcrde ich ja nie, im ganzen Leben nicht, imstande sein, die Liebe eines Mannes zu ertragen, der mich wirklich auf die Knie festbannen oder mich in meiner Individualit\u00e4t \u00e4hnlich vergewaltigen wollte, wie Benno es ehedem unwissentlich versucht hatte. Aber was hilft mir diese Erkenntnis? Hilft sie mir etwa dazu, nun auch voll und stark und wahrhaft hingebend zu lieben ohne diese furchtbaren Nervenreize? Nein! Wenn ich das seitdem je geglaubt habe, so erwies es sich sofort als ein blo\u00dfes Trugspiel, ja eben als ein unwillk\u00fcrliches Spiel ohne Dauer und Tiefe. Es ist, wie wenn ich mich festgenagelt f\u00fchlte zwischen der Oberfl\u00e4chlichkeit Mutchens und der hysterischen Romantik der kleinen Verwachsenen, dazu bestimmt, zwischen diesen beiden Polen des Gef\u00fchls hin und her zu pendeln wie zwischen Leichtsinn und Wahnsinn\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn ich kann wohl als K\u00fcnstlerin entz\u00fcckt und erregt werden, und zugleich mit tiefster Sympathie nach einem mir teuren Menschenwesen langen, \u2013 aber alles, was dem Weib in mir an den Nerv greift, alles, was instinktiv tiefer greift, als Freundschaft und Phantasie zusammen verm\u00f6gen, \u2013 alles das ist dunkel jenem letzten <a id=\"page119\" title=\"Wassermann\/ami\" name=\"page119\"><\/a> Schauer verwandt, der vielleicht eine lange, unendliche Generationen lange Kette duldender und ihres Duldens seliger Frauen in mir wunderlich und widerspruchsvoll abschlie\u00dft\u00a0\u2013\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch meine Mutter geh\u00f6rte ja in irgendeinem Sinne zu diesen Frauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht, die der Szene mit Benno folgte, wachte sie pl\u00f6tzlich von dem unterdr\u00fcckten Weinen auf, das aus meinem Bett hin\u00fcberdrang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie richtete sich auf und horchte besorgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGute Nacht, mein liebes Kind?\u00ab sagte sie leise, fragend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGute Nacht, liebe Mama\u00ab, erwiderte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWann bist du denn von Rendants gekommen? Hast du noch gar nicht geschlafen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch war gar nicht oben, Mama. Ich war bei Benno im Arbeitszimmer.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber Kind, du weintest ja! \u2013\u00a0\u2013 War Benno zu Hause?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr kam nach Hause.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter verstummte. Sie mochte erraten, da\u00df es zwischen uns eine Aussprache gegeben hatte, denn nach einer l\u00e4ngeren Pause hob sie wieder an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAdine, mein Kind, du verlangst zu viel vom Leben und von den Menschen. Du bringst dich noch um dein Gl\u00fcck. Alles in der Welt kostet Opfer, und am meisten das Gl\u00fcck. Mag sein, da\u00df Benno manches anders will als du. Den heutigen Frauen scheint es schwer, dem Mann dienstbar zu sein, aber glaube mir, es ist noch das Beste, was wir haben, und ich bin es deinem lieben Vater auch immer gewesen. Auf die L\u00e4nge lieben wir keinen Mann so recht, wie den, er uns befiehlt\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Mama, <i>das<\/i> glaub ich gern.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, \u2013 aber\u00a0\u2013?\u00ab meiner Mutter Stimme klang \u00e4ngstlich gespannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber Benno ist ganz andrer Meinung dar\u00fcber, Mama.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter verstummte wieder, diesmal v\u00f6llig verbl\u00fcfft. Sie hatte mir ja so gut zureden wollen und hatte mir nun, ohne es zu wissen, abgeredet. Lange ertrug sie das nicht, mein liebes M\u00fctterchen. Und im Drange ihres Herzens, zu helfen und das Gl\u00fcck zu bauen, wie sie es meinte, verleugnete sie heldenm\u00fctig alle ihre heiligsten \u00dcberzeugungen f\u00fcr mich und sagte etwas unsicher: <a id=\"page120\" title=\"Wassermann\/ami\" name=\"page120\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Kind, Schattenseiten hat am Ende ja auch eine Ehe, wo der Mann herrscht. Du kannst dir doch denken, da\u00df das nicht immer grade leicht f\u00fcr die Frau ist. Wenn ich so zur\u00fcckdenke, ist es auch nicht immer angenehm gewesen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00dfte in all meiner Betr\u00fcbnis l\u00e4cheln, und ihre fromme L\u00fcge r\u00fchrte mich. Und pl\u00f6tzlich \u00fcberfiel mich die Angst, die Mutter k\u00f6nnte jemals, durch einen unseligen Zufall, aus Bennos Wesen erraten, was ich diesen glauben lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf durfte ich es nicht ankommen lassen, dieser M\u00f6glichkeit mu\u00dfte ich vorbeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich glitt aus dem Bett und schlich mich zu ihr hin. Ich tastete nach dem lieben Kopf im Nachth\u00e4ubchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMama!\u00ab fl\u00fcsterte ich, \u00bbgib mir noch einen Ku\u00df.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, mein Herzenskind. Weine nur nicht mehr. Ich kann&#8217;s nicht ertragen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, Mama. Aber h\u00f6re, was ich dir sagen will. Sollte Benno einmal \u2013 du hast mir ja erz\u00e4hlt, wei\u00dft du, gestern morgen wie wir aufstanden, da\u00df Benno sich Gedanken macht \u00fcber mein Leben drau\u00dfen. Nun, sollte dir einmal vorkommen, als ob er das wirklich tue, so achte nicht drauf. La\u00df ihn dabei, streite nicht mit ihm, \u2013 aber du, la\u00df dich nicht davon anfechten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter hatte sich hastig aufgerichtet. Sie griff \u00e4ngstlich nach meinen H\u00e4nden und zog sie an sich, wie um mich zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Benno\u00a0\u2013? \u2013\u00a0\u2013 was ist geschehen? Sage mir, was geschehen ist! Hat Benno dir unrecht getan?! Weintest du deshalb? Das darf er nicht! Sag es mir, mein Kind. Wie darf er das tun! Kein Mensch soll dir ein Haar kr\u00fcmmen, h\u00f6rst du? Und ich \u2013 ich lag hier so getrost und ruhig, und als ich schlafen ging, da dachte ich an euch beide, und ich dankte in meinem Herzen Benno, und betete zu Gott f\u00fcr sein Gl\u00fcck, f\u00fcr ihn und f\u00fcr dich. Und er \u2013 er ging hin und tat dir unrecht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich legte leise meine Hand auf die Lippen der Mutter und barg das Gesicht in dem Kissen neben ihrem Kopf. Mir wurde pl\u00f6tzlich so klar, \u2013 so ganz klar, da\u00df, was ich Benno nur glauben lie\u00df, ja doch eine Wahrheit war, wenn nicht heute, so doch morgen, und da\u00df, gleichviel was ich als K\u00fcnstlerin erreichen w\u00fcrde, aus meinem Liebesleben, aus meinem Leben als Weib, der Ernst verlorengegangen war. <a id=\"page121\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page121\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mich \u00fcberkam heimlich und hei\u00df eine kindische Sehnsucht, mich zur Mutter zur\u00fcckzuretten und zur\u00fcck in die erste Jugend, die nicht wiederkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMama!\u00ab fl\u00fcsterte ich, \u00bbBenno ist gut, du mi\u00dfverstehst das: ihn mu\u00dft du lieb \u2013 sehr lieb mu\u00dft du ihn haben. Bete du nur getrost weiter f\u00fcr sein Gl\u00fcck, und hilf ihm zu einem Gl\u00fcck. Und f\u00fcr mich bete, \u2013 ach bete, Mama, \u2013 da\u00df er unrecht behalte\u00a0\u2013!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_91994\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-91994\" class=\"wp-image-91994 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-206x300.jpg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-703x1024.jpg 703w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-768x1119.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-1054x1536.jpg 1054w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-1406x2048.jpg 1406w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-560x816.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-260x379.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-160x233.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-scaled.jpg 1757w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-91994\" class=\"wp-caption-text\">Lou Andreas-Salom\u00e9, aufgenommen im Photoatelier Elvira, M\u00fcnchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lou Andreas-Salom\u00e9s oft ger\u00fchmte pers\u00f6nliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen und ihre unkonventionelle Lebensf\u00fchrung sicherten ihr einen Platz in der deutschen Kulturgeschichte. Ihr Leben war und ist Gegenstand von Biographien, Romanliteratur, Musiktheater (der Oper <em>Lou Salom\u00e9<\/em> von Giuseppe Sinopoli (Libretto: Karl Dietrich Gr\u00e4we) zum Beispiel, die 1981 in M\u00fcnchen uraufgef\u00fchrt wurde) und anderen Texten, in denen ihre Kontakte zu Ber\u00fchmtheiten der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verglichen damit fand ihr eigenes schriftstellerisches Werk seither wenig Beachtung \u2013 es verschwand hinter der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte ihres Lebens, dem will KUNO abhelfen. Als renommierte Autorin hatte sie an der Entwicklung der Positionen der Moderne um 1900 lebhaft mitgewirkt. In Romanen, Erz\u00e4hlungen, Essays, Theaterkritiken, zahlreichen Texten \u00fcber Philosophie und Psychoanalyse, einem weitl\u00e4ufigen Briefwechsel beteiligte sie sich an den Diskussionen \u00fcber grundlegende Fragen der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Das novellistische Jahr<\/a> w\u00e4re ohne diesen Beitrag \u00e4rmer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch sein, \u2013 denn von s\u00e4mtlichen M\u00e4nnern, die ich gekannt, geh\u00f6rst du am engsten und intimsten in alles das hinein, was&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/05\/eine-ausschweifung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":232,"featured_media":98152,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3134],"class_list":["post-92008","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-lou-andreas-salome"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/232"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92008"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92008\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98153,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92008\/revisions\/98153"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98152"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}